[Spannung]Begegnung der 3. Art

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[Spannung]Begegnung der 3. Art

Beitragvon Bernd » 23.08.2011, 18:56

Lange habe ich pausiert, aber ich bin noch da. Heute mit etwas, das hoffentlich alle Kriterien erfüllt, um eine Kurzgeschichte zu sein. Spannend? Das entscheidet Ihr...

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Aufmerksam reckte ein Rehbock unweit des Ufers den Kopf in alle Richtungen. Sein Bauchgefühl und seine Natur geboten ihm Vorsicht, doch seine feinen Ohren hörten nur das sanfte Plätschern des Wassers und das morgendliche Gezwitscher der Vögel. Seine Lungen sogen frische Luft ein, die nach dem letzten Schnee und den ersten Blumen duftete und seine Augen waren geblendet vom überwältigenden Spiel des Lichtes am Firmament. Kein Anzeichen von Gefahr war zu entdecken und sein Durst war größer als seine Furcht. In vermeintlicher Sicherheit schritt der Rehbock ans Ufer, senkte den Kopf und trank vom kühlen Nass.

Hätte Wind die Gerüche des Waldes zu ihm herübergeweht, hätten der Fluss und die Vögel nicht leisere Geräusche überdeckt oder hätte das Licht ihn nicht geblendet, so wären dem Rehbock die beiden Gestalten im hohen Gras in einiger Entfernung hinter ihm vielleicht nicht entgangen.

Tief geduckt kauerte Tarod seit Sonnenaufgang am Boden, klamm vor Kälte, trotz seiner dicken Kleidung aus Pelz und Leder. Doch die Jagd lohnt nur, wo Beute in Aussicht ist und die Furt war früh morgens eine beliebte Tränkestätte.

Einige Schritte entfernt lag Jora, Tarods kleiner Bruder. Sie konnten einander nicht sehen, aber beide hatten die Beute fest im Visier. Im selben Moment als der Rehbock den Kopf senkte, spannten die Jäger ihre Muskeln an und griffen nach den Speeren. Das Tier war weit entfernt, aber unaufmerksam. Das war die Gelegenheit.

Wie auf ein Zeichen sprangen Tarod und Jora auf, rannten los und schleuderten ihre Speere nach dem Rehbock. Doch der war schneller. Er nahm die Gestalten zwar nur aus den Augenwinkeln wahr, doch das genügte. Anstatt zu verharren oder in den Wald auf die Jäger zu zulaufen, machte er instinktiv das einzig Richtige: Er rannte in den Fluss hinein, der hier bei der Furt nur knöcheltief war, hätte ihn wohl auch durchquert und wäre sicher entkommen, würde da nicht etwas gänzlich unerwartetes geschehen.

Jora unterschätzte die Entfernung und warf seinen Speer zu früh. Die Waffe blieb noch am Ufer im Boden stecken. Tarod, der schon weit mehr Erfahrung im Jagen besaß, lief weiter und zielte besser. Er ahnte, dass das Tier ins Wasser fliehen würde. Der Rehbock brach tödlich getroffen mitten im Fluss zusammen.

"Mach Dir nichts draus, Jora", wollte Tarod seinen kleinen Bruder trösten, während sie auf ihre Beute zugingen, "ich habe in Deinem Alter auch nie getroffen."
"Daran hat sich wohl nichts geändert!"
Was Tarod zuerst für Frotzelei hielt, ließ ihn im Näherkommen stutzen. Sie hatten den Fluss erreicht und er sah, dass Jora recht hatte. Sein Speer stak im Flussschlamm zwischen den Kieseln. Der Rehbock lag blutend daneben, aber er hatte ihn nicht getroffen!

Sie zogen ihre Stiefel aus und wateten auf den Körper zu.
"Siehst Du?!", bekräftigte Jora seine Behauptung und zeigte überflüssigerweise auf den Speer.
Doch Tarod hatte gerade keine Zeit, sich über seine Treffsicherheit Gedanken zu machen, denn in diesem Moment erblickte er, was den Rehbock getötet hatte. Und es gefiel ihm gar nicht.

