[Histo]Angriff auf eine Burg - Nur eine kurze Szene

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[Histo]Angriff auf eine Burg - Nur eine kurze Szene

Beitragvon Julchen » 26.09.2014, 09:28

Diese Szene ist mir auf der Festung Chinon in Frankreich eingefallen.
Sie ist recht kurz und auch nicht aus einer Geschichte herausgenommen, da es eine solche um der Szene herum noch nicht gibt.
Sie ist auch mehr eine Übung für die Ich-Perspektive. Ich möchte mit ihr gerne die Resignation einfangen, die den Protagonisten angesichts der Übermacht, die die Burg angreift, einnimmt. Ist mir das gelungen?
Das es eine Geschichte noch nicht gibt, muss ja nicht heißen, dass es eine solche nie geben wird. Von daher würde mich auch interessieren, wie ihr euch den Protagonisten vorstellt.

Vielen Dank im Voraus.


Der Tag ist heiter. Der Wind trägt den Geruch von Pferden herauf. Aber auch das Klirren von Rüstungen. Die Reiterschaft wird bald die Schwerter aus den Scheiden ziehen. Hinter ihren Reihen sehe ich die Belagerungsgeräte und Rammböcke. Und sogar ein Trébuchet.
Ich habe viel von diesen Katapulten gehört, doch noch nie eines gesehen. Es mutet mich dumm an, dass das Erste, das ich zu Gesicht bekomme, einen Brocken nach den anderen auf mich werfen wird.
Das Wiehern der Pferde wird lauter. Ich drehe mich um, sehe über die Köpfe der Kriegsknechte zu dem Wachholderstrauch. Normalerweise tummeln sich zwischen seinen Ästen aufgeregt zwitschernde Vögel. Sie sind weg. Sie haben sich verzogen, so wie bei Gewitter.
Ich sehe wieder über die Brüstung. Fußvolk hat sich zwischen der Reiterschaft nach vorne geschoben. Die ärmsten Schweine. Die Ritter werden sich nach dem ersten Ansturm zurückziehen und ihr Vergnügen im Umland suchen und erst dann zurückkommen, wenn ihre Knechte die Arbeit getan haben.
Da ich niemanden auf der Burg sehen will, den mein Herr nicht eingeladen hat, nehme ich den Bogen und lege einen Pfeil an. Das Kommando zum Abschuss erfolgt, als der erste Rammbock gegen das Tor der Vorburg trifft.
Sie fällt. Es herrscht heilloses Durcheinander. Äxte spalten Köpfe bis zu den Zähnen. Die Angreifer und unsere Männer stolpern über abgetrennte Beine und Arme. Feuer! Rauch mischt sich mit dem Geruch von Blut. Mütter werden angerufen, sowie die Jungfrau Maria. Tränen.
»Los! Drinnen gibt’s Wein!« »Die Weiber zu mir!«, höre ich sie schreien.
Ein Angreifer verliert sein Leben durch eine Lanze. Aber sein Tod kann nicht darüber hinwegtäuschen: Morgen wird die Burg fallen.
Zuletzt geändert von Julchen am 27.09.2014, 14:22, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Angriff auf eine Burg - Nur eine kurze Szene

Beitragvon brehb » 26.09.2014, 11:21

Hallo Julchen,

ich habe deinen Text gerne gelesen.

Du fragst:
Ich möchte mit ihr gerne die Resignation einfangen, die den Protagonisten angesichts der Übermacht, die die Burg angreift, einnimmt. Ist mir das gelungen?

Antwort: Nicht wirklich Resignation. Dafür wirkt dein Prota zu distanziert. Er wirkt wie der schöngeistig angehauchte Biograph/Burgschreiber "seines Herrn", der sich, weil die Situation es fordert, als Bogenschütze in die Reihen der Verteidiger einreiht. Er "erlebt" das Katapult als dumme Anmutung, weil es ihn persönlich bewerfen wird, anstatt sich "ansehen" zu lassen. Er erlebt den Angriff vorweg, weil er den Überblick hat, wie so etwas läuft. Und als dann wirklich gekämpft wird, tritt er fast gänzlich zurück, ist nur noch Zuhörer, kein Ich-Erzähler.

