"All You Need Is Love"?

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Re: "All You Need Is Love"?

Beitragvon anby77 » 28.11.2015, 16:10

Allein die Frage ist schon schwierig zu beantworten, weils je nach Sichtweise dementsprechend viele Ansichten gibt. Gehen wir mal in der Zeit zurück. Anno 100 v. Christi. Wilma & Fred Feuerstein. Haben die beiden (außerhalb der Zeichentrick Serie) Liebe / Gefühle füreinander empfunden? Oder war es eher ... "gezwungene" Zweisamkeit? Wobei "gezwungen" hier durchaus positiv gemeint ist. Fred ging mit seinem Höhlenmensch Kumpel Barney regelmäßig auf Brontosaurus & Mammut Jagd, damit die "Familie" was zum spachteln bekommt, kurzum: Das eigene Überleben sichern.

Die monogame Zweierbeziehung ist es verhältnismäßig junges. Die meisten der "steinzeitlichen" Jäger- und Sammlergesellschaften, die von Ethnologen untersucht werden können oder konnten, praktizier(t)en die eine oder andere Form von Polygynie. Zumindest, wenn es um die 'öffentliche' Seite geht. Da der Seitensprung aber damals bereits bekannt war, hatten de facto wohl auch viele Frauen in diesen Gesellschaften mehr als einen Sexparter. Unser Primatenerbe haben wir erst später kulturell überformt. Wobei Überreste bis heute noch daran erkennbar sind, dass Frauen ihren Ruf durch Promiskuität sehr viel stärker schädigen können als Männer.

Das, was wir "romantische Liebe" nennen ist meiner Ansicht nach ein sozial konstruiertes, kulturelles Muster und als solches nicht mehr oder weniger real als andere sozial konstruierte, kulturelle Muster auch. In diesem Fall dient es ähnlich wie Religion meiner Ansicht nach dazu, Dinge verständlich zu machen, die unserem Verstand und unseren Kontrolle entziehen, nur dass es anders als bei der Religion nicht um die Mysterien der Welt geht, sondern um die Mysterien unserer Triebnatur und Sexualität. Ein weiterer Aspekt dieser kulturellen Ausdeutungen unserer Triebe ist, dass wir uns dadurch über Tiere hinweg erheben können, die zu dieser Überformung nicht imstande sind. Wir werden dadurch zu Menschen, die ihre Triebe (mal mehr mal weniger) beherrschen, anstatt von ihnen beherrscht zu werden. Und noch ein weiterer Aspekt, den es zu berücksichtigen gilt, ist die soziale Komponente. Die Fiktion, dass es für jeden Menschen genau einen idealen Partner gibt, befriedet uns enorm. In einer Gesellschaft, in der statushohe Individuen (beiderlei Geschlechts) mehrere Sexualpartner um sich scharen, sodass weniger statushohe Individuen leer ausgehen, sind Konflikte vorprogrammiert. Es gibt genug Erzählungen von Frauenraub; eine der bekanntesten ist der "Raub der Sabinerinnen" in der römischen Mythologie, aber auch die christliche Mythologie enthält solche Geschichten - so wird z.B. in der Bibel behauptet, Gott habe Josua und Gefolgsleuten befohlen, bei der Eroberung Kanaans Männer und erwachsene Frauen zu töten, Jungfern dagegen am Leben zu lassen und für sich selbst zu nehmen. Wenn propagiert wird, dass es für jeden einen Sexualpartner gibt, und eine Bindung, wenn sie einmal erfolgt ist, nicht mehr aufgelöst werden kann, ergibt diese Vorgehensweise keinen Sinn mehr, und Frauen nicht mehr von Nachbarstämmen zu rauben sondern mit Süßholzraspelei zu gewonnen werden, beseitigt eine gewaltige Konfliktquelle.
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Re: "All You Need Is Love"?

Beitragvon Pusteblume » 30.11.2015, 20:04

Hallo, vielen Dank für eure tollen Beiträge :beckon:

Romantische Liebe ist meiner Meinung nach ein Mythos.
Romantisch verklärte Verliebtheit muss so sein um Menschen zusammenzuführen. Die Hormone spielen Verückt und alles scheint möglich.
Der Zustand wechselt aber irgendwann in Hass, Schmerz und Trennung oder auch in allmählich auslaufendes Desinteresse oder in eine zweckmäßige oder abhängige Liebe.
Alles nicht so toll :cry:
Zum Glück gibt es aber auch noch die herzenswarme Liebe, bei der sich zwei Menschen wirklich aufeinander einlassen können inkl. ausgelebter, befriedigender Sexualität, Intimität und gelegentlich romantischen Momenten.
Und wo würdest du da die Grenze ziehen? Bzw. woher weißt du was es ist?

Das, was wir "romantische Liebe" nennen ist meiner Ansicht nach ein sozial konstruiertes, kulturelles Muster und als solches nicht mehr oder weniger real als andere sozial konstruierte, kulturelle Muster auch. In diesem Fall dient es (...) meiner Ansicht nach dazu, Dinge verständlich zu machen, (...) die Mysterien unserer Triebnatur und Sexualität
Also glaubst du eher nicht an die "Zweiheit" im Wort Liebe? :wink:

müsste man erst einmal genau klären, WAS Liebe genau ist
Wo wir wieder beim Ausgangspunkt wären :wink: Wie Tinki schon sagte (und wie sich auch hier gezeigt hat), gibt es zig verschiedene Ansichten darüber :)

Was glaubt ihr, warum es so schwer ist, zu sagen bzw. zu erklären was Liebe ist?
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Re: "All You Need Is Love"?

Beitragvon anby77 » 30.11.2015, 23:06

Also glaubst du eher nicht an die "Zweiheit" im Wort Liebe?

Das kommt darauf an, wie Du fragst. In die bei uns tradierten kulturellen Muster ist die "Zweiheit" recht fest eingebaut. Ist so, es zu leugnen wäre sinnlos. Aber diese Muster entsprechen nur noch bedingt der Realität, da sehr viele (nicht ganz die Hälfte!) Ehen nicht durch den Tod eines Ehepartners enden sondern durch Scheidung. Und wenn man nicht nur formal Ehen sondern auch längere Beziehungen ohne Trauschein in die Betrachtung aufnähme, wäre der Tod des Partners vermutlich sogar ein eher exotischer Grund für das Ende von Beziehungen.
Das Gefühl, spontan, bei der ersten Begegnugn zu glauben: "Diese Frau ist es, mit der will ich den Rest meines Lebens verbringen", habe ich nie erlebt. Und ich bin in einem Alter in dem ich nicht mehr davon ausgehe, dass es sich noch einstellen wird. Um ehrlich zu sein, bin ich sogar in einem Alter, indem sich - weil sich in meiner Biographie überhaupt keine längeren Beziehungen finden - die Frage stellt, ob ich für die gängigen Formen von romatischer Liebe überhaupt empfänglich bin. Momentan tendiere ich zu einem "Nein", denn wenn ich ehrlich bin, habe ich mich bisher nie um eine Frau bemüht, weil es mir ein inneres emotionales Bedürfnis gewesen wäre (Sex steht auf einem etwas anderen Blatt, aber danach hast Du nicht gefragt und ich will nicht abschweifen), sondern weil glaubte, es gehört einfach dazu, ein Mann zu sein und ich den damit verbundenen Erwartungen genügen wollte. Inzwischen sind mir die Erwartungen nicht mehr so wichtig; daher auch meine eher abstrakt, unbeteiligte Sichtweise zu dem Thema.
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