[NonFik]Antalya, Otogare bitte

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[NonFik]Antalya, Otogare bitte

Beitragvon brehb » 09.07.2015, 13:26

Ich bin so etwas von doof! Zehn Euro verlangt der Fahrer für eine Taxifahrt von fünf Minuten.
„Acht Euro“, versuche ich zu retten, was nicht zu retten ist.
„Ok, acht“, grinst der Fahrer und rollt den Zahnstocher zwischen den Lippen. „Und zwei Euro Trinkgeld.“
Ich kapituliere und bezahle. Handelt man in der Türkei den Preis für eine Taxifahrt nicht im voraus aus? Nicht ich, der Neunmalkluge. Ich hatte nicht einmal gefragt, wie weit es bis zu dieser Bushaltestelle sei, an der ich jetzt stehe und auf den Bus nach Antalya warte. Dabei hätten 15 Minuten Fußmarsch gereicht, um vom Hotel hier her zu kommen. Na ja, wer weiß wofür es gut ist, vielleicht hat der Mann eine große Familie zu ernähren. Aber ebenso wahrscheinlich ist, dass ich einen Ehrenplatz auf seiner Trophäen-Liste für „total Blauäugige“ bekomme.

Im Wartehäuschen stehen drei Türkinnen. Ihr Gepäck, Sansonites und - ohne Flachs - C&A Tüten, lagert am Straßenrand. Sieh mal einer an, hier urlauben sogar die Einheimischen. Die Frauen, angeregt schwatzend wie schwäbische Hausfrauen auf Musicalreise, tragen - man staune - Dinge wie Ballerinas, 7/8-Hosen, Überwurfblusen und bunten Modeschmuck. Soviel zu meinen Vorurteilen. Eine der Frauen lässt die Zigarettenschachtel kreisen und ich bin so frei, mich zu bedienen. Ich lächele „danke“ und spendiere Feuer aber frage nicht, ob sie Muslimas seien. Die Antwort, egal welche, ließe mich lange nachdenken. Außerdem kann ich kein Türkisch. Das erinnert mich daran, mir einzuprägen, wo genau ich bin. Schließlich muss ich heute Abend hier wieder aussteigen – wenn ich den richtigen Bus erwische. Meist haben Bushaltestellen einen Namen. Diese nicht. Ein Rundblick genügt: Links und rechts Straße, Brache, Staub und roter Oleander auf dem Mittelstreifen, nichts, das sich einprägt. Schließlich bringt mich eine der Frauen auf die rettende Idee, als sie ihr klingelndes Handy aus der Gesäßtasche zieht. Ich mache mit meinem ein Foto von der Haltestelle, das kann ich dem Busfahrer dann zeigen.

Keiner der vorbeifahrenden Busse hält, und ich weiß nicht, woran ich den nach Antalya erkennen kann. Der Bus dort hin fährt alle 20 Minuten, hat man mir im Hotel gesagt. Nicht gesagt hat man mir, dass hier auch ein halbes Dutzend andere Linien verkehren. Ob es eines Tricks bedarf, damit einer hält? Schließlich vertraue ich darauf, dass die Samsonites auch nach Antalya gebracht werden wollen. Die Damen werden den Trick kennen.

Allmählich schwitze ich und trinke von meinem mitgebrachten Wasser. Es geht auf Mittag zu. Wie gut, dass ich in der Wärme nicht zu Fuß gekommen bin, sondern mit dem Taxi... Die Flasche herumzureichen traue ich mich nicht, es könnte ja eine zugreifen. Wie war das mit den Vorurteilen?
Der nächste Bus donnert vorbei, bremst ab, rollt weiter und stoppt 100 Meter hinter der Haltestelle. Ein Mann steigt aus und hebt einen Arm. Reckt er einen Daumen nach oben? Die Frauen zetern. Ich packe meinen Stadtrucksack und renne los.
„Antallya, Otogare?“
Der Mann nickt. Es gibt einen einzigen freien Sitzplatz. Hoffentlich verpassen die Urlauberinnen nicht ihren Anschluss.