Ein paar Worte zur Ausführung.
Du schreibst einige Elipsen. Die Meisten wirken stimmig, die hier...
Haben sich verzogen, wie sie es tun, wenn ein Gewitter aufzieht.

...eher nicht. Sie wirkt einfach wie ein Satz, dem leider das Subjekt fehlt.

Sie haben sich verzogen, so wie bei Gewitter.

Äxte spalten Köpfe bis zu den Zähnen. Überall liegen abgetrennte Gliedmaßen.

Ich würde keinen Allsatz (überall) an dieser Stelle schreiben, es wirkt wie quantitative Manipulation des Lesers. Hier wäre "eines" repräsentativ für viele/alle vernünftiger/überzeugender

Äxte spalten Köpfe bis zu den Zähnen. Jemand stolpert am Brunnen über ein abgeschlagenes Bein.

Ein Mann verliert sein Leben durch eine Lanze.

Wegen des Folgesatzes besser: Ein Angreifer verliert sein Leben...

LG brehb
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Re: Angriff auf eine Burg - Nur eine kurze Szene

Beitragvon Julchen » 27.09.2014, 14:26

Danke brehb für deinen Kommentar.
Deine Änderungsvorschläge habe ich übernommen.

brehb hat geschrieben:Er wirkt wie der schöngeistig angehauchte Biograph/Burgschreiber "seines Herrn"


Und danke auch für diese Einschätzung.
Sie gefällt mir sehr gut. Mal schau'n, wie die Geschichte einmal ausschauen wird. Ein Biograph ist für mich auch eine Herausforderung.

Grüßle
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Re: Angriff auf eine Burg - Nur eine kurze Szene

Beitragvon Justin » 27.09.2014, 18:12

Hmm Julchen,

ich weiß nicht so recht was ich sagen soll...

Mir fehlt jegliche Form der Emotion und Spannung. Das ganze scheint auch innerhalb von wenigen Minuten abzuspielen. Ich muss brehb Recht geben - alles wirkt sehr, sehr, sehr distanziert und unbeteiligt.

Die Belagerung einer Burg war eine Sache von Tage, Wochen manchmal auch Jahren. Wenn hier ein Trebuchet im Spiel ist, dann handelt es um eine große Burg mit vielen Verteidigern und Angreiffern. Mit dieser Waffe/Waffen würde man versuchen erst einmal eine Breche in der Mauer zu reisen - gleichzeitig, würden Sapper/Pioniere versuchen, die Mauer zu untergraben. Scheinangriffe werden unternommen um die Burgverteidiger auf Trapp zu halten. Die Burgverteidiger werden natürlich Gegenangriffe (Ausfallangriffe) starten um die Angreifer zu stören und und und... Wie du siehst, ist das alles sehr aufwendig und langatmig.

Setzt man das alles schon voraus und die Scene handelt um die letzte Angriff durch die Bresche, dann kannst du schildern, wie Nervenaufreibend die ganze Woche vorher war sowie die Schlaflosigkeit, der Hunger, die Erschöpfung usw. Wichtig dabei wäre, wie der Prota sich selber dabei fühlt (schließlich willst du die Ich-Perspektive üben). Angst, Panik, Erregung oder was halt immer.

Die Figur kommt uns Leser nie näher. Ich bin der Meinung, dass für diese kurze Scene, Nähe zur Figur sehr gut tun wurde. Er Steht auf der Mauer und feuert Pfeil um Pfeil in den nicht enden wollenden Strom von Angreifern, die durch die Bresche kommen, hinein und irgendwann gehen ihn die Pfeile aus und er wird auch seine Schwert ziehen und sich in die Handgemenge werfen müssen. Die Situation ist Aussichtslos und die Burg ist verloren - was denkt er dazu? Betet er, denkt er an seiner Familie, an seine Frau und Kinder, denkt er an Treue zum Burgherr oder denkt an Flucht?

