[Tragik]Austern am Valentinstag, Teil 1/2

Tragödien, Tragisches

[Tragik]Austern am Valentinstag, Teil 1/2

Beitragvon DrJones » 15.02.2015, 22:54

Hallo,

Hier ist nun Teil 1 mein neues Werk. Erscheinen Euch die Protagonisten authentisch?

Vielen Dank vorab für Eure Kommentare.

Austern am Valentinstag


Die tief stehende Nachmittagssonne warf lange Schatten in das Pied dans l’eau. Monsieur Janic Valenthin blickte auf den kleinen, zuckenden Lichtfleck an der Wand, der durch sein Glas Muscadet ging. Er richtete sich ein Stück auf. Leise knackten seine Knochen. Dann beugte er sich wieder vor und sah aus dem Fenster. Die Flut schob sich gerade unter die im Schlick liegenden Fischerboote. Schon bald würden die beiden Männer dort draußen, die jetzt in ihren Ölmänteln auf dem hellblau gestrichenen Bootskörper saßen und sich angeregt unterhielten, aufstehen und gehen.
Vor Monsieur Valenthin stand ein Teller mit Marennes-Olérons. Wie immer auf zerhacktem Eis, der Tellerrand mit bräunlich-grünem Seetang garniert. Zwei Stückchen Zitrone. Die Austerngabel und ein winziger Dolch, wie üblich, auf einem kleinen Extrateller, auf dem auch eine einzelne, noch geschlossene Auster lag. So wie es Monsieur Valenthin gewohnt war. So wie er es mochte. Valenthin schloss seine Augen. Er roch wieder den kleinen Weg zum Strand von La Turballe, das Meer, die eingeholten Netze, die Krebse in den alten Holzkisten…
Der Wind trieb Wellen über das Wasser. Rauschen. Monsieur Valenthin atmete hörbar aus. Jetzt also Privatier … Das Auf und Ab der letzten Jahre. Finanzkrise, dubiose Geschäfte überall. Staatsanleihen. Die Unterwelt sollte wohl auch mitmischen, hatte man ihm unter der Hand erzählt. Dann dieses Angebot aus dem Nahen Osten. Eine arabische Bank, mit einem Namen, den Janic noch nicht einmal aussprechen konnte. Den Rest hatten dann seine und deren Anwälte erledigt. Gut. Das war eben das Ende von Valenthin et Fils. Janic hatte sich sowieso nie so richtig als Bankier gefühlt. Das war einfach nicht sein Metier. Diese stupide Erbsenzählerei! Janic war der fils in Valenthin et Fils gewesen. Nicht mehr und nicht weniger. Seines Vaters Petit filou! Sein Traum aber war immer die Musik. Die großen Orchester! Oh ja, wie gern hätte er Geige gespielt! Komponiert! Damals. … ein verborgener, unerfüllter Traum.
Der Stuhl gegenüber Janic war leer, aber es war kein Stuhl, der auf jemanden wartete. Er blieb einfach nur leer. Janic spürte den ansteigenden Druck in seinem Hals und sah angestrengt auf seine Marennes-Olérons. Er träufelte ein paar Tropfen Zitrone über eine der Austern. Nichts … Mit der Gabel piekte er direkt am Rand in das grünliche Fleisch. Dann endlich! Der Muskel zog sich, fast unmerklich, ein Stück vom Rand zurück. Janic piekte fester hinein. Die Reaktion wurde heftiger. Das Innere wurde eine sich vor Schmerzen windende Zunge. Janic löste routiniert das Fleisch aus der Schale. In seinem Mund entfaltete sich der salzige Geschmack des Meeres. Der Widerspruch von Fisch und Fleisch löste sich auf. Die Auster wand sich auf seiner Zunge wie ein quengelndes Kind, doch seinem Biss konnte sie sich nicht entziehen. Er schluckte die salzige Masse runter. Die leere Auster legte er auf den Schalenteller und griff sich gleich die nächste. Janic ließ seine Zunge nun über das glibberige Fleisch gleiten. Fischiger Geruch stieg in seine Nase. Er lutschte, ließ das belebende Salzwasser seine Kehle runter rinnen. Sein Blick fiel wieder auf den leeren Stuhl. Druck in seinem Hals. Schnell schluckte er runter, griff sich die nächste Auster. Janic schloss seine Augen und dachte an sie. Eleonore. „Nous sommes dans le pétrole.“, hatte Eleonore damals seinem Vater, auf seine Frage nach dem Beruf ihrer Eltern geantwortet. „Dans le pétrole? Ah! Vraiment?“, hatte Vater gesagt und - zum ersten Mal überhaupt - anerkennend seinen Mund verzogen. Dabei war es doch nur die kleine Tankstelle ihrer Familie. Janic grinste und schluckte das bitter werdende Austernfleisch runter. Der Schalenteller füllte sich.
„Ist alles zu Ihrer vollsten Zufriedenheit, Monsieur Valenthin?“