Die nehmen jede Währung, die von Moody's nicht als Ramsch eingestuft wurde, hatte ich gehört. Also auch noch Euro. Der Busbegleiter nennt mir den Fahrpreis, auf türkisch, ich verstehe „22“ und zerre erschüttert meinen Brustbeutel unter dem Polohemd hervor. Habe ich schon wieder die Arschlochkarte gezogen? 22 Euro für 70 Kilometer Busfahrt? Ich falte die einzelnen Scheine auseinander und halte sie ihm hin. Er nimmt einen Fünfer und gibt mir zwei Lira 40 zurück. Blöd. Einen Fünfeuroschein hätte ich auch im Portemonnaie gehabt. Jetzt weiß der ganze Bus, dass ich a) kein Türkisch verstehe und b) zirka 80 Euro im Brustbeutel verberge. Wie peinlich ist das denn? Mein Sitznachbar blinzelt mich an: „Du deutsch?“ Ich nicke. „Ich Daimler.“ Na, prima, für Unterhaltung ist gesorgt. Er reicht mir eine Flasche mit Wasser.
Zuletzt geändert von brehb am 09.07.2015, 16:45, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Antalja, Otogare bitte

Beitragvon Diavolo » 09.07.2015, 15:07

Hallo brehb

Oh, schön mal einen Reisebericht aus der Türkei zu lesen, wo ich leider noch nicht war, denn da zieht es mich nicht unbedingt hin.

Beim Lesen kam mir alles so flüssig vor und ich war auch gleich am Ende angelangt. Fand ich gut. Trotzdem habe ich deinen Text noch einmal gelesen und mir so meine Gedanken dazu gemacht. Wenn es Recht ist, gebe ich sie hier wieder.

Also bei der Überschrift und im Text ein Schreibfehler; Antalja schreibt man Antalya :oops:

brehb hat geschrieben:Ich bin so etwas von doof! Zehn Euro verlangt der Fahrer für eine Taxifahrt von fünf Minuten.


Hier würde ich nach doof! Einen Absatz machen.

Danach den ganzen Text in der Vergangenheit erzählen. Das Präsens ist für mich hier nicht wirklich so spannend, weil ja doch einiges danach passiert. Dann wirkt irgendwie als Erinnerung, vielleicht wenn du abends im Bett liegst und den Tag noch mal Revue passieren lässt.

brehb hat geschrieben:„Acht Euro“, versuche ich zu retten, was nicht zu retten ist.


Hier stört mich das zwei Mal retten und das es nicht mehr zu retten ist, lässt du den Leser auch gleich wissen.

Vielleicht nur "Acht Euro!"

brehb hat geschrieben:„Ok, acht“, grinst der Fahrer und rollt den Zahnstocher zwischen den Lippen.


den Zahnstocher hier vielleicht besser einen

Danach würde ich wieder einen Absatz machen und nach Trinkgeld auch, aber das ist nur meine Ansicht.

brehb hat geschrieben:Handelt man in der Türkei den Preis für eine Taxifahrt nicht im voraus aus?


Das sind doch seine Gedanken, würde ich vielleicht kursiv schreiben und wieder einen Absatz.

brehb hat geschrieben:Nicht ich, der Neunmalkluge.


Dann kommst du auch wieder auf deinen ersten Satz zurück.

brehb hat geschrieben:Ich hatte nicht einmal gefragt, wie weit es bis zu dieser Bushaltestelle sei, an der ich jetzt stehe und auf den Bus nach Antalya warte


Hier vielleicht oder ähnlich: Ich hätte ja fragen können, wie weit….

brehb hat geschrieben: Dabei hätten 15 Minuten Fußmarsch gereicht, um vom Hotel hier her zu kommen.