Ich hoffe, dass ich dich ein wenig damit helfen könnte.

LG J.
You can observe a lot just by watching.
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Re: Angriff auf eine Burg - Nur eine kurze Szene

Beitragvon Kelpie » 27.09.2014, 19:29

Hallo Julchen,

hm, also ehrlich gesagt habe ich schon etwas gezweifelt, als ich die Länge des Textstückes sah. Ich konnte mir partout nicht vorstellen, dass man innerhalb so weniger Zeilen den Angriff auf eine Burg unterbringen kann (+ Gefühle des Protagonisten, Eindrücke usw.)

Mein Eindruck trog mich nicht.

Der Tag ist heiter. Der Wind trägt den Geruch von Pferden herauf. Aber auch das Klirren von Rüstungen. Die Reiterschaft wird bald die Schwerter aus den Scheiden ziehen. Hinter ihren Reihen sehe ich die Belagerungsgeräte und Rammböcke. Und sogar ein Trébuchet.
Ich habe viel von diesen Katapulten gehört, doch noch nie eines gesehen. Es mutet mich dumm an, dass das Erste, das ich zu Gesicht bekomme, einen Brocken nach den anderen auf mich werfen wird.

Du beginnst mit "Der Tag ist heiter" und beschreibst dann idyllisch das Herannahen von Reitern mit Schwertern. Als Leser denke ich "wow! Da kommen Verbündete :3" Stattdessen stelle ich im letzten Satz fest, dass diese >heitere< Aufzählung (!) den Feind beschreibt und der Protagonist eigentlich um sein Leben fürchten muss. Das Gefühl von Angst kommt hier gar nicht bei mir an. Vielmehr erscheint mir der Protagonist abgebrüht, gleichgültig, sachlich.

Das Wiehern der Pferde wird lauter. Ich drehe mich um, sehe über die Köpfe der Kriegsknechte zu dem Wachholderstrauch. Normalerweise tummeln sich zwischen seinen Ästen aufgeregt zwitschernde Vögel. Sie sind weg. Sie haben sich verzogen, so wie bei Gewitter.

Mal abgesehen davon, dass dieser beschreibende Absatz seine Funktion nicht erfüllt (das Grauen des Angriffs auf eine Nebenschiene umzulegen und dadurch Atmosphäre zu schaffen), habe ich Probleme mit den Aussagen der Sätze.
1. Wieso dreht der Protagonist sich um, damit er die Kriegsknechte sieht, wenn er bereits zuvor die Katapulte etc. erblickte?
2. Vögel wittern Gefahr und fliegen weg, das ist richtig. Aber der Angriff auf eine Burg ist nicht unbedingt eine Gefahr für Vögel, solange nicht ihre Nester in den Dachschindeln bedroht werden (und immerhin sitzen sie hier in den Wacholdersträuchen) oder kein Feuer entsteht.

Ich sehe wieder über die Brüstung. Fußvolk hat sich zwischen der Reiterschaft nach vorne geschoben. Die ärmsten Schweine. Die Ritter werden sich nach dem ersten Ansturm zurückziehen und ihr Vergnügen im Umland suchen und erst dann zurückkommen, wenn ihre Knechte die Arbeit getan haben.

Meines Wissens dürfte das historisch nicht ganz den Tatsachen entsprechen. Ritter wurden für ihre Dienste bezahlt - da konnten die nicht einfach vor dem Angriff abhauen. Vor allem da sie die Hauptkraft des Angriffes führten, das heißt, sie waren jene, die überhaupt irgendetwas erreichen konnten. Außerdem mussten sie ihre Untergebenen anführen, die hatten doch keine Ahnung von Krieg. Das bäuerliche Fußvolk allein hat kämpferisch überhaupt keinen Nutzen (man siehe die Bauernaufstände zur Zeit Luthers).

