[NonFik]Arbeitet so werdet ihr frei. Teil 4

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[NonFik]Arbeitet so werdet ihr frei. Teil 4

Beitragvon Diavolo » 19.06.2015, 09:39

Liebe Schreibwerkstättler

Für alle, die es nicht erwarten können, wie es weitergeht, stelle ich jetzt den 4. Teil dieses Reiseberichtes ein. Weitere werden noch folgen.
Ich bedanke mich jetzt schon für euer Lesen, Kommentieren, Bemerkungen und was euch sonst noch dazu einfällt. :flowers: Würde mich darüber freuen.

Viel Spaß


Starker Tobak

Mit tänzelnden Schritten steuerte ein Mann mittleren Alters den Liegestuhl neben mir an. Sein Bierbauch hing über die knapp geschnittene Badehose.
Vom anderen Ufer, also keine Anmache!
Ich war froh und vertiefte mich in mein Buch einer französischen Krimiserie, das bei den Aktivitäten der letzten Tage beinahe im Koffer vergilbt wäre. Darin hatte der Protagonist Malcom in der Karibik einen Fall zu lösen. Ich kam nicht weit. Mein Nachbar fing an, mir seine Lebensgeschichte zu erzählen, die noch spannender war.
Er war vormittags angekommen und ich erzählte ihm von dem Nachtclub, der ihn logischerweise nicht interessierte. Beim gemeinsamen Dinner konnten wir unsere Unterhaltung fortsetzen und vor der allabendlich stattfindenden Lachnummer verließen wir das Restaurant. Die giftsprühenden Blicke der Sextouristinnen, scharf auf alles, was mit drei Beinen auf die Welt gekommen war, spürte ich in meinem Rücken. In der Disko war tote Hose. Ich berichtete ihm von meinem Wunsch und dem Ansinnen des Taxifahrers. Er wollte sich am nächsten Tag darum kümmern.
Als wir gegen Morgen auf die Straße kamen, erwartete uns der Taxichauffeur. Das Kind in seinem Gefolge mit den dreckigen Turnhosen, das T-Shirt hatte auch schon bessere Zeiten erlebt, war sein jüngerer Bruder. Ich schätzte ihn auf zehn Jahre. Ich begrüßte ihn und stellte ihn meinem neuen Bekannten vor. Während die zwei sich unterhielten, lief ich mit ihm hinter ihnen her. Dieser kleine Charmeur strahlte mich mit seinen braunen Rehaugen an, seine Komplimente in Englisch hatte er auswendig gelernt. Das tat aber der Wirkung auf mich keinen Abbruch.
Die Gegend war menschenleer. Schläfrige Stille breitete sich aus. Wie ein Donnerschlag drang die Frage an meine Ohren:
„Willst Du mit mir Liebe machen?“
Bei seinen in voller Erwartung leuchtenden Augen blieb mir der Mund offen stehen. Meine Beine versagten fast ihren Dienst. In meinem Kopf lief ein Film aus Thailand ab, wo Sextouristen kleine Mädchen zur Prostitution zwangen.
Wieder fest auf dem Boden stehend, stellte ich ihm eine Gegenfrage:
„Hast Du eine Freundin?“
„Nicht nur eine“, kam es keck zurück.
Hilfesuchend hielt ich nach meinem Begleiter Ausschau, der war mit dem Taxifahrer zu weit entfernt. Ich beschleunigte meine Schritte, der Knirps folgte mir mit Leichtigkeit und plapperte und plapperte. Er gab zum Besten, dass sein Bruder ihn in die Liebestechniken eingeweiht hätte und er genau wüsste, wie man die reichen Touristinnen befriedigen könnte. Ich war geschockt. Das war zu starker Tobak. Vor meinen Augen tauchte einer Ahnengalerie gleich, jedes einzelne Gesicht dieser sexhungrigen High Society auf.
Am Eingang des Hotels, erfuhr ich, dass es um 23 Uhr am nächsten Abend zu der Voodoo Zeremonie gehen sollte.
Dieses schockierende Erlebnis verdaute ich an der Bar in einem langen Gespräch und einem kräftigen Schluck Whisky.

