[Tragik]Anna

Tragödien, Tragisches

[Tragik]Anna

Beitragvon Nadim22 » 14.06.2015, 20:44

Guten Abend,

ich bitte Euch darum, mir zu sagen, was ihr von dem Text haltet. Je mehr Kommentare, desto besser. Ich konnte die letzten Wochen nur schlecht schlafen. Ich hoffe, ihr merkt, dass ich so ehrlich schrieb, wie nur irgend möglich. Wenn ihr etwas fühlt, sagt mir, was es ist.

Vielen Dank im Voraus!

Grüße,

Nadim
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Anna

Ich kann nicht mehr. Was hältst Du davon, Anna? Ich will es nicht glauben, aber muss. Ich suche nach einem Weg Dir zu zeigen, wer ich bin, doch schaffe es nicht. Wenn das Leben darauf abzielt zu zerbrechen, zerbreche ich. Sobald es still wird, fühle ich mich dazu gezwungen alles niederzubrennen, was ich sehe. Was macht der Himmel? Siehst Du ihn? Denn ich bin weg, beschäftigt damit durch Beton zu fallen, um durch Beton zu fallen, um durch Beton zu fallen. Doch ich atme weiter, mit einem Auge. Meine Freunde sind falsch, meine Hoffnung ist groß, und ich frage mich oft, warum es gerade Du bist, die ich sehe. Wieso gerade jetzt? Weshalb bin ich nichts und Du alles? Ich erzähle von Dir, doch kenne Dich kaum. Ich sehe Dich an und habe irgendwie das Gefühl, dass auch Du mich siehst. Und so stelle ich mir vor, dass Dein Lächeln mal mir gilt. Indes lebst Du auf, während ich die Nächte nur selten umkriege. Nichts ist sicher. Bis auf die Messer in mir. Denn ich bin kaputt, Anna. Hast Du Dich je gefragt, warum ich Dich nicht anspreche? Und Gott weiß, dass Du das einzige bist. Ich möchte, dass Du mich siehst, wie ich bin. Doch bin ich nicht, was Du siehst. Und weiß nicht, wann ich es werde oder ob. Ich stehe da, nein, liege, und sehe mit an, wie alles langsam verschwindet, als wäre es nie da gewesen. Die Leere in Springern. Sie tritt mir den Brustkorb ein. Ich sehe wie Du an mir vorbeigehst ohne zu zögern. Wenn Du wüsstest, wie schwer es mir fällt, immer wieder nach unten zu sehen. Zweifel schleifen, schweifend, vermehren sich und zerschießen meinen Schädel. M14. Kannst Du mir helfen, Anna? Deine Atmung ist ruhiger als meine. Bitte hilf. Denn sie glühen. Wie Projektile in mir. Sieh her! Hier. Sie glühen.
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Re: Anna

Beitragvon Libelle » 15.06.2015, 14:44

Hallo Nadim,

ich finde deinen Text wirklich sehr schön und atmosphärisch geschrieben. Er klingt allerdings weniger traurig, als verzweifelt für mich.

Was genau ich da gelesen habe, weiß ich nicht. Ist der Mann ein Kriegsheimkehrer? Oder ist er ein Serienmörder, der Frauen ermordet, aber sich irgendwie in Anna verliebt hat und für sie dieses Serienmörderleben aufgeben wil, aber Angst hat, sie anzusprechen, weil er weiß, dass er gegen seine Psyche nicht ankommt?

Ich bin beim Lesen über ein paar Kleinigkeiten gestolpert.

Denn ich bin weg, beschäftigt damit durch Beton zu fallen, um durch Beton zu fallen, um durch Beton zu fallen.

Diesen Satz finde ich etwas unglücklich. Der Erzähler sagt, er falle durch Beton, um durch Beton zu fallen. Das ergibt keinen Sinn für mich. Zudem finde ich die Wiederholung im Kontext des Gesamttextes nicht besonders stimmig, denn es klingt in meinen Ohren nicht so gut, ordnet sich nicht in den Rhythmus ein.
Ob du das auch so siehst, könntest du überprüfen, indem du den Text mal laut liest und vielleicht aufnimmst und wieder abspielst.

Doch ich atme weiter, mit einem Auge.

Den Zusammenhang finde ich seltsam. Erst geht es um die Atmung, dann kommt plötzlich ein Auge ins Spiel, um das es weder vorher, noch hinterher geht. Dadurch sticht es hervor und bekommt eine Bedeutung, die ich nicht zuordnen kann. Es bringt mich aus dem Lesefluss.