Hier vielleicht so, oder ähnlich: Es wären nur 15 Minuten vom Hotel zu Fuss hierher gewesen.

brehb hat geschrieben:Na ja, wer weiß wofür es gut ist, vielleicht hat der Mann eine große Familie zu ernähren. Aber ebenso wahrscheinlich ist, dass ich einen Ehrenplatz auf seiner Trophäen-Liste für „total Blauäugige“ bekomme.


Hier würde ich statt nach dem 'ist' ein Komma einen Punkt setzen. Dann eine Frage folgen lassen: Vielleicht hat der Mann eine Großfamilie zu ernähren?

ebenso wahrscheinlich ist nicht besonders gut hier, vielleicht besser so:

Aber sicher ist es, dass ich einen Ehrenplatz in seiner Trophäen-Sammlung für…

brehb hat geschrieben: Ihr Gepäck, Sansonites und - ohne Flachs - C&A Tüten, lagert am Straßenrand.


Hier ein kleiner Tippfehler: nicht Sansonites, sondern Samsonites.

Das Gepäck am Anfang stört mich ein bisschen, vielleicht weglassen, denn Samsonites sind ja Gepäck.

Vielleicht hier: Samsonites und - ohne Flachs - C&A Tüten lagerten am Straßenrand.

brehb hat geschrieben: Sieh mal einer an, hier urlauben sogar die Einheimischen.


Vielleicht hier so: Sieh mal einer an, auch die Einheimischen machen hier Urlaub.

brehb hat geschrieben: Die Frauen, angeregt schwatzend wie schwäbische Hausfrauen auf Musicalreise, tragen - man staune - Dinge wie Ballerinas, 7/8-Hosen, Überwurfblusen und bunten Modeschmuck.


Hier muss ich um die Ecke lesen :oops: Vielleicht so: Die Frauen, angeregt, wie schwäbischen Hausfrauen auf Musicalreise, schwatzend, tragen - ich staune - Ballerinas….

Unter Dinge wie Ballerinas, kann ich mir nichts vorstellen. Danach würde ich wieder einen Absatz machen und nach 'Soviel zu meinen Vorurteilen' erneut. Dann geht es ja mit deinen Erlebnissen weiter.

brehb hat geschrieben: Eine der Frauen lässt die Zigarettenschachtel kreisen und ich bin so frei, mich zu bedienen.


Hier vielleicht so: Eine der Frauen lässt ihre Zigarettenschachtel kreisen. Ich bin so frei und bediene mich.

brehb hat geschrieben:Ich lächele „danke“ und spendiere Feuer aber frage nicht, ob sie Muslimas seien.


Wie kann man 'danke' lächeln. Es reicht das lächeln und danach: und spendiere ihnen Feuer.

Danach würde ich einen Punkt machen.

Dann vielleicht so: Ich getraue mich nicht zu fragen, ob sie Muslims seien.

brehb hat geschrieben:Die Antwort, egal welche, ließe mich lange nachdenken. Außerdem kann ich kein Türkisch.


Ja, deshalb fragst du ja auch nicht und willst ja keine Antwort, weil du sie ja nicht verstehst. Habe ich das richtig verstanden. Würde ich weglassen. Dass, du kein Türkisch kannst ist dem Leser schon bewusst geworden.


brehb hat geschrieben:Das erinnert mich daran, mir einzuprägen, wo genau ich bin. Schließlich muss ich heute Abend hier wieder aussteigen – wenn ich den richtigen Bus erwische. Meist haben Bushaltestellen einen Namen. Diese nicht. Ein Rundblick genügt: Links und rechts Straße, Brache, Staub und roter Oleander auf dem Mittelstreifen, nichts, das sich einprägt.


Finde ich nicht wirklich so spannend. Geht das ein bisschen anders?

brehb hat geschrieben:Schließlich bringt mich eine der Frauen auf die rettende Idee, als sie ihr klingelndes Handy aus der Gesäßtasche zieht. Ich mache mit meinem ein Foto von der Haltestelle, das kann ich dem Busfahrer dann zeigen.


