Aller Anfang ist schwer. Wird es dann leichter???

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Aller Anfang ist schwer. Wird es dann leichter???

Beitragvon schreiberling » 24.08.2015, 10:25

Ich habe da mal eine Frage.

Meine bisherigebn längeren Schreibprojekte waren ja alle Fanfiction. Nun habe ich mich das erste Mal drangemacht, ein selbstkreiertes Projekt zu schreiben, ein High Fantasy Text in Romanlänge.

Ich arbeite mich nun seit Monaten an dem ersten Kapitel ab, habe leider da ich an Depressionen auch immer mal wieder Konzentrationsprobleme, was es nicht einfacher macht, und stelle fest, dass ich es unglaublich anspruchsvoll finde den Einstieg zu machen. Bei Fanfiction ist das alles so wunderbar einfach, da der Leser das Setting, die Charaktere und ihre sozialen Beziehungen etc schon kennt muss man scih beim Losschreiben darüber nicht die geringsten Gedanken machen.


Nun ist das aber ein originales Projekt und ich komme mir vor wie jemand der versucht 7 Bälle gleichzeitig zu jonglieren. Also ich schreibe an einem Dialog und muss dabei so viele Dinge im Hinterkopf behalten um sie passend einbringen zu können.

Folgende für die Geschichte wichtige Elemente müssen eingeführt oder zumindest angedeutet werden, ohne den Leser mit Infodump zu überfordern und langweilen, ohne ihn zu verwirren, sondern so, dass diese Elemente Interesse auf die ganze Geschichte erregen und lust machen mit mir als Autor einfach Zeit in dieser Welt zu verbringen.:

*Mehrere Hauptpersonen
*Die sozialen Beziehungen der Hauptpersonen untereinander
*Eine ganze selbsterschaffene Welt mit 3 humanoiden Rassen (zwei selbst erfunden) mit einem Land, einer Stadt, einem derzeit bestehenden politischen und sozialen Sytem, das nach einer grossen Umwälzung nicht so stabil ist, wo es komplexe politische, soziale und religiöse Konflikte gibt
*Real existiernde Götter mit verschiedenen Motiven/verschiedene religiöse Strömungen
*ein Magiesystem
*Mehrere Ebenen von geschichtlichen Ereignissen, die für Plot und Charaktere zentral relevant sind.


Das Gerüst des Plots für die gesamte Geschichte steht derzeit grob, ist aber in Details noch in Entwicklung. Zu allem Überfluss habe ich mich auch noch stur entschlossen, nicht etwas "einfaches", lineares zu machen sondern die Geschichte auf 2 Zeitebenen stattfinden zu lassen, ein Mal die Jetzt Zeit, in der auch der Einstieg stattfindet, und dann Geschehnisse in der Vergangenheit, die einer der Protas den zwei anderen erzählen wird, und die zu dem Zustand der Welt der jetzt-Zeit und den Konfliten dort geführt haben.


Schön langsam habe ich den Eindruck, dass ich mir da für einen relativen Schreibanfänger ein etwas sehr komplexes und anspruchsvolles Projekt auf den Teller geladen habe, und das wo mein Kopf auch nicht immer so ganz fit ist und ich der Typ bin der wenn er etwas macht das auch gut und auf zumindest semiprofessionellem Niveau machen will..... 8)

Ich fühle mich im Moment ein bischen wie ein Hobbywanderer, der sich ins Basislager des Mt. Evererst verirrt hat und da nun raufschaut und anfängt zu realisieren, `oh Gott`


Gibt es hier jemanden der ernsthaft High Fantasy schreibt und diesen Effekt auch erlebt hat? Gibt es da Tricks die helfen?
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Re: Aller Anfang ist schwer. Wird es dann leichter???

Beitragvon Julestrel » 24.08.2015, 11:38

Ich schreib zwar keine High Fantasy, aber ich kenne deine Probleme sehr wohl. Gerade dein Mount Everest-Vergleich ist da sehr passend.

