[Tragik]Austern am Valentinstag, Teil 2/2

Tragödien, Tragisches

[Tragik]Austern am Valentinstag, Teil 2/2

Beitragvon DrJones » 16.02.2015, 21:11

Hallo, hier ist nun Teil 2 meiner Geschichte. War das Ende zufriedenstellend?

Diese Verstocktheit! Wie damals seine Angestellten. Musste den Leuten immer alles aus der Nase ziehen. Jede kleinste Kleinigkeit, die Sie versuchten, vor ihm zu verheimlichen! Dieser Lucaque! Dessen dummes Babygesicht mit dem pelzmützenartigen Haaransatz! ‚Monsieur Valenthin! Patron. Es gibt da eine Herausforderung, über die ich gerne mit Ihnen sprechen würde!‘ Herausforderung! Pah! Sechs Wochen später war die Bank verkauft. Dieser verdammte Mistkerl! Und immer ein Lächeln auf seinem Babymund!
Janic drückte seinen Daumennagel in die labyrinthischen Furchen auf der Austernschale.
„Sie besitzen wirklich die Frechheit, mich hier bei meiner Vorspeise zu stören und dann die noch größere Unverschämtheit, mich nicht mal im Ansatz über den Grund dieser Unterbrechung aufzuklären, und-“
„Es gibt wirklich keinen Grund, hier gleich laut zu werden. Wie gesagt, es war eigentlich nur eine Kleinigkeit, die Sie jetzt aber wieder mal dramatisieren — ja, regelrecht aufbauschen, Monsieur!“
Wieder? Ich? Was — was erlauben Sie sich, Pierre?“
„Das ist auch so ein Punkt, Monsieur Valenthin! Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mich nicht immer Pierre, sondern Monsieur Amalric nennen würden! Das ist mein Name für Sie!“
Oooh! Ist Ihr Name, ja? Darf ich Sie jetzt auch Monsieur Amalric, Maître du Pied dans l’leau nennen? Ist das nach Ihrem Geschmack, ja?“
Eine gewisse Unruhe kam von dem Tisch mit der russischen Familie.
„S-Sie entschuldigen mich bitte einen Moment, Monsieur Valenthin?“, sagte Amalric. Schnellen Schrittes ging er auf den Tisch mit den Russen zu. Janics Atem rasselte. Er schenkte sich noch ein Glas Wein ein, trank es in einem Zug leer. Irgendetwas schien Amalric den Russen zu erklären. Das Familienoberhaupt schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. Brüllte in einem Kauderwelsch aus Russisch, Französisch und Englisch. Amalric zuckte entschuldigend mit den Schultern, drehte sich kurz zu Janic um und erklärte dann weiter. Schließlich kehrte er zu Janics Tisch zurück. Auf seinem blassen Gesicht zeigten sich rötliche Flecken.
„Es tut mir sehr leid“, sagte er. „Ich meine, welche Entwicklung das hier genommen hat. Und erst meine Unhöflichkeit Ihnen gegenüber! Das beschämt mich so! Unverzeihlich!“
„Nun ja, wir haben alle mal einen schlechten Tag, Pierre. Aber was war da drüben denn-“
So! Und nun verlassen Sie bitte mein Lokal!“
„Wie bitte? Sie werfen mich raus?!“
„Sie wollen ja nicht freiwillig gehen. Ich habe alles versucht. Zunächst mit Diskretion, dann deutlicher. Sie wollen wohl nicht verstehen? Nicht hören!“
„Da lass ich mich nicht zweimal bitten!“, sagte Monsieur Valenthin und stand auf. Seine Wirbelsäule knackte, ebenso wie die alten Dielen unter den Ledersohlen seiner Schuhe. In Janics Stirn puckerte es; ihm wurde schwindelig. Er hielt sich an der Lehne seines Stuhls fest und besah sich die Altersflecke auf seinen spärlich behaarten Händen. Die Hände eines alten Affen. Er spürte, wie ihn Amalric unterhakte.
„Geht es, Monsieur Valenthin?“
„Hm. Als würde Sie das interessieren! Ja ja, s‘geht schon!“
„Ich begleite Sie noch zum Ausgang, Monsieur Valenthin. Es ist Zeit. Das ist mir alles so unangenehm!“
„Bemühen Sie sich nicht! Ich kenn‘ den Weg. Mich haben Sie als Gast verloren! Mich sehen Sie hier nie wieder!“
„Das weiß ich doch schon längst, Monsieur!“, sagte Maître Amalric mit einem sonderbaren Lächeln, das seine Mundwinkel umspielte. „Sie waren uns immer ein lieber Gast! Vielen Dank!“