Bis auf die Messer in mir.

Hat er wirklich Messer in sich? Da die Situation nicht klar ist und ich deine anderen Texte nicht kenne, finde ich es irritierend, über eine solche Metapher zu stolpern, da der übrige Text keine solchen enthält.

Und Gott weiß, dass Du das einzige bist.

Das einzige was?

Die Leere in Springern.

Was sind Springer?

Zweifel schleifen, schweifend, vermehren sich und zerschießen meinen Schädel.

Von der Erwartung her müsste es »schweifen« heißen. Die Satzkonstruktion finde ich unglücklich, da nach »schleifen, schweifen« eigentlich gefühlt wieder ein »sch«-Wort kommen müsste. Falls nicht, würde ich »schweifen« streichen, denn Zweifel schweifen normalerweise nicht, sondern sind ziemlich konkret an Dinge gebunden.

Denn sie glühen. Wie Projektile in mir.

Der Punkt bedeutet eine Pause. »Denn sie glühen« hat drei Silben (»glüh'n«) und lässt sich rhythmisch sprechen, Betonung auf »glüh'n«. »Wie Projektile in mir« hingegen weist einen ganz anderen Rhythmus auf und hat zudem sieben Silben. Wenn du abgehackte Sätze bringen willst, mach sie so kurz wie möglich.
Zum Beispiel: »Denn sie glühen in mir. Wie Projektile. Sieh her. Hier. Sie glühen.«

Ansonsten finde ich deinen Text aber wie gesagt sehr ansprechend und dein Schreibstil gefällt mir gut.

LG
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Re: Anna

Beitragvon TomParlow » 16.06.2015, 12:38

Hi Nadim22,

Du hast dein Ich-Erzähler mit Gefühle und Emotionen überschüttet, sodass es niemandem schwer fällt, sich in seine Lage zu versetzen. Ich persönlich kann mich sehr gut in die die Lage des Ich-Erzählers versetzen und muss sagen, dass ich den inneren Monolog des Ich-Erzählers äußerst berührend finde. Ich wurde sehr melancholisch, als ich deine Geschichte gelesen habe. Ich gestehe: Es gab eine Zeit, wo ich dasselbe durchmachen musste wie der Ich-Erzähler. Es ist so als ob man siedendes Öl in euer Herz schütten würde. So ein brennendes und durchbohrendes Gefühl...

Dein Monolog veranschaulicht uns, dass in der Liebe auch eine dunkle Seite schlummert. Liebeskummer und Sehnsucht können viel schlimmer und schmerzvoller sein als Krebs, Aids oder was weiß ich was...

In Goethe's Meisterwerk "Die Leiden des jungen Werthers" spricht Werther von "Krankheit zum Tode" Damit ist gemeint, dass nicht nur Krankheiten wie die Pest oder Krebs den Menschen töten können, sondern auch Depressionen und Liebeskummer. Den wenn die Liebe mit dir ein eiskaltes Spiel spielt, scheust du dir nicht mehr, die Waffe in die Hand zu nehmen und die Sache ein Ende zu setzen. Die Leidenschaft zur Liebe kann eine wunderbares Geschenk, aber auch eine gefährliche Waffe sein.

So fesselnd und schön ich deine Kurzgeschichte auch fand, gab es eine Stelle, die ich nicht sehr verstand

[...] beschäftigt damit durch Beton zu fallen, um durch Beton zu fallen, um durch Beton zu fallen.


Aber da deine Kurzgeschichte einem Monolog gleicht, glaube ich, dass diese Textstelle die Verzweiflung des Ich-Erzählers darstellt, oder?

Von einer Skala von 0 bis 10, wobei 0 schlecht und 10 atemberaubend ist, gebe ich dir eine 9 1/2. Ich verstand die Textstelle mit dem Beton nicht so richtig. Aber wahrscheinlich liegt das an mir, denn schließlich kann ich ja nicht alles begreifen. :D
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Re: Anna

Beitragvon Nadim22 » 17.06.2015, 22:43

Guten Abend ihr zwei,

zunächst einmal bin ich euch für die Kommentare dankbar. Auch wenn ich mir schon noch ein paar mehr erhoffe.

Ich möchte deshalb die Chance nutzen und die von euch aufgeworfenen Fragen beantworten.