Ich persönlich versuche mich gerade während der Rohfassung immer darauf zu besinnen, dass ich gar nicht alles auf einmal bedenken und unterbringen kann. Stattdessen konzentriere ich mich auf den Plot und auf die Hauptinfos, die ich irgendwie unterbringen muss. Bei der ersten Überarbeitung gehe ich meine unzähligen Notizen durch und versuche die restlichen Infos besser zu verteilen und die Charakter besser auszuarbeiten. Bei der nächsten Überarbeitungen kommen dann weitere Feinheiten, wie z.b. die Konsistenz der Motivation oder Charakterzüge.

So hab ich dann das Gefühl, dass ich nicht einen Mount Everest besteige, sondern eher zwei oder drei Feldberge, wo man schneller das Ziel sieht.


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Re: Aller Anfang ist schwer. Wird es dann leichter???

Beitragvon SCHWARZFEDER » 24.08.2015, 11:59

Hallo Schreiberling!

Den Mount Everest wollen wir doch alle gerne besteigen ... Allerdings solltest du dich bei deinem Berg fragen, wie viel von dem Weg nach oben der Leser auch kennen muss. Genügt es für den Anfang nicht, wenn du zur Rasse B in einem Satz erwähnst, was die gängigsten Erkennungsmerkmale oder Eigenschaften sind? Genauso ist es mit den Gottheiten etc.
Ich las neulich hier von dem Eisberg-Prinzip - dass du als Autor zwar wissen musst, was deine Völker und Religionen ausmacht, aber der Leser wirklich nur ein Fitzelchen davon mitbekommt.
Ich denke nicht, dass all deine ausgearbeiteten Dinge direkt im ersten Kapitel Platz finden, oder? Falls doch, solltest du sehen, wie du das anders machst, denn dann hast du wirklich den totalen Info-Dump.

Die Beziehungen untereinander kriegt man als Leser schnell mit. Da brauchst du keine seitenlange Abfindung über die emotionale Beziehung schreiben. Was die Welt angeht, so kannst du das auch via Eindrücke (show, don't tell) schildern, ohne tief in die Materie zu gehen. Das Magiesystem ist ebenfalls etwas, das nicht haarklein geschildert werden muss ...

Und was die Zeitlinien angeht, da nutzt du ja die Erzählperspektive und ggf. die Kennzeichnung am Anfang des Kapitels (zwar schreibst du ja noch auf dem PC, aber in vielen Büchern, die ich gelesen habe, waren Aspekte der Vergangenheit immer farblich (meist schwarz) gekennzeichnet, so das man am Buch schon sehen konnte, wo es wieder mit der Vergangenheit losgeht - ob man das will, ist eine andere Sache, geht hier auch nur um die Kennzeichnung für dich, um die Verwirrung für den Leser zu vermeiden).

Wenn ich merke, dass mein Projekt mich derzeit belastet (hatte ich letztes Jahr beim NaNo), dann mache ich eine Pause und schreibe Szenen vor, auf die ich mich schon richtig gefreut habe, oder Interaktionen, die mich derzeit mehr ansprechen. Damit die Motivation da bleibt. Oder ich mache einfach Fingerübungen, hab ich z.B. gestern gemacht und einfach irgendwas geschrieben, das mit meiner Geschichte zusammen hängt.

Immer einen Fuß vor den anderen setzen, dann besteigt man auch den Berg. :)

Liebe Grüße,
Schwarzfeder
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Re: Aller Anfang ist schwer. Wird es dann leichter???

Beitragvon Padrion » 24.08.2015, 12:16

Ja, ich finde es wird leichter, sobald man ein gewisses Gefühl für die eigene Schöpfung entwickelt hat.

Mein Tipp: fang bei Geschichten, die in anderen Welten/Zeiten spielen mit übersichtlichen Szenen an. Also nicht unbedingt auf einem belebten Marktplatz wo sich ein Dutzend fremdartiger Spezies tummeln, sondern irgendwo, wo man die fantastischen Elemente nach und nach einführen kann.
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Re: Aller Anfang ist schwer. Wird es dann leichter???

Beitragvon Dingelchen » 24.08.2015, 12:43

Schön langsam habe ich den Eindruck, dass ich mir da für einen relativen Schreibanfänger ein etwas sehr komplexes und anspruchsvolles Projekt auf den Teller geladen habe (...)