"Jora, schau her. Was könnte das sein?"
"Ein Speer?", antwortete dieser.
Tarod ging in die Hocke und betrachtete sich das Ding. Zweifellos musste das, was da aus der Brust des Tieres ragte, eine Art Speer sein. Ein Stock, am Ende befiedert und mit einer Kerbe versehen, die auf eine Speerschleuder passen könnte. Doch war er sehr dünn und mit einer Armlänge vergleichsweise kurz. Tarod konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, wie jemand einen solch kurzen Speer schleudern konnte.
"Der muss einem sehr kleinen Jäger gehören", bemerkte Jora spitz.
Tarod erhob sich. Ob klein oder nicht, diese Beute hatte ein anderer erlegt. Und er war nicht von ihrem Stamm. Vielleicht einer von den Flussfischern im Süden oder den kriegerischen Bergmenschen einen Tagesmarsch entfernt? Wer auch immer es war, er war hier.

Tarod blickte auf und erschrak. Vom anderen Ufer her kam eine Gestalt auf sie zu. Und es war definitiv weder ein Flussfischer noch ein Bergmensch. Sie war größer und muskulöser als irgendjemand, den Tarod je gesehen hatte. Trotz der Kälte war der Fremde fast nackt. Dafür war er reich behaart. Er trug einen Lendenschurz, hatte einen Gurt mit Messer, Axt, Grabstock und einigen Taschen und Behältnissen um die Schulter hängen und hielt eine Art Speer in den Händen.

Jora zupfte an Tarods Gewand und wollte gehen. Ein paar Schritte ließ der sich mitziehen, doch dann gewann seine Neugier die Oberhand und er blieb stehen. Er wollte dem Fremden die Beute nicht streitig machen, was hatte er also zu befürchten. Beim Näherkommen des Anderen fielen Tarod dessen tiefliegende, dunkle Augen auf. Ein ernster aber intelligenter Blick musterte ihn. Dominant, aber nicht feindselig. Dann stand er vor ihm. Und er war kein Mensch!

Seine Statur war noch stattlicher als von weitem gedacht: mindestens einen Kopf größer als Tarod und doppelt so schwer. Der Hüne blickte Tarod eine Weile direkt in die Augen, musterte auch Jora, der sich hinter Tarod versteckt hielt, aber er sprach kein Wort. Wenn er denn überhaupt sprechen konnte.

Der Fremde ging in die Hocke und zog seinen kleinen Speer aus dem Kadaver heraus, steckte ihn zurück in ein Behältnis, das auf der Rückseite seines Schultergurtes befestigt war und in dem sich weitere dieser kleinen Speere befanden. Tarod bemerkte außerdem, dass der Fremde keine Speerschleuder bei sich trug. Dafür besaß der lange Stock, den er von weitem für einen Speer gehalten hatte, keine Spitze. Vielmehr war er gebogen und eine Hirschsehne zwischen seine Enden gespannt. Diesen Stock hängte der Fremde sich jetzt über die rechte Schulter. Dann hievte er mit scheinbarer Leichtigkeit den ganzen Rehbock auf die linke, warf noch einen Blick auf Tarod und Jora, wandte sich ab und wollte gehen.

"Warte", rief Tarod, obwohl er nicht wirklich wusste, was er den Hünen fragen sollte. Er wusste ja nicht einmal, ob der ihn verstand. Der Fremde drehte sich halb um, kramte mit der Rechten in einer seiner Gurttaschen und zog zwei tote Vögel heraus. Mit einer beiläufigen Geste, wie man einem mageren Hund einen abgenagten Knochen zuwirft, schleuderte er die Vögel vor Tarod und Jora ins Wasser. Dann watete er endgültig von dannen, ohne sich noch einmal umzudrehen.