Ein Handy klingelt, eine der Frauen nimmt es aus ihrer Gesäßtasche. Das mich auf die Idee, mit meinem ein Foto von der Bushaltestelle zu machen. Das kann ich dann dem Busfahrer zeigen.

Oder so ähnlich.

brehb hat geschrieben:Keiner der vorbeifahrenden Busse hält, und ich weiß nicht, woran ich den nach Antalya erkennen kann. Der Bus dort hin fährt alle 20 Minuten, hat man mir im Hotel gesagt. Nicht gesagt hat man mir, dass hier auch ein halbes Dutzend andere Linien verkehren. Ob es eines Tricks bedarf, damit einer hält? Schließlich vertraue ich darauf, dass die Samsonites auch nach Antalya gebracht werden wollen. Die Damen werden den Trick kennen.


Wie lange stehst du denn da schon? Wenn alle zwanzig Minuten ein Bus fährt. Beim ersten Komma würde ich wieder einen Punkt machen und das 'und' weglassen. Vielleicht dann eine Frage daraus machen.

Dann, wenn schon würde ich so weiter schreiben: Im Hotel hatte man mir gesagt, dass alle 20 Minuten ein Bus nach Antalya fährt. Aber von den andern Linien, die hier auch noch verkehren, hat man mir nichts gesagt.

Danach würde ich wieder einen Absatz machen und die Frage in kursiv.

Statt 'Schließlich' vielleicht 'Schlussendlich'

Also dann so: Schlussendlich vertraue ich darauf, dass die Samsonites auch nach Antalya wollen.

brehb hat geschrieben:Allmählich schwitze ich und trinke von meinem mitgebrachten Wasser. Es geht auf Mittag zu. Wie gut, dass ich in der Wärme nicht zu Fuß gekommen bin, sondern mit dem Taxi... Die Flasche herumzureichen traue ich mich nicht, es könnte ja eine zugreifen. Wie war das mit den Vorurteilen?


Hier vielleicht so oder anders: Ich fange an zu schwitzen und trinke von meinem mitgebrachten Wasser. Es geht auf Mittag zu.

Wie gut, dass ich in der Wärme nicht zu Fuß gekommen bin, sondern mit dem Taxi...

Hier erneut die Frage, wie lange er denn schon da steht. Diesen Satz würde ich streichen, denn es unterbricht den Lesefluss und führt meine Gedanken wieder zu den 10 Euro zurück.

Beim nächsten Satz frage ich mich: Warum? Könnte sie ausgetrunken werden oder vielleicht welchen irgendwelchen Krankheiten?

brehb hat geschrieben:Ein Mann steigt aus und hebt einen Arm. Reckt er einen Daumen nach oben? Die Frauen zetern. Ich packe meinen Stadtrucksack und renne los.


Hier verstehe ich den Zusammenhang nicht mit dem Mann und den Frauen, kennen die den oder was ist da los. Verwirrt mich :oops:

brehb hat geschrieben:„Antallya, Otogar?“


Hier doch sicher wieder so: "Antalya, Otogar? oder heißt es wie in der Überschrift 'Otagare'?

brehb hat geschrieben:Es gibt einen einzigen freien Sitzplatz. Hoffentlich verpassen die Urlauberinnen nicht ihren Anschluss.


Wenn sie auch noch mitfahren wollten, wären sie doch schon längst eingestiegen, oder wie soll ich das jetzt verstehen?

brehb hat geschrieben:Die nehmen jede Währung, die von Moody's nicht als Ramsch eingestuft wurde, hatte ich gehört.


Hier würde ich satt 'Die' entweder, die Einheimischen oder die Türken schreiben. Und den Satz vielleicht umstellen:

Ich hatte gehört, dass….

brehb hat geschrieben:Der Busbegleiter nennt mir den Fahrpreis, auf türkisch, ich verstehe „22“ und zerre erschüttert meinen Brustbeutel unter dem Polohemd hervor.


auf türkisch könntest du meiner Meinung nach weglassen.

brehb hat geschrieben: Habe ich schon wieder die Arschlochkarte gezogen?