Ich fühle mich im Moment ein bischen wie ein Hobbywanderer, der sich ins Basislager des Mt. Evererst verirrt hat und da nun raufschaut und anfängt zu realisieren, `oh Gott`

Willkommen im Club ^^.
Und gleichzeitig: Nur nicht aufgeben, wenn Du schon mal eine Idee gefunden hast, die Dir zusagt und die Du gerne umsetzen würdest. Egal ob Profi oder Schreibanfänger.

Aus eigener Erfahrung kann ich nur sagen, dass da wahrscheinlich jede Menge Geduld nötig sein wird (es sei denn, man ist nicht so verplant wie ich es anfangs war xD). Ich hab also erstmal folgende Tipps: Nicht abschrecken lassen! Nicht verzweifelt sein, wenn du doch mal einiges abändern musst! -- Fehler als Chance zum Lernen betrachten! - Und wenn du so ein schwieriges Projekt erstmal auf die Beine gestellt hast, kann Dich dann wohl nichts mehr so schnell erschüttern ;)

Und:
Vielleicht ist es ganz gut, wirklich genau (!) zu planen. Wobei das natürlich von Autor zu Autor unterschiedlich ist; manche plotten jede Szene genau durch, manche schreiben auf "gut Glück" los. Bei mir persönlich ist es so ein Mittelding, wobei ich mittlerweile eher vom Drauflosschreiben zum Planen übergehe.
Zumindest die Charaktere, Antagonisten und die Welt in der mein Roman spielt (kein Fantasy) hatte ich allerdings von Anfang an sehr genau geplant, und hätte ich das nicht getan, wäre ich schon nach den ersten paar Seiten überfordert gewesen^^.
Und beim Planen - gerade wenn es bei dir um versetzte Zeiten geht - fand ich auch immer Offline-Planen hilfreich, mit bunten Stiften, nem Blatt Papier und dann Zeitstrahl, Gegenüberstellung von Charakteren, etc. Ich finde, manches lässt sich so händisch besser konstruieren.

Ist aber alles natürlich nur meine persönliche Meinung, jeder arbeitet da anders :)

Ich wünsch Dir viel Glück 8) !
"Im Mondlicht drehten sich die Paare. Die Feigheit mit der Tugend, die Lüge mit der Gerechtigkeit, die Erbärmlichkeit mit der Kraft, die Tücke mit dem Mut.
Nur die Vernunft tanzte nicht mit."

(Horváth - Jugend ohne Gott)
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Re: Aller Anfang ist schwer. Wird es dann leichter???

Beitragvon IPatricia » 24.08.2015, 13:14

Gleich vorweg meine ganz persönliche Erkenntnis: Nein, leichter wird es nie werden.

Ein Anfang ist schnell geschrieben und wieder verworfen, aber wenn du einmal begonnen hast und etwas weiter fortgeschritten bist, wird das nicht mehr so leicht.

Da ich Fantasy schreibe (Dürfte auch High Fantasy sein), kenne ich dein Problem nur zu gut. Ich habe schon seit einiger Zeit immer wieder neue Ideen zu Geschichten. Immer wieder habe ich geplottet, Charaktere entworfen, Systeme entwickelt und so weiter. Immer wieder habe ich ganz am Anfang beim ersten Kapitel begonnen - und genauso oft bin ich gescheitert. Das war ziemlich frustrierend. Ich habe gedacht, dass ich einfach nicht in der Lage bin, eine eigene Welt zu entwerfen, ohne den Leser mit seitenlangen Erklärungen zu langweilen. Ich dachte, ich bin nicht geschickt genug, die Dinge in die Handlung zu verweben.

Irgendwann habe ich gemerkt: Ich bin nicht der Typ, der ein wahnsinnig komplexes Universum entwirft, eine epische Heldengeschichte schreibt oder dergleichen. Ich möchte eine Geschichte erzählen - die meiner Hauptfigur. Und irgendwann hatte ich die Idee, an der ich jetzt arbeite. Es ist wesentlich linearer, denn es geht um ihre Geschichte in einer fantastischen Welt, die ich zwangsläufig auch entworfen habe.
Aber ich habe nicht alles bis ins kleinste Detail geplant. Auch in meiner Welt gibt es Magie, aber bis jetzt hatte ich kein echtes System, denn als Leser möchte ich keine ständigen Erklärungen von Systemen, sondern eine spannende Geschichte erleben. Jetzt, nachdem ich mein 6. Kapitel beendet habe, gibt es plötzlich eine Erklärung. Eine simple - eine, die man einfach so in einem kurzen Dialog unterbringen kann, die aber trotzdem Gewicht für die Geschichte hat.

