[UrFan]Avorion ~ Prolog (überarbeitet)

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Re: Avorion ~ Prolog (überarbeitet)

Beitragvon Ankh » 17.07.2015, 22:21

Hallo!

Ich will mal meinen Eindruck von deinem Prolog schildern.

Zunächst einmal, es fällt schwer, eine Beziehung zu den Figuren aufzubauen. "Die junge Frau", "der kleine Junge", das sind Beschreibungen, die sehr viel Distanz ausdrücken. Wir erfahren keine Namen, außer am Ende den Nachnamen des Vaters. Dadurch lässt es mich auch merkwürdig kalt, dass der Vater einer jungen Familie eingezogen wird.
Wenn es deine Intention war, die Tragik dieses Moments herauszustellen, dann würde es helfen, sich in wenigstens einen von ihnen hineinversetzen zu lassen. Dazu wäre eine personale Erzählweise geeigneter, beispielsweise indem du das Geschehen aus der Sicht der Mutter beschreibst, und auch ihre Gedanken und Gefühle dazu. Die Erzählweise, die du gewählt hast, vermittelt dagegen Neutralität. Vielleicht ist das ja von dir gewollt und bewusst als Stilmittel gewählt. In diesem Fall hinterlässt mich dieser Prolog aber ein wenig ratlos, denn ich weiß nicht, was er mir sonst vermitteln soll bzw was daran mein Interesse wecken soll. Wenn ich nicht mit den Personen mitfühlen darf, wenn ich nicht einmal deren Namen erfahren darf, was genau ist dann interessant genug, dass ich das Buch trotzdem weiterlese? Eine Einberufung eines Unbekannten ist kein so außergewöhnliches Ereignis, dass es ein Buch rechtfertigt.

„Mama, tann ich jetzt wieder nach oben gehen?“, fragte der kleine Junge, nachdem er brav seine Portion Kartoffelbrei aufgegessen hatte.
„Nein, das geht nicht, du musst hier unten bleiben“, antwortete die junge Frau schnell, bevor ihr Sohn Widerspruch einlegen konnte. „Geh' doch ins Wohnzimmer und spiele ein wenig mit deiner Eisenbahn.“


...fragte der kleine Junge, nachdem...
...antwortete die junge Frau, bevor...
Das wirkt für mich zu ähnlich und daher fade. Außerdem, warum soll er widersprechen, bevor sie es ihm verboten hat? Wie wäre es mit

"... fragte der kleine Junge. Er hatte brav seinen Kartoffelbrei aufgegessen.
"Nein, das geht nicht, du musst hier unten bleiben. - Geh doch ins Wohnzimmer und spiele ein bisschen mit der Eisenbahn", schlug seine Mutter schnell vor, bevor er protestieren konnte.


Ich finde auch, du solltest hier lieber als Bezeichnung "seine Mutter" verwenden. Dass die Mutter eines Zweieinhalbjährigen eine mehr oder weniger junge Frau ist, ist keine besonders erhellende Information. Dass sie jung ist, ist für die Situation völlig irrelevant. Es gibt auch keine andere Frau in der Szene, von der man sie unterscheiden müsste. Warum also wählst du genau diese nichtssagende Beschreibung für sie? Ist das ein bewusstest Stilmittel, um die Distanz zu verstärken? Andererseits, du nennst sie ja weiter unten "seine Frau" im Bezug auf ihren Mann, warum dann hier nicht "seine Mutter" im Bezug auf ihren Sohn?

Der Junge, erst zweieinhalb Jahre, machte sich auf wackeligen Beinen auf den Weg. Er hielt am Türrahmen an, stützte sich ab und schaute mit den braunen Augen zu seinem Vater hoch. „Papa, tommst du mit?“, fragte er. Sein kleiner Sprachfehler war deutlich zu hören.


"mit den braunen Augen"
Der bestimmte Artikel impliziert, dass wir die braunen Augen des Jungen irgendwie kennen sollten. Das widerspricht aber wieder der Distanz, die du aufbaust. Warum nicht "mit seinen braunen Augen"? Oder, wenn es irgendwie kindlich mitleiderregend wirken soll, warum nicht "mit großen/runden/flehenden Augen"?

Mit zweieinhalb kann ein Kind normalerweise schon ziemlich gut laufen.

„Geh' schon mal vor, ich muss noch mit deiner Mutter reden.“ Der Mann lächelte seinem Sohn zu und schaute, wie dieser ins Wohnzimmer stapfte.


Ich denke, es sollte "und schaute zu,..." heißen.