Janic sah auf. Pierre Amalric, der Maître des Pied dans l’leau stand neben seinem Tisch. In Monsieur Amalrics spitzem Gesicht lag wie immer diese besondere Verbindung von Freundlichkeit und Diskretion. Doch heute schimmerte noch etwas anderes in seinen Zügen…
„Ja ja … danke Pierre! Es ist alles — gut. Wie immer. Sehr gut!“
„Das freut mich, Monsieur Valenthin! Denn die Olérons sind wirklich die besten dieses Jahr! Und-“
„Ja, das sagten Sie vorhin sch- … Ja, sind die besten. Danke, Pierre!“
Monsieur Amalric lächelte unsicher und blickte ein- zweimal über seine Schulter.
„Was ist?“, fragte Monsieur Valenthin, als Amalric immer noch an seinem Tisch verharrte.
„Nein nein, es ist nichts. Ich — äh möchte Sie da nicht … also es ist nur — vielleicht nur eine Kleinigkeit.“
Monsieur Amalric spielte mit dem silbernen Kettchen, das immer aus einer seiner Anzugstaschen baumelte. Sein Gesicht wirkte jetzt noch blasser als sonst.
„Was ist denn, Pierre? Haben Sie etwa einen Geist gesehen? Hm? Und was soll diese Geheimnistuerei? Wie lange kennen wir uns nun schon, Pierre? Fünfzig, sechzig Jahre? Kommen Sie! Setzen Sie sich und trinken Sie ein Glas Muscadet mit mir!“
Monsieur Amalric schüttelte höflich den Kopf, trat einen Schritt auf Janic zu und beugte sich vor. „Also, es ist so, Monsieur Valenthin: [Er leckte sich immer wieder über die Lippen.] Es kamen gewisse — Beschwerden. Mir ist das wirklich sehr, sehr unangenehm! Das müssen Sie mir glauben! Zudem Sie einer unserer langjährigen Stammgäste sind. Und natürlich auch Ihre Frau, bis sie-“
„Sprechen Sie nicht über meine Frau!“
„Oh! Verzeihen Sie bitte vielmals, Monsieur Valenthin! Es war nicht meine Absicht!“
Ohne den Maître eines Blickes zu würdigen, griff Janic nach seinem Glas Muscadet und nahm einen Schluck.
„Gut. Fahren Sie fort, wenn’s sein muss! Was für Beschwerden?“
„Ach, Beschwerden! Das ist immer so ein hartes Wort. Sagen wir mal, es kamen gewisse Unmutsäußerungen. Kleine — Beanstandungen.“
„Was? Von wem denn?“, Valenthin lachte. „Wer beschwert sich denn hier über mich? Hm?“
„Über Sie? Aber nein! Da haben Monsieur mich womöglich falsch — ich meine, nicht richtig verstanden. Es geht ja nicht um Ihre Person als solche. Es ist mehr so die Art, wie Sie …“
„Was denn? Habe ich etwa zu laut meine Austern geschlürft?“
Monsieur Amalric blickte wieder, diesmal schon nervös über seine Schulter. Janic folgte seinem Blick. Ein Stück entfernt, an einem der runden Tische, saß eine Familie. Links ein älterer Herr mit Bart, neben ihm wohl seine Frau. Sie in den Vierzigern. Gediegene Kleidung. Eine Tochter. Vielleicht zehn, elf. Ganz rechts eine streng wirkende Frau mit altmodischem Pagenschnitt. Womöglich eine Nanny.
Schützend schob sie einen Arm vor das Mädchen.
Seltsam, dachte er, sie tragen alle Sonnenbrillen.
„Ist es etwa wegen denen da?“, fragte er und deutete mit seinem Glas auf die Familie.
„Ja, richtig. Sie wissen, ich wahre immer strengste Diskretion, aber — Also, es ist eine Familie aus Moskau. Heute hier eingetroffen.“
Und?
„Mehr darf ich — kann ich Ihnen nicht sagen. Sie kennen diese Kreise ja. Da muss ich einfach um Ihr Verständnis bitten! Entschuldigung!“
„Und wenn Sie entschuldigen, Maître? Meine Austern fangen langsam an zu stinken!“
Demonstrativ nahm Janic sich vom Extrateller die noch geschlossene Auster und versuchte, mit dem kleinen Dolch das Scharnier aufzuhebeln. Dabei fixierte er Amalric.
„Monsieur Valenthin! Ich fürchte, d-das geht nicht. Lassen Sie bitte die Auster liegen!“
Was?!
„Die Auster. Lassen Sie sie liegen!“
Janic riss die Augen auf. „Was ist denn heute los mit Ihnen, Pierre? Was soll das werden, was Sie hier mit mir veranstalten?“
„Um die Wahrheit zu sagen, Monsieur Valenthin: Es waren doch schon richtige Beschwerden gegen Sie! Heftige Beschwerden! Und, wenn mir die Bemerkung erlaubt ist: Ich kann sie zum Teil ganz gut nachvollziehen!“
Dieser Maître! Janic spürte, wie Zorn in ihm aufstieg. Die Auster ließ sich nicht öffnen, egal, wie kräftig er den Dolch in die kleine Spalte zwischen den Schalen drückte!