@Libelle

Libelle hat geschrieben:Er klingt allerdings weniger traurig, als verzweifelt für mich.


Da stimme ich Dir zu. Verzweiflung und Trauer liegen nah beieinander. Der Unterschied ist, dass man letzteres nicht teilen kann.

Libelle hat geschrieben:Ist der Mann ein Kriegsheimkehrer? Oder ist er ein Serienmörder, der Frauen ermordet, aber sich irgendwie in Anna verliebt hat und für sie dieses Serienmörderleben aufgeben wil, aber Angst hat, sie anzusprechen, weil er weiß, dass er gegen seine Psyche nicht ankommt?


:shock: :shock: :shock: Nein, weder das eine noch das andere. Dass Du dem Ich-Erzähler unterstellst ein Serienmörder zu sein, finde ich ein wenig sehr gewagt, um ehrlich zu sein. Das hier ist nicht Tatort hahaha :D

Libelle hat geschrieben:Der Erzähler sagt, er falle durch Beton, um durch Beton zu fallen. Das ergibt keinen Sinn für mich. Zudem finde ich die Wiederholung im Kontext des Gesamttextes nicht besonders stimmig, denn es klingt in meinen Ohren nicht so gut, ordnet sich nicht in den Rhythmus ein.


Ich kann Dir hierzu nur sagen wie es gedacht war: Es kommt dem Ich-Erzähler so vor, als würde er wieder und wieder aufschlagen, ohne dass dieses Aufschlagen ein Ende findet. Er fällt "durch" Beton, durchbricht ihn, und schlägt nochmal auf, und nochmal und nochmal. Die Wiederholung ist dabei für mich sehr wichtig. Ich schreibe zwar in gebundener Prosa, aber wie ich mit was breche, musst Du schon noch mir überlassen :)

Libelle hat geschrieben:Den Zusammenhang finde ich seltsam. Erst geht es um die Atmung, dann kommt plötzlich ein Auge ins Spiel, um das es weder vorher, noch hinterher geht. Dadurch sticht es hervor und bekommt eine Bedeutung, die ich nicht zuordnen kann. Es bringt mich aus dem Lesefluss.


Du findest den Zusammenhang seltsam, weil Du die Bedeutung des Auges nicht ausmachen kannst und bist dadurch aus dem Lesefluss gerissen? Ein Text ist nicht da, um verstanden zu werden. Das Auge hat eine Bedeutung. Ich werde sie Dir erklären. Der Ich-Erzähler hat eine Krankheit, die ihm ein Auge genommen hat. Er schämt sich die Menschen anzusehen, weil nicht nur Kinder grausam sind. Da gibt es ein Mädchen, dass er mag. Ihr Name ist Anna, und er sieht sie ab und an. So oft, dass es ihm vorkommt, als wäre sie die einzige. Doch er kann sie nicht ansehen, da er will, dass sie ihn sieht, und nicht das, was er zu sein scheint. Nichts ist schlimmer, als bemitleidet zu werden.

Libelle hat geschrieben:Hat er wirklich Messer in sich?


Schmerzen.

Libelle hat geschrieben:Das einzige was?


"Das Einzige". Hätte ich großschreiben müssen. Falls es nicht an der Orthographie selbst lag, dann:

Es ist absolut und bedarf keiner Ergänzung.

Libelle hat geschrieben:Was sind Springer?


"Springerstiefel". "Springer" ist die Abkürzung.

Libelle hat geschrieben:Von der Erwartung her müsste es »schweifen« heißen.


Nicht unbedingt. Ein PPA zu nehmen, erscheint mir ebenso richtig. Aber ich werde darüber nachdenken.

Libelle hat geschrieben:Die Satzkonstruktion finde ich unglücklich, da nach »schleifen, schweifen« eigentlich gefühlt wieder ein »sch«-Wort kommen müsste.


Das habe ich mir beim Schreiben allerdings auch gedacht. Ich wollte eigentlich "streifen" anstatt "zerschießen" nehmen, aber das wäre mir inhaltlich zu schwach. Deshalb habe ich den Inhalt hier mal über die Form gestellt.

Libelle hat geschrieben:Falls nicht, würde ich »schweifen« streichen, denn Zweifel schweifen normalerweise nicht, sondern sind ziemlich konkret an Dinge gebunden.