"Was war das?", wollte Jora eine Weile später wissen.
Tarod, der ohnehin nicht genau wusste, ob Jora nun den Fremden, die Vögel oder das Geschehene meinte, schüttelte nur ahnungslos den Kopf.
Jora fischte die Vögel aus dem Wasser, während Tarod die Speere einsammelte. Sie zogen ihre Stiefel an, Tarod nahm seinen kleinen Bruder bei der Hand und so machten sie sich auf den Weg zurück zum heimischen Lagerfeuer.

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[alteversion=]Die Luft im Tal war noch kühl an diesem Frühlingsmorgen, während die ersten Sonnenstrahlen des Tages die Berge im Westen mit warmgoldenem Licht überfluteten. Hauchdünne Eisplatten lösten sich vom Ufer und trieben den Fluss hinab, bis sie im Schilfgras hängen blieben oder an Kieselsteinen zerschellten.

Aufmerksam reckte ein Rehbock unweit des Ufers den Kopf in alle Richtungen. Sein Bauchgefühl und seine Natur geboten ihm Vorsicht, doch seine feinen Ohren hörten nur das sanfte Plätschern des Wassers und das morgendliche Gezwitscher der Vögel. Seine Lungen sogen frische Luft ein, die nach dem letzten Schnee und den ersten Blumen duftete und seine Augen waren geblendet vom überwältigenden Spiel des Lichtes am Firmament. Kein Anzeichen einer Gefahr war zu erahnen und sein Durst war größer als seine Furcht. In vermeintlicher Sicherheit schritt der Rehbock ans Ufer, senkte den Kopf und trank vom kühlen Nass.

Hätte Wind die Gerüche des Waldes zu ihm herübergeweht, hätten der Fluss und die Vögel nicht leisere Geräusche überdeckt oder hätte das Licht ihn nicht geblendet, so wären dem Rehbock die beiden Gestalten im hohen Gras in einiger Entfernung hinter ihm vielleicht nicht entgangen.

Tief geduckt kauerte Tarod seit Sonnenaufgang am Boden, klamm vor Kälte, trotz seiner dicken Kleidung aus Pelz und Leder. Doch die Jagd lohnt nur, wo Beute in Aussicht ist. Und die Furt war früh morgens eine beliebte Tränkestätte.

Einige Schritte entfernt lag Jora, Tarods kleiner Bruder. Sie konnten einander nicht sehen, aber beide hatten die Beute fest im Visier. Und im selben Moment als der Rehbock den Kopf senkte, spannten die Jäger ihre Muskeln an und griffen nach den Speeren. Das Tier war weit entfernt, aber unaufmerksam. Das war die Gelegenheit.

Wie auf ein Zeichen sprangen Tarod und Jora auf, rannten los und schleuderten ihre Speere nach dem Rehbock. Doch der war schneller. Er nahm die Gestalten zwar nur aus den Augenwinkeln wahr, doch das genügte. Anstatt zu verharren oder in den Wald auf die Jäger zu zu laufen, machte er instinktiv das einzig Richtige: Er rannte in den Fluss hinein, der hier bei der Furt nur knöcheltief war, hätte ihn wohl auch durchquert und wäre sicher entkommen, wäre nicht etwas gänzlich unerwartetes geschehen.

Jora hatte den Speer zu früh geworfen und auch die Entfernung unterschätzt. Der Speer blieb noch am Ufer im Boden stecken. Tarod, der schon weit mehr Erfahrung im Jagen besaß, war weiter gelaufen und hatte besser gezielt. Er hatte vorausgesehen, dass das Tier ins Wasser fliehen würde. Der Rehbock brach tödlich getroffen mitten im Fluss zusammen.