Hier geht's zu Teil 2: http://www.schreibwerkstatt.de/austern-am-valentinstag-teil-2-2-t53104.html
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Re: Austern am Valentinstag, Teil 1/2

Beitragvon Allvater » 21.02.2015, 22:50

Hallo.

Um auf deine einleitende Frage zu antworten, ob die Figuren authentisch wirken würden, muss ich sagen, dass man zu wenig über sie erfährt, um dies voll beurteilen zu können. Allerdings fand ich Janic schon ganz überzeugend. Ein wenig melancholisch wohl. Er zelebriert ein altes Ritual (die Austern) und der Titel des Themas lässt mich erahnen, dass er und seine später erwähnte Frau wohl keinen Grund haben diesen Tag zu feiern.

Ich persönlich finde es schön zu lesen, wenn so nebensächliche Dinge, wie das Essen einer Auster, so detailreich beschrieben werden, wie hier. Mir gefiel dieser Abschnitt sehr gut.
Was ich persönlich nur anmerken wollte. Ich bin der französischen Sprache nicht mächtig. Einige Begriffe könnte ich wohl erahnen. Doch wenn diese Begriffe zwingend zur Geschichte gehören müssen, würde ich zumindest hier und da einige Andeutungen machen, was genau gemeint sein könnte. Generell finde ich zu viele Fremdsprachige Begriffe in einem deutschen Fließtext eher hinderlich beim lesen. Ich persönlich neige dazu, sie zu überfliegen oder gar zu überspringen, da ich weder weiß wie man sie ausspricht, noch was sie bedeuten. Vielleicht wäre eine gute Mischung nicht schlecht. Die selben Dinge einmal in französischer Sprache und dann auch in deutscher Sprache beim Namen zu nennen.
Nous sommes dans le pétrole.“, hatte Eleonore damals seinem Vater geantwortet.

Hier ein Beispiel wie man dies, meiner Meinung nach gut kombinieren könnte:
...hatte Eleonore damals seinem Vater, auf seine Frage nach dem [Hier passende deutsche Übersetzung/Beschreibung einsetzen], geantwortet. So muss man nicht erst den Google-Übersetzer bemüßigen, was dieser Satz wohl zu bedeuten hatte. Und gerade solche Sätze machen es einem Leser wie mir, der kein Französisch kann, schwer dem Inhalt zu folgen. Man hat immer den Eindruck, als ob man etwas verpassen könnte, was mich dann wohl, bei vermehrten Ausdrücken fremder Sprache, dazu bringen würde, das Buch beiseite zu legen.

Was ich aber ein wenig irritierend beim Lesen fand, war das Wort Nanny. Ich denke einmal, dafür gibt es doch sicher auch ein französisches Wort. Andernfalls hätte ich es wohl eher Kindermädchen genannt. Dieses Wort finde ich in diesem Text irgendwie Fehl am Platz.
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Re: Austern am Valentinstag, Teil 1/2

Beitragvon DrJones » 22.02.2015, 12:10


Hallo Allvater.