Voodoo Zeremonie

Pünktlich um 23 Uhr holte uns der Taxifahrer ab, an der Hand seinen kleinen Bruder. Dieser in einem sportlichen Dress der Marke ‚Alles Neu macht der Mai‘, saubere Turnhose, blütenweißes T-Shirt und Turnschuhe einer bekannten Firma an den Füßen. Er hatte sich einer den ganzen Körper betreffenden Säuberungsaktion unterzogen und strahlte mich erwartungsvoll an.
Kann ich Dich so erweichen?, las ich in seinen Gesichtszügen.
„Kinder in deinem Alter gehören um diese Uhrzeit ins Bett“.
Meine Worte müssen wie eine Kanonensalve aus der Zitadelle geklungen haben. Sein Blick wurde zu scharfen Pfeilen, die er auf mich abfeuerte, bevor er mit hängenden Schultern von dannen zog.
Die Fahrt dauerte länger als erwartet. Die Einführungszeremonie, beginnend mit dem Orientierungsritual, gefolgt von der Flaggenparade und der Anrufung der Götter mit den heiligen Rasseln, hatten wir verpasst. Die einsetzenden Trommeln mit ihrem ständig wechselnden Rhythmus gingen durch Mark und Bein. Auf dem Platz erstrahlten im Schein der flackernden Kerzen aus Mehl gemalte Symbole, die die angerufenen Götter, Loas oder Petros, kennzeichneten. Als die Trommeln leiser wurden, betrat ein Priester mit einem weißen Huhn, das er an den Füßen trug, die Szene. Zuerst schwenkte er es in vier Richtungen, bevor er es über die entblößten Köpfe der Anwesenden führte, um sie von bösen Energien zu reinigen. Den Schnabel an die Opfergabe führend, die für den Loa bereitgestellt war, fing es an zu picken. Ein Raunen der Erleichterung durchbrach die Stille. Der Gott hatte das Opfer angenommen. Was folgte, dauerte nur ein paar Sekunden. Das Brechen der Flügel und Beine tat mir in den Ohren weh. Nachdem er dem Huhn den Hals durchgetrennt hatte, färbte das Blut den Boden rot. Obwohl es mir schlecht war, konnte ich vor dieser Grausamkeit den Blick nicht abwenden. Mit aufsteigendem Brechreiz kämpfend sah ich, dass der heilige Wasserkrug und die Stirn der Haitianer mit der roten Farbe beschmiert wurden. Bis das Tier zubereitet und dem Gott geopfert war, herrschte angespannte Stille.
Die auflodernde Lebensfreude verdrängte meine Übelkeit. Männer und Frauen standen klatschend im Halbkreis. Ihre Körper wiegten sich im ständigen Rhythmus der dröhnenden Trommeln und ihrem Sing-Sang. Die Augen verdreht, das Schwarz der Pupillen nicht mehr sichtbar, lösten sie sich nacheinander aus der Gruppe. Von ihren jeweiligen Göttern beritten, tanzten sie, manche auf Glasscherben oder glühender Kohle, bis zur völligen Erschöpfung. Man führte sie aus dem Kreis, einige mussten getragen werden. Fasziniert schaute ich den schlangenähnlichen Bewegungen der Tänzer zu. Von den Zehenspitzen bis zum Haaransatz folgten sie mit vollem Körpereinsatz den wechselnden Rhythmen der Trommeln. Schnell- langsam-laut-leise, schnell - langsam - laut - leise…
Vor dem Ende der Zeremonie um fünf Uhr morgens kehrten wir ins Hotel zurück. Während der ganzen Fahrt wurde kein Wort gewechselt. Der Rhythmus der Trommeln pulsierte immer noch durch meine Adern.


Ich hoffe, ihr hattet Spaß. :D

Hier geht es zu den vorherigen Teilen:

Teil 1: post525319.html#p525319

Teil 2: post525472.html#p525472

Teil 3: post525677.html#p525677

Teil 5: arbeitet-so-werdet-ihr-frei-teil-5-t54526.html?uid=10702

Teil 6: arbeitet-so-werdet-ihr-frei-teil-6-t54641.html

Teil 7: arbeitet-so-werdet-ihr-frei-teil-7-t54664.html
Zuletzt geändert von Diavolo am 09.07.2015, 17:43, insgesamt 2-mal geändert.
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Re: Arbeitet so werdet ihr frei. Teil 4

Beitragvon rental » 26.06.2015, 11:01

Guten Tag Diavolo,

dann melde ich mich auch noch zum vierten Teil. Wie viele Teile wird es geben, weisst du das schon? Nun denn, wie zuvor folgen meine Gedanken zum Text, die keinerlei Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben.