Wir haben anscheinend verschiedene Definitionen des Wortes "Zweifel". Das ist aber vollkommen in Ordnung. Für mich liegt es in der Natur des Zweifels, das er nie konkret ist, sondern die bloße Versuchung eine Entschlossenheit abzuwenden. Ich habe manchmal Zweifel an einer Sache, ohne zu wissen wieso. Sie sind ziellos und stetes Gegengewicht zu aller Überzeugung. Da man immer Opportunitätskosten zu tragen hat, gleich dem, was man tut. Schweifen (Syn.: Wandeln, wandern, ziellos umherziehen) passt daher für mich ganz gut.

Libelle hat geschrieben:Der Punkt bedeutet eine Pause.


So ist es.

Libelle hat geschrieben:»Wie Projektile in mir« hingegen weist einen ganz anderen Rhythmus auf und hat zudem sieben Silben.


Das interessiert nicht. Es ist kein Gedicht. Der Rhythmus stimmt.

Libelle hat geschrieben:Wenn du abgehackte Sätze bringen willst, mach sie so kurz wie möglich.
Zum Beispiel: »Denn sie glühen in mir. Wie Projektile. Sieh her. Hier. Sie glühen.«


Meine Version ist genauso kurz wie Deine. Du hast lediglich das "in mir" in den vorausgehenden Satz gezogen. Die Betonung liegt auf dem "Projektile in mir". Dadurch, dass das "Projektile in mir" abgeschlossen wirkt, kommt den restlichen drei Teilen eine eigene Sinneinheit zu. Eine dreigeteilte. Verstehst Du? ;)

Ich danke Dir für den Kommentar, Libelle.

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@TomParlow

Hey,

auch Dir ein herzliches Dankeschön. "Tom Parlow" hört sich an, als wärst Du eine Figur in One Piece haha :D Guter Name :mrgreen:

TomParlow hat geschrieben:In Goethe's Meisterwerk "Die Leiden des jungen Werthers" spricht Werther von "Krankheit zum Tode"


Ich kenne das Buch. Lass mich mal raten, Du hast das als Lektüre in einem Deutsch-LK besprochen, oder? :bg: Hat das den guten Koeppen mittlerweile etwa abgelöst? haha Trotzdem danke! ;)

TomParlow hat geschrieben:Aber da deine Kurzgeschichte einem Monolog gleicht, glaube ich, dass diese Textstelle die Verzweiflung des Ich-Erzählers darstellt, oder?


Genauso ist es. Ein ständiges Aufschlagen, das nicht aufhört. So als seist Du unzerstörbar und fielest wieder und wieder auf dicke Schichten Beton, die übereinander liegen. Du kannst nicht sterben, aber fühlst alles.

Ich danke auch Dir für Dein Feedback. Ich werde mich beizeiten mal revanchieren.

Beste Grüße,

Nadim


P. S.: Der Rest von Euch kann (und ich bitte darum) natürlich auch seine Meinung kundtun. Je mehr Kommentare, desto besser ;)
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Re: Anna

Beitragvon Libelle » 18.06.2015, 16:02

Nadim22 hat geschrieben: :shock: :shock: :shock: Nein, weder das eine noch das andere. Dass Du dem Ich-Erzähler unterstellst ein Serienmörder zu sein, finde ich ein wenig sehr gewagt, um ehrlich zu sein. Das hier ist nicht Tatort hahaha :D

Nun ja, Dinge haben es an sich, dass sie interpretiert werden. Und interpretiert wird immer vor einem Erfahrungshintergrund. Als Thrillerleser entdecke ich halt überall den Psycho. Andere Leser sehen in ihm unter Umständen wieder etwas anderes. Vielleicht einen Krebspatienten, der sich in die Krankenschwester verliebt hat.

Wenn du nicht willst, dass so etwas passiert, musst du irgendwo konkretisieren, was deine Figur für ein Typ ist. Wobei ich den Reiz deiner Geschichte darin sehe, dass man eben die Interpretationsfreiheit hat …

Die Wiederholung ist dabei für mich sehr wichtig. Ich schreibe zwar in gebundener Prosa, aber wie ich mit was breche, musst Du schon noch mir überlassen :)

Wenn du keine Kritik lesen möchtest, schreib es am besten auch dazu, damit ich mir die Mühe sparen kann. Es ist schön für dich, dass du dir etwas beim Schreiben gedacht hast. Dass ich diese Passage als für mich holperig kritisiert habe, hat weder Universalanspruch, noch ist es eine Aufforderung, dass du deinen Text ändern musst. Es ist lediglich eine Anmerkung, die du zur Kenntnis nehmen kannst. Was du daraus machst, ist dir überlassen.