Da ich niemanden auf der Burg sehen will, den mein Herr nicht eingeladen hat, nehme ich den Bogen und lege einen Pfeil an. Das Kommando zum Abschuss erfolgt, als der erste Rammbock gegen das Tor der Vorburg trifft.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Mann, der das Kommando gibt, tatsächlich wartet, bis der Rammbock an das Tor klopft. Wenn man eine bewaffnete Menschenmasse mit Katapulten und Rammböcken sieht, dann geht man bestimmt nicht davon aus, dass sie um eine Übernachtung bitten. Ich bin mir außerdem nicht ganz sicher, ob es vor einem Angriff nicht erst einmal eine Besprechung zwischen den Herren der unterschiedlichen Parteien gab. Da müsstest du dich an jemanden wenden, der diesbezüglich mehr von der mittelalterlichen Geschichte versteht.

Sie fällt. Es herrscht heilloses Durcheinander. Äxte spalten Köpfe bis zu den Zähnen. Die Angreifer und unsere Männer stolpern über abgetrennte Beine und Arme. Feuer! Rauch mischt sich mit dem Geruch von Blut. Mütter werden angerufen, sowie die Jungfrau Maria. Tränen.

Bei diesem Absatz war ich erstaunt. Ein Burgüberfall ist wirklich eine höchst spannende Situation. Die Furcht, ehe die Mauer fällt, das "heillose Durcheinander", das dann folgt. All das sind Dinge, die man sehr ausführlich und spannend beschreiben kann; stattdessen wickelst du es in wenigen Sätzen und ohne die leiseste Spannung ab, das finde ich schade.

»Los! Drinnen gibt’s Wein!« »Die Weiber zu mir!«, höre ich sie schreien.
Ein Angreifer verliert sein Leben durch eine Lanze. Aber sein Tod kann nicht darüber hinwegtäuschen: Morgen wird die Burg fallen.

"Morgen" erscheint mir recht optimistisch, wenn das Tor ja schon gefallen ist. Eine Stunde wäre da vielleicht realistischer.
Der letzte Satz könnte ansonsten vielleicht einen Schauer über den Rücken jagen, wenn - du vorher Spannung erzeugt und den Leser mitfühlen lassen hättest. Aber ich habe keinerlei Beziehung zum Protagonisten, sein Ende ist mir herzlich gleichgültig, daher finde ich auch den Untergang der Burg nicht sehr schockierend.

Was mir fehlte:
- Ein Gefühl für den Protagonisten (er erfüllte lediglich die Funktion des Erzählers, schien mir aber kein Individuum zu sein)
- Eindrücke (Gerüche, Gefühle, Geräusche)
- Abfolge/Beschreibung des Angriffs

Ich hoffe, ich konnte dir trotz harter Kritik helfen,
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Re: Angriff auf eine Burg - Nur eine kurze Szene

Beitragvon Julchen » 03.10.2014, 15:19

Hallo Justin, hallo Kelpie,

erstmal Entschuldigung, dass ich erst heute auf eure Kommentare antworte. Aber die Zeit ...

Ich werde eure Punkte aufgreifen, sobald ich weiß, wie ich die Geschichte aufziehen werde; als Ich-Erzählung oder als Erzählung eines Biographen.
Dann gibt es auch die Geschichte vor dem Fall der Burg.
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Re: Angriff auf eine Burg - Nur eine kurze Szene

Beitragvon EnWeZed » 04.10.2014, 01:55

Ganz ehrlich: Mir hat's nicht gefallen.

