978-3596904006 - Die Buddenbrooks (Thomas Mann)

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978-3596904006 - Die Buddenbrooks (Thomas Mann)

Beitragvon HappyMephisto » 26.06.2015, 12:23

Titel: Die Buddenbrooks - Verfall einer Familie
Autor: Thomas Mann
Verlag: Fischer Taschenbuch

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"und wer ihn sah, mußte zu der Anschauung gelangen, daß ein Schriftsteller ein Mann ist, dem das Schreiben schwerer fällt als allen anderen Leuten."
- Thomas Mann, 'Tristan'
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HappyMephisto
 
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Re: 978-3596904006 - Die Buddenbrooks (Thomas Mann)

Beitragvon HappyMephisto » 26.06.2015, 12:25

Thomas Manns erster Roman erschien 1901 bei S.Fischer und brachte ihm einige Jahrzehnte später den Literaturnobelpreis ein. In der Entwicklung des Autors stellt das Werk einen Umbruch dar, indem sich der Fokus erstmals von relativ belanglosen (und bis auf 'Der kleine Herr Friedmann' auch bedeutungslosen) Novellen hin zu Romanen und einer differenzierten Betrachtung des Zeitgeschehens verschiebt.
Allgemein gilt der Roman als erster deutschsprachiger Gesellschaftsroman von Weltbedeutung - völlig berechtigt, weil die meisten Trivialitäten Fontanes ausgetrieben wurden. Die meisten.

Die Story ist bekannt, daher hier nur in aller Kürze: Es wird der Fall der hanseatischen Patrizierfamilie 'Buddenbrook' im Laufe von knapp 40 Jahren anhand der zu Beginn des Werks jüngsten Generation verfolgt. Mit deren Handlungen und Ereignissen verknüpft sich die Geschichte des Hauses Buddenbrook und es wird recht gut konstruiert, wie Zeitgeschehen und Familienschicksal miteinander verwoben sind. Einige Dutzend Charaktere, durch klare Familienstrukturen stets leicht einzuordnen, und die von Anfang an verwendete Montagetechnik und vielen Blickwinkel verrücken den Fokus von einzelnen Protagonisten auf eine umfängliche Geschichte.
Von der Plotkonstruktion definitiv ein Meisterwerk, von dem George R.R.Martin sich wahrscheinlich eine Menge abgeguckt hat.

Allerdings sind die anderen Probleme mannigfaltig, was zugegebenermaßen bei einem Mammutwerk wie diesem und einem sechsundzwanzigjährigen Autor ohne Erfahrung (er schrieb zuvor zehn Novellen, die, wie gesagt, völlig bedeutungslos sind für's literarische Geschehen) verständlich ist.
Dennoch sollte man einmal darauf hinweisen.
Die Charaktere, insbesondere die Protagonisten, sind bis zum letzten abstoßend. Nicht nur unsympathisch
Tragik kommt wenig auf. Diese Bande fauler, degenerierter Weicheier verdient jedes bisschen Unglück und das Elend hätte nach der Hälfte der Zeit vorbei sein können:

Die Tochter, Antonia, ist ein eingebildetes Miststück, das sich in seine Rolle als Accessoir ausnehmend gut gefällt. Ihre Tatkraft beschränkt sich auf Beteuerungen, der Familie alles unterzuordnen, nur um im nächsten Kapitel alles über den Haufen zu stürzen, weil es ihr missfällt. Absolut verachtenswerte Tusse.
Der zweite Sohn, Christian, wird vom Erzähler selbst nicht ernst genommen. Nicht einmal ironisierend oder etwas spöttelnd, wie Mann es später zur Meisterschaft gebracht hat. Er wird als Witz hingestellt. Unglücklicherweise ein Witz, der schnell alt wird.
Der erste Sohn der Familie, Thomas, ist aus - unerfindlichen Gründen, zwinker, zwinker - eine verständige Figur. Alle Tragik und alles Mitgefühl im Roman beschränkt sich auf ihn, der unter der Last seines Erbes und umgeben von unfähigen oder verdorbenen Familienmitgliedern und Geschäftspartnern zugrunde geht. Rettet den Roman, bis am Ende sein Sohn der neue Protagonist wird.

Der 'Enkel' bzw. letzte Buddenbrook wird erst gegen Ende geboren, landet aber leider schnell in Thomas Manns 'Gottchen, blonde Knaben sind so süß'-Falle. Es besteht Diabetisgefahr. Abgesehen davon ist die ganze Art, wie der Charakter angepackt wird, die Überfrachtung mit symbolischer Bedeutung für die Familiengeschichte, seine Verziehung, die Verzärtelung, die dichterische, künstlerische Sensibilität ausdrücken soll - schlicht und ergreifend anstrengend.
Die restlichen Charaktere sind blind und eingebildet, haben den Kopf in jedem Fall so voll von sich selbst, dass es schlicht schwer fällt einen von ihnen zu mögen. Dass es sich um 'andere Zeiten' und 'dekadentes Bürgertum' handelt, entschuldigt das in meinen Augen nur zum Teil. Keiner von denen ist sympathisch.

Ein etwas geringeres Übel sind m.M.n. die die leitmotivischen Wiederholungen, die Mann einbaut. Einige davon werden schnell alt und schal, insbesondere die Ausrufe von Antonia und Christian sowie einige Wendungen des Erzählers. Da sie sich mit der Zeit anhäufen ist das Ende eine rechte Qual.
Die Rolle der Charaktere wird - nach einem zugegeben etwas holprigen Start mit einigen Ködern, falschen Plots und sich im Sande verlaufenden Andeutungen zur BEDEUTUNG DIESER ANEKDOTEN FÜR DIE ALLEGORISCHE FAMILIENGESCHICHTE - sehr schnell deutlich, das letzte Drittel damit überladen und plump.

Der Stil ist noch nicht ganz ausgereift. Seine 'üblichen' Tricks und Eigenheiten bahnen sich durchaus schon an, gehen aber etwas unter im Wust all der Spracheigenheiten der Charaktere.
Außerdem kriegt er Punktabzug für einen Bayern, der auf seinen verdammten Dialekt besteht und mir drei Stunden meines Lebens gestohlen hat.
Trotzdem bleibt es ein sprachliches Meisterwerk, witzig und feingliedrig bis zum Schluß. Nur mit ein paar Stolpersteinen.

Ich persönlich würde eher zum Zauberbereg raten oder - falls man es gerne kürzer mag - zu Manns Novellen. Wälsungenblut, Tod in Venedig und Tristan beschreiben den Verfall ebenso tief wie die Buddenbrooks, sind allerdings deutlich prägnanter.
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