Davor und danach wieder einen Absatz.

brehb hat geschrieben:22 Euro für 70 Kilometer Busfahrt?


Das wieder kursiv, meiner Meinung nach und einen Absatz.

brehb hat geschrieben:Ich falte die einzelnen Scheine auseinander und halte sie ihm hin.


Ich falte die Scheine auseinander … reicht.

brehb hat geschrieben:Blöd.


Das ist wirklich blöd, oder? Oder so ähnlich und auch wieder mit Absatz. Mache es passend zu den anderen Einflechtungen.

brehb hat geschrieben:Wie peinlich ist das denn?


Hier wieder die Absätze davor und danach.

brehb hat geschrieben:Mein Sitznachbar blinzelt mich an: „Du deutsch?“ Ich nicke. „Ich Daimler.“


Finde ich gut :) so trifft man türkische Gastarbeiter wieder.

So hiermit bin ich am Ende angelangt. Ich hoffe, ich konnte dir mit meinen Gedanken ein paar Anregungen geben, wenn nicht, ab in die Runde Tonne damit.

Liebe Grüße
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Re: Antalya, Otogare bitte

Beitragvon brehb » 10.07.2015, 14:31

Hallo Diavolo,

herzlichen Dank, dass du meinen Text gelesen und kommentiert hast. Die Anmerkungen, die den Text besser machen, übernehme ich gerne. Und der Fairness halber gegenüber der Ausdauer, mit der du kommentiert hast, möchte ich an Beispielen erläutern, warum ich vieles nicht übernehme, weil es mich z.B. irritiert.

Um zu erläutern, wo solche Irritation zustande kommt vielleicht gleich dein Einstiegssatz:
...einen Reisebericht aus der Türkei zu lesen, wo ich leider noch nicht war, denn da zieht es mich nicht unbedingt hin.

Ich verstehe die Satzlogik nicht. Wieso schreibst du "leider" noch nicht dort gewesen zu sein, wenn du doch betonst, dort nicht hin zu wollen. Müsste es nicht richtig heißen:

wo ich zum Glück noch nicht war, denn da zieht es mich nicht hin :?

Hier
Ich bin so etwas von doof! Zehn Euro verlangt der Fahrer für eine Taxifahrt von fünf Minuten...

empfiehlst du
Hier würde ich nach doof! Einen Absatz machen.

ich bin irritiert. Wieso das denn? Ein Absatz dient der Bündelung von Sätzen, die sinninhaltlich zusammengehören sowie der Abgrenzung zu anderen. Würde ich dir folgen stünde dort
a) etwas wie ein kategorischer Imperativ über den Geisteszustand des Erzählers und getrennt davon
b) etwas über eine überteuerte Taxifahrt

solche mir dubios erscheinenden Absatzvorschläge machst du mehrere.

Dann
Danach den ganzen Text in der Vergangenheit erzählen. Das Präsens ist für mich hier nicht wirklich so spannend, weil ja doch einiges danach passiert

Uups? Warum das? Man wählt (Erzälperspektive und) Erzählzeit wenn der Plot/die Dramaturgie einer Geschichte steht. Will man seine Leser mitnehmen, wählt man die Zeit, die ihn am nähesten an die Geschichte heranbringt. Im Idealfall ist das "die Echtzeit" sprich: Präsens. Wenn die Dramaturgie mitspielt. Diese Geschichte ist kurz, hat nur einen Erzählstrang, nur einen Erzähler und hangelt sich chronologisch durch kaum mehr als eine Stunde. Bessere Bedingungen für das Präsens gibt es kaum.
Außerdem gibt es in dieser Geschichte einige (kleine) Rückblenden. Würde die ganze Geschichte im Imperfekt erzählt, müssten diese im Plusquamperfekt stehen (hatte gehabt, war gewesen), der holperigsten Erzählweise, die es im Deutschen gibt. :cry:

Ich
„Acht Euro“, versuche ich zu retten, was nicht zu retten ist.

