[NonFik]Arbeitet so werdet ihr frei. Teil 7

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[NonFik]Arbeitet so werdet ihr frei. Teil 7

Beitragvon Diavolo » 09.07.2015, 17:10

Liebe Schreibwerkstättler, natürlich auch die Schreibwerkstättlerinnen

Hier endlich der letzte Teil des Reiseberichts nach Haiti und Guadeloupe. Zurück in der Europa diesmal, hoffe ich, dass ihr gespannt seid, wie es ausgeht. Freue mich wirklich über jeden Kommentar und eure Gedanken dazu, denn daraus kann ich lernen, es besser zu machen.

Viel Spaß beim Lesen und auch beim Kommentieren.

Die Rache geht in die Hose

Der Alltag in Deutschland mit der täglichen Routine, dem ständigen Auf und Ab hielt Einzug. Die Erinnerungen an die Karibik verblassten. Das Klingeln meines Handys riss mich aus dem Schlaf. Auf dem Display erschien eine mir unbekannte Nummer.
Erneut ein Psychopath, wie die Wochen davor?
Der amerikanische Akzent ließ meinen Adrenalinspiegel ansteigen. Ich saß senkrecht im Bett, während der Sklaventreiber ohne Umschweife zur Sache kam.
„Können wir uns am kommenden Montag in Zürich treffen? Ich muss Dich wiedersehen!“
Mein Gehirn auf Touren bringend, druckste ich herum, faselte von weiß nicht ob ich frei bekomme, es sei auch ein weiter Weg, könnte es mir finanziell nicht erlauben unbezahlten Urlaub zu nehmen, und was mir noch einfiel, nur um Zeit zu gewinnen. Währenddessen lief die Erinnerung an den Sonntagsbrunch mit anschließender Fabrikbesichtigung vor meinen Augen ab.
„Was verdienst Du denn am Tag?“
„5000 DM“ log ich ohne Skrupel.
„Oh, kein Problem ich bezahle Dir den Verdienstausfall.“
‘Geld stinkt nicht’, wo hatte ich das schon mal gehört?
Der Zeitpunkt meiner Rache war in greifbare Nähe gerückt. Ich setzte einen drauf und fing zu jammern an: „Das Benzin muss ich auch noch berappen.“
Er erhöhte sein Angebot auf 6000.
Soviel Geld, um mich wieder zu sehen?
Als er aufgelegt hatte, wanderte mein Blick immer wieder zum Display.
War das ein Traum?
Eine Woche Zeit, um meine Rache zu planen: Wo war seine Achillesferse? Wie konnte ich es ihm heimzahlen, wie er diese Menschen ausnutzte?
Diese Fragen beschäftigten mich jeden Tag, bis es Montag war und ich ins Auto stieg. Während der Fahrt manifestierten sich einige Varianten, die ich durchspielte. Ich passierte die Grenze in Basel, wo mich freundliche Zöllner in grauen Uniformen durchwinkten. Der starke Verkehr und das Tempolimit von höchstens 130km/h ließen mich nur langsam vorankommen. Die zusätzlichen Runden, die ich dank der Fußgängerzone vom Hauptbahnhof bis zum Bürkliplatz und den Einbahnstraßen drehte, wurden zu einer kostenlosen Stadtbesichtigung. Endlich, es war schon dunkel, sah ich den bescheiden wirkenden Schriftzug an dem Prunkbau des 1838 erbauten Savoy Hotels. Die Halteverbotstafeln auf dem Paradeplatz und den Nebenstraßen trieben mir Schweißperlen auf die Stirn.
Schaffe ich es noch, zu der vereinbarten Zeit dort zu sein?
Auf der anderen Seite der Limmat fand ich ein Parkhaus. Schnellen Schrittes eilte ich über die Brücke zurück. Die Zeiger der Uhr rückten unaufhaltsam weiter. An den hellerleuchteten Schaufenstern der Außenfront vorbei hastete ich die letzten Meter zum Eingang.
Geschafft!
Hat die sich in der Hausnummer geirrt?, las ich in den Augen des Portiers, der mich von oben bis unten musterte, bevor er mir die Tür aufhielt. Auf dem roten Teppich schwebte ich wie ein Filmstar in die große Empfangshalle. Ein Blumenbouquet auf einem runden Mahagonitisch mitten im Raum, von der Decke baumelte ein schwerer Kristallleuchter, eine gewundene Treppe führte in die oberen Etagen und dicke Teppiche verschlangen die Geräusche. Zielstrebig steuerte ich auf die Rezeption zu und fragte einen distanziert wirkenden Angestellten nach dem Amerikaner. Kurz darauf stand dieser in einem tadellos sitzenden Maßanzug mit passender Krawatte neben mir.
