3833303573 - Tschernobyl: Eine Chronik... (S. Alexijewitsch)

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3833303573 - Tschernobyl: Eine Chronik... (S. Alexijewitsch)

Beitragvon MmeChrysantheme » 18.10.2015, 06:35

Titel: Tschernobyl: Eine Chronik der Zukunft
Autor: Swetlana Alexijewitsch
Verlag: Berlin Verlag Taschenbuch (3. März 2006)

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MmeChrysantheme
 
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Re: 3833303573 - Tschernobyl: Eine Chronik... (S. Alexijewit

Beitragvon MmeChrysantheme » 18.10.2015, 06:41

Inhalt (Quelle: Amazon): Über mehrere Jahre hat Swetlana Alexijewitsch Menschen befragt, deren Leben von der Tschernobyl-Katastrophe gezeichnet wurden. Entstanden sind eindringliche psychologische Portraits - literarisch bearbeitete Monologe - , die von Menschen berichten, die sich ihre Zukunft in einer Welt der Toten aufbauen müssen.

Auch anlässlich (aber nicht ausschließlich deswegen) des Literaturnobelpreises, den Swetlana Alexijewitsch erhalten hat, möchte ich gern meine Rezension zu dem Buch "Tschernobyl: Eine Chronik der Zukunft" abgeben, welches ich schon vor einiger Zeit gelesen hab. Ich hoffe, dass es in Ordnung ist, dass ich die Rezension bereits bei Amazon und auf meinem Blog veröffentlicht habe.

Meine Rezension:
Es gibt Bücher, bei denen fallen mir gewisse Adjektive recht schwer zu benutzen, um sie zu beschreiben. Diese siedeln zumeist im Bereich “Zeitgeschichte” an, und sind deswegen schwierig zu beschreiben, weil ein “gut” oder “faszinierend” der Thematik nicht angemessen scheint. Bei manchen Büchern klingen solche Worte makaber, wie Hohn und Spott. Hier handelt es sich um eines von diesen Werken.

Die Thematik “Tschernobyl” wird hier einmal auf andere Weise an den Leser gebracht. Keine bloßen Fakten, keine Auflistung von Abläufen, die zur Katastrophe geführt haben, keine geschönten Nachrichten und Berichte, die einer staatlichen Zensur unterliegen. Nein, hier kommen die Menschen zu Wort, die diese Katastrophe unmittelbar erlebt, unter den Folgen gelitten, und viele am Ende an den Auswirkungen gestorben sind. Ungeschönt, unzensiert, in ihrer eigenen Sprache. In erschütternden Monologen erzählen Liquidatoren vom Tag des Super-GAU, ihrem Einsatz, mangelnder Informationspolitik und kaum vorhandenen Schutzmaßnahmen. Sie sprechen von den Folgen, von dem Sterben, von dem Verlust ihrer Freunde, ihrer Angehörigen, und darüber, wie sie auch zehn Jahre nach dem Unglück, durch Krankheit gezeichnet, versuchen mit ihrem Leben klarzukommen. Wie sie vom ersten Moment an sich selbst überlassen wurden und die Gefahr unterschätzten, in der sie sich befanden, weil niemand ihnen erklärte, was dieser Einsatz für ihr Leib und Leben bedeutet. Aber sie sprechen auch von ihrem ganz persönlichem Heldentum. Davon, wie wichtig ihre Arbeit war, um das Kernkraftwerk abzuschirmen, und zu verhindern, dass noch mehr Strahlung austritt und noch schlimmere Auswirkungen auftreten. Sie sprechen von ihrem persönlichen Opfer, um tausende Opfer zu vermeiden.

Aber nicht nur die Liquidatoren kommen hier zu Wort. Auch jene, die im unmittelbaren Umfeld des Atomkraftwerks lebten. Die dort arbeiteten, ihre Familie um sich hatten, und ihre Kinder aufzogen. Sie sprechen von Aufbruch und Angst, dem Verlust von Heimat, dem schwierigen Neuanfang, und dem unsichtbaren Mal “Tschernobyl”, welches sie überall hin begleitet. Und auch die Menschen, die sich im Radius der radioaktiven Wolke befanden, reden über das, was ihnen in den folgenden Jahren dadurch widerfuhr. Sie sprechen vom Mangel an allem, und von Krankheiten und missgeborenen Kindern.

Für mich ist dieses Buch ein sehr erschütterndes Werk. Eines, von dem man später sagt: “Das hat mich wachgerüttelt.” Eines, von dem ich denke, dass jeder es mal gelesen und verinnerlicht haben sollte. Doch nicht nur das Leid der Menschen ist für mich einer der aufwühlenden Aspekte. Völlig unfassbar ist für mich auch die Politik dieser Zeit, die verhindert, das wichtige Informationen ans Tageslicht kommen. Die ihre eigenen Leute im Unklaren lassen, die Katastrophe falsch einschätzen, nicht genug für jene tun, die unmittelbar betroffen sind. Eine, in meinen Augen, menschenverachtende Politik des guten Images, in der einzig das Bild nach außen zählt. Wo ein Super-GAU keine Katastrophe, aber ein ungeheurer Verlust von Stärke ist. Ob überhaupt etwas an die Öffentlichkeit des Westen geraten wäre, wären nicht überhöhte radioaktive Werte in allen Teilen Europas gemessen worden, und die damalige Sowjetunion somit unter Zugzwang geraten? Man kann es nur hoffen…

Wie eingangs erwähnt, ist eine Wahl von Adjektiven schwierig. Erschütternd in jedem Fall, aufwühlend ebenso. Faszinierend auf eine spezielle Art. Interessant über alle Maßen. Fesselnd und an sich bindend. Nicht gut im eigentlichen Sinne, aber brilliant in seiner ganzen Art. Ein bewegender Bericht der Vergangenheit als Mahnmal der Zukunft.

PS: Leider war es mir nicht möglich, den kompletten Titel des Buch's in die Betreffzeile zu schreiben. Gibt es da eine Zeichenbegrenzung? Ich hoffe dennoch, dass die Form so in Ordnung ist.
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