Ich bin auch kein exzessiver Planer. Ich plotte die Story komplett durch, aber in groben Zügen. Ich skizziere meine Welt, sodass sie funktioniert, aber nicht haargenau. Ich entwerfe Charaktere, aber sie werden erst im Schreibprozess richtig greifbar. Man muss nicht alles komplett planen, bei mir ist das ebenfalls so ein Mittelding, aber das ist von Schreiber zu Schreiber verschiedenen.

Also kann ich dir nur den Tipp geben: Du musst nicht alles explizit erklären. Auch in meiner Geschichte gibt es verschiedene Rassen. Nun ja, keine Rassen. Eher Menschen, aber aus verschiedenen Ländern mit unterschiedlichen optischen Merkmalen.
Du solltest versuchen, all diese Dinge innerhalb der Handlung unterzubringen, ohne ausschweifend zu erklären (Außer es ist unbedingt nötig).

Ein Beispiel:

Du hast eine Rasse, die anders aussieht als Menschen. Diese Rasse ist speziell und die Menschen vertrauen ihr nicht. Dann könntest du eine Figur mit eben einer solchen Person dieser Rasse in einen Konflikt werfen. Deine Figur wird bedroht und ausgeraubt, dabei denkt sie sich: Immer diese durchgeknallten (Name der Rasse), die sind einfach alle gleich. Total barbarisch, aber was erwartet man auch von Menschen, denen Fell aus den Ohren wächst. Ich weiß, warum jeder die meidet. Damit hast du einen Konflikt und kannst aber trotzdem etwas näher bringen. Deine Figuren sind dein Sprachrohr, benutze sie.
Okay, es war natürlich ein lausiges Beispiel, aber ich hoffe, man versteht trotzdem, was ich meine. :D

Wie hier schon jemand anderes geschrieben hat: DU musst den gesamten Eisberg kennen, dein Leser allerdings benötigt nur die Spitze. Schreibe die Geschichte so wie du denkst, fokussiere dich auf die Handlung und die Charaktere. Erklärungen kannst du zur Not immer noch später einfließen lassen, wenn ein Testleser dir sagt: Hä, warum ist das denn so? Verstehe ich nicht, das sollte echt genauer erläutert werden.

Es wird nie leichter, weil die Fäden der Handlung am Ende zusammenlaufen. Am Ende folgen einige Erklärungen, denn am Ende steht meist die Auflösung. Das ist noch einmal ganz anders als der Anfang, aber ich bin mit meiner Geschichte noch lange nicht am Ende, deshalb kann ich dir speziell dazu nicht mehr sagen. Ich finde aber, wenn man in seiner Geschichte drin ist und sich richtig zurechtgefunden hat, fängt es erst richtig an Spaß zu machen. Zumindest ist das bei mir so, weil nicht alles genau geplant ist. Ich bekomme immer wieder kleine, kreative Einfälle und freue mich darüber, wie es sich zwischen den Zeilen entwickelt.

Du wirst deine Geschichte im Verlauf des Schreibprozesses mehr lieben lernen. Die Arbeit lohnt sich auf jeden Fall, auch wenn es nicht leicht wird.
Der Trick ist: Fang einfach an, wenn du von deinem Projekt überzeugt bist. Zweifel hat jeder. Häufig sind sie aber auch berechtigt. Ich habe nur gezweifelt, als ich ständig Ideen hatte und gemerkt habe, dass es nicht so funktioniert wie ich möchte. Aber jetzt geht es. Die Rohfassung ist immer scheiße. Ich verändere im Endeffekt viel mehr, als ich eigentlich geplant habe. Wenn du so weit bist, dann fang einfach an und sehe, wo dich die Reise hinführt. Es muss erstmal nicht perfekt sein. Je mehr du in deiner Geschichte drin bist, desto besser wird dein Gefühl dafür, wie du die Dinge angehst. :)
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Re: Aller Anfang ist schwer. Wird es dann leichter???

