3802526082 - Am Abgrund. Die Chronik der Unsterblichen 01.: BD 1 (Wolfgang Hohlbein)

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3802526082 - Am Abgrund. Die Chronik der Unsterblichen 01.: BD 1 (Wolfgang Hohlbein)

Beitragvon Schreibwerkstatt » 19.03.2009, 21:47

Titel: Am Abgrund. Die Chronik der Unsterblichen 01.: BD 1
Autor: Wolfgang Hohlbein
Verlag: Vgs

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Schreibwerkstatt
 
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3802526082 - Am Abgrund. Die Chronik der Unsterblichen 01.: BD 1 (Wolfgang Hohlbein)

Beitragvon Nigromantia » 19.03.2009, 21:47

{Für die ganze Chronik}

Die ersten beiden Bände sind genial, auch wenn es einige logische Lücken gibt
Spoiler: Anzeigen
Wie dass Andrejs Ehefrau Raqi im zweiten Band keines literarischen "Blickes" mehr gewürdigt wird, obwohl sie in seinem Seelenleben zu Anfang eine so große Rolle spielt. So als wäre sie nur ein Aufhänger.

Ich habe sie sicher hunderte Male gelesen weil sie Feeling haben. Herzblut. Etwas, das man nicht beschreiben kann. Das gewisse Etwas?
Nachdem ich die ersten beiden Bücher (in der wunderschönen Bertelsmann-Ausgabe) geschenkt bekommen habe, habe ich natürlich dem dritten entgegengefiebert.
Spoiler: Anzeigen
WAS umallesinderwelt ist mit Frederic geschehen?!

Leider sind Band 3-8 (9 und 10 habe ich verweigert) nur noch reine Unterhaltung, nichts tiefergehendes. Wie die allermeisten Hohlbeinbücher. Nichts besonderes. Das einzig "interessante" ist die Freundschaft zu Abu Dun, die es lesenswert macht.
o~ You've been critisizing yourself for years and it has't worked. Try approving of yourself and see what happens. (Louise Hay) ~o

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Re: 3802526082 - Am Abgrund. Die Chronik der Unsterblichen 0

Beitragvon HappyMephisto » 23.08.2014, 19:52

Die erste Version meiner Rezension bestand aus einer mehrere hunderte Worte langen Version von "OhmeinGott,warumtustdudas,wiekannstdusolchesElendzulassen,womithabeichdasverdient,wiesoleseichdiesenSchundüberhaupt?!".
Leider war das aber nicht sehr produktiv und deswegen bemühe ich mich um eine halbwegs neutrale Position. Es ist mir unglaublich schwer gefallen, hierzu eine Rezension zu schreiben und ich bin gerne zu Diskussionen bereit, da zweifelos eine gewisse Abneigung gegen den Schmierfink Hohlbein sich hier hinein geschlichen haben mag.

Vorneweg aber: Das Buch ist Schund. Schund der miesesten, hinterhältigsten Kategorie. Schund, den Hohlbein wahrscheinlich im Halbschlaf mit einer Hand getippt hat, während er mit der anderen durch das Frühstücksfernsehprogramm gezappt ist.

Die Probleme dieses Machwerks sind so manigfaltig wie blutgefrierend, so schauderhaft wie widerwärtig, lassen sich aber grob in drei Kategorien einteilen:
1. Kein Gefühl für's Setting.
Hohlbein siedelt seine Chronik in einer halbhistorischen Welt an und genau damit schießt er sich ins eigne Knie. Das ganze Buch hat kein Gefühl für Feinheiten, für den feinen Grusel oder den brutalen Schockeffekt, für Pacing, für Charaktere oder auch nur die in ihm entworfene Welt. Alles, aber auch alles, von der Anordnung bis zur Zeit, wird mit klobigen Pfoten angefasst.
Der Autor ist im Grunde ein Fantasyschreiberling und man merkt dem Buch deutlich an, dass Hohlbein es gewohnt ist, einfache und geradlinige Strukturen zu erdenken, die zu einfachen und geradlinigen Plots passen. Ein Indiz hierfür ist der Versuch Hohlbeins, den genauen Zeitpunkt der Handlung unklar zu lassen, wohl um den vielen Fallen eines historischen Settings zu entgehen - namentlich der Recherche.
Leider funktionieren gradlinige Strukturen in der echten Welt nicht.