Ein Text ist nicht da, um verstanden zu werden. […] Das Auge hat eine Bedeutung. Ich werde sie Dir erklären. Der Ich-Erzähler hat eine Krankheit, die ihm ein Auge genommen hat.

Oh, wie genial und tiefgründig. Da wäre ich natürlich nie drauf gekommen. In dem Fall kannst du natürlich schreiben, was du willst, denn ohne Anspruch daran, dass der Text in deinem Sinne verstanden wird, ist es ja egal, was der Leser denkt oder nicht denkt.

Das interessiert nicht. Es ist kein Gedicht. Der Rhythmus stimmt.

Wie gesagt, wenn dich die Meinung des Lesers nicht interessiert, vielleicht Abstand vom Veröffentlichen nehmen oder explizit darauf hinweisen, dass man nur Lob und Anerkennung wünscht.
Davon abgesehen haben nicht nur Gedichte einen Sprachrhythmus, sondern jegliche sprachliche Äußerungen. Deshalb findest du rhetorische Stilmittel nicht nur in Lyrik, sondern überall.

Die eine Aufzählung hätte eine gute Alliteration sein können, zumal du die Wörter »schleifen, schweifen« hintereinander weg reihst und nur durch Komma voneinander trennst. Es spielt eine untergeordnete Rolle, ob das eine Wort für sich genommen besser klingt als das andere. Denn wenn du eine Folge anreißt, erwartet der Durchschnittsmensch, dass es logisch weitergeht.
2, 4, 6, 8, 10, dreihundertsiebentausendfümpfensiepzich, weil das meine Lieblingszahl ist und ich ein Künstler bin.
Ich bin der Ansicht, dass wenn man nicht gerade den Leser absichtlich aus dem Fluss bringen will, man ganz besonders auf den Sprachfluss achten sollte.

Bei meinem Vorschlag »Denn sie glühen in mir. Wie Projektile. Sieh her. Hier. Sie glühen«, ging es nicht darum, ob die Anzahl der Zeichen mit deiner Originalversion übereinstimmt. Wenn du die Sinneinheit auf die letzten drei Halbsätze legen willst, mach doch einen Absatz. Dadurch stolpert man nicht so sehr über den ersten Halbsatz »In mir wie Projektile«.

Er fällt "durch" Beton, durchbricht ihn, und schlägt nochmal auf, und nochmal und nochmal. Die Wiederholung ist dabei für mich sehr wichtig.

Was hindert dich daran, »wieder und wieder und wieder« zu schreiben, anstatt den Zungenbrecher »damit durch Beton zu fallen, um durch Beton zu fallen, um durch Beton zu fallen«? Das sprichst du dreimal aus und bist erschöpft, während die Alternative über die Zunge geht und die Wiederholung (bis in die Unendlichkeit) unterstreicht.

Und da du noch einmal betont hast, dass du noch mehr Kommentare zu deinem Text wollest, ein kleiner Tipp: Versuche nicht, deine kritischen Leser wie Idioten dastehen zu lassen, die zu dumm sind, deinen Text zu kapieren. Es ist selbstverständlich, dass du dir beim Schreiben etwas gedacht hast. Doch niemand kann in deinen Kopf schauen, noch stehst du beim Lesen daneben und erklärst. Bei Antworten wie »Das musst du schon mir überlassen« und »Ein Text ist nicht da, verstanden zu werden« haben die wenigsten Lust, ihre kostbare Zeit in eine aufwendige Auseinandersetzung mit deinem Text zu investieren.

Hier in diesem Forum geht es darum, beim Verbessern von Texten zu helfen, ehrliche Kritik zu geben, an seinem Stil zu arbeiten, sich weiterzuentwickeln – nicht darum, möglichst viel Lob zu sammeln.
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Re: Anna

Beitragvon Nadim22 » 18.06.2015, 18:14

Libelle hat geschrieben:Als Thrillerleser entdecke ich halt überall den Psycho.


Das ist vollkommen in Ordnung. Ich war nur etwas geschockt, weil ich auf so etwas überhaupt nicht gekommen wär.