Beitragvon Vaerson » 24.08.2015, 18:31

Ja, es wird leichter. Und dann wieder schwerer, bevor es für kurze Zeit wieder leichter wird: Das hat etwas interessantes, Malaria-artiges.

Mein Tipp: Du schreibst Fantasy, also bleibe auch beim fantastischem: Es gibt zwei Dinge im Überfluss in unserem Zeitalter: Informationen und Ironie. Nimm Tolkien als Beispiel: In der Mitte des Hobbits erfährt man plötzlich, dass er ziemlich gut darin ist, Steine zu werfen und es werden weitere Qualitäten angedeutet, aufgrund derer der Zauberer ihn ausgewählt hätte. Nein, noch besser: "Die Kinder Hurins". Es gibt einen Stelle darin, wo Turin als erbitterter Feind des dunklen Herrschers durch Partisanenhafte Aktionen zu Ruhm gelangt und sich ihm immer mehr anschließen. Obwohl es nicht so genau beschrieben wurde, sehe ich noch immer dasselbe Bild vor Augen, wie vor Jahren als ich die Geschichte las: Ich sehe eine Zeltstadt mit ihren Fahnen, mit roten Flaggen am Hang des Berges, wovor ein breiter ein Fluss fließt. Ich kann mich auch noch genau an das Bild von Mim dem Zwerg und seinen Söhnen sehen, wie sie jeweils ein Bündel Zweige auf dem Rücken tragen und vor meinen Augen sehe ich die von den flammen rot beleuchtete Höhle, in der die Freunde Turins kämpfen und sterben. Denn es waren unglaublich starke Bilder, doch sie gingen von kleinsten Beschreibungen Tolkiens aus und sind letztendlich in meinem Kopf entstanden. Daher wäre mein Tipp nun also, erst gar nicht zu versuchen Informationen zu geben, sondern sich auf das Notwendige zu beschränken. Wenn man hierbei weise wählt, dann kann man Bilder hervorrufen, die so stark sind, dass der Leser noch Jahre später in Ehrfurcht vor dieser Perfektion fällt, dass sie mystifiziert werden und am Ende nichts mehr bleibt als ein übewältigendes Gefühl, ein Kribbeln im Nacken und ein Bild, eine Idee, so fern und unreal wie der bloße Klang des Namens - "Babylon". Denn davon lebt Fantasy doch, vom exotischem, von Mythen, Bildern aus fernen Welten; Gerade heute, wo alles vernetzt ist, wo das Wissen die Lebensbedingungen in Bangok nur eine Google-Suche entfernt sind und alles ehemals abenteuerhafte von Experten in Labors durchgeführt wird, sollte gerade in diesem Genre Kafkas Axt fallen und den Geist der Menschen aufbrechen.
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Re: Aller Anfang ist schwer. Wird es dann leichter???

Beitragvon Maggi1417 » 24.08.2015, 18:36

Also ich finde es nicht ratsam sich so dermaßen lange an einem Abschnitt aufzuhängen. Du schreibst da eine Rohfassung, du wirst den ganzen kram (und ganz besonders das erste Kapitel) sowieso noch zig mal überarbeiten, verwerfen und neu schreiben. Es ist absolut sinnlos, sich da jetzt festzubeißen.

Da das dein erstes Roman-Projekt ist solltes du dich sowieso von der Idee verabschieden, dass du da einen Bestseller schreibst. Du bist noch Anfänger, du lernst noch. Akzeptiere die Tatsache, dass dir die meisten Dinge noch nicht so gelingen, wie du es gerne hättest. Das ist völlig in Ordnung und ganz normal.
Das aller, aller wichtigste ist das du das Ding fertig schreibst. Ein so langes Projekt zu Ende zu bringen ist quasi die Hürde schlechthin. Daran trennt sich die Streu vom Weizen. Die Wannabes von denen, die es wirklich wollen. Aber auch hier heißt es wieder: Das muss man lernen. Man muss lernen, etwas zu Ende zu bringen. Wenn man es einmal geschafft hat, geht es danach ziemlich einfach, aber der allererste Roman erscheint einem mit seinen zehntausenden von Wörtern oft wie eine unüberwindbare Hürde.

