FÜ: Aggression

FÜ: Aggression

 
Mal ein Versuch.


Aggression

Er wusste, dass er in Gefahr war.

Auch ohne sie anzusehen, ohne ihren ausnahmsweise mal klaren Blick zu sehen, ohne den üblichen durch Alkohol verursachten Schleier.
Auch ohne die Drohung gehört zu haben, die ihre blassen Lippen verlassen hatte, in einer Tonlage, die sicher Diamant geschnitten hätte.

Er sah den Wunsch, das stumme Flehen nach einem Fehler seinerseits in ihren Augen. Nach einem kleinen, unbedeutenden Zucken, das sie für sich als Entschuldigung vorbringen konnte, das ihr ein Vergessen ihrer Kontrolle möglich machen würde. Sie wollte ihm wehtun.

Er steckte wirklich in der Scheiße.

Diese Konstellation war ihm fremd. Sonst war eigentlich sie diejenige, die jedem Streit friedlich beilegte. Sie hasste Auseinandersetzungen, Gewalt jeder Art. Wie war es nur zu dieser Situation gekommen?

Sie fixierte ihn noch immer. Und er beobachtete sie. Nein, er beobachtete sie nicht, er versuchte, sie nicht direkt anzusehen, schließlich wollte er sie nicht reizen. Der Gedanke an ein verwundetes, in die Ecke gedrängtes Raubtier kam ihm in den Sinn.

Aber wieso? Sie war doch nüchtern. Im Vollbesitz ihrer geistigen und mentalen Fähigkeiten. Nicht so wie sonst, wenn sie betrunken oder mit Morphium vollgedröhnt war.
Wo kam dieser Irrsinn in den dunklen Augen her? Dieser tiefe Wunsch Schmerzen zu verursachen? Hatte er vielleicht einen Fehler gemacht? Hatte er vielleicht etwas Falsches gesagt?

Nein. Er hatte nichts falsch gemacht. Und doch, irgendetwas war anders als sonst. Ihre morgendlichen Sticheleien waren dieselben gewesen. Sie hatte sich an ihr Drehbuch gehalten, er hatte sich an ihr Drehbuch gehalten. Was war passiert?

Er bemerkte ein Blinzeln. Abrupt riss sie ihren Blick von seinem los. Was war denn jetzt? Ach ja, jemand hatte ihren Namen gerufen. Der Wahn wich und ließ die Realität zurückkehren. Kurz schüttelte sie den Kopf, als wolle sie unliebsame Gedanken verscheuchen. Ohne einen weiteren Blick, ohne ein weiteres Wort verließ sie den Raum und er blieb ratlos zurück.

„Hey!“

Er drehte sich um. Hinter ihm, in der anderen Tür stand die Kleine, ihre jüngere Schwester. Sie musste ihm die Frage wohl ansehen.

„Sie hat es nicht so gemeint. Sei ihr nicht böse, ja? Das sind nur die Schmerzen. Sie hat diesen Defekt im Kopf. Sie kann ihre Gedanken nicht steuern. Da geht alles durcheinander, wie in einem Karussell. Da wird ihr dann immer so schwindlig und wenn sie das nicht lähmen kann, bekommt sie ganz doll Kopfschmerzen.“

Sie sah in die Richtung, in die ihre Schwester verschwunden war.

„Weißt du, sie mag das eigentlich nicht. Diese Spritzen, die sie sich setzen muss und diese ekelhafte, braune Medizin, die sie in ihrem Zimmer aufbewahrt, damit ich nicht ran gehe. Aber ohne werden die Schmerzen einfach zu stark.“

Die Kleine schüttelte den Kopf.

„Egal, ich muss jetzt zur Schule. Duhu? Du hilfst mir doch nachher mit den Hausaufgaben, ja? Meine Schwester wird das heute wohl nicht können.“

Sie sah ihn so Mitleid erregend an, wie es nur kleine Mädchen konnten. Er nickte und im nächsten Moment war sie schon fröhlich winkend verschwunden.

Er blieb allein zurück.
Allein, mit den seltsamen Bildern der letzten zwanzig Minuten.

von Gin

Re: FÜ: Aggression

 
Hallo Gin,

da sich bisher niemand zu deinem Werk geäußert hat, versuche ich mich mal. :-)

Zunächst einmal: Ich finde es gut, dass du dich an einer Fingerübung versuchst. Sich einer Aufgabe zu stellen ist immer etwas anderes als sich selbst ein Thema auszusuchen.

Jetzt zur Story:

Also ich bin ehrlich: Mir fehlt viel zu viel in dieser Story, um sie wirklich zu verstehen oder wirklich zu mögen.

Aggression durch Schmerzen kenne ich. Ich bekomme auch manchmal Anflüge davon, wenn mir der Kopf brummt. Aber mich hat irritiert, warum der Mann nichts davon weiß bzw. es sich erst von ihrer kleinen Schwester erklären lassen musste, obwohl beide sogar Drehbücher von ihrem morgentlichen Ritualen haben und er offenbar von ihren Morphium-Dosen weiß.

Ich bin darüber gestolpert, dass sie zur Abwechslung mal nüchtern und ohne Morphium war und sich deshalb im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte befinden sollte und doch (und das widerspricht sich irgendwie) kennt er sie doch scheinbar nur unter Dröhnung. Woher will er wissen, wie sie ohne (legale) Drogen drauf ist?

Für mich ist das eigentlich eine absolut nachvollziehbare Angelegenheit: Jemand, der ständig unter Drogen steht, verhält sich oft komplett anders als clean.

Was mir gut gefallen hat, war das Ende. Die Normalität, die das kleine Mädchen dabei empfindet. Sein Alleinsein mit den Bildern der letzten 20 Min. :-) Auch wie das kleine Mädchen redet - das klingt auch nach einem kleinen Mädchen und nicht nach einer Erwachsenen im Mädchenkostüm.

****

Er sah den Wunsch, das stumme Flehen nach einem Fehler seinerseits in ihren Augen. Nach einem kleinen, unbedeutenden Zucken, das sie für sich als Entschuldigung vorbringen konnte, das ihr ein Vergessen ihrer Kontrolle möglich machen würde. Sie wollte ihm wehtun.


Ich finde das zu kryptisch geschrieben. Ich musste es drei Mal lesen, bevor ich es richtig verstanden hatte.

in einer Tonlage, die sicher Diamant geschnitten hätte.


Ich bin mir nicht sicher, war du meinst. Meinst du, wenn man einen Ton von sich gibt, der Glas zerspringen (also in deinem Fall Diamanten, wobei ich nicht weiß wie hoch dieser Ton dann sein müsste) lässt?
Oder meinst du das Geräusch, wenn man mit einem Diamanten auf Glas schneidet bzw. wenn ein Diamant geschliffen wird?

Und er beobachtete sie. Nein, er beobachtete sie nicht, er versuchte, sie nicht direkt anzusehen, schließlich wollte er sie nicht reizen.


Ich weiß zwar, was du sagen wolltest, aber ich glaube, dass es verständlicher wäre, wenn du nicht sagst: er beobachtet sie - nein, er tut es nicht. Sondern wenn du beschreibst, wie er den Kopf senkt (kannst du ja mit einem Wolf vergleichen, der keinen direkten Blickkontakt zum Rudelführer sucht und sich vor ihm duckt, um sich klein und unterwürfig zu zeigen)

Ansonsten ein paar Kommafehler und hier und da noch Winzigkeiten.

Insgesamt denke ich, dass es ausbaufähig ist. ;)

Viel Erfolg

LG Zytra

von Zytra