"Mach Dir nichts draus, Jora", wollte Tarod seinen kleinen Bruder trösten, während sie auf ihre Beute zugingen, "ich habe in Deinem Alter auch nie getroffen."
"Daran hat sich wohl nichts geändert!"
Was Tarod zuerst für Frotzelei hielt, ließ ihn im Näherkommen stutzen. Sie hatten den Fluss erreicht und er sah, dass Jora recht hatte. Sein Speer stak im Flussschlamm zwischen den Kieseln. Der Rehbock lag blutend daneben, aber er hatte ihn nicht getroffen!

Sie zogen ihre Schuhe aus und wateten auf den Körper zu.
"Siehst Du?!", bekräftigte Jora seine Behauptung und zeigte überflüssigerweise auf den Speer.
Doch Tarod hatte gerade keine Zeit, sich über seine Treffsicherheit Gedanken zu machen, denn in diesem Moment erblickte er, was den Rehbock getötet hatte. Und es gefiel ihm gar nicht.

"Jora, schau her. Was könnte das sein?"
"Ein Speer?", antwortete dieser.
Tarod ging in die Hocke und betrachtete sich das Ding. Zweifellos musste es eine Art Speer sein. Ein Stock, am Ende befiedert und mit einer Kerbe versehen, die auf eine Speerschleuder passen könnte. Doch war er sehr dünn und mit einer Armlänge vergleichsweise kurz. Tarod konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, wie jemand einen solch kurzen Speer schleudern konnte.
"Der muss einem sehr kleinen Jäger gehören", bemerkte Jora spitz.
Tarod erhob sich. Ob klein oder nicht, diese Beute hatte ein anderer erlegt. Und er war nicht von ihrem Stamm. Vielleicht einer von den Flussfischern im Süden oder den kriegerischen Bergmenschen einen Tagesmarsch entfernt? Wer auch immer es war, er war hier.

Tarod blickte auf und erschrak. Vom anderen Ufer her kam eine Gestalt auf sie zu. Und es war definitiv weder ein Flussfischer noch ein Bergmensch. Sie war größer und muskulöser als irgendjemand, den Tarod je gesehen hatte. Trotz der Kälte war der Fremde fast nackt. Dafür war er reich behaart. Er trug einen Lendenschurz, hatte einen Gurt mit Messer, Axt, Grabstock und einigen Taschen und Behältnissen um die Schulter hängen und hielt eine Art Speer in den Händen.

Jora zupfte an Tarods Gewand und wollte gehen. Ein paar Schritte ließ der sich mitziehen, doch dann gewann seine Neugier die Oberhand und er blieb stehen. Er wollte dem Fremden die Beute nicht streitig machen, was hatte er also zu befürchten. Beim Näherkommen des Anderen fielen Tarod dessen tiefliegende dunkle Augen auf. Ein ernster aber intelligenter Blick musterte ihn. Dominant, aber nicht feindselig. Dann stand er vor ihm. Und er war kein Mensch!

Seine Statur war noch stattlicher als von weitem gedacht: mindestens einen Kopf größer als Tarod und doppelt so schwer. Der Hüne blickte Tarod eine Weile direkt in die Augen, musterte auch Jora, der sich hinter Tarod versteckt hielt, aber er sprach kein Wort. Wenn er denn überhaupt sprechen konnte.

Der Fremde ging in die Hocke und zog seinen kleinen Speer aus dem Kadaver heraus, steckte ihn zurück in ein Behältnis, das auf der Rückseite seines Schultergurtes befestigt war und in dem sich weitere dieser kleinen Speere befanden. Tarod bemerkte außerdem, dass der Fremde keine Speerschleuder bei sich trug. Dafür besaß der lange Stock, den er von weitem für einen Speer gehalten hatte, keine Spitze. Vielmehr war er gebogen und eine Hirschsehne zwischen seine Enden gespannt. Diesen Stock hängte der Fremde sich jetzt über die rechte Schulter. Dann hievte er mit scheinbarer Leichtigkeit den ganzen Rehbock auf die linke, warf noch einen Blick auf Tarod und Jora, drehte sich um und wollte gehen.