Du
Hier stört mich das zwei Mal retten und das es nicht mehr zu retten ist, lässt du den Leser auch gleich wissen.

"versuchen zu retten, was nicht zu retten ist" ist eine bekannte Redewendung mit hohem Wiedererkennungswert für den Leser. Sie transportiert ihm die Hilflosigkeit die der anstehenden Handlung innewohnt und korreliert in diesem Text mit dem böd sein/blöd dastehen. Dein Vorschlag (nur)
Acht Euro!

zu schreiben, transportiert nichts, verbindet nichts. Allerdings tut er etwas für die Erzählökonomie.

Ich
Handelt man in der Türkei den Preis für eine Taxifahrt nicht im voraus aus?

Du
Das sind doch seine Gedanken, würde ich vielleicht kursiv schreiben und wieder einen Absatz.

Ich bin irritiert. Müsste dann nicht auch schon der erste Satz der Geschichte kursiv dort stehen?
Diese Geschichte hat einen Ich-Erzähler. Alles was "gedacht" wird, kann folglich nur von ihm gedacht werden. Alles was er spricht steht in Anführungszeichen. Wozu also eine überflüssige typografische Unterscheidung? :cry:

Ich
Ich hatte nicht einmal gefragt, wie weit es bis zu dieser Bushaltestelle sei, an der ich jetzt stehe und auf den Bus nach Antalya warte

Du
Hier vielleicht oder ähnlich: Ich hätte ja fragen können, wie weit….

? Außer dass du die Möglichkeitsform vorschlägst, ich aber die Vorvergangenheit benutze sehe ich keinen Unterschied. Welche Qualitätsverbesserung gäbe das?

Ich
Aber ebenso wahrscheinlich ist, dass ich einen Ehrenplatz auf seiner Trophäen-Liste für „total Blauäugige“ bekomme.

Du
Aber sicher ist es, dass ich einen Ehrenplatz in seiner Trophäen-Sammlung für…

? Da der Erzähler weder wissen kann, ob der Taxifahrer solche Liste führt noch ob er "dort einen Ehrenplatz" bekommt, ist (nur) die Möglichkeitsform die richtige. :cry:

Dann kommt etwas interessantes
Ich
Ihr Gepäck, Samsonites und - ohne Flachs - C&A Tüten, lagert am Straßenrand.

Du
Das Gepäck am Anfang stört mich ein bisschen, vielleicht weglassen, denn Samsonites sind ja Gepäck.


und wenig später
Ich
Die Frauen... tragen - man staune - Dinge wie Ballerinas, 7/8-Hosen...

Du
Unter Dinge wie Ballerinas, kann ich mir nichts vorstellen.

Ups! Ich stolpere über diese Inkonsquenz. Bei Ausdrücken, die dir bekannt sind (Samsonite), soll ich die Gruppenzuordnung (Gepäck) weglassen, aber bei Ausdrücken, die du nicht kennst (Ballerinas) soll ich sie setzen (Schuhe)? Wie soll ich da jemals stilsicher werden? :cry:

Ich
Ich lächele „danke“ und spendiere Feuer...

Du
Wie kann man 'danke' lächeln.

Man kann nicht. Aber beim Leser entsteht das passende Bild vor seinem inneren Auge.
Obwohl es ein "inneres Auge" gar nicht gibt. Es wird trotzdem gerne zitiert.

...