Du benutzt viel zu kurze Sätze, die mich aus dem Lesefluss reissen und wickelst Geschehnisse, die sich über mehrere Kapitel erstrecken könnten, innerhalb weniger Sätze ab. Als es beginnt, stehen schon alle auf der Mauer und der Protagonist ist weniger resigniert als zynisch. Er kommt für mich rüber, als wäre das der zehnte Fall der Burg, den er miterlebt, so stichpunktartig und trocken wickelt er die ganze Erzählung ab.
"Och, hier'n Arm, da ein Bein, steigste halt drüber, gab es alles schon einmal, dass lässt mich völlig kalt."
Ich habe nur darauf gewartet, dass er seinen Bogen beiseite wirft, sein Auge rot aufleuchtet und er den General der gegnerischen Armee mit einem einzigen Schuss ausschaltet, "Ziel: Terminiert." sagt und dann zu unglaublich ohrwurmiger Musik durch ein Wurmloch verschwindet.
Wenn du das ganze etwas spannender gestalten willst, bau diesen "Was zum Geier ist das?!"-Effekt ein. Er hat von Trebuchets gelesen, dass heißt aber nicht das er sie auf den ersten Blick erkennt als würde einer die Dinger auf dem Marktplatz zu den lächerlisten Preisen verjubeln. Lass ihn das Ding analysieren und dann feststellen, dass er schonmal etwas darüber gelesen hat.
Wieso macht er sich nicht sorgen um seinen Arsch, wenn er da oben auf der Mauer steht und ne verdammte Armee auf sich zukommen sieht? Wenn ich sehen würde, wie das Fußvolk umgeklatscht wird und die gegnerische Armee auf die Mauern zumarschiert, würde mein Arsch gehörig auf Grundeis gehen. Resignation hin oder her. In solchen Momenten schaut man nach links, nach rechts, guckt wie der Nachbar reagiert und versucht sich anzupassen, bevor man die nächste Entscheidung trifft.
An seiner Stelle wäre ich sogar leicht optimistisch, denn diese Happy-go-Lucky-Ritter stehen nicht gerade für eine gute Teammoral.
"Och wisst ihr was? Die da vorne sind ja nur in einer Burg, wenn ihr uns sucht: Wir gehen mal eben das Nachbardorf raiden, um einen Held für den nächsten Hollywoodklischeefilm zu erschaffen", sagen die Ritter und ich, als Soldat auf der Mauer, sehe das und denke mir: "Was für Nulpen. Leute, mit etwas Moral kriegen wir die. Wir haben eine verdammte Burg und die sind ein undisziplinierter Haufen!"
Wenn der Fall dieser Burg ein Plotpunkt im Gesamtwerk ist, kannst du das Ziel auch erreichen, indem du andere Mittel verwendest.
In der jetzigen Form ist es langweilig und nicht wirklich lesenswert.

Mein Tipp: Mehr von allem. Versuch, in den Soldaten zu schlüpfen und mal ganz realistisch zu sehen, wie ein Mann in seiner Situation reagieren würde. Sicherlich nicht ganz so sachlich, als würde er ne Reportage für RTL drüber schreiben!
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Re: Angriff auf eine Burg - Nur eine kurze Szene

Beitragvon MartinNbg » 11.10.2014, 23:22

Meiner Meinung nach solltest du die Szene nochmals grundsätzlich überarbeiten. Dies hat mehrere Gründe:

Inhaltlich:
Die Stimmung (Resignation) kommt nicht wirklich rüber. Dafür wirkt dein Text zu sachlich-distanziert.
Im ersten Absatz schreibst du etwa:

[quote=Julchen] Der Tag ist heiter. Der Wind trägt den Geruch von Pferden herauf. Aber auch das Klirren von Rüstungen. [/quote]
Dieser Einstieg bringt weder besondere Informationen (Wer ist der Erzähler? Wo befindet er sich? In welcher Zeit spielt die Geschichte?), was sinnvoll wäre, wenn du einen eher sachlichen Stil bevorzugen würdest, noch handelt es sich um eine spannende Szene - es passiert ja nichts - was eher zu einer fesselnden Erzählung passen würde.
Die Reiterschaft wird bald die Schwerter aus den Scheiden ziehen. Hinter ihren Reihen sehe ich die Belagerungsgeräte und Rammböcke. Und sogar ein Trébuchet.
Ich habe viel von diesen Katapulten gehört, doch noch nie eines gesehen. Es mutet mich dumm an, dass das Erste, das ich zu Gesicht bekomme, einen Brocken nach den anderen auf mich werfen wird.