„Wie geht es dir?“, wandte sich der große und breit gebaute Mann seiner Frau zu.


Hier ist mir die Beschreibung des Mannes etwas zu unbeholfen eingeflickt. Wen interessiert es, wie er gebaut ist, so lange er nur mit ihr spricht? Wenn sein Körperbau für die Geschichte wichtig ist, würde ich das vielleicht als "Er zog sie liebevoll an seine muskulöse Brust" einbauen. Dann ist die Information in eine Handlung verpackt, wo sie auch relevant ist.

Er legte ihr liebevoll die Hand auf den Bauch, der bereits eine Schwangerschaft zu erkennen gab.
„Mir ist nicht mehr so übel wie heute morgen, aber das Problem bereitet mir doch etwas Kopfschmerzen.“


Ich musste spontan an Loriot denken, wie distanziert die Ehegatten hier miteinander reden. "Mir ist nicht mehr so übel, aber ich mache mir Sorgen" klingt doch irgendwie menschlicher.

Die beiden sahen sich an und wussten wovon die Rede war.


Das hoffe ich doch, sonst gäbe ihr Gespräch ja gar keinen Sinn. Dass sie weiß, wovon sie spricht, davon gehe ich sowieso aus. Falls Zweifel bestehen, dass er es auch weiß, warum umschreibt sie es mit "das Problem"? Will sie nicht, dass ihr Sohn es hört? Dann würde ich vielleicht beschreiben, wie sie einen schnellen Blick zur Wohnzimmertür wirft, oder die Stimme senkt.

Vor drei Tagen hatte es einen ersten Anschlag auf die Stadt gegeben. Eine Bombe war in ihr Haus eingeschlagen und hatte die oberen beiden Etagen zerstört. Das Erdgeschoss und der Keller hatten Stand gehalten, aber viele Sachen waren verbrannt und zerstört worden.
„Wie sollen wir dem Kleinen nur erklären, warum jemand so etwas tut“, flüsterte die junge Frau, während ihr Gesichtsausdruck immer trauriger wurde.


Ihr Zweieinhalbjähriger hat seit drei Tagen nicht gefragt, warum das Haus jetzt zwei Stockwerke weniger hat? Finde ich ziemlich unrealistisch. Sie hat seitdem bestimmt schon mehrfach versucht, es ihm zu erklären. Sie wird außerdem versucht haben, ihm einzutrichtern, was er tun soll, wenn wieder Bomben fallen.

Wenn du nur äußere Eindrücke und keine Gefühle beschreiben willst, dann darfst du ihren Gesichtsausdruck eigentlich auch nicht werten. Dass er traurig ist, ist Interpretation. Was man sieht, ist, dass die Mundwinkel nach unten gehen, die Augenbrauen hoch und die Lippen zittern.

„Es wird schon wieder.“ Die tiefe Stimme des Mannes füllte den Raum mit Hoffnung.


Das ist ziemlich optimistisch. Was wird wieder? Das Haus? Der Krieg, oder was immer Bomben auf sie wirft? Und dieser hohle Satz weckt bei seiner Frau Hoffnung? Das klingt, völlig ohne Erklärung was, wie und warum es schon wieder werden wird, ebenfalls ziemlich naiv.

Er wischte mit den Fingern eine einsame Träne vom Gesicht seiner Frau. „Es wird schon wieder“, wiederholte er und versuchte ihr Hoffnung zu schenken.


Jetzt ist es nur noch ein Versuch. Und ich denke, er versucht ihr Trost zu spenden oder Zuversicht einzureden, aber Hoffnung bedingt, dass es einen Ausblick gibt, und den gibt er ihr nicht gerade.

Ein Klingeln riss die beiden aus ihren Gedanken. „Mama! Ich will aufmachen!“, hörte man den Jungen rufen und kurz darauf polterte er zur Haustür.


Wer ist "man", der das hört? Warum nicht "rief der Junge und polterte zur Tür"? Sätze wie "er hörte/sah/beobachtete dies und das" schaffen eine Zwischeninstanz zwischen dem Leser und dem Geschehen. Es wirkt ummittelbarer, wenn du beschreibst was geschieht, nicht was irgendwer wahrnimmt, das geschieht.

Die Eltern folgten ihrem Sohn, der die Tür schon geöffnet hatte.
„Hallo“, sagte der Junge fröhlich mit seiner hellen Kinderstimme,


Dass ein Zweieinhalbjähriger eine helle Kinderstimme hat ist überflüssige information.

doch der uniformierte Mann vor der Tür ignorierte ihn.


Kein Kindermensch offenbar.

