[UrFan] Adirael (2/X)

Die ganze Bandbreite phantastischer Literatur: High Fantasy, Low Fantasy, Urban Fantasy, Dark Fantasy

[UrFan] Adirael (2/X)

Beitragvon Ankh » 16.10.2015, 14:08

Da doch zumindest einige behauptet haben, die Geschichte könnte interessant werden, hier mal der zweite Teil. Danke auch an Bambi und Bella, eure Kommentare waren ebenfalls sehr hilfreich! Da sich meine Geschichte allerdings gerade in eine eher unerwartete Richtung entwickelt, werde ich den ersten Teil erst weiter überarbeiten, wenn ich mir sicher bin, ob diese Richtung überhaupt was taugt.

Einige bemerkten, der Hauptcharakter sei ziemlich emotionslos, und was das nun mit Fantasy zu tun hat. Ich habe darüber nachgedacht und bin dabei über eine andere Idee gestolpert, die schon eine Weile in meinem Kopf herumspukt, mit der ich aber nicht recht wusste, wohin. Also hab ich die beiden Ideen jetzt einfach mal verknüpft und schaue, was draus wird.

Meine Fragen an euch: Passt das zusammen? Oder wirft der zweite Teil den ersten derart über den Haufen, dass die anfängliche Lust weiterzulesen verfliegt? Wo holpert und stolpert der Text unschön?


"Vergib mir Vater, denn ich habe gesündigt."
"Schön, wo waren wir stehen geblieben? Neunhundertsiebzehn nach Christus?"
"Ich glaube, wir sollten heute über etwas Aktuelleres sprechen", sagte Adirael zögernd.
"Nun gut, wenn du meinst, dass wir dann nicht durcheinanderkommen. Was bedrückt dich?"
Er biss sich auf die Lippen. "Ich bin heute Morgen in einem Hotelzimmer aufgewacht."
Von der anderen Seite des Korbgeflechts unterbrach ihn ein resigniertes Seufzen.
"Bitte, Adirael, wir haben noch das ganze Mittelalter vor uns, und du kommst jetzt mit deinen Bettgeschichten?"
"Ich habe im Badezimmer einen Toten gefunden."
Das Holz des Beichtstuhls knarzte, als der Pfarrer auf der anderen Seite sein Gewicht verlagerte. "Erzähl."
Adirael berichtete.
"Hast du die Polizei gerufen?", fragte die Stimme hinter dem Korbgeflecht, als er geendet hatte.
"Dann säße ich jetzt bestimmt nicht hier."
"Du must dich stellen", sagte der Pfarrer ernst. "Du musst Verantwortung übernehmen für das, was du getan hast, wenn du Vergebung willst."
"Warum denkst du, dass ich das getan habe?"
"Denkst du das denn nicht?" Es klang verblüfft.
"Ich weiß es nicht." Die Worte begannen, aus Adiraels Mund zu sprudeln. "Ich meine, zuzutrauen wäre es mir, da sind wir uns sicher einig. Aber ich sollte doch heute die Ministranten auf den Ausflug fahren, und deswegen hatte ich nicht vor, abends was trinken zu gehen. Ich hab mir doch vorgenommen nichts zu trinken, wenn ich fahren soll. Aber ich kann mich einfach nicht erinnern, was seit gestern Nachmittag passiert ist, und das ergibt keinen Sinn. Mal abgesehen von geweihtem Wein vertrage ich so einiges. Ich hatte seit der Erstürmung des Winterpalais keinen Filmriss mehr, und da haben wir einen Monat durchgesoffen, bis der Weinkeller des Zaren trocken war. Jedenfalls, wenn ich überhaupt gestern Abend noch irgendwas trinken gegangen bin, dann muss dieser Berger mir was ins Glas gekippt haben."
"Damit du ihn später umbringen kannst?"
"Da hakt meine Theorie noch etwas", gab Adirael zu.
Der Pfarrer schwieg eine Weile.
"Trotzdem musst du zur Polizei gehen", sagte er schließlich. "Vielleicht hilft ihnen deine Aussage, herauszufinden, was wirklich passiert ist."
Adirael knetete seine Finger. "Und wenn ich es doch war?", fragte er leise.
"Dann musst du Buße tun, indem du deine Strafe absitzt. 25 Jahre sind doch für dich nicht die Welt."
"Du verstehst das nicht."
"Doch, ich verstehe das sehr gut", sagte der Pfarrer milder. "Das ist das erste, nunja, größere Ding, seit du hier bist, nicht wahr?"
Adirael presste die Lippen aufeinander und schnaubte ein freudloses Lachen. "Wahrscheinlich war das Ganze hier sowieso eine blöde Idee. Ich sollte nicht noch mehr deiner kostbaren Lebenszeit mit meinen Geschichten verschwenden."
"Du verschwendest meine Zeit nicht", antwortete es aus der Dunkelheit. "Denn ich denke nicht, dass es eine blöde Idee ist. Ich weiß nicht, ob die Regeln auch für dich gelten. Aber wir können es versuchen, und wenn er dir vergeben will, dann wird er dir auch das hier vergeben. Er gesteht uns Menschen zu, dass wir Sünden begehen, immer wieder, und er verzeiht uns, wenn wir sie nur bereuen."
"Dazu müsste ich erst einmal wissen, ob ich Grunde habe, etwas zu bereuen."
"Geh zur Polizei", wiederholte der Pfarrer geduldig. "Sag ihnen, was du weißt. Ich geb dir die Nummer von einem guten Anwalt."