Vom anderen Ufer, also keine Anmache!

Woher erkennt sie so rasch, dass der Mann schwul ist? Allein an seinem tänzelnden Gang? Kann man das wirklich nur daran festmachen?

Darin hatte der Protagonist Malcom in der Karibik einen Fall zu lösen.

Der Name "Malcom" erscheint mir nicht wirklich französisch (da es ja eine französische Krimiserie sein soll, gehe ich einfach mal davon aus, dass der Protagonist auch Franzose ist). Ich kenne mich mit Namen aber auch nicht super aus, kann also sein, dass das durchaus ein gängiger Name in Frankreich ist.

Er war vormittags angekommen und ich erzählte ihm von dem Nachtclub, der ihn logischerweise nicht interessierte.

Du schreibst, die Lebensgeschichte des schwulen Mannes war sehr spannend, spannender als das Buch. Danach geht es aber direkt weiter mit dem Nachtclub, von dem ihm deine Tante erzählt. Wenn die Lebensgeschichte dieser Person so spannend ist, wieso sie nicht zumindest in ein paar Sätzen anreissen?
Eine weitere Frage stelle ich mir: Wieso interessiert sich der Mann "logischerweise" nicht für den Nachtclub? Gehen Schwule nie in Nachtclubs?

Beim gemeinsamen Dinner konnten wir unsere Unterhaltung fortsetzen und vor der allabendlich stattfindenden Lachnummer verließen wir das Restaurant.

Ist mit "der allabendlichen Lachnummer" das Schauspiel mit der Stange aus Teil 3 gemeint, wo sich die dicken Touristinnen so schlecht angestellt hatten?

Die giftsprühenden Blicke der Sextouristinnen, scharf auf alles, was mit drei Beinen auf die Welt gekommen war, spürte ich in meinem Rücken.

Wieso werfen sie deiner Tante giftsprühende Blicke zu? Ist irgendetwas passiert, dass dies rechtfertigen würde? Hat sie die Sextouristinnen beleidigt? Oder ist es, weil sie mit dem schwulen Mann unterwegs ist und die anderen keine Männer an ihrer Seite haben? Ausserdem ist das mit den drei Beinen Umgangssprache und ziemlich ausgelutscht, meiner Meinung nach (klingt jetzt etwas pervers, sorry).

Ich berichtete ihm von meinem Wunsch und dem Ansinnen des Taxifahrers.

Hier würde ich vielleicht ihren Wunsch noch einmal nennen. Sie will ja einer Voodoo-Zeremonie beiwohnen, aber ich musste kurz überlegen, weil ich es schon fast wieder vergessen hatte. Kann aber auch daran liegen, dass ich deinen Bericht bisher nicht an einem Stück (also alle Teile hintereinander) gelesen habe.

Als wir gegen Morgen auf die Straße kamen, erwartete uns der Taxichauffeur.

Die Disko war leer, aber sie haben trotzdem die Nacht dort auf den Kopf gehauen?

ch begrüßte ihn und stellte ihn meinem neuen Bekannten vor. Während die zwei sich unterhielten, lief ich mit ihm hinter ihnen her.

Hier komme ich nicht mehr ganz mit. Also sie stellt den schwulen Mann dem zehnjährigen Bruder des Taxifahrers vor. Dann unterhalten sich der schwule Mann und der Zehnjährige. Geht sie also mit dem Taxifahrer hinter ihnen her oder reden der schwule Mann und der Taxifahrer miteinander und deine Tante geht mit dem Zehnjährigen hinter den beiden her? :wink: Kompliziert, kompliziert ... :D

Schläfrige Stille breitete sich aus.

Da würde ich auch schläfrig, wenn ich die Nacht durchgemacht hätte 8)

In meinem Kopf lief ein Film aus Thailand ab, wo Sextouristen kleine Mädchen zur Prostitution zwangen.

Ich glaube nicht, dass die Sextouristen selber die Mädchen zwingen, sondern irgendwelche kriminellen Banden, die das Ganze organisieren und somit dahinterstecken. Allerdings reagieren sie ja auch nur auf die Nachfrage, also tragen die Sextouristen natürlich auch eine gewisse Schuld.

Hilfesuchend hielt ich nach meinem Begleiter Ausschau, der war mit dem Taxifahrer zu weit entfernt.