„Komm her, Süßer.“ Die Frau rief ihren Sohn zurück und streckte ihm die Hand entgegen. Ein wenig beleidigt kam der Kleine von der Tür weg und sein Vater nahm den Platz ein.
„Herr Klaasen?“, fragte der Mann.
„Ja, das bin ich.“
„Das ist für Sie“, sagte der Uniformierte und gab dem jungen Vater einen Brief.


Steif und knapp. Finde ich gut getroffen.

„Ein Einberufungsbefehl. Sie sind verpflichtet sich innerhalb der nächsten 48 Stunden an dem genannten Stützpunkt zu melden“, erklärte der Mann von der Europäischen Armee und ging danach ohne eine Antwort abzuwarten. Für ihn war alles gesagt.


Woher wissen wir plötzlich, dass der Mann von der Europäischen Armee ist, und warum wussten wir es bis eben nicht?

"Für ihn war alles gesagt" ist wieder überflüssige Information. Er dreht sich grußlos um und geht, das zeigt uns doch schon, was du dann nochmal unnötigerweise explizit erklärst. Außerdem springt der Fokus dadurch kurz auf die Sichtweise des Militärtypen, nur um sofort wieder zum Vater zurückzuschnappen wie ein Gummiband.

Mit dem Brief in der Hand stand der sonst so starke Mann wie versteinert in der offenen Tür und starrte nach draußen.


"Der sonst so starke Mann" ist eine Information, die du aufsetzt. Wir müssen dir das einfach glauben. Schöner wäre es, wenn du in der Szene vorher etwas einbaust, was uns seine Stärke zeigt. Vielleicht ein wenig Zuversicht, was den Wiederaufbau seines Hauses betrifft. Beschreib doch, dass er schon Ziegel und Zement gekauft hat und mit seinem Sohn eigentlich am Nachmittag anfangen wollte zu Heimwerken.

Die junge Frau hatte sich auf die Treppenstufen sinken lassen, die zum zerstörten Obergeschoss führten, und fing leise an zu wimmern. Eine Träne nach der anderen rollte über ihr von Stress und Angst gezeichnetes Gesicht.


Warum ist sie jetzt wieder die junge Frau und nicht seine Frau? Es betrifft sie doch, dass er gehen muss! Warum diese Distanz?
"ihr von Stress und Angst gezeichnetes Gesicht" klingt auch irgendwie zu sachlich. Du beschreibst ihr Aussehen, nicht ihre Gefühle, oder zumindest wie sie damit umgeht. Vielleicht will sie nicht, dass ihr Sohn sieht, dass sie weint, und kämpft gegen die Tränen, verbirgt ihr Gesicht.

Der kleine Junge setzte sich neben seine Mutter, legte seine Hand auf ihre und sagte leise: „Mama, nicht weinen. Ich bin doch da und der Papa auch.“


Das ist herzerwärmend :) Zum ersten mal im ganzen Prolog habe ich das Gefühl, dass ich wirklich in die Gefühls- und Gedankenwelt eines Protagonisten hereingelassen werde.


Fazit:
Vielleicht hast du diese ganze Distanz ja bewusst aufgebaut, in dem Fall ist es dir gelungen. Es macht es dem Leser aber schwerer, sich darum zu scheren, was aus diesen Leuten wird. Ich würde mir wünschen, sie ein wenig besser kennenzulernen. Ich weiß nach dieser Szene, dass der Vater ein muskulöser Typ ist, der verheiratet ist, 1,5 Kinder hat und ein Eigenheim. Das ist ein bisschen oberflächlich dafür, dass ich in der folgenden Geschichte vermutlich mit ihm in den Krieg ziehen soll. Wenn er die Hauptperson deiner Geschichte sein soll, dann würde ich gerne erfahren, was ihn interessanter macht als die übrigen Familienväter, die mit ihm einberufen wurden. Im Moment ist sogar der Soldat an der Tür besser charakterisiert, von dem weiß ich nach zwei Sätzen, dass er ein mitleidsloser Arsch ist, der Kinder nicht ausstehen kann.
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Re: Avorion ~ Prolog (überarbeitet)

Beitragvon Freigeborene » 18.07.2015, 17:36

Hallo Ankh :girl:

Die von dir so oft erwähhnte Distanz ist extra gewählt. Der Leser soll die erste Szene , also den Prolog, aus der Sicht eines stillen Beobachters sehen, bevor er dann im Rest des Buches alles Personengebunden erlebt. Damit wollte ich bewusst einen Schnitt setzen zwischen dem Prolog und dem Rest.

Liebe Grüße,
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