Lieber Diabolo,
ich habe mein Erleben bis hier hin so ausführlich beschrieben, weil ich mich nicht mit der Floskel begnügen wollte, dass ich "gerne über deine Anregungen nachdenken werde". Manches ist wirklich qualitätsverbessernd.
Anderes erscheint mir aber zu willkürlich, zu unklar begründet oder gar kontraproduktiv.
Sicher, du verweist darauf, alles in die Tonne treten zu können. Das wäre einfach.
Aber Kommentare sollen den Autoren helfen, sich zu verbessern. Würde dieser Kommi auf einen heurigen Hasen treffen, müsste der vermutlich verzweifeln, weil in der Menge der Anregungen kaum zu erkennen ist, was daran "richtig richtig" ist, was nur "Meinung" ist, "individueller Geschmack" oder was daran "richtig fragwürdig" ist. Vielleicht wäre ja weniger hier mehr.

LG brehb
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Re: Antalya, Otogare bitte

Beitragvon Diavolo » 10.07.2015, 20:11

Hallo brehb

brehb hat geschrieben:herzlichen Dank, dass du meinen Text gelesen und kommentiert hast.


Oh, das ist gern geschehen, denn beim Kommentieren kann ich doch einiges lernen.

brehb hat geschrieben:Und der Fairness halber gegenüber der Ausdauer, mit der du kommentiert hast, möchte ich an Beispielen erläutern, warum ich vieles nicht übernehme, weil es mich z.B. irritiert.


Das kann vorkommen, denn es war nur meine Meinung und meine Gedanken dazu. Wir ticken ja alle nicht gleich wie Uhren. :)

brehb hat geschrieben:Ich verstehe die Satzlogik nicht. Wieso schreibst du "leider" noch nicht dort gewesen zu sein, wenn du doch betonst, dort nicht hin zu wollen. Müsste es nicht richtig heißen:

wo ich zum Glück noch nicht war, denn da zieht es mich nicht hin


Weil meine Mutter einmal beinahe einen Auftrag in der Türkei angenommen hätte, was ich als Abenteuer empfunden hätte, aber heute bin ich froh, darüber, dass sie es nicht getan hat.

brehb hat geschrieben:ich bin irritiert. Wieso das denn? Ein Absatz dient der Bündelung von Sätzen, die sinninhaltlich zusammengehören sowie der Abgrenzung zu anderen. Würde ich dir folgen stünde dort
a) etwas wie ein kategorischer Imperativ über den Geisteszustand des Erzählers und getrennt davon
b) etwas über eine überteuerte Taxifahrt


zu a): In deinem ganzen Text finde ich:

brehb hat geschrieben:Ich bin so etwas von doof!

brehb hat geschrieben:Nicht ich, der Neunmalkluge

brehb hat geschrieben: Wie peinlich ist das denn?


Das sind Aussagen, die sich wahrscheinlich jeder Neuling auf Reisen stellt, nachdem er festgestellt hat, welche Fehler man machen kann. Ich finde das wichtig, deshalb hätte ich hier Absätze gemacht. Es ist der geistige Zustand vieler Reisender, was ich jeden Tag beobachten kann.

zu b:

Die überteuerten Taxifahrten sind überall erhältlich und jeder kann darauf hereinfallen.

brehb hat geschrieben:"versuchen zu retten, was nicht zu retten ist" ist eine bekannte Redewendung mit hohem Wiedererkennungswert für den Leser.


Ja, leider nur zu abgedroschen. :oops:

brehb hat geschrieben:Uups? Warum das? Man wählt (Erzälperspektive und) Erzählzeit wenn der Plot/die Dramaturgie einer Geschichte steht. Will man seine Leser mitnehmen, wählt man die Zeit, die ihn am nähesten an die Geschichte heranbringt. Im Idealfall ist das "die Echtzeit" sprich: Präsens. Wenn die Dramaturgie mitspielt.


Oh, entschuldige, ich vergass zu erwähnen, dass ich in deiner Geschichte leider keine Dramaturgie gefunden habe, sorry-

brehb hat geschrieben:Außerdem gibt es in dieser Geschichte einige (kleine) Rückblenden. Würde die ganze Geschichte im Imperfekt erzählt, müssten diese im Plusquamperfekt stehen (hatte gehabt, war gewesen), der holperigsten Erzählweise, die es im Deutschen gibt.