Das klingt eher nach einem außenstehenden Beobachter als nach jemandem, der Angst um sein Leben hat oder befürchtet, gegen die Angreifer nichts ausrichten zu können.

Anstatt des Satzes „Es mutet mich dumm an…“ hätte ich etwa geschrieben:
„Wir werden diesen Angriff vielleicht einige Zeit aufhalten können, doch weiß ich, dass wir dem Feind waffentechnisch nichts entgegenzusetzen haben. Ohne rechte Zuversicht greife ich zu Pfeil und Bogen“
(warum du ihn das bereits hier tun lassen solltest, werde ich weiter unten anführen)

Es folgt eine sachliche Beschreibung:
Ich drehe mich um, sehe über die Köpfe der Kriegsknechte zu dem Wachholderstrauch. Normalerweise tummeln sich zwischen seinen Ästen aufgeregt zwitschernde Vögel. Sie sind weg. Sie haben sich verzogen, so wie bei Gewitter.
Ich sehe wieder über die Brüstung. Fußvolk hat sich zwischen der Reiterschaft nach vorne geschoben.

Der Satz
Die ärmsten Schweine!

stellt einen Stilbruch dar. Vorher distanziert - sachlich, nun drastisch ausgedrücktes Mitleid, sogar mit dem Feind.

Anschließend beschreibst du sehr kurz den Angriff selbst:
Da ich niemanden auf der Burg sehen will, den mein Herr nicht eingeladen hat, nehme ich den Bogen und lege einen Pfeil an. Das Kommando zum Abschuss erfolgt, als der erste Rammbock gegen das Tor der Vorburg trifft.

In meinen Augen ist dir diese Teilszene zu kurz geraten.
Historisch war ein Angriff auf eine Burg keine Sache, die derart schnell erfolgen konnte: Rammböcke oder Katapulte heranzubringen, dauerte. Solche Geräte waren schwer; sie mussten mit menschlicher oder tierischer Kraft über unebenes Gelände, beim Angriff auf Burgen auch Berge hinauf, geschleppt werden.Die Verteidiger hätten zudem schon lange, bevor diese zum Einsatz kamen, zu den Waffen gegriffen, zumal, wenn darin ihre einzige Chance lag, da der Feind waffentechnisch überlegen war.
Vom Ablauf her wäre also glaubwürdiger, wenn der Protagonist gleich zu Beginn auf Befehl seines Herrn zu Pfeil und Bogen greift und im Lauf der Geschichte erkennt, dass die Angreifer aufgrund ihrer zahlenmäßigen Überlegenheit trotz des Beschusses weiter vorrücken. Erst zu schießen, wenn die Rammböcke vor dem Tor stehen, wäre militärisch gesehen eine grobe Dummheit: Solange die Verteidiger vom Wehrgang aus herunterfeuern können, sind sie im Vorteil, auch gegenüber an sich überlegenen Angreifern. Den hätte jeder Burgkommandant ausgenützt.
Aus diesem Grund ist es auch nicht sonderlich glaubwürdig, dass nur ein einziger Angreifer fällt.

Im vorletzten Absatz scheinst du den Höhepunkt setzen zu wollen:
Sie fällt. Es herrscht heilloses Durcheinander. Äxte spalten Köpfe bis zu den Zähnen. Die Angreifer und unsere Männer stolpern über abgetrennte Beine und Arme. Feuer! Rauch mischt sich mit dem Geruch von Blut. Mütter werden angerufen, sowie die Jungfrau Maria. Tränen.
»Los! Drinnen gibt’s Wein!« »Die Weiber zu mir!«, höre ich sie schreien.