Libelle hat geschrieben:Wenn du keine Kritik lesen möchtest, schreib es am besten auch dazu, damit ich mir die Mühe sparen kann.


Ich möchte Kritik lesen. Du äußerst Dich zu meiner Geschichte, ich mich zu Deinem Kommentar. Ich verstehe, wenn Du die Wiederholung nicht passend findest und sie Dich aus Deinem Lesefluss reißt. Ich werd die Stelle nochmal überdenken.

Libelle hat geschrieben:Oh, wie genial und tiefgründig. Da wäre ich natürlich nie drauf gekommen.


Kein Grund sarkastisch zu werden :D

Libelle hat geschrieben: Das interessiert nicht. Es ist kein Gedicht. Der Rhythmus stimmt.


Wie gesagt, wenn dich die Meinung des Lesers nicht interessiert, vielleicht Abstand vom Veröffentlichen nehmen oder explizit darauf hinweisen, dass man nur Lob und Anerkennung wünscht.


Rückblickend war das sehr unglücklich formuliert. Dafür entschuldige ich mich. Das mit dem Lob und der Anerkennung stimmt nicht. Ich sehe, warum es so wirkt, aber es geht mir tatsächlich um jede Form der Kritik.

Libelle hat geschrieben:Davon abgesehen haben nicht nur Gedichte einen Sprachrhythmus


Ich meinte hier die Silben.

Libelle hat geschrieben:Es spielt eine untergeordnete Rolle, ob das eine Wort für sich genommen besser klingt als das andere. Denn wenn du eine Folge anreißt, erwartet der Durchschnittsmensch, dass es logisch weitergeht.


Es geht nicht um den Klang, sondern die Bedeutung.

Libelle hat geschrieben:Ich bin der Ansicht, dass wenn man nicht gerade den Leser absichtlich aus dem Fluss bringen will, man ganz besonders auf den Sprachfluss achten sollte.


Vielleicht wollte ich den Leser absichtlich aus dem Lesefluss bringen, sodass er darüber nachdenkt, warum gerade "zerschießen". :D

Libelle hat geschrieben:Wenn du die Sinneinheit auf die letzten drei Halbsätze legen willst, mach doch einen Absatz.


Glaub es oder nicht, ich habe sogar noch herumexperimentiert, wie ich das Ende am besten strukturieren könnte. Wenn Du auch an den Absatz glaubst, werde ich das mal so machen.

Libelle hat geschrieben:Was hindert dich daran, »wieder und wieder und wieder« zu schreiben, anstatt den Zungenbrecher »damit durch Beton zu fallen, um durch Beton zu fallen, um durch Beton zu fallen«? Das sprichst du dreimal aus und bist erschöpft


So erschöpft wie der Erzähler vom Fall?

Libelle hat geschrieben:Versuche nicht, deine kritischen Leser wie Idioten dastehen zu lassen, die zu dumm sind, deinen Text zu kapieren.


Harte Worte. Falls es auf Dich so wirkt, versichere ich Dir, dass das nicht meine Absicht war. Wenn man einen Text nicht versteht, heißt das nicht, dass man in irgendeiner Art und Weise "dumm" ist. Wenn ich Dir Antworten zu Fragen gebe, die Du mir stellst, heißt das nicht das ich das oberlehrerhaft herunterpredigen will. Man kann einen Text nie ganz verstehen und das ist gut so.

Libelle hat geschrieben:Bei Antworten wie »Das musst du schon mir überlassen« und »Ein Text ist nicht da, verstanden zu werden« haben die wenigsten Lust, ihre kostbare Zeit in eine aufwendige Auseinandersetzung mit deinem Text zu investieren.


Das erste war weniger ernst gemeint, als Du denkst. Das zweite sollte auch nicht dafür sorgen, dass Du Dich in Deiner Person angegriffen fühlst. Wie bereits gesagt, bin ich Dir für diese Zeit auch sehr dankbar.

Libelle hat geschrieben:Hier in diesem Forum geht es darum, beim Verbessern von Texten zu helfen, ehrliche Kritik zu geben, an seinem Stil zu arbeiten, sich weiterzuentwickeln – nicht darum, möglichst viel Lob zu sammeln.


Das mit dem "Lob" hatten wir ja schon. In allem anderen gebe ich Dir auch zu 100% recht.