Für die ersten Romanversuche gilt definitiv: Es ist egal, wie gut es wird, hauptsache du schreibst es fertig. Bei einer grottigen kompletten Rohfassung lernst du 100x mal mehr, stilistisch, technisch, emotional, als bei einem Anfang den du Monate lang überarbeitest.
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Re: Aller Anfang ist schwer. Wird es dann leichter???

Beitragvon schreiberling » 24.08.2015, 18:52

Julestrel hat geschrieben:Ich persönlich versuche mich gerade während der Rohfassung immer darauf zu besinnen, dass ich gar nicht alles auf einmal bedenken und unterbringen kann. Stattdessen konzentriere ich mich auf den Plot und auf die Hauptinfos, die ich irgendwie unterbringen muss. Bei der ersten Überarbeitung gehe ich meine unzähligen Notizen durch und versuche die restlichen Infos besser zu verteilen und die Charakter besser auszuarbeiten. Bei der nächsten Überarbeitungen kommen dann weitere Feinheiten, wie z.b. die Konsistenz der Motivation oder Charakterzüge.
l




Hm, ich habe da die Bedenken, dass wenn ich die Motivation eines zentralen Charakters an einer Stelle nachträglich ändern will evtl den halben Text umschreiben muss, weil das ja dann andere Handlungen nach sich zieht. Im Moment schraube ich plottechnisch gerade noch an einem stärkeren und bedrohlicheren Konflikt in der Jetzt-Zeitebene herum, sozusagen eine gangbare Route durch die gefährliche Nordwand meines literarischen Everest. Das muss ich machen, bevor ich diese Teile schreibe, da ich sonst in Teufels Küche komme. Zum Glück habe ich da ja bereits am Anfang des ersten Kapitels eine Fraktion religiöser Fanatiker am Start, die kommen mir da gelegen, wenn man sich IS anschaut gehen die als Hauptantagonist in diesem Anteil des Textes wunderbar.

Alles nicht so einfach.
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Re: Aller Anfang ist schwer. Wird es dann leichter???

Beitragvon Frøken » 24.08.2015, 19:00

Ich schließe mich Maggy an. Ich schreibe zwar kein Fantasy und musste zu Beginn deswegen "nur" die Charaktere selbst einführen, aber ich habe trotzdem einfach mal eine Version stehengelassen. Beim Planen fand ich die Aufhängerszene gut, jetzt ist sie allenfalls noch "ganz nett" - und während des Weiterschreibens kamen mir viele Alternativen dazu in den Sinn. Kurz - ich bin mir jetzt schon sicher, dass ich den Anfang zu einem späteren Zeitpunkt noch umschreiben werde, und dass seine Überarbeitung vielleicht länger dauern/intensiver sein wird als die des restlichen Textes.

Und du musst ja auch nicht sofort im ersten Kapitel sämtliche gestalterische Details einführen, die irgendwann einmal wichtig werden, also konzentriere dich ruhig auf die Charaktere und schreibe dann erstmal weiter. Du kannst dir ja trotzdem Notizen à la "hier was zu Göttern erwähnen" setzen, wenn dir im Moment keine Lösung dazu einfällt, du aber nicht steckenbleiben willst.

Wenn du erstmal im Schreibfluss bist, findest du auch viel eher heraus, wo inhaltlich noch feilen musst.
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Re: Aller Anfang ist schwer. Wird es dann leichter???

Beitragvon schreiberling » 24.08.2015, 19:02

Maggi1417 hat geschrieben:Da das dein erstes Roman-Projekt ist solltes du dich sowieso von der Idee verabschieden, dass du da einen Bestseller schreibst. Du bist noch Anfänger, du lernst noch. Akzeptiere die Tatsache, dass dir die meisten Dinge noch nicht so gelingen, wie du es gerne hättest. Das ist völlig in Ordnung und ganz normal..