Dieser Teil ist dir am besten gelungen: Du gibst die Stimmung von Durcheinander, Angst, Tod und Schrecken sehr gut wieder. Hier passt auch dein Stil mit sehr kurzen Sätzen ("Feuer!") und drastischen Beschreibungen ("Äxte spalten Köpfe bis zu den Zähnen")

Das Ende wiederum
Aber sein Tod kann nicht darüber hinwegtäuschen: Morgen wird die Burg fallen.

klingt nach einem außenstehenden Beobachter, nicht nach einem Mann, der immerhin in dieser Situation Angst um sein Leben haben muss. Der Erzähler ist Soldat im Heer, das in Begriff ist, eine Schlacht zu verlieren. Ein Mensch in dieser Situation steht Todesangst aus! Das solltest du um einiges deutlicher machen:
Etwa
"Was wird aus mir werden, wenn die Feinde unsere Burg einnehmen? Werden sie uns am Leben lassen? Werde ich mein Dasein als Knecht am Hof ihres Fürsten fristen?"

Sprachlich:
Einige deiner Formulierungen gefallen mir nicht wirklich:
Aber auch das Klirren von Rüstungen.
ist kein selbständiger Satz. Vor "Aber" gehört daher kein Punkt.
Du solltest, wenn du den Begriff verwendest, erklären, was ein Trébuchet ist und was es von anderen Katapulten unterscheidet. Ich halte mich selbst für nicht völlig unbedarft, was das Mittelalter angeht, aber diesen Unterschied hätte ich nicht gewusst.

Du schreibst weiter:
Es mutet mich dumm an

Die Formulierung "dumm" passt hier nicht wirklich. Ich hätte geschrieben: "So sehr sie mich von ihrer Bauweise her faszinierten, so war mir doch klar, dass eines dieser Geräte vermutlich einen tödlichen Steinbrocken auf mich werfen würde."
Das ist freilich Geschmackssache.

Im folgenden Absatz muss "das erste, das ich zu Gesicht bekomme" klein geschrieben werden, da der Begriff "das erste" hier nicht substantivisch verwendet wird. Zudem heißt es "einen Brocken nach dem anderen"

Wenn du den Satz
Die ärmsten Schweine
allein stehen lässt, solltest du ein Ausrufezeichen setzen. Zu einem Erzählsatz gehört ein Verb, zu einem Ausrufesatz nicht unbedingt.

Den Satzteil
und ihr Vergnügen im Umland suchen

nach dem Rückzug der Ritterschaft hätte ich komplett gestrichen. Er trägt nicht zum weiteren Verständnis des Textes bei.

Abgesehen von diesen Punkten ist deine Sprache gut und angemessen und deine Rechtschreibung und Zeichensetzung einwandfrei.
Da du selbst schreibst, dass es sich nur um eine Szene handelt und du die Geschichte noch nicht entworfen hast, gilt auch die inhaltliche Kritik nur eingeschränkt. Wenn die Szene am Ende einer Kriegsbeschreibung stehen sollte, wäre natürlich klar, wer der Erzähler ist, evtl. auch, was Trébuchets sind.
Hier solltest du dir auch überlegen, was genau du schreiben willst: Geht es dir um eine spannende Geschichte vor mittelalterlicher Kulisse oder willst du relativ wenig zeitbezogen eine Stimmung ausdrücken? Oder willst du die Menschen im Mittelalter beschreiben (z.B. das Fußvolk, das oft aus Leibeigenen bestand und seine bemitleidenswerte Situation im Gegensatz zu den Rittern) und dient dir die Handlung nur als Rahmenerzählung?
Hier müsstest du dir erst einmal klar über deine Zielsetzung werden. Danach könnte man auch anders über den Inhalt sprechen.
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Re: Angriff auf eine Burg - Nur eine kurze Szene