Der Ober geleitete uns zu unserem Platz im Restaurant Baur. Die entrüsteten Blicke der anwesenden Gäste folgten uns. Die weiß gedeckten Tische, Teller und Besteck millimetergenau ausgerichtet, Kristallgläser für Wasser, Weißwein und Rotwein wirkten mit ihrem Gegenüber, wie eineiige Zwillinge.
In meinen Kleidern von der Stange am falschen Ort zu sein, drängte sich in mein Bewusstsein.
Bevor ich die, in Leder gebundene, Speisekarte studierte, legte mir der Kellner die Serviette auf meinen Schoß und servierte kurz darauf knusprige Brötchen mit diversen Buttervariationen. Die Vorspeisen auf der Karte waren ein Traum. Es lockten Artischockensalat mit Parmesan, im Haus geräucherter Lachs mit seiner Garnitur, was auch immer das heißen mochte, Entenleberterrine mit Feigen-Chutney und noch vieles mehr. Bei den Suppen verweilte ich nicht lange, genauso wenig bei Pasta und Fisch. Wir einigten uns auf «Chateaubriand» mit Béarnaise-Sauce, Kartoffelkroketten und Gemüsebouquet davor für mich einen Hummersalat auf einem Gemüsebett mit Calypsosauce. Der Amerikaner drängte mich, den Kaviar zu versuchen, der sei ein Gedicht. Er bestellte die passenden Weine.
Während die Köstlichkeiten meinen Gaumen verwöhnten, hörte ich seinem Balzgesang nur mit halbem Ohr zu. Ich konzentrierte mich auf meinen Angriff, den ich ihm zum Dessert präsentieren wollte. Seine Füße, die er aus seinen Lackschuhen befreite, machten sich unterm Tisch selbständig. Sie glitten bei meinen Schuhen angefangen nach oben, tasteten sich behutsam bis zu meinen Kniekehlen hinauf und auf dem gleichen Weg zurück. Sein anzüglicher Wortschatz steigerte sich von Gang zu Gang. Ich ließ mich nicht lumpen, reizte ihn zusätzlich mit eindeutigen Gesten. Vor Gier fing er an zu sabbern, bezahlte die Rechnung und kurz darauf verließen wir das Restaurant. Seine ausgebeulte Hose sprach Bände. Ehe die Türe seines Hotelzimmers ins Schloss fiel, ging er mir an die Wäsche. Ihn auf Distanz haltend, erinnerte ich ihn an sein Versprechen. Diskussionslos rückte er von mir ab, zückte seinen Geldbeutel und drückte mir die Scheine in die Hand. Bevor seine Finger erneut anfingen zu grabschen, blickte ich mit gespielter Überraschung auf meine Armbanduhr.
„Ich bin spät dran. Tut mir leid ich habe noch einen anderen Freier”.
Als ihn meine Worte trafen, war ich zur Tür draußen. Zwei Stufen auf einmal die Treppen ins Foyer nehmend, floh ich an dem verdutzt dreinblickenden Portier vorbei ins Freie.

Epilog

Irgendwann kam mir der Gedanke, dass der Amerikaner aus meiner Rache nichts gelernt hatte. Er hatte genug Geld! So habe ich im Jahr 2010, als erneut ein Erdbeben Haiti heimgesucht hat, dieses Geld für die Betroffenen gespendet. Die Erinnerungen an diese fröhlichen Menschen wird mich immer begleiten.

Hier geht es zu den anderen Teilen. Viel Spaß!

Teil 1: post525319.html#p525319

Teil 2: post525472.html#p525472


Teil 3: post525677.html#p525677

Teil 4: arbeitet-so-werdet-ihr-frei-teil-4-t54476.html

Teil 5: arbeitet-so-werdet-ihr-frei-teil-5-t54526.html

Teil 6: arbeitet-so-werdet-ihr-frei-teil-6-t54641.html
Wie viele Leute schreiben und schreiben und auf dem Papier steht immer nichts!
(Johann Friedrich Freiherr Cotta von Cottendorf)
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