Vielen Dank für Deinen detaillierten Kommentar!


Allvater hat geschrieben:Hallo.

Um auf deine einleitende Frage zu antworten, ob die Figuren authentisch wirken würden, muss ich sagen, dass man zu wenig über sie erfährt, um dies voll beurteilen zu können. Allerdings fand ich Janic schon ganz überzeugend. Ein wenig melancholisch wohl. Er zelebriert ein altes Ritual (die Austern) und der Titel des Themas lässt mich erahnen, dass er und seine später erwähnte Frau wohl keinen Grund haben diesen Tag zu feiern.

So ist es. Da gibt es wirklich keinen Grund zu feiern…

Ich persönlich finde es schön zu lesen, wenn so nebensächliche Dinge, wie das Essen einer Auster, so detailreich beschrieben werden, wie hier. Mir gefiel dieser Abschnitt sehr gut.

Danke. Reine Recherche plus ein wenig Fantasie. Habe nie Austern gegessen.

Was ich persönlich nur anmerken wollte. Ich bin der französischen Sprache nicht mächtig. Einige Begriffe könnte ich wohl erahnen. Doch wenn diese Begriffe zwingend zur Geschichte gehören müssen, würde ich zumindest hier und da einige Andeutungen machen, was genau gemeint sein könnte. Generell finde ich zu viele Fremdsprachige Begriffe in einem deutschen Fließtext eher hinderlich beim lesen. Ich persönlich neige dazu, sie zu überfliegen oder gar zu überspringen, da ich weder weiß wie man sie ausspricht, noch was sie bedeuten. Vielleicht wäre eine gute Mischung nicht schlecht. Die selben Dinge einmal in französischer Sprache und dann auch in deutscher Sprache beim Namen zu nennen.
Nous sommes dans le pétrole.“, hatte Eleonore damals seinem Vater geantwortet.

Hier ein Beispiel wie man dies, meiner Meinung nach gut kombinieren könnte:
...hatte Eleonore damals seinem Vater, auf seine Frage nach dem [Hier passende deutsche Übersetzung/Beschreibung einsetzen], geantwortet. So muss man nicht erst den Google-Übersetzer bemüßigen, was dieser Satz wohl zu bedeuten hatte. Und gerade solche Sätze machen es einem Leser wie mir, der kein Französisch kann, schwer dem Inhalt zu folgen. Man hat immer den Eindruck, als ob man etwas verpassen könnte, was mich dann wohl, bei vermehrten Ausdrücken fremder Sprache, dazu bringen würde, das Buch beiseite zu legen.

Diesen Hinweis auf die Sprache habe ich schon von anderer Stelle bekommen.
Ja, es ist genau, wie Du's sagst. Ein echter Nachteil. Ich werde die französischen
Sätze aus einem anderen Grund so drinlassen.
Deinen Tipp mit den Andeutungen werde ich konkret ausprobieren und sehen, ob es
funktioniert. Danke! :)

Was ich aber ein wenig irritierend beim Lesen fand, war das Wort Nanny. Ich denke einmal, dafür gibt es doch sicher auch ein französisches Wort. Andernfalls hätte ich es wohl eher Kindermädchen genannt. Dieses Wort finde ich in diesem Text irgendwie Fehl am Platz.

Ja, daran habe ich auch schon gedacht. Hattest Du das Gefühl, die Geschichte
spielt eher in der Vergangenheit? Welches Jahrzehnt? Der Begriff Nanny hat sich so eingebürgert,
vor allem bei den Schönen und Reichen. :wink:
Ich hätte Kindermädchen schon passend für den alten Mann Janic gefunden aber Nanny
ist irgendwie zeitgemäßer. Meiner eigenen Prämisse folgend, dass für mich immer die Zeichnung der
Figuren am wichtigsten ist, sollte ich daher eigentlich Kindermädchen verwenden. Andererseits
hatte "good" old Janic eine Privatbank geleitet, war am Puls der Zeit…
Werde über diesen Punkt nochmal nachdenken. Danke für Deinen wertvollen Hinweis! :)




Nochmals 1000 Dank und herzlichen Gruß,

Dr. Jones
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