"Warte", rief Tarod, obwohl er nicht wirklich wusste, was er den Hünen fragen sollte. Er wusste ja nicht einmal, ob der ihn verstand. Der Fremde drehte sich halb um, kramte mit der Rechten in einer seiner Gurttaschen und zog zwei tote Vögel heraus. Mit einer beiläufigen Geste, wie man einem mageren Hund einen abgenagten Knochen zuwirft, schleuderte er die Vögel vor Tarod und Jora ins Wasser. Dann watete er endgültig von dannen, ohne sich nocheinmal umzudrehen.

"Was war das?", wollte Jora eine Weile später wissen.
Tarod, der ohnehin nicht genau wusste, ob Jora nun den Fremden, die Vögel oder das Geschehene meinte, schüttelte nur ahnungslos den Kopf.
Jora fischte die Vögel aus dem Wasser, während Tarod die Speere einsammelte. Sie zogen ihre Schuhe an, Tarod nahm seinen kleinen Bruder bei der Hand und so machten sie sich auf den Weg zurück zum heimischen Lagerfeuer.[/alteversion]
Zuletzt geändert von Bernd am 25.08.2011, 00:22, insgesamt 2-mal geändert.
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Re: Begegnung der 3. Art

Beitragvon Kinman » 24.08.2011, 10:17

Hallo Bernd!

Deine Kurzgeschichte gefällt und ich habe so gut wie nichts daran zu beanstanden, also werde ich mich hauptsächlich darauf konzentrieren, dir mitzuteilen, was mir an deiner Geschichte gefällt. Aber zuerst eine kleine Anmerkung: Für eine Kurzgeschichte ist meiner Meinung nach der erste Absatz überflüssig. Du beschreibt im Laufe der Geschichte, besonders schon im zweiten Absatz, die Szenerie ausführlich genug, damit man sich vorstellen kann, wo sich das abspielt. Wenn die Geschichte mit dem zweiten Absatz beginnen würde, wäre der Einstieg meiner Meinung nach direkt spannender, denn im Gegensatz zum ersten Absatz werden hier gleich Fragen aufgeworfen:

Aufmerksam reckte ein Rehbock unweit des Ufers den Kopf in alle Richtungen.

Will er hier trinken, hat er schon getrunken und jetzt etwas gehört?
Was hatte seine Aufmerksamkeit erregt?
Warum fängt die Geschichte bei einem Rehbock an, ist er der Protagonist?

Sein Bauchgefühl und seine Natur geboten ihm Vorsicht, doch seine feinen Ohren hörten nur das sanfte Plätschern des Wassers und das morgendliche Gezwitscher der Vögel. Seine Lungen sogen frische Luft ein, die nach dem letzten Schnee und den ersten Blumen duftete und seine Augen waren geblendet vom überwältigenden Spiel des Lichtes am Firmament.


Einfach toll geschrieben. Wortwahl und Satzbau passen gut zusammen, die Adjektive verfeinern das Bild, ohne jedoch zu aufdringlich zu sein. Handlung und Beschreibung zusammengemischt, so dass es kein einfacher Infodump ist.

Kein Anzeichen einer Gefahr war zu erahnen und sein Durst war größer als seine Furcht.

Hier habe ich nur einen kleinen Vorschlag. Vielleicht würde „Kein Anzeichen von Gefahr…“ besser wirken.

In vermeintlicher Sicherheit schritt der Rehbock ans Ufer, senkte den Kopf und trank vom kühlen Nass.

Ende zweiter (erster :mrgreen:) Absatz und es geht los. Mit diesem Satz weiß man, dass es bestimmt nicht so idyllisch bleibt, wie es derzeit ist.

Wie schon eingangs erwähnt, fände ich den zweiten Absatz als beginn wirklich wesentlich besser, denn da hat man einfach alles, was man für einen guten Start benötigt. Direkter Einstieg, anschließend ausreichende Beschreibung verknüpft mit der Handlung und im Ausgang