Beste Grüße und nichts für ungut,

Nadim
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Re: Anna

Beitragvon Libelle » 18.06.2015, 18:59

Nadim22 hat geschrieben:Es geht nicht um den Klang, sondern die Bedeutung.

Vor der Bedeutung kommt immer der Klang. So wie man tendentiell eher Leuten mit angenehmer Stimme zuhört, so liest man tendentiell etwas, das (sprach)melodisch zur Stimmung passt.

Hör mal die Worte trauriger Menschen, die in einer Sprache sprechen, die du nicht verstehst. Oder aggressive Menschen, die sich beleidigen in einer Sprache, die du nicht verstehst. Das ist nicht nur eine Frage der Lautstärke. Die traurigen Worte halben oftmals einen weichen, fließenden Klang, die Aggressiven eher einen harten, stakkatoartigen.

Wenn es dir darum geht, eine angestrengte Stimmung zu vermitteln, ist das in Ordnung, wenn die Sätze holperig klingen. Allerdings würde ich es konsequent so durchziehen und nicht mal hü, mal hot.

Traurigkeit ist (für mich) eher ein Fluss, nichts zielgerichtetes wie Aggression.

So erschöpft wie der Erzähler vom Fall?

Wenn es dir darum geht, dann ist es in Ordnung. Deinen Kommentar hatte ich jedoch so interpretiert, dass du die ewige Wiederholung (noch einmal, noch einmal, noch einmal) betonen wolltest und nicht das dreimalige Fallen mit anschließender Erschöpfung.

Libelle hat geschrieben:Man kann einen Text nie ganz verstehen und das ist gut so.

Man sollte ihn als Leser aber so weit verstehen, dass man etwas »mitnehmen« kann. Bei acht Milliarden Menschen und bestimmt ebenso vielen Texten hat man in der Regel nicht die Zeit, sich jeden Quark anzuhören. Also filtert man. Das, was einen weder anspricht, noch einen Sinn ergibt, wird meist direkt ausgeblendet. Da muss man sich als Autor fragen: Will ich, dass mein Text von Fremden gelesen wird?
Dabei geht es nicht darum, dem Leser das exakt zu schreiben, was er lesen will.

Es ist in Ordnung, Dinge offenzulassen, da sowieso jeder anders versteht. Aber die wichtigsten Eckpunkte sollten klar sein.
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Re: Anna

Beitragvon Nadim22 » 18.06.2015, 21:17

Libelle hat geschrieben:Vor der Bedeutung kommt immer der Klang.


Chronologisch ja.

Libelle hat geschrieben:Wenn es dir darum geht, eine angestrengte Stimmung zu vermitteln, ist das in Ordnung, wenn die Sätze holperig klingen. Allerdings würde ich es konsequent so durchziehen und nicht mal hü, mal hot.


Nicht alles soll angestrengt klingen. Es ist nicht ein Gefühl, was der Erzähler fühlt. Auf der einen Seite ist er aggressiv (z. B. beim Beschreiben des Fallens), auf der anderen Seite verliebt. Deshalb ist "mal hü, mal hott", wie Du es nennst, angebracht, um eben diesen Kontrast auch sprachlich deutlich zu machen.

Libelle hat geschrieben:Traurigkeit ist (für mich) eher ein Fluss, nichts zielgerichtetes wie Aggression.


Kann ich nachvollziehen. Und trotzdem liegt beides nah beieinander.

Libelle hat geschrieben:Man sollte ihn als Leser aber so weit verstehen, dass man etwas »mitnehmen« kann.


Vielleicht nimmt man gerade das mit, was man nicht versteht. Man darf nie mit der Erwartungshaltung an einen Text herangehen, dass man auf Biegen und Brechen etwas mitnehmen will. Und wenn man eine Sache nicht versteht, heißt das nicht, dass der nächste genauso fühlt.

Libelle hat geschrieben:Da muss man sich als Autor fragen: Will ich, dass mein Text von Fremden gelesen wird?


Antwort: Ja. Heißt das, dass ihn jeder verstehen soll? Nein. Die, die ihn verstehen, sind die für die man schreibt.

Libelle hat geschrieben:Es ist in Ordnung, Dinge offenzulassen, da sowieso jeder anders versteht.


Absolut. Da bin ich voll bei Dir.

Libelle hat geschrieben:Aber die wichtigsten Eckpunkte sollten klar sein.


Die ergeben sich hoffentlich aus dem Text. Oder hast Du sonst noch Fragen?
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