An die erfahrenen Lyriker!

Tipps, Ratschläge und Diskussionen zur Lyrik. Wie machst du das? Hilfe bei Schreibblockaden und Anfangsschwierigkeiten für Dichter

An die erfahrenen Lyriker!

Beitragvon Tine87 » 06.07.2014, 08:58

Hoffentlich ist es in Ordnung, dass ich euch nochmal in so kurzer Zeit belästige.
Jedoch habe ich ein Anliegen, das mir wichtig ist. Gedichte schreibe ich noch nicht sehr lange und vielleicht können mir, vor allem die erfahrenen Lyriker, dabei weiterhelfen.

Ich habe mir in verschiedenen Foren Kommentare zu Gedichten durchgelesen. Dabei ist mir oft etwas aufgefallen. Dem Autor wurde gesagt, dass man gewisse Dinge nicht schreiben kann, da sie so „in der Natur“ nicht möglich sind. Mir ist das ebenso schon passiert. Jedoch ist das nicht immer so.
Wo zieht man die Grenze? Was darf man und was nicht? Warum müssen manche Dinge mit den Naturgesetzten übereinstimmen und manche nicht, woher weiß man, wann man es machen muss? Wieso muss man diese Grenzen überhaupt ziehen? Damit ihr mich versteht erkläre ich es mal an Beispielen.

Im ersten ging es um eine Friedenstaube

Du trägst Federn aus Gestein
die dir im Wege stehen.

Soll nicht gehen, da Federn nicht auf der Erde liegen.
Dies sollte aber nur ausdrücken, dass sie sie behindern.
So wie eine Angst einem auch im Wege stehen kann.

Die Sonne kraucht aus ihrem Loch
und kletterte zum Himmel hoch.

Ist physikalisch unmöglich.

ABER:

Ich streiche den Himmel blau.

In Büchern können Kinder zaubern und durch Wände gehen.

Ist beides praktisch auch unmöglich.



Ich hoffe ich konnte mich mit dem was ich meine, irgendwie verständlich machen.

Liebe Grüße
Tine87
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Re: An die erfahrenen Lyriker!

Beitragvon Arminius » 06.07.2014, 18:48

Ich weiß nicht, was dass für Leute sind, die so etwas schreiben. Lyrik schreit geradezu nach solchen Dingen, denn Lyrik ist eine Ansammlung von Stilmitteln wie Metaphern etc. Lyrik darf oder sollte man nicht mit dem naturwissenschaftlichen Maßstab messen. Lyrik ist immer Überhöhung und Versinnbildlichung. So stand der dunkle Wald in der romantischen Dichtung oftmals für Angst und der Hafen für Sicherheit.
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Re: An die erfahrenen Lyriker!

Beitragvon Bonaventura » 08.07.2014, 18:57

Dem Autor wurde gesagt, dass man gewisse Dinge nicht schreiben kann, da sie so „in der Natur“ nicht möglich sind.
Tja, wenn das so gesagt wurde, werden wir wohl einen Großteil der Lyrik, die gesamte Metaphorik und eigentlich alle Mythen, Sagen und Märchen einstampfen müssen.
Fenrir verschlingt den Mond? Geht doch gar nicht!

Gut zu wissen. :mrgreen:
Some flowers never bend towards the sun.
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Re: An die erfahrenen Lyriker!

Beitragvon grit » 08.07.2014, 21:14

Ich glaube, hier gibt es ein Missverständnis.
Es geht nicht darum, ob etwas in der Natur möglich ist, sondern darum, ob ein sprachliches Bild stimmig ist. Vielleicht hielt der Beurteilende das Beispiel mit der Friedenstaube für etwas unglücklich gewählt, denn wenn man hört: Federn aus Gestein, dann hat man ein Bild von einer steinernen Taube ( Bildhauerarbeit oder so ) vor Augen, die Federn sind ja Teil des Körpers, wenn sie sie trägt, also können sie nicht im Weg stehen.
Du sagst, du wolltest ausdrücken, dass die steinernen Federn sie behindern, also wäre vielleicht nicht "im Wege stehen" zu benutzen, sondern etwas, das z.B. die Schwere bildlich darstellt.
Die Federn aus Gestein verhindern, dass sie sich in die Luft erheben kann, ziehen sie hinunter, lassen sie am Boden verharren - dann wird das Bild in sich wieder stimmig.

Ich bin nicht gut darin, so etwas in lyrische Form zu bringen
( bin nur Konsument, nicht Produzent von Lyrik ),aber ich hoffe, meine Erklärung ist einigermaßen verständlich.
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Re: An die erfahrenen Lyriker!