Ich schreibe das nicht, weil ich es verkaufen will, ich schreibe es, weil sich diese Charaktere samt der Geschichte in meinem Hirn eingenistet haben wie ein hartnäckiges Paar Tauben auf einem Balkon :lol:

Und weil ich einen Plot rund um real existierende Götter, die moralisch genauso ambivalent sind wie wir Menschen, religiöse Überzeugungen und Aberglauben, Missbrauch von Religion, moralische Dilemmatas die keine wirklich "gute" Lösung bieten interessant finde. Ich hab mich bei der Gestaltung dieser religiösen Konstellation massiv bei indoeuropäisch-polytheistischen und tibetisch-buddhistischen Lehren bedient (da kenne ich mich einigermassen aus, ich bin Anhängerin des tibetischen Buddhismus, und ich fand es total spannend, das in eine Fantasygeschichte rund um reale Götter einzuarbeiten)

Und weil ich die Drachen nicht immer als strohdoofe Reittiere von Menschen oder Bösewichte dargestellt haben wollte. 8)


Mit anderen Worten, ich will den Roman schreiben, den ich selbst gerne gelesen hätte, den aber noch niemand geschrieben hat :mrgreen:
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Re: Aller Anfang ist schwer. Wird es dann leichter???

Beitragvon Vaerson » 24.08.2015, 21:17

schreiberling hat geschrieben:Mit anderen Worten, ich will den Roman schreiben, den ich selbst gerne gelesen hätte, den aber noch niemand geschrieben hat


Ah, da spricht mir jemand aus der Seele. Aber das ist ein nur noch größerer Grund einfach anzufangen und zu schreiben: Vielleicht nicht sofort diese große Geschichte, dieses Monstrum, diesem Mount Everest. Meine frühere Wohnung war halb voll mit Romananfängen (das klingt nach viel, aber die Wohnung war einfach nur winzig...) - Alles große Geschichten, alle miteinander verwoben. Aber selten kam ich weit, obwohl ich das Grobe bereits im Kopf hatte. Die Sätze waren schwer und überladen und die Szenen schwach und klischee-behaftet. Ich habe sie alle irgendwann abgebrochen, weil sie mir selbst keine Freude mehr bereiteten: Obwohl ich die Ideen mochte und sie nicht verwarf, sondern weiterführte und sie nun untrennbar (aber nicht unveränderlich) mit der ihnen zugedachten Welt verwoben sind. Erst letztes Jahr hatte ich dann einen Durchbruch: Eigentlich wollte ich nur eine "Fingerübung" schreiben, eine Szene üben. Darin sollte ein angeworbener Söldner einen Troll aus einer Silbermine vertreiben. So weit so simpel und eigentlich wollte ich vor allem eine erste Kampfszene schreiben, "Effekte" üben: Ein Desaster! Ich kam gar nicht bis zum Kampf, sondern vertiefte mich immer mehr in die Charaktere und die Geschichte der alten Straße. Aber irgendwie hat es in meinem Kopf laut Klick gemacht und ich dachte mir: Das ist es, so will ich schreiben. Und zum erstem mal hatte ich das Gefühl, wirklich einen eigenen Stil gefunden zu haben.
Deswegen: Versuche es weiter. Und wenn du noch nicht bereit für diese große Geschichte bist, dann schreib kleinere Erzählungen in derselben Welt. Hauptsache du schreibst regelmäßig, am besten täglich - Denn man kann nie wissen, was passiert, solange man sich bewegt.
Viel Glück auf jeden Fall, ob du nun gleich die große Geschichte wagst, oder dich doch lieber langsam herantastest.
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Re: Aller Anfang ist schwer. Wird es dann leichter???

Beitragvon Julestrel » 25.08.2015, 07:59

schreiberling hat geschrieben:
Julestrel hat geschrieben:Ich persönlich versuche mich gerade während der Rohfassung immer darauf zu besinnen, dass ich gar nicht alles auf einmal bedenken und unterbringen kann. Stattdessen konzentriere ich mich auf den Plot und auf die Hauptinfos, die ich irgendwie unterbringen muss. Bei der ersten Überarbeitung gehe ich meine unzähligen Notizen durch und versuche die restlichen Infos besser zu verteilen und die Charakter besser auszuarbeiten. Bei der nächsten Überarbeitungen kommen dann weitere Feinheiten, wie z.b. die Konsistenz der Motivation oder Charakterzüge.


Hm, ich habe da die Bedenken, dass wenn ich die Motivation eines zentralen Charakters an einer Stelle nachträglich ändern will evtl den halben Text umschreiben muss, weil das ja dann andere Handlungen nach sich zieht. Im Moment schraube ich plottechnisch gerade noch an einem stärkeren und bedrohlicheren Konflikt in der Jetzt-Zeitebene herum, sozusagen eine gangbare Route durch die gefährliche Nordwand meines literarischen Everest. Das muss ich machen, bevor ich diese Teile schreibe, da ich sonst in Teufels Küche komme. Zum Glück habe ich da ja bereits am Anfang des ersten Kapitels eine Fraktion religiöser Fanatiker am Start, die kommen mir da gelegen, wenn man sich IS anschaut gehen die als Hauptantagonist in diesem Anteil des Textes wunderbar.