Adirael verzichtete darauf, den Anwalt anzurufen. Er wollte keine mildernden Umstände, kein "im Zweifel für den Angeklagten". Er wollte die Wahrheit. Der Pfarrer hatte recht, 25 Jahre würde er auf einer Arschbacke absitzen. Aber das hier war seine einzige Chance, seine Seele zu retten. Falls er so etwas besaß. In der Beziehung hatte man Seinesgleichen immer im Dunkeln gelassen.
Hauptkommissar Rheinberger hörte sich geduldig an, was er vorzubringen hatte. Viel war es nicht.
"Warum haben Sie uns nicht gleich angerufen, als sie ihn gefunden haben, Herr Bach?"
Adiraels Blick fiel auf den Personalausweis, den er vorgelegt hatte. 'Johann Bach' hieß er darauf. Er hatte immer eine Schwäche für den Musiker gehabt, in mehr als einer Hinsicht. Der Name war der erste gewesen, der ihm eingefallen war, als er eine menschliche Identität gebraucht hatte. Es war dann nicht schwer gewesen, einen guten Fälscher aufzutreiben, und bisher hatte niemand den Ausweis beanstandet. Trotzdem fragte er sich, ob das alles hier einen Sinn hatte, wenn er schon bei seiner Vorstellung log.
"Ich hatte Angst." War das auch eine Lüge? Er wusste es nicht. Mit Gefühlen kannte er sich nicht besonders gut aus.
"Wovor?"
"Dass Sie mir nicht glauben."
"Sie haben mir noch gar nichts erzählt, was ich glauben oder nicht glauben könnte."
"Das liegt wohl daran, dass ich mich sonst an rein gar nichts erinnere."
Der Hauptkommissar zog ein skeptisches Gesicht. Den Satz hörte er sicher nicht zum ersten Mal.
"Wirklich. Ich habe mir gedacht, dass er mir vielleicht etwas in den Drink gekippt hat."
Rheinberger kratzte sich mit dem Daumennagel in seinem grauen Schnurrbart.
"Stimmen Sie einem Drogentest zu?"
Adirael überlegte. Der Körper, in dem er steckte, war im Prinzip menschlich. Er atmete, und ein Herz pumpte Blut durch die Adern, auch wenn das alles nur Fassade war. Es funktionierte genau umgekehrt wie bei einem Menschen: Sein Bewusstsein gab ihm die Möglichkeit, einen Körper zu betreiben. Diesen Körper musste er nicht pflegen, nähren oder ausruhen, sondern er dachte ihn sich bei Bedarf einfach sauber, satt und ausgeschlafen. Er musste sich nicht gegen Viren und Bakterien wehren, er strich sie einfach aus dem Konzept, wenn sie sich in ihm breitmachen wollten. Nur manchmal ließ er es zu, dass Alkohol oder Drogen ihre Arbeit taten, und gab sich dem angenehmen Rausch hin, den sie verursachten.
Nüchtern zu werden war danach einfach wieder eine Willenssache. Er tat das normalerweise ganz automatisch, denn mit einem Kater herumzulaufen hatte er schon vor langer Zeit als wenig erstrebenswerte Erfahrung verbucht.
Nun überlegte er angestrengt, ob er am Morgen so etwas getan hatte.
Wenn er sich ganz automatisch von den Resten irgendwelcher Drogen befreit hatte, dann würde man nichts in seinen Adern finden, und dann würde man ihm nicht glauben und ihn einsperren. Und damit wurde es nur schwieriger für ihn, nachzuforschen, was in der Nacht passiert war. Natürlich konnte er auch willkürlich entsprechende Substanzen in seinem Körper hervorrufen, um die Tests zu täuschen und seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, aber dann würde er nie erfahren, ob man ihn tatsächlich betäubt hatte.
Aber wenn er den Test verweigerte, sah das nicht nur höchst verdächtig aus, es brachte ihn auch keinen Schritt weiter.
Er Seufzte und straffte die Schultern.
"Ja, bitte, machen Sie einen Test."
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Re: [UrFan] Adirael (2/X)