Sich an dieser Stelle über Hohlbeins Unfähigkeit, ein Lexikon oder wenigstens einmal Wikipedia zu bemühen, auslassen würde gegen den Anstand verstoßen, daher unterlasse ich es. Es ist auch gar nicht weiter relevant, wie falsch und bescheuert die Informationen über das Setting sind oder wie oft ich in den Buchrücken gebissen habe, aus Wut über anachronistischen Murks (wie einen "Herzog von Constanta - Städte haben Bürgermeister, die Walachei als Fürstentum hatte keinen einzigen Herzog).

Das verwerflichste Fehlgreifen Hohlbeins in diesem Fall sind aber nicht die Myriaden an Halbwahrheiten, an Plotlücken und schlichtweg "Lügen", mit denen er aus einem historischen Setting einen phantastischen Plot zu destilieren versucht, sondern die Halbheit des Ganzen.
Halfassed würde der Engländer in diesem Fall sagen.
Alles ist irgendwie halbherzig, nahe dran aber doch weit genug weg um abstoßend zu wirken.
Es ist ganz sicher kein historischer Roman, dafür gibt es zu viele Fehler, zu viel Stuss und hingeklatschte Fantasy. Es ist auch ganz sicher kein Vampirroman - es gibt weder Vampire noch Grusel noch Romantik noch Tragik auf einer einzelnen Seite - und selbst als Schmonzette taugt es nichts, weil die einzige Liebesszene wahrscheinlich von einem dreizehnjährigen geschrieben wurde, der in seinem Leben noch keine Frau angefasst hat.
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Könnte auch gut bei Punkt 3 stehen:
Ihre Körper wurden eins, schienen miteinander zu verschmelzen. Seine Hand streichelte ihre Schulter, wanderte langsam, aber sehr zielstrebig zu ihren Brüsten. Zu schnell, zu schnell, zu schnell... Unter seiner Berührung schien ihr gesamter Körper zu beben, und es war diese Resonanz, die es ihm unmöglich machte, mit dem aufzuhören, was er begonnen hatte. Er hatte mittlerweile längst vergessen, wo er sich befand, hatte vergessen, daß jederzeit jemand vorbeikommen konnte, um Zeuge dieses leidenschaftlichen Schauspiels zu werden.


2. Miserable Charakterzeichnung
Da selbst Hohlbein nicht weiß, was er mit seinem Setting eigentlich will, ergibt sich eine unscharfe, verwaschene Zeichnung des Protagonisten, die die durchaus interessante Grundidee des Kampfes "Man vs. Self" auf ein 08/15 Fantasykonzept reduziert.
Der Held ist wie aus einem schlechten Computerspiel entsprungen: Eine blanke Projektionsfläche des Heldentums.
Niemals wird er näher beschrieben, seine Moralvorstellungen entspringen keinem historischen Zeitraum sondern dem modernen Gutmenschentum und neokantianischer Ethik, seine Fähigkeiten sind lächerlich überzogen - mehrmals wird darauf hingewiesen, was für ein "hervorragender Schwertkämpfer" und "meisterhafter Kämpfer" er doch sei - und obwohl der Erzähler verzweifelt versucht uns von seiner Unzulänglichkeit zu überzeugen, bringt er alle Gefahren mit Leichtigkeit um - das übrigens ist so ziemlich jede Lösung für den selbsternannten Pazifisten.
So etwa auf Seite 200 ertappte ich mich dabei, dass nicht mehr fragte "Wird unser Held dieser Gefahr entgehen?!" sondern "Hm...welchen Deus ex Machina holt Hohlbein jetzt vor, um diesen Schwachmaten aus dem Kerker zu retten?". (Tipp: Es ist immer der unnötig komplizierte Plan des bösen Herzogs.)
Entgegen der ständigen Beteuerungen des Erzähltextes, dass es sich hier um komplexe und vielschichtige Figuren handelt, sind es Pappaufsteller. Entweder sind sie gesichtslose Handlanger (jeder ohne Namen), Welpen und Kätzchenertränkende Irre (der Herzog; die drei goldenen Ritter) oder Pazifisten, die leider von einer bösen Welt zum Töten gezwungen werden (Andreij, der Protagonist).