Okay, jetzt hat sich das Rätsel für mich gelöst, wer da mit wem geht :mrgreen:

Er gab zum Besten, dass sein Bruder ihn in die Liebestechniken eingeweiht hätte und er genau wüsste, wie man die reichen Touristinnen befriedigen könnte.

Ist nichts falsch an diesem Satz, ich hätte aber geschrieben: [...] befriedigen könne. Ohne das "t".

Ich war geschockt. Das war zu starker Tobak.

Deine Tante ist aber sehr feinfühlig!

Vor meinen Augen tauchte[,] einer Ahnengalerie gleich, jedes einzelne Gesicht dieser sexhungrigen High Society auf.

Da müsste noch ein Komma rein, wenn du mich fragst.

Am Eingang des Hotels[,] erfuhr ich, dass es um 23 Uhr am nächsten Abend zu der Voodoo Zeremonie gehen sollte.

Das markierte Komma muss weg. Huh? Plötzlich ist sie wieder zurück im Hotel und hat sich wie aus Geisterhand aus der unangenehmen Situation befreit?

Dieser in einem sportlichen Dress der Marke ‚Alles Neu macht der Mai‘ [...]

Was ist das für eine Marke? Also ich nehme ja an, dass es nicht wirklich eine Marke ist, sondern einfach ausdrücken soll, dass er sich komplett gewandelt hat und nun sauber und ordentlich angezogen ist? Habe nur den Ausdruck noch nie gehört, deshalb frage ich mal nach.

Meine Worte müssen wie eine Kanonensalve aus der Zitadelle geklungen haben.

"Kanonensalve aus der Zitadelle" habe ich auch noch nie gehört. Wieso nicht einfach "wie eine Kanonensalve"?

Als die Trommeln leiser wurden, betrat ein Priester mit einem weißen Huhn, das er an den Füßen trug, die Szene.

Ich weiss, was du damit ausdrücken willst, es liest sich aber so, als trage der Priester ein Huhn an den Füssen. Also als hätte er sich ein Huhn an seine Füsse gebunden oder so :D Lass doch das mit den Füssen einfach weg.

Zuerst schwenkte er es in vier Richtungen, bevor er es über die entblößten Köpfe der Anwesenden führte, um sie von bösen Energien zu reinigen.

Schwenkte er es in die vier Himmelsrichtungen?

Den Schnabel an die Opfergabe führend, die für den Loa bereitgestellt war, fing es an zu picken.

Pickte es in den Mehlsymbolen? Oder wie ist das zu verstehen?

Das Brechen der Flügel und Beine tat mir in den Ohren weh.

Kann man das so laut hören? (habe noch nie einem Huhn die Flügel gebrochen, aber mir selbst schon zweimal bei Unfällen das Bein und da war rein gar nichts zu hören, obwohl meine Knochen bestimmt dicker sind als Hühnerknochen :wink: )

Obwohl es mir schlecht war, konnte ich vor dieser Grausamkeit den Blick nicht abwenden.

Wie gesagt: Sehr feinfühlig die Frau!

Die Augen verdreht, das Schwarz der Pupillen nicht mehr sichtbar, lösten sie sich nacheinander aus der Gruppe.

Das Schwarz der Pupillen war nicht mehr sichtbar? Im ernst? Hört sich irgendwie an, als wären die Leute vom Satan besessen :shock:

Der Schluss ist gelungen, vor allem der letzte Satz veranschaulicht das Erlebte schön. Wieder ein interessanter Teil, habe ich gerne gelesen. Die Zeremonie fand ich spannend. Trotzdem habe ich mir einige Fragen gestellt, die mir der Text nicht beantwortet hat oder wo etwas missverständlich war. Alles in allem aber der beste Teil so far, finde ich. Top, weiter so!

Beste Grüsse,
rental
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Re: Arbeitet so werdet ihr frei. Teil 4

Beitragvon Diavolo » 10.08.2015, 07:40

Hallo rental

Ich weiß ich bin ein schlechter Kanton, dass ich noch nicht auf deinen Kommentar geantwortet habe, war leider mit anderen Dingen zu beschäftigt, ich werde das nachholen und sage vorab erst einmal recht herzlichen Dank für Deine Bemühungen und werde mich auch an die Überarbeitung machen. Bis dahin

Liebe Grüße
Diavolo
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