Beitragvon Rabenfeder » 16.10.2015, 14:49

Huhu ^^
Eine interessante Wandlung, hätte ich mir so nicht gedacht ^-^
Ich schreibe ja auch grad an Fantasy/Thriller, muss mal schauen, wo mich das hinführt. Auf jeden Fall werde ich mal ein Auge auf deine Kapis haben, gefallen mir nämlich.
Das zweite Kapi besser als das Erste, vor allem die ersten beiden Sätze haben mich einerseits neugierig gemacht und mich andererseits auch zum Schmunzeln gebracht. :dasheye:

Sow, jetzt mal, was mir aufgefallen ist:

"Du must dich stellen", sagte der Pfarrer ernst. "Du musst Verantwortung übernehmen für das, was du getan hast, wenn du Vergebung willst."

Das erste muss mit zwei s :3

Adirael berichtete.

Ich weiß nicht, aber "berichtete" ist kein sehr schönes Wort, finde ich, vor allem nicht für Fantasy und hat in einer Kirche auch nichts zu suchen. Hat damit zu tun, dass man in einer Gruft ja auch keine blumige Sprache verwendet o.ä. Bei einer Beichte würde ich eher sagen "schilderte, erzählte, erklärte".

Die Worte begannen, aus Adiraels Mund zu sprudeln.

Sprudeln ist kein schönes Wort dafür, zumindest nicht in diesem Satz.
"Die Worte begannen, aus Adiraels Mund zu schlüpfen" wäre eine Alternative.
"Die Worte suchten sich beinahe gewaltsam einen Weg aus seinem Mund."
"Die Worte kamen über seine Lippen bevor er länger nachdenken konnte."
"Er fing wirr an, zu reden/sprechen/zu erzählen."
"Die Worte bahnten sich ihren Weg aus seinem Mund."
Du siehst, es gibt viele Alternativen. (:

Ansonsten hab ich aber nichts zu meckern. Ich finde die Wendung interessant und bin gespannt auf mehr :3
Du hast auf jeden Fall einen tollen Schreibstil!