Beitragvon JoJosson » 09.11.2014, 12:37

Hallo Julchen,
Du hast den Text ja sicherlich zunächst eher als Skizze verfasst und planst, die Szene im Rahmen einer Geschichte weiter auszubauen. Wenn Du das tust, könnte es gut sein, bei der Gestaltung des Protagonisten, Du fragst ja konkret nach Äußerungen zum Protagonisten, auch auf folgende Aspekte zu achten:
- Es ist noch nicht ganz klar, um was für einen Charakter es sich handelt. Ist es ein erfahrener Kämpfer, der mit einer Portion Zynismus auf die Szene schaut? So will er niemanden in der Burg sehen, "den sein Herr nicht eingeladen hat", was ja recht "abgebrüht" klingt. Es könnte m.E. wirklich ein interessanter Aspekt sein, einen Ich-Erzähler zu kreieren, der sehr abgeklärt mit dem Elend umgeht, das um ihn herum passiert, weil er bereits so viel davon erlebt hat und in dieser Lebensphase der Geschichte die Hoffnung auf das Gute verloren hat. Gegen den Typ "erfahrener Kämpfer, desillusioniert" spricht, dass er zuweilen doch ein wenig naiv wirkt, ihm Erfahrung im Umgang mit Belagerungsgeräten fehlt, Mitleid mit Feinden aufkommt.
- Bei der weiteren Ausgestaltung des Charakters wäre es dann sicher wichtig, Klarheit zu gewinnen, wie sich Resignation bei ihm äußert. Also: "Habe ich es doch gewusst, die Burg wird fallen"....oder; "Oh mein Gott, unser Heim, alles, was unser Leben ausmacht, wird in die blutigen Hände der Angreifer fallen." Noch kommt die Resignation aus besagten Gründen für mich noch nicht klar rüber.
Ich freue mich, wenn Dir der Kommentar Anregungen geben kann und Du Freude an der weiteren Konzeption des Protagonisten, der Szene und der Geschichte hast!
Dein JoJosson
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Re: Angriff auf eine Burg - Nur eine kurze Szene

Beitragvon Heribertpolta » 14.03.2015, 18:51

Hallo Julchen,

hier ein Kommentar von mir, der dein Werk womöglich zerfleischen wird!

Der Tag ist heiter. Der Wind trägt den Geruch von Pferden herauf. Aber auch das Klirren von Rüstungen. Die Reiterschaft wird bald die Schwerter aus den Scheiden ziehen. Hinter ihren Reihen sehe ich die Belagerungsgeräte und Rammböcke. Und sogar ein Trébuchet.
Ich habe viel von diesen Katapulten gehört, doch noch nie eines gesehen. Es mutet mich dumm an, dass das Erste, das ich zu Gesicht bekomme, einen Brocken nach den anderen auf mich werfen wird.


Zum Wort-Technischen möchte ich sagen, dass die Sätze für meinem Geschmack zu kurz sind. Wahrscheinlich möchtest du so Spannung aufbauen. Zum Inhalt ist zu sagen, dass die Rammböcke meist in den vorderen Linien standen, jedoch nur die Trébuchets auf Distanz.

Ich sehe wieder über die Brüstung. Fußvolk hat sich zwischen der Reiterschaft nach vorne geschoben. Die ärmsten Schweine. Die Ritter werden sich nach dem ersten Ansturm zurückziehen und ihr Vergnügen im Umland suchen und erst dann zurückkommen, wenn ihre Knechte die Arbeit getan haben.


Hättest du Brustwehr, Mauer oder Zinnen geschrieben, dann wäre die Sache besser getroffen gewesen. Dass die Ritter ins Umland verschwinden, halte ich für Unsinn. Sie hatten meist das Kommando. Jedenfalls die mit den größten Namen.

Das Kommando zum Abschuss erfolgt, als der erste Rammbock gegen das Tor der Vorburg trifft.


Leider spät, die Bogenschützen feuern schon längst, bevor der Bock vorgefahren wurde. Nun wird kochendes Wasser und heißes Öl vergossen.

Deine Geschichte ist kurz und knapp und ohne weitere Details, die die Stimmung beim lesen heben könnten. Warum beschreibst du nicht die Banner, die Wappen und die Rüstungen, wenn das Heer in Aufstellung steht? Du gehst auch nicht auf den Mauerfall an sich ein. Ein wenig historischer Hintergrund wäre wichtig gewesen. Außerdem der Aufbau der Burg; wieviele Vorburgen, Zwinger und Mauertürme? Wo sind die Frauen und Kinder?

Du kannst das bestimmt besser.
Grüße,

Heribert Polta
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