Vielleicht würden die paar Imperfekte der Geschichte etwas Spannung geben. Aber ist nur meine Meinung, nichts für ungut.

brehb hat geschrieben:Ich bin irritiert. Müsste dann nicht auch schon der erste Satz der Geschichte kursiv dort stehen?
Diese Geschichte hat einen Ich-Erzähler. Alles was "gedacht" wird, kann folglich nur von ihm gedacht werden. Alles was er spricht steht in Anführungszeichen. Wozu also eine überflüssige typografische Unterscheidung?


Ja, auch der erste Satz und sicher noch andere, würden besser zu lesen, sein, wenn die Gedanken in kursiv gehalten wären, aber lass es dabei. Ist gut so.

brehb hat geschrieben:? Außer dass du die Möglichkeitsform vorschlägst, ich aber die Vorvergangenheit benutze sehe ich keinen Unterschied. Welche Qualitätsverbesserung gäbe das?


Ich habe den Satz umgestellt :oops: und eine Frage daraus gemacht. Vielleicht danach auch wieder einen Absatz. :)

brehb hat geschrieben:Da der Erzähler weder wissen kann, ob der Taxifahrer solche Liste führt noch ob er "dort einen Ehrenplatz" bekommt, ist (nur) die Möglichkeitsform die richtige.


Statt sicher oder in deiner Version wahrscheinlich wäre vielleicht vielleicht besser :)

brehb hat geschrieben:Ups! Ich stolpere über diese Inkonsquenz. Bei Ausdrücken, die dir bekannt sind (Samsonite), soll ich die Gruppenzuordnung (Gepäck) weglassen, aber bei Ausdrücken, die du nicht kennst (Ballerinas) soll ich sie setzen (Schuhe)? Wie soll ich da jemals stilsicher werden?


Oh sorry, da ist mir ein Fehler unterlaufen, mich haben nicht die Ballerinas gestört, sondern die Dinge :oops:

brehb hat geschrieben:Man kann nicht. Aber beim Leser entsteht das passende Bild vor seinem inneren Auge.
Obwohl es ein "inneres Auge" gar nicht gibt. Es wird trotzdem gerne zitiert.


Also mir würde wirklich das Lächeln reichen und so viel ich weiß, schreibt man danke in dem Fall groß :oops:

brehb hat geschrieben:ich habe mein Erleben bis hier hin so ausführlich beschrieben, weil ich mich nicht mit der Floskel begnügen wollte, dass ich "gerne über deine Anregungen nachdenken werde".


Findest du das als eine Flosse, wenn man darüber nachdenken wird? :?

brehb hat geschrieben:Anderes erscheint mir aber zu willkürlich, zu unklar begründet oder gar kontraproduktiv.


Tut mir leid, habe versucht Licht ins Dunkel zu bringen. :)

brehb hat geschrieben:Aber Kommentare sollen den Autoren helfen, sich zu verbessern. Würde dieser Kommi auf einen heurigen Hasen treffen, müsste der vermutlich verzweifeln, weil in der Menge der Anregungen kaum zu erkennen ist, was daran "richtig richtig" ist, was nur "Meinung" ist, "individueller Geschmack" oder was daran "richtig fragwürdig" ist. Vielleicht wäre ja weniger hier mehr.


Werde mich nächstes Mal beim Kommentieren zurückhalten.

Eines möchte ich dir zu deiner Geschichte noch mitteilen. Mir fehlen hier von Antalya, sowie dem Ort Otogare, oder ist es eine Stadt, ein paar Details, um mich wirklich nach dort verführen zu lassen. Deine Geschichte kann an jedem beliebigen Ort in der Welt so geschehen.

Falls noch Fragen sind, werde ich die gerne beantworten.

Nichts für ungut und weiterhin viel Spaß am Schreiben

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