Liebe Grüße,
Rave
Herbst Fictions-Fee
Nimulus Wordcount-Drache
Schnatterinchen Wordcount-Drache
Emylja Wordcount-Angel
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Re: [UrFan] Adirael (2/X)

Beitragvon Samis » 16.10.2015, 16:40

Hallo Adirael,

gleich vorweg, das ist nicht unbedingt das, was ich erwartet habe und stellt schon einen harten Umbruch dar. Aber warum auch nicht! Teil 1 hätte ich Richtung Thriller zugeordnet, nun tendiert es klar zum Fantastischen, etwas in der Art Highlander Stelle ich mir jetzt vor, und dies allein, plus deine vielen Andeutungen werfen eine Menge Fragen auf. Auf das warum und wieso und macht das Sinn oder kann es sein, möchte ich gar nicht erst eingehen – mit genügend Fantasie lässt sich das alles wunderbar zusammenspannen – ich könnte mir vorstellen, im Detail weißt du selbst noch nicht ganz, wohin die Reise führen wird.

Mit Ausnahme weniger Stellen, habe ich auch an der Formulierung nichts auszusetzen, das ist solide geschrieben, aber nicht sonders fesselnd. In Teil 1 vermochtest du es mit der Hälfte der Zeilen meine Neugierde zu wecken und Spannung zu erzeugen. Hier passiert nun nicht viel, es wird manches angedeutet, das mir weder besonders originell, noch neu erscheint. Aber das kann sich ja noch ändern.



Aber ich sollte doch heute die Ministranten auf den Ausflug fahren, und deswegen hatte ich nicht vor, abends was trinken zu gehen.

Auf den Ausflug fahren klingt nicht gut.



Jedenfalls, wenn ich überhaupt gestern Abend noch irgendwas trinken gegangen bin, dann muss dieser Berger mir was ins Glas gekippt haben.


Der hier mag mir nicht recht gefallen.
Vielleicht so: Falls ich gestern Abend etwas getrunken habe, muss mir dieser Berger etwas ins Glas gekippt haben.



"Dazu müsste ich erst einmal wissen, ob ich Grunde habe, etwas zu bereuen."

Hier nur ein kleiner Tippfehler, nehme ich an.
Grund anstatt Grunde



Adirael verzichtete darauf, den Anwalt anzurufen. Er wollte keine mildernden Umstände, kein "im Zweifel für den Angeklagten". Er wollte die Wahrheit.

Das eine hat für mich nicht zwingend etwas mit dem anderen zu tun.



Der Pfarrer hatte recht, 25 Jahre würde er auf einer Arschbacke absitzen.

Hier würde ich auf den Arsch verzichten.



Der Hauptkommissar zog ein skeptisches Gesicht.

Zog klingt hier eigenartig. Machte passt, denke ich, besser.



"Wirklich. Ich habe mir gedacht, dass er mir vielleicht etwas in den Drink gekippt hat."


Das funktionier kürzer besser.
"Ehrlich, vielleicht hat er mir etwas in den Drink gekippt."



Rheinberger kratzte sich mit dem Daumennagel in seinem grauen Schnurrbart.

Im Bart kratzen klingt auch seltsam.



Es funktionierte genau umgekehrt wie bei einem Menschen: Sein Bewusstsein gab ihm die Möglichkeit, einen Körper zu betreiben. Diesen Körper musste er nicht pflegen, nähren oder ausruhen, sondern er dachte ihn sich bei Bedarf einfach sauber, satt und ausgeschlafen.


Das find ich sehr interessant! Da lassen sich sicher sehr feine Sachen draus spinnen.



Wenn er sich ganz automatisch von den Resten irgendwelcher Drogen befreit hatte, dann würde man nichts in seinen Adern finden, und dann würde man ihm nicht glauben und ihn einsperren.

Drogen lassen sich nicht allein im Blut nachweisen. Haare oder Nägel eignen sich ebenfalls dafür. Anstatt Adern würde ich Zellen verwenden.
Zudem will mir nicht einleuchten, warum man ihn einsperren sollte, nur weil er da war und keine Drogen intus hatte? Aber lassen wir das mit der Logik ...

Bin noch immer neugierig, wie es weiter geht. Aber nicht mehr so sehr, wie am Ende von Teil 1.

Beste Grüße,
Samis
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Re: [UrFan] Adirael (2/X)

Beitragvon sarjo » 16.10.2015, 19:03

Hi Ankh,

habe mich sehr gefreut, als du den ersten Teil mit dem Fantasyaspekt im zweiten Teil verbunden hast. So spannend geschrieben der erste Teil war, so viel Sorge hatte ich, dass deine Geschichte generisch werden könnte. Gedächtnisverlust ist ein plot device, um künstlich Spannung zu erzeugen, oft steckt da eine schwache Geschichte dahinter. Daher hat mir der Twist mit deinem Protagonisten sehr gefallen!
Noch kurz zum ersten Teil: Der Übergang zum zweiten Teil ist doch sehr abrupt. Das ist sicher von dir auch so beabsichtigt, würde jedoch in den ersten Teil noch gewisse Andeutungen einbauen, dass Adirael nicht menschlich ist. Nichts zu konkretes, aber vielleicht bewegt er sich langsamer, als andere Menschen, hat komische Angewohnheiten (weiß noch nicht ganz, warum er sich antrainiert hat, "die Augen nicht sofort" zu öffnen), etc..

"Du musst Verantwortung übernehmen für das, was du getan hast, wenn du Vergebung willst."


Nur eine persönliche Meinung: Aus meiner Sicht würde ein Pfarrer nicht so schnell urteilen. Die Rolle des Pfarrers ist es nicht, die Schuld des Protas zu bestimmen. Dies sollte der Prota gegebenenfalls durch Selbsterkenntnis tun, der Pfarrer sollte dem Prota zum Schluss einen Weg raten. Ich hoffe du weißt, was ich meine. :D Es wäre auch einfacher, wenn du den Redeanteil von Adirael hier erhöhst, da du ihn dadurch auch noch weiter charakterisieren könntest.

Denn ich denke nicht, dass es eine blöde Idee ist.


Würde den Pfarrer hier statt blöd "schlecht" sagen lassen. Finde ich passender für einen Pfarrer. Würde auch den Unterschied zwischen Pfarrer und Adirael, der ja offenbar auch schon die eine oder andere Person getötet hat, verdeutlichen.

Zum Teil beim Polizisten:
Mir scheint, dass dieser Teil aussschließlich dazu dient, den Protagonisten zu erklären. Hier baut für mich die Spannung stark ab und das Mysterium um den Hauptcharakter wird hier viel zu schnell gelöst. Du beantwortest hier zu viele Fragen zu früh und zu trocken. Das kann man sicher häppchenweise in die Handlung integrieren. Das entzaubert Adirael für mich ein wenig. Mich interessiert viel mehr die Persönlichkeit von Adirael, die kommt mir hier zu kurz. Ist er ein grausamer Einzelgänger? Ein zynischer Egoist? Ein hilfsbereiter Held?
Außerdem führt diese Körper/Geist-Trennung in meinen Augen zu einem Glaubwürdigkeitsproblem: Wie kann man den Geist einer Person so betäuben, dass er ein Blackout hat, ohne, dass dieser es aktiv zulässt? Ich verstehe das so, dass auf Adiraels Geist nur dann körperliche Einflüsse wirksam werden, wenn er es erlaubt.