Alles nicht so einfach.


Die grobe Motivation sollte man natürlich schon wissen, da die ja doch zum Plot gehört :) Aber bei mir ist es halt auch so, dass wenn ich die Rohfassung geschrieben habe, sich hier und da was geändert hat und man im Nachhinein sowieso nochmal über alles drüber muss. Wenn ich nun aber schon alles perfekt habe, dann fallen mir Änderung viel schwerer, als wenn es eben "nur" eine Rohfassung ist.

Aber gleich am Anfang oder sogar bei der ersten Überarbeitung alles bedenken zu wollen, das kann einen gut blockieren. Deswegen ja: Sich ruhig eingestehen, dass es nicht sofort perfekt sein muss und das man bei der Überarbeitung immer noch feilen kann.


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Re: Aller Anfang ist schwer. Wird es dann leichter???

Beitragvon Anchesa » 25.08.2015, 08:42

Ich glaube, man muss sich auch einfach von dem Gedanken loslösen, dass ein Manuskript "fertig" ist, sobald man den letzten Satz geschrieben hat. Dann fängt es ja eigentlich erst an: die Überarbeitung, die Feinheiten einweben, manchmal grobe Plotlöcher stopfen etc. Wenn man sich das bewusst macht, also das Manuskript auch erst dann wirklich als fertig sieht, wenn es dann das 3. oder 4. Mal überarbeitet ist, nimmt glaube ich auch noch einmal ein bisschen den Druck heraus - war bei mir zumindest so. :)
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Re: Aller Anfang ist schwer. Wird es dann leichter???

Beitragvon HappyMephisto » 25.08.2015, 10:02

Kurze Antwort:
Nein, es wird nie leichter.

Lange Antwort:
Wenn du nicht immer wieder die selbe Szene schreibst, wirst du zwangsweise neue Herausforderungen treffen. Action, Drama, Tragödie, Komödie, Dialog, Liebesszenen, Landschaftsbeschreibungen - niemand ist in allem perfekt, irgendwo gibt es immer eine Lücke.
In einigen Interviews mit veröffentlichten Autoren (und keine kleinen, völlig unbekannten) hieß es immer wieder, dass jedes Buch ein neues Abenteuer ist, bei dem sie Angst haben endlich als der talentlose Lügner entlarvt zu werden, der sie sind.
Ist ja auch logisch: Abgesehen von Wolfgang Hohlbein schreiben die wenigsten Autoren einige Dutzend Male das gleiche Buch.

Was die einzelne Story angeht, besonders wenn sie länger ist, gilt das genau so. Die Charaktere verharren nicht statisch auf ihrem Ausgangsfeld, Motivationen, Freundschaften und Bündnisse ändern sich, neue Orte müssen eingeführt, die Geschichte in alten zu einem Ende gebracht werden usw.
Das wird nie einfacher, weil es immer und überall neue Details gibt, die man mitteilen könnte, noch ein bisschen mehr Hintergrund, diese lustige Anekdote über den Charakter #847.

Mir hat dabei sehr geholfen, was einige hier schon vorgeschlagen haben:
Lös dich vom Perfektionismus. Wenn man selbst bei Stephen King, J.K. Rowling und George R.R. Martin Fehler findet, wirst du das Rad nicht neu erfinden mit deinem ersten Projekt.
Schreib drauf los...und dann treibst du dem Manuskript alle Fehler aus, mit Feuer und Federmesser.
Probier mal was neues - und wenn es nicht funktioniert schreibst du es halt um. Notfalls 37 Mal, weil, wie Hemingway sagte, ¨die Wörter nicht gepasst haben¨.
"und wer ihn sah, mußte zu der Anschauung gelangen, daß ein Schriftsteller ein Mann ist, dem das Schreiben schwerer fällt als allen anderen Leuten."
- Thomas Mann, 'Tristan'
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