Beitragvon Tine87 » 10.07.2014, 13:27

Es ging darum, ob etwas in der Natur möglich ist.
Bei dem Beispiel mit der Taube bin ich auch der Meinung, da passt wahrscheinlich das sprachliche Bild nicht.
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Re: An die erfahrenen Lyriker!

Beitragvon Kelpie » 13.07.2014, 12:35

Ich denke, die Frage ist weniger, was "in der Natur vorkommt", als was dem Leser gefällt. Geschmäcker sind verschieden - mir gefiel das Bild mit der Taube und jenes mit der Sonne finde ich sehr eindrücklich. Da jetzt mit physikalischen Gesetzen zu kommen, finde ich so irrsinnig, dass sich mir mein Gehirn verknotet, auf der Suche nach einem Grund.

Schwimmende, feuerspeiende Drachen sind auch physikalisch schwer möglich, Paolini.
Uruk-Hais aus Bäumen sind auch physikalisch schwer möglich, Tolkien.

Das sind zwar keine Poeten in dem Sinne, aber ich finde, zumindest beim Schreiben sollte es unseren eingeengten, durch Regeln und Gesetze verkorksten Geistern noch möglich sein, Grenzen einzureißen und Dinge jenseits und über die Vernunft hinaus anzusprechen und darzustellen.
Das ist in meinen Augen die Aufgabe der Kunst, egal ob literarisch, bildend oder musikalisch. Oder wurde Franz Marc belehrend darauf hingewiesen, dass Pferde nicht blau sind?

In diesem Sinne: Lyriker sollten Grenzen einreißen, sie nicht bestimmen. Wenn jemand Normen ziehen möchte, dann hat er in meinen Augen etwas von der Materie und dem Wesen der Kunst nicht begriffen.

Viele Grüße,
Kelpie
Derweilen ist auf dem Feld schon alles gewachsen, bevor die wussten, warum und wie genau es gedeiht. (Franziska Alber)
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Re: An die erfahrenen Lyriker!

Beitragvon Sedna » 26.02.2015, 18:54

Hallo Tine,

ich sehe mich hier mit Fragmenten eines - oder zweier - Gedichte, zu denen du deine Fragen stellst. Das ist für mich ziemlich schwierig. Ich hätte das lieber aus dem Kontext, d.h. das ganze oder beide Gedichte dazu gelesen, damit ich mir (je) ein ganzes Bild machen kann. So könnte ich deine Formulierungen besser nachvollziehen. Ich antworte hier nicht als erfahrene Lyrikerin, sondern als Gefühlsmensch. Das bist du nämlich auch. Ich finde es großartig, wie du dazu stehst, und ich möchte dich ermutigen, dich ganz zu zeigen - und zu diskutieren. Es ist ein wertvoller Teil von dir, der dich bewegt hat, das so zu schreiben. Lass dich nicht beirren. Lyrik ist frei von Grenzen. Die Grenzen, die dir hier genannt wurden, sind ebenso subjektiv, wie deine Zeilen. Damit steht also Wort gegen Wort, sonst nichts.

Lyrik ist nicht immer bequem und hübsch. Sie hat Freiheit und Dynamik. Das hast du gut erkannt. Deine Worte implizieren groteske Bilder, damit mag eben nicht jeder umgehen. Horch in dich hinein, sind deine Worte für dich stimmig, dann ist es deins.

Ich wurde mal von einem Verleger ziemlich heruntergeputzt. Meine Gedichte seien keine Lyrik, viel zu "blutlos". Das war erstmal ein Schlag, doch hat mich das auch wieder angespornt, mehr auszuprobieren. Auf diesem Weg bist du ja längst. :wink:

Viele Grüße,
Sedna
In den tiefsten Tiefen befindet sich der Weg nach oben.
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Re: An die erfahrenen Lyriker!

Beitragvon Justin » 12.05.2015, 16:15

In der Lyrik sowie in der Literatur gibt es keine Naturgesetze - wohl aber Stilrichtungen und Gepflogenheiten. Was nicht heißt, dass man sie einhalten muss.

Wenn man mit Wörtern Bilder malt, sollen die Farben zueinander passen.

Manche Metaphore oder Bilder passen besser zueinander oder sind in sich stimmiger als anderen - Die Kunst des guten Schreiben ist es, die Wörter zu finden, die genau das ausdrücken, was man sagen möchte.

Mit der Zeit, findet man einfach andere Wörter und kann sie auch besser zusammen stellen, dass die Bilder, die man damit malt, einfach großartiger sind als am Anfang.

Also Kopf hoch und weiter Schreiben - nur so wird man als Schreiber besser.
You can observe a lot just by watching.
Justin
 
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