Janic kam es vor, als würden sich die Holzdielen unter seinen Füßen verbiegen. Brackiger Seegeruch stach in seine Nase. Vielleicht war es nur seine geschärfte Wahrnehmung nach dem Streit. Als Janic das kalte Messing der Türklinke an seinen Fingern spürte, da hielt er inne. Wer war er denn, dass er sich so aus dem Restaurant werfen ließ? Wer waren die überhaupt? Diese Russen! Was erlauben die sich? Pah! Wussten die denn nicht, wer er war? Janic ließ den Türgriff los und kehrte um. Die Russen waren gerade in eine heitere Unterhaltung vertieft.
„Ich hoffe, ich störe Sie nicht!“, sagte Janic auf Englisch.
Man würdigte ihn keines Blickes. Auf dem Tisch stand ein Extrateller, wie Janic einen gehabt hatte, nur dass auf diesem hier die Auster schon geöffnet war. Das Familienoberhaupt trank aus einem Glas, in dem eine trübe Brühe dümpelte. Er stellte das Glas ab, leckte penibel über seinen Bart [Was war mit seiner Zunge? So blass…], griff in seinen Mund und holte eine kleine schillernde Kugel heraus. Mit dem Zeigefinder schnippte er die Kugel, eine Perle, an, so dass sie über die Tischplatte kullerte. Das Mädchen nahm sie an sich.
Plötzlich wandte sich die Mutter an Janic. In den Gläsern ihrer Sonnenbrille sah er die verschwommene Spiegelung seines Gesichts.
„Sind Sie also doch zurück gekehrt!“, sagte sie in perfektem Französisch, Vannetais-Dialekt. „So muss es sein! So ist es immer…“
„Ich—“, sagte Janic. „Ist es denn schmerzhaft?“
„Ja. Aber es ist immer ein Schmerz der Freude! Für die meisten zumindest.“
Janic nickte. Die Frau lächelte wissend. Ihre Zähne waren braun und ganz zerklüftet. Eine dunkelgrüne Zunge glitt darüber. Der Geruch von Austern strömte Janic entgegen. Der Boden unter seinen Füßen wurde plötzlich ganz weich, schwankte. Wo eben noch dunkle Dielen waren, lag nun brauner Schlick. Seetang. Überall Wasser! Der Boden pulsierte. Janic ruderte mit den Armen und fiel hin. Das Mädchen nahm ihre Brille ab. Ein Auge war geschlossen, in dem anderen schillerte eine seltsame Pupille. Das Mädchen drückte mit Daumen und Zeigefinger der linken Hand die Lider ihres geschlossenen Auges auseinander und presste mit der anderen Hand die — Perle hinein. Dann zeigte sie auf Monsieur Valenthin. Er versuchte aufzustehen, rutschte immer wieder aus.
Der Boden war zu einer dunkelgrünen, stinkenden Masse geworden, die sich hin und her bewegte. Die Decke sackte ab! Monsieur Valenthin hielt sich schützend die Arme über seinen Kopf. Die Dekorations-Netze schlackerten hin und her. Er drehte sich zum Ausgang. Die Tür sprang weit auf. Dahinter klaffte ein pulsierender, rosa-fleischiger Abgrund.
„Wer Ohren hat zu hören, der höre!“, sagte der Vater und lachte unverwandt aus vollem Halse. Das Lachen entfernte sich. Monsieur Valenthin wurde unaufhaltsam in den gähnenden Schlund gezogen. Er erhaschte noch kurz das Gesicht Amalrics [spitz und blass wie immer]. Dann verschluckte ihn die Dunkelheit.