Zusammgefasst würde ich also sagen, dass ich dein Konzept spannend finde, aber die Ausführung noch ein wenig Überarbeitung braucht. Beim ersten Teil hat das Lesen mehr Spaß gemacht, während der Fantasyaspekt im zweiten Teil das war, was deine Geschichte als etwas Besonderes hervorhebt. Wenn du also die Qualitäten beider Teile verbindest, dann bist du auf einem sehr gutem Weg. :)
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Re: [UrFan] Adirael (2/X)

Beitragvon FrozenBambi » 19.10.2015, 07:24

Heyho, ja, das ist ein rascher Wechsel, der aber doch erklärt, warum dein Prota so sachlich ist. Nachdem sein Körper nur ein "Wirt" zu sein scheint, schwebt er ja mehr oder minder teilnahmslos über der Sache.


"Vergib mir Vater, denn ich habe gesündigt."


Dieser Satz ist mir zu abgedroschen. Und es passt nicht zu seinem vorherigen Sprachstil.
Verbindet man es mit der Teilnahmslosigkeit des Pfarrers:


"Schön, wo waren wir stehen geblieben? Neunhundertsiebzehn nach Christus?"


Dann wäre eine besonders derbe Sprache doch umso witziger. Also ich nehme mal an, dass du hier Situationskomik erzeugen wolltest. Auch würde ich ihn den Pfarrer zunächst mit seinem Namen ansprechen lassen, nachdem sie sich scheinbar schon länger kennen. Somit erfährt man erst später, dass er da im Beichtstuhl hockt.


"Ich glaube, wir sollten heute über etwas Aktuelleres sprechen", sagte Adirael zögernd.


Da vergeudest du Konfliktpotenzial. "Hast du mir/Haben Sie mir überhaupt zugehört?!"


"Nun gut, wenn du meinst, dass wir dann nicht durcheinanderkommen. Was bedrückt dich?"


Auch hier sehr träge der Dialog. Entweder ein bisschen mehr ausarten lassen oder wenn der Typ unbedingt so ein ruhiger Mensch sein muss, dann wenigstens kurz und knackig - also den ersten Satz streichen z.B.
Ansonsten sowas wie: "Du bringst den ganzen Plan durcheinander!", meinte XYZ unwirsch. "Was bedrückt dich?"

"Bitte, Adirael, wir haben noch das ganze Mittelalter vor uns, und du kommst jetzt mit deinen Bettgeschichten?"


Da! Da haben wir, was wir brauchen. Er seufzt resigniert, fragt sich was das soll, da kommt Konflikt auf.


"Ich habe im Badezimmer einen Toten gefunden."
Das Holz des Beichtstuhls knarzte, als der Pfarrer auf der anderen Seite sein Gewicht verlagerte. "Erzähl."
Adirael berichtete.


Und hier verschießt du wieder Pulver, indem du die Zuspitzung des Dialogs raffst.
"Du hast jemanden umgebracht?!"
"Nein, ich sagte doch, nur gefunden."
"Jemand ist nachts in dein Zimmer eingedrungen und hat ihn dir da reingelegt?"
"Das wäre doch weit hergeholt?"
"Also hast du ihn doch getötet?"
"Nein, verdammt! Ich erinnere mich nicht ..."

Dann! Kann der Part mit der Polizei kommen.

"Warum denkst du, dass ich das getan habe?"


Auch dieses würde ich kritischer formulieren.
"Du hältst mich für einen Mörder?" z.B.


"Ich weiß es nicht." Die Worte begannen, aus Adiraels Mund zu sprudeln. "Ich meine, zuzutrauen wäre es mir, da sind wir uns sicher einig. Aber ich sollte doch heute die Ministranten auf den Ausflug fahren, und deswegen hatte ich nicht vor, abends was trinken zu gehen. Ich hab mir doch vorgenommen nichts zu trinken, wenn ich fahren soll. Aber ich kann mich einfach nicht erinnern, was seit gestern Nachmittag passiert ist, und das ergibt keinen Sinn. Mal abgesehen von geweihtem Wein vertrage ich so einiges. Ich hatte seit der Erstürmung des Winterpalais keinen Filmriss mehr, und da haben wir einen Monat durchgesoffen, bis der Weinkeller des Zaren trocken war. Jedenfalls, wenn ich überhaupt gestern Abend noch irgendwas trinken gegangen bin, dann muss dieser Berger (muss) mir was ins Glas gekippt haben."


Das ufert mMn zu stark aus, wenngleich du ja ankündigst, dass es aus ihm sprudelt, so würde ich versuchen, seine Sätze zu kürzen. (Unterstrichenes könnte man bspw. getrost rausnehmen)


"Damit du ihn später umbringen kannst?"


Das ist eine seltsame Schlusfolgerung. Ich hätte eher geschlussfolgert "Damit du mit ihm ins Bett gehst?" ; danach kommt dann "Aber warum solltest du ihn dann töten?"


"Dann musst du Buße tun, indem du deine Strafe absitzt. 25 Jahre sind doch für dich nicht die Welt."


Das hier ist eine sehr gute Andeutung, die dem Leser schon klar machen sollte, dass der Prota kein normaler Mensch ist.


"Doch, ich verstehe das sehr gut", sagte der Pfarrer milder. "Das ist das erste, nunja, größere Ding, seit du hier bist, nicht wahr?"


Solche Füllwörter wie "nunja" benutzt du ganz gerne im Dialog. Das ist im realen Leben auch so gängig, wird in Romandialogen aber ungern gesehen.

Adirael presste die Lippen aufeinander und schnaubte ein freudloses Lachen. "Wahrscheinlich war das Ganze hier sowieso eine blöde Idee. Ich sollte nicht noch mehr deiner kostbaren Lebenszeit mit meinen Geschichten verschwenden."


kürzen kürzen kürzen.


"Du verschwendest meine Zeit nicht", antwortete es aus der Dunkelheit. "Denn ich denke nicht, dass es eine blöde Idee ist. Ich weiß nicht, ob die Regeln auch für dich gelten. Aber wir können es versuchen, und wenn er dir vergeben will, dann wird er dir auch das hier vergeben. Er gesteht uns Menschen zu, dass wir Sünden begehen, immer wieder, und er verzeiht uns, wenn wir sie nur bereuen."


Dito dito dito.


"Sag ihnen, was du weißt. Ich geb dir die Nummer von einem guten Anwalt."


Vorschlag: "und besorg dir einen Anwalt" - kenne den Pfarrer ja nicht, aber nachdem die sich idR doch an Gesetze halten, werden die nicht ständig nen Anwalt brauchen und Connections haben.


Der Pfarrer hatte recht, 25 Jahre würde er auf einer Arschbacke absitzen. Aber das hier war seine einzige Chance, seine Seele zu retten. Falls er so etwas besaß. In der Beziehung hatte man Seinesgleichen immer im Dunkeln gelassen.


Auch eine gute Andeutung seines nicht menschlichen Seins.


Adiraels Blick fiel auf den Personalausweis, den er vorgelegt hatte. 'Johann Bach' hieß er darauf. Er hatte immer eine Schwäche für den Musiker gehabt, in mehr als einer Hinsicht. Der Name war der erste gewesen, der ihm eingefallen war, als er eine menschliche Identität gebraucht hatte. Es war dann nicht schwer gewesen, einen guten Fälscher aufzutreiben, und bisher hatte niemand den Ausweis beanstandet.


Too much. Lass den Leser sich fragen, ob er einfach nur eine falsche Identität führt.


Trotzdem fragte er sich, ob das alles hier einen Sinn hatte, wenn er schon bei seiner Vorstellung log.


Kürzer! "Hatte das alles einen Sinn, wenn er schon ..."?


Adirael überlegte. Der Körper, in dem er steckte, war im Prinzip menschlich. Er atmete, und ein Herz pumpte Blut durch die Adern, auch wenn das alles nur Fassade war. Es funktionierte genau umgekehrt wie bei einem Menschen: Sein Bewusstsein gab ihm die Möglichkeit, einen Körper zu betreiben. Diesen Körper musste er nicht pflegen, nähren oder ausruhen, sondern er dachte ihn sich bei Bedarf einfach sauber, satt und ausgeschlafen. Er musste sich nicht gegen Viren und Bakterien wehren, er strich sie einfach aus dem Konzept, wenn sie sich in ihm breitmachen wollten. Nur manchmal ließ er es zu, dass Alkohol oder Drogen ihre Arbeit taten, und gab sich dem angenehmen Rausch hin, den sie verursachten.
Nüchtern zu werden war danach einfach wieder eine Willenssache. Er tat das normalerweise ganz automatisch, denn mit einem Kater herumzulaufen hatte er schon vor langer Zeit als wenig erstrebenswerte Erfahrung verbucht.
Nun überlegte er angestrengt, ob er am Morgen so etwas getan hatte.
Wenn er sich ganz automatisch von den Resten irgendwelcher Drogen befreit hatte, dann würde man nichts in seinen Adern finden, und dann würde man ihm nicht glauben und ihn einsperren. Und damit wurde es nur schwieriger für ihn, nachzuforschen, was in der Nacht passiert war. Natürlich konnte er auch willkürlich entsprechende Substanzen in seinem Körper hervorrufen, um die Tests zu täuschen und seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, aber dann würde er nie erfahren, ob man ihn tatsächlich betäubt hatte.
Aber wenn er den Test verweigerte, sah das nicht nur höchst verdächtig aus, es brachte ihn auch keinen Schritt weiter.


Da gehe ich doppelt und dreifach mit sarjo konform - du haust uns das Sein deines Protas einfach vor die Nase und damit ist die Luft raus. Außerdem würde er niemals über derlei Dinge nachsinnieren, die für ihn alltäglich sind.
"Der Test würde wahrscheinlich negativ ausfallen, selbst wenn er etwas konsumiert hatte. Aber ihn abzulehnen, würde ihn nur noch verdächtiger machen."

-> Das reicht völlig aus, um ein weiteres Fragezeichen ins Lesergesicht zu werfen!


Rechtschreibfehler und co. hab ich mal meinen Vorredner überlassen.


Fazit:

Ein abrupter Wechsel, den ich aber prinzipiell nicht schlecht finde. Klar könnte man eine Übergangssequenz einbauen, wie er mit dem Ganzen umgeht, wohin er schnell wandert, eine Art panische Flucht. Das ist deine Sache.

Die störenden Punkte habe ich ja schon genannt. Die Dialoge sind mir zu träge, wirken zu emotionslos. Und das plakative Aufdecken, dass er ein Parasit in einem Wirtskörper ist und was das so mit sich bringt, geht mMn gar nicht. Das solltest du so lange wie möglich offen lassen bzw. es den Leser aus dem Handeln heraus erfahren lassen, statt es beim Namen zu nennen.
Fraglich, wohin du das Ganze nun stricken willst. Könnte nen Krimi werden. ;)

Lg

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Re: [UrFan] Adirael (2/X)

Beitragvon Ankh » 19.10.2015, 09:07

Danke für die Anmerkungen auch für diesen Teil.

Ihr habt recht,das ganze kommt ein bisschen schnell auf den Tisch. Passiert wohl, wenn man den Plot erst entwickelt während man schreibt. Man will halt gleich unterbringen, was einem so einfällt. :oops: Ich weiß ja selber noch nicht, wohin das ganze gehen soll; für mich sind das immer noch zwei verschiedene halbgare Plots, die ich verstricken müsste. Immerhin scheint es nicht völlig unmöglich zu sein, das macht ja schon Hoffnung :wink:

Ob ich die Idee jetzt im NaNo weiterverfolge weiß ich noch nicht. Jedenfalls vielen Dank an euch für Kritik und Lob :oops: und hilfreiche Anmerkungen :flowers:
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