3. Schlechter Stil
Man behauptet immer wieder, Stil sei irgendetwas individuelles und was dem einen gefällt, das kann für den anderen durchaus ekelhaft sein - das ist Unsinn. Es gibt einen schlechten Schreibstil und Wolfgang Hohlbein hat ihn vollendet.
Er ist gekennzeichnet von ellenlanger Phrasendrescherei ("süße Barmherzigkeit des Todes", "komplizierten Drehbewegung",), von ständigen Wiederholungen und nervtötender Langeweile und der anhaltenden Unterschätzung des Lesers.
Wolfgang Hohlbein hat kein Gefühl für Subtilität, für feinen Grusel oder auch nur für die Konstruktion eines ordentlichen Satzes. Grammatik ist nicht einmal das Problem, sondern seine Angewohnheit wichtige Worte ständig kursiv zu setzen. Statt durch Satzbau und Wortstellung ein Wort zu betonen, muss er es graphisch hervorheben. Anstatt den Leser durch Andeutungen und Hinweise zum Denken anzuregen und dann und wann zu überraschen, bügelt er jede Ambiguität aus den Seiten.
Still, lieber Leser, nur die Ruhe. Wenn etwas fragwürdig ist oder nicht eindeutig, dann werden die geschärften Sinne des Protagonisten dir dies schon mitteilen und der Erzähler wird mit seiner samtigen Stimme raunen: "Irgendetwas war merkwürdig."

Das einzig positive, was mir zum Werk einfällt, ist seine Kürze. Das Elend ist schnell vorbei und schon jetzt, nur wenige Stunden nach der letzten Seite, verschwinden alle Charaktere bereits wieder aus meinem Gedächtnis.

Fazit: Finger weg. Ich bereue die zwei Euro und fünfzig Cent, die ich für diesen Murks auf dem Grabbeltisch ausgegeben habe. Ganz sicher werde ich den zweiten Band nicht mehr lesen.
"und wer ihn sah, mußte zu der Anschauung gelangen, daß ein Schriftsteller ein Mann ist, dem das Schreiben schwerer fällt als allen anderen Leuten."
- Thomas Mann, 'Tristan'
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Re: 3802526082 - Am Abgrund. Die Chronik der Unsterblichen 0

Beitragvon Carschukow » 30.09.2014, 16:26

Es ist schon ziemlich lange her, dass ich "Die Chronik der Unsterblichen" gelesen habe, und dementsprechend jung war ich noch. Mein Vorredner hat hier auch schon viel geschrieben, dem ich rückhaltlos zustimme, daher nur kurz eine Rekapitulation meiner damaligen Eindrücke:

Band 1 fand ich damals sehr unterhaltsam und ja, auch spannend. Als ich Jahre später ein bisschen in das Hörbuch (von Hohlbein selbst gelesen, was er übrigens mMn. überhaupt nicht kann) reinhörte, fragte ich mich bereits, wie ich es damals geschafft habe, dieses Machwerk zu fleißig durchzuackern. Band 2 wurde dann auch schon für mein jugendliches Empfinden ziemlich inkohärent und schlecht, aber da ich damals noch eine große Schwäche für Vlad Țepeș hatte, verzieh' ich hier einfach alles. Band 3 war dann wirklich nur noch Kokolores, und ich entsinne mich, ernsthaft auf den Gedanken verfallen zu sein, wann Herr Delãny und Herr Dun sich endlich gegenseitig ihre Liebe gestehen würden, damit Hohlbein mit dem Fantasyzeug, an das er offenbar selbst nicht glaubt, endlich aufhören und als schlüpfriger Erotikthriller fortfahren kann.

Ich habe seitdem nie wieder was von Hohlbein gelesen - und kann die "Chronik" auch absolut nicht empfehlen.
Und so bekleid´ ich meine nackte Bosheit, mit alten Fetzen aus der Schrift gestohlen, und schein´ein Heiliger, wo ich Teufel bin!"
William Shakespeare, Richard III
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