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Re: Austern am Valentinstag, Teil 2/2

Beitragvon Allvater » 21.02.2015, 23:02

Hallo :)

Zufriedenstellend? Ich würde eher sagen verwirrend. ^^
Ich kann nur vermuten, was wohl passiert ist. Vielleicht liege ich auch falsch. Entweder waren die Austern schlecht, oder vergiftet? Das Mädchen, welches sich eine Austernperle in die Augenhöhle drückt, deutet wohl auf eine Halluzination hin. Auch wenn ich dieses Kopfkino, welches du mir da beschert hast, positiv aufgenommen habe. Ein interessantes Bild.

Auch hier, wie im ersten Teil, fand ich das Wort "Baby" im Kontext mit all den französischen Begriffen, etwas Fehl am Platz. Allerdings fiele mir gerade kein passendes Äquivalent ein.

Ich muss allerdings gestehen, dass ich nicht ganz verstehe, was Janic eigentlich falsch gemacht haben soll, dass er dafür des Lokals verwiesen wurde. Vielleicht hatte er auch gar nichts falsch gemacht, sondern der Kellner wollte ihm helfen und da er sich nicht helfen lassen wollte, hat er sich nur auf diese Weise zu helfen gewusst, ihn zu verprellen, damit er nicht noch die letzte Auster essen würde. Doch hatte er die Auster nicht von ihm bekommen? Alles in allem sehr verwirrend.
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Re: Austern am Valentinstag, Teil 2/2

Beitragvon DrJones » 22.02.2015, 12:38

Hallo Allvater,

Allvater hat geschrieben:Hallo :)

Zufriedenstellend? Ich würde eher sagen verwirrend. ^^

Ich möchte die anderen Kommentatoren möglichst unbeeinflusst lassen…
Daher kann ich über des Rätsels Lösung auch nichts sagen.


Ich kann nur vermuten, was wohl passiert ist. Vielleicht liege ich auch falsch. Entweder waren die Austern schlecht, oder vergiftet? Das Mädchen, welches sich eine Austernperle in die Augenhöhle drückt, deutet wohl auf eine Halluzination hin. Auch wenn ich dieses Kopfkino, welches du mir da beschert hast, positiv aufgenommen habe. Ein interessantes Bild.

Das freut mich. :D
Die Geschichte kann jeder so interpretieren, wie er möchte. Es gibt aber ein böses Geheimnis, das
ich dort eingebaut habe. Es kann ggf. entschlüsselt werden, wenn man alle Puzzleteile zusammenlegt.
Deine Interpretation mit den vergifteten Austern finde ich interessant! Halluzination… Okay. :)


Auch hier, wie im ersten Teil, fand ich das Wort "Baby" im Kontext mit all den französischen Begriffen, etwas Fehl am Platz. Allerdings fiele mir gerade kein passendes Äquivalent ein.

Mir auch nicht. Bei Kleinkind, Säugling etc. dreht sich jedoch mein literarischer Magen um.
Daher Baby. Bébé hatte ich auch schon in Erwägung gezogen, läßt mich aber zu sehr an eine Hautcreme
denken. Janic hat eine deutsche Mutter. Daher denkt er auch in deutsch, spricht aber in Französisch.
Ich war so frei, das zu übersetzen, sonst wären nur seine Gedanken auf Deutsch gewesen.
Das ist sowieso immer so ein Drahtseilakt, wenn man eine Story zwischen verschiedensprachlichen
Protagonisten hat,und der eine auf die Sprache des anderen wechselt. Wie soll man das geschickt machen?
Es gibt aber so Genrebegriffe wie etwa "Monsieur" in z. B. französischen Filmen oder das berühmte
"Sir" in englischen oder amerikanischen Filmen.

Ich muss allerdings gestehen, dass ich nicht ganz verstehe, was Janic eigentlich falsch gemacht haben soll, dass er dafür des Lokals verwiesen wurde. Vielleicht hatte er auch gar nichts falsch gemacht, sondern der Kellner wollte ihm helfen und da er sich nicht helfen lassen wollte, hat er sich nur auf diese Weise zu helfen gewusst, ihn zu verprellen, damit er nicht noch die letzte Auster essen würde. Doch hatte er die Auster nicht von ihm bekommen? Alles in allem sehr verwirrend.

Ja, das soll ein Rätsel bleiben. Deine Interpretation ist durchaus möglich.
Ich kann das Rätsel an der Stelle nicht auflösen.




Nochmals herzlichen Dank für Deine Kritik und viele Grüße,

DrJones
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