Adjektive

Tipps, Ratschläge und Hilfen zum Schreiben. Wie machst du das? Hilfe bei Schreibblockaden, Hemmungen, Stolpersteinen und Anfangsschwierigkeiten

Adjektive

Beitragvon koagl » 23.03.2013, 15:53

Hallo zusammen,

wenn man nach Tipps für kreatives Schreiben sucht, stößt man unumgänglich auf Folgendes:
"Adjektive sparsam verwenden!"

Eine Regel, die ich gerne (auch bewusst) missachte.
Als Lovecraftleser bin ich da schließlich etwas vorbelastet. :?

Ich frage mich immer wieder, was denn nun genau mit dieser Regel gemeint ist.
Sollte man generell so gut wie möglich darauf verzichten?

Welche von diesen beiden Versionen würdet ihr beispielsweise bevorzugen?

"Schweißgebadet schoss er aus seinem Bett hoch, warf die Decke in hohem Bogen zu Boden. Ein gequälter Schrei brach kettensprengend aus seinem Mund. Panisch wälzte er sich im Sitzen von Seite zu Seite. Er hechelte irrsinnig." oder
"Er schoss aus seinem Bett hoch, warf die Decke in hohem Bogen zu Boden. Ein Schrei brach aus seinem Mund. Er wälzte sich im Sitzen von Seite zu Seite. Er hechelte."

Ich selbst bin da hin- und hergerissen ...
Muss man verrückt sein, um andere für normal zu halten, oder fällt nur mir das so schwer?
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Re: Adjektive

Beitragvon Gger » 23.03.2013, 16:05

Hallo koagl,

Also sparsam verwenden bedeutet nicht alle Adjektive rauszulassen. :D ... Ich finde das erste Beispiel besser, aber ich finde "kettensprengend" und "irsinnig" zu viel. Und mir gefällt es persönlich auch nicht so, wenn man Adjektive an den Satzanfang stellt. "Panisch ...." Aber das ist ja auch Geschmackssache.
Insgesamt finde ich Adjektive schon wichtig, wenn man es nicht übertreibt und wenn sie nicht zu kitschig sind. Adjektive sind ja Wie-Wörter und alles hat ja seine Eigenschaften. Man kann meiner Meinung nach nicht ein ganzes Buch ohne Adjektive schreiben. :D Irgendwas ist ja immer "schön", "laut", "gelb", "grün" oder "verwirrend"....

Also ganz ohne geht nicht, aber besser nicht übertreiben

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Re: Adjektive

Beitragvon Lorandra » 23.03.2013, 16:35

Ja, der Schreibregel begegnet man überall. Oft wird dabei das Zitat von Mark Twain angeführt:
When you catch an adjective, kill it. (Frei Übersetzt: Wenn du ein Adjektive erwischt, dann töte/lösche/streiche es.)
Allerdings geht das Zitat eigentlich noch weiter und wenn man den Rest betrachtet wird gleich viel deutlicher, wie der Ratschlag gemeint ist.
When you catch an adjective, kill it. No, I don't mean utterly, but kill most of them--then the rest will be valuable. They weaken when they are close together. They give strength when they are wide apart.
(Frei Übersetzt: Wenn du ein Adjektive erwischt, dann töte/lösche/streiche es. Nein, ich meine nicht restlos, aber ich streiche den größten Teil von ihnen - dann wird der Rest der Adjektive wertvoll. Sie schwächen ab, wenn sie nahe zusammen stehen. Sie geben Stärke, wenn sie weit verteilt sind.)

Ich versuche es so zu handhaben, dass ich die Adjektive als Gewürze ansehe, mit denen der Text schnell überwürzt ist. Wenn ich in ein Gericht alles hineinschütte, was der Kräutergarten, das Gewürzregal und die Fixtütchen so hergeben, schmeckt man nichts mehr heraus und alles schmeckt wie ein versalzener Brei. Und vom Geschmack der eigentlichen Zutaten schmeckt man gar nichts mehr (auf den Text bezogen sind das die Substantive, die wir mit dem Adjektiv beschreiben/verschönern wollten).
Lieber ein ausdrucksstarkes Substantiv (Ferrari statt Auto), dann benötigt man auch keinen Zusatz wie "das schnelle, sportliche, luxuriöse Auto". Der Grundsatz gilt genauso für die Adjektive selbst. Unnötige streichen, präzise Adjektive gezielt einsetzen.
Beispiel: "die alte, verfallene Kirche" zu "die verfallene Kirche" oder gar zu "die Kirchenruine" machen. Dass eine verfallene Kirche bzw. eine Kirchenruine alt ist, versteht sich von selbst.

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Re: Adjektive

Beitragvon Maerchenfee » 23.03.2013, 16:50

Hallöchen,

koagl hat geschrieben:"Adjektive sparsam verwenden!"

Das ist ja nur die Hälfte, denn statt Adjektive sollen wenn möglich starke Verben oder auch Substantive verwendet werden.

Man kann z.B. schnell laufen, aber man könnte aber auch rennen, hetzen, sausen, stürmen, eilen, sprinten, jagen, joggen, wetzen usw. je nachdem was die Szene erfordert.

in deinem Fall z.B. statt "er warf die Decke in hohem Bogen zu Boden ..." "er schleuderte die Decke zu Boden"

koagl hat geschrieben:Schweißgebadet schoss er aus seinem Bett hoch, warf die Decke in hohem Bogen zu Boden. Ein gequälter Schrei brach kettensprengend aus seinem Mund. Panisch wälzte er sich im Sitzen von Seite zu Seite. Er hechelte irrsinnig."

Da kam mir beim Lesen noch eine Frage: Wie wälzt man sich im Sitzen von Seite zu Seite?

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Re: Adjektive

Beitragvon Petriso » 23.03.2013, 18:10

Hallo koagl,

"Eine Regel, die ich gerne (auch bewusst) missachte.“


Was und wie Du schreibst, lieber koagl, ist einzig und allein Dein Problem. Allerdings, so denke ich, möchte man gerne, dass andere das eigene Werk irgendwann mal lesen, mit Interesse lesen. Um das zu erreichen, sollte man anfangs ein wenig bei gestandenen Autoren abgucken, wie Mark Twain oder von den alten griechischen Rhetorikern - ja, so alt sind teilweise diese Ratschläge.

Was Deinen Vergleich hier betrifft,

"Schweißgebadet schoss er aus seinem Bett hoch, warf die Decke in hohem Bogen zu Boden. Ein gequälter Schrei brach kettensprengend aus seinem Mund. Panisch wälzte er sich im Sitzen von Seite zu Seite. Er hechelte irrsinnig."
oder
"Er schoss aus seinem Bett hoch, warf die Decke in hohem Bogen zu Boden. Ein Schrei brach aus seinem Mund. Er wälzte sich im Sitzen von Seite zu Seite. Er hechelte."


Gefallen mir beide Varianten gar nicht. Das liegt, meiner Ansicht nach, nicht so sehr an „Adjektiv oder nicht Adjektiv“ sondern vielmehr am gewählten Schreibstil.
Dort ist "üben,üben,üben" angesagt.

Probiere doch einfach mal das, was Dir Lorandra und Maerchenfee hier empfohlen haben. Mit der Zeit merkst Du dann schon den Vorteil.

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Re: Adjektive

Beitragvon Julestrel » 23.03.2013, 22:40

Die "schlimmsten" Adjektive, die man möglichst vermeiden sollte, sind sogenannte wertende Adjektive. Das beleibteste Beispiel hier ist "schön", da im Prinzip wenig aussagt, da es jeder anders auffasst.

Abgesehen davon drückst du dem Leser sofort (d)eine Meinung rein, wenn du "schön" oder "hässlich" schreibst statt der Frau "mit dem ebenmäßigem Gesicht" oder "mit der Warze auf der Nase". Durch diese Umschreibung macht sich der Leser ein selbstständiges Bild und es kurbelt ein Stückweit die Phantasie an. Mit wertenden Adjektiven kannst du dagegen das Denken abnehmen.

Als Lovecraftleser bin ich da schließlich etwas vorbelastet.

Ich habe Lovecraft noch nicht gelesen, habe aber schon öfters von seiner sehr blumigen Sprache gehört. Trotzdem bezweifle ich, dass er willkürliche möglichst viele Adjektive reingehauen hat, sondern sich genau jedes überlegt hat. Das wirkt dann entsprechend auf den Leser und hat nichts mit einem adjektivverseuchten Anfängertext zu tun :)

Zu deinem Vergleich: Hier schließe ich mich Petriso an. Der Text wirkt mit oder ohne oder nur wenigen Adjektiven noch sehr unausgereift. Das beste ist vermutlich, du versuchst dich erstmal an Formulierungen mit möglichst wenig Adjektiven und steigerst dich dann langsam, wenn der Rest weitgehend passt.


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Re: Adjektive

Beitragvon inmutanka » 23.03.2013, 23:40

Hallo Julestrel,

Die "schlimmsten" Adjektive, die man möglichst vermeiden sollte, sind sogenannte wertende Adjektive. Das beleibteste Beispiel hier ist "schön", da im Prinzip wenig aussagt, da es jeder anders auffasst.


So allgemein stimmt diese Aussage auch nicht. Charaktere dürfen in Aussage und Gedanken durchaus werten, selbst politisch-nicht korrekte Aussagen treffen.

LG
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Re: Adjektive

Beitragvon canis-lupus-niger » 23.03.2013, 23:43

Adjektive sind ebenso wie Füllwörter und Wiederholungen Stilmittel. Es kommt einfach auf die richtige Dosierung an. An der richtigen Stelle sind sie unverzichtbar und an der falschen Stelle ruinieren sie Deine Geschichte.
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Re: Adjektive

Beitragvon koagl » 24.03.2013, 00:47

Danke für die hilfreichen Tipps!

Zu meinem kritisierten Beispiel:
"Gefallen mir beide Varianten gar nicht. Das liegt, meiner Ansicht nach, nicht so sehr an „Adjektiv oder nicht Adjektiv“ sondern vielmehr am gewählten Schreibstil.
Dort ist "üben,üben,üben" angesagt."

Mir ging es weniger darum, ob man das nun generell gut oder schlecht findet - ich habe das einfach mal von einer meiner älteren Geschichten entwendet, weil ich dachte, dass dieser kurze Abschnitt ein taugliches Beispiel für das Thema bieten würde - wobei mich aber irgendwie schon interessiert, weshalb die Varianten "gar nicht" gefallen :roll: .
Mich interessiert hauptsächlich wie die Adjektive auf Euch wirken.
"Ein gequälter Schrei brach kettensprengend aus seinem Mund." - wirkt auf mich selbst ziemlich blumig, andererseits verzichte ich doch ungerne auf die Adjektive ...

Mit wertenden Adjektiven wie "schön" usw. bin ich selbst etwas auf Kriegsfuß. So etwas würde ich (außerhalb der wörtlichen Rede) mit klaren Beschreibungen umschreiben.
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Re: Adjektive

Beitragvon Foxy » 24.03.2013, 01:36

Also ich finde die Frequenz deiner Adjektive garnicht so schlecht in den Beispielen. Mich stört viel mehr die Auswahl, die du getroffen hast.
Wenn ich etwas lese, dann spielt sich das ganze wie ein Video vor meinem geistigen Auge ab und viele deiner Adjektive zeichnen einfach...seltsame Bilder.

Hier mal ein Beispiel:
Schweißgebadet schoss er aus seinem Bett hoch, warf die Decke in hohem Bogen zu Boden.

Ich habe noch nie eine Bettdecke in einem hohen Bogen fliegen sehen. Man reißt sie sich vielleicht vom Leib aber es ist erstaunlich schwer, eine Decke zu werfen, wenn man sie nicht vorher zu einer handlicheren Kugel formt. Und im hohen Bogen fliegt sie schon garnicht. Das Bild funktioniert einfach nicht.

Das Wort "kettensprengend" sticht mir auch irgendwie ins Auge, ich kann nur noch nicht so genau sagen, wieso.
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Re: Adjektive

Beitragvon Tops » 24.03.2013, 06:34

Foxy hat geschrieben:Das Wort "kettensprengend" sticht mir auch irgendwie ins Auge, ich kann nur noch nicht so genau sagen, wieso.


Hallo!

Ich hatte beim Lesen das Bild vor Auge, das Jemand vor einer sekrecht hängenden Kette steht, sie anschreit, und diese daraufhin reißt. Bei einem Glas kann ich es mir ja noch vorstellen, aber bei einer Kette ist es irritierend.

Auch die anderen Bilder der Szene irritieren mich. Ein Schrei ist für mich kurz aber laut, eine Qual hingegen zieht sich in die Länge. Das im Sitzen wälzen ist auch seltsam, da hatte ich als Bild jemanden vorm Auge, der sich vom Bett auf den Boden und wieder zurück rollt. Hechlen tut für mich ein Hund - wie ein irrer Hund das dann macht, ist auch wieder die Frage.
Das "schweißgebadet" wäre zB. ein Fall, bei dem man das Adjektiv streichen und stattdessen einen Satz daraus machen könnte, zb. "der Schweiß schoß ihm aus den Poren und rann an seiner Haut herab" (wobei das "schoß" dann eine Wortwiederholung wäre, sodass noch weiter an der Formulierung gefeilt werden müsste).

Ein gutes Beipiel für mich ist der von Loranda erwähnte Ferrari. Für mich ist das ein rot lackierter Sportwagen, und deshalb wäre die Erwähnung der Farbe überflüssig. Allerdings gibt es die Autos auch in anderen Lackierungen, und dann macht die Angabe der Farbe wieder Sinn. Einen Jaguar stelle ich mir zB. als grün lackiertes Auto vor.

lg,
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Re: Adjektive

Beitragvon Bonaventura » 24.03.2013, 14:46

Hmmmm...

Mal ein Satz von dem von mir sehr verehrten Joseph von Eichendorff:
Es war ein schöner Sommerabend, als Florio, ein junger Edelmann, langsam auf die Tore von Lucca zuritt, sich erfreuend an dem feinen Dufte, der über der wunderschönen Landschaft und den Türmen und Dächern der Stadt vor ihm zitterte, sowie an den bunten Zügen zierlicher Damen und Herren, welche sich zu beiden Seiten der Straße unter den hohen Kastanienalleen fröhlich schwärmend ergingen.

Ein Satz. 61 Wörter. Neun Adjektive, davon zwei eindeutig wertend. Jeder Schreibratgeber würde einem ein solches Gebilde mit einem lapidaren "Schreib`s noch mal!" vor die Füße werfen.
Warum bringt dieser Satz meine Seele trotzdem zum Klingen?

Irgendwas konnten die Autoren des 19. Jh., was die Autoren des 20. Jh. nicht mehr können (oder was man ihnen nicht durchgehen lässt). Selbst Lovecraft selber, trotz seiner eigenen Schwäche für die Literatur des 19. Jh. eindeutig ein Autor des frühen 20., wurde für seine Adjektivkaskaden ebenso häufig kritisiert und lächerlich gemacht wie verehrt. Obwohl er seine Anhäufungen von immer wieder sehr ähnlichen Adjektiven ganz bewusst als Beschwörungsformel seines geradezu theologischen Grauens einsetzt.

Auch hier mal ein Beispiel, das jedem Schreibratgeber die Schweißperlen auf die Stirn treibt:
Dann sah ich Kingsport hinter dem Hügelkamm sich schneebedeckt in der
Abenddämmerung ausbreiten, das schneeige Kingsport mit seinen alten
Wetterfahnen und Kirchtürmen, Firstbalken und Kaminaufsätzen, Werften und
kleinen Brücken, Weiden und Friedhöfen, endlosen Labyrinthen steiler,
schmaler, verwinkelter Straßen und dem schwindelerregenden kirchgekrönten
Mittelgipfel, dem die Zeit nichts anhaben kann; endlose Irrgärten von
Kolonialhäusern, in allen Winkeln und Höhenlagen angehäuft und zerstreut,
wie die durcheinandergeworfenen Spielklötze eines Kindes.
67 Wörter, 14 Adjektive. Sogar mit Wiederholungen. Funktioniert auch für viele Leser (mich zum Beispiel). Warum?
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Re: Adjektive

Beitragvon inmutanka » 24.03.2013, 16:50

Hallo Bonaventura,

für dich und andere funktioniert es (noch). Für mich und andere nicht (mehr). Ehrlich, bei mir bringen die von dir gebrachten Beispiele nichts zum Klingen und wahrscheinlich würde ich sie - sofern mich die Bücher interessieren - überlesen. ;)
Schreibstile sind ebenso wie Filme Moden unterworfen. Früher gab es endlos lange Beschreibungen von Landschaften/exotischen Tieren. Grund: weil nur die wenigstens Menschen Reisen konnten von Reisen in ferne Länder ganz zu schweigen. In Zeiten von TV, Internet und Massentourismus ist das nicht mehr nötig und langweilt den/die (meisten) Leser. Eine Zeitlang waren endlose Monologe *In*. Und so gibt es vieles mehr, das irgendwann einmal funktionierte (und bei manchen Lesern heute noch funktioniert) und heute (bei den meisten) nicht mehr funktioniert.
Nicht umsonst sind alte Klassiker-Pflichtlektüre bei den meisten Schülern verhasst. Eben weil der Schreibstil nicht mehr zeitgemäß ist.

Hitchcock wird z. B. von mir verehrt. Trotzdem geht mir regelmäßig der Hut hoch, wenn ich in seinen (und anderen alten Filmen, die ich eigentlich aus verschiedenen Gründen mag) die Dialoge höre, in denen die Frauen grundsätzlich sozusagen kleine, unfähige Dummchen und schmückendes Beiwerk behandelt werden. Und nein, ich bin keine Feministin :lol: Aber diese Drehbücher kämen heute mit aus diesen Gründen gar nicht mehr in die engere Auswahl zur Verfilmung bzw. kaum jemand ginge wegen ihnen ins Kino. Aber damals war es eben normal.

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Re: Adjektive

Beitragvon koagl » 24.03.2013, 21:20

An den beiden Beispielen von Bonaventura stören mich weniger die Adjektive als die Länge der Sätze. :wink:
Ich glaube im ersten Beispiel sind die Wertungen gar nicht sooo negativ anzusehen.
Man fühlt sich - meiner Meinung nach - direkt in die Gefühlslage des Protagonisten hineinversetzt.
"schöner Sommerabend"; "dem feinen Dufte"; "wunderschönen Landschaft"
Man könnte alle drei Umstände bestimmt treffender beschreiben, doch zusammen ergibt sich das Bild, dass es dem Prota einfach gut geht. Das bedarf nicht unbedingt einer weiteren Erklärung.
Es hängt, denke ich, schon viel vom eigenen Geschmack ab. Manchmal sind Adjektive besser in den Gedanken als auf dem Papier aufgehoben, das stimmt schon. Eine Kirchenruine ist zerfallen. Da brauche ich das Wort zerfallen nicht - ist mir auch klar. Manchmal hat dieses Stilmittel - richtig eingesetzt - aber seinen eigenen Charme.
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Re: Adjektive

Beitragvon Bonaventura » 24.03.2013, 22:14

Man muss glaube ich noch hinzufügen, dass es sich in beiden Beispielen um die Anfänge von Kurzgeschichten handelt. Es geht also darum, schnell und kompakt eine Atmosphäre aufzubauen, die man dann später kippen lassen (Eichendorff) oder sogar noch sukzessive verschärfen (Lovecraft) kann. Der "schöne" Sommerabend schreibt sich ja doch um einiges kürzer als eine ausufernde Beschreibung, die im Leser letztlich doch nicht mehr als das Wort "schön" erzeugt (zumal wäre der Satz dann wohl noch wesentlich länger geraten :mrgreen: ).
Und wie wir`s schonmal bei den Symbolen hatten, lassen diese sich in solchen Beschreibungen besser und leichter unterheben.
Schreibstile sind ebenso wie Filme Moden unterworfen.
Das ist wohl so, ja. Drum lese ich auch vornehmlich ältere Sachen. Wahrscheinlich bedingt es sich gegenseitig, dass diese Art zu schreiben (die ja nicht leicht ist und nur allzuschnell ins Lächerliche kippt) heute sowohl weniger nachgefragt, als auch weniger beherrscht wird.

Und wenn wir schonmal beim Thema Qualität sind:
Das Wort "kettensprengend" sticht mir auch irgendwie ins Auge, ich kann nur noch nicht so genau sagen, wieso.
Ich weiß nicht, mich stört`s, weil ich "Ketten sprengen" eigentlich eher mit Befreiung assoziiere. Was zum "gequälten Schrei", der eher gepresst klingt als befreiend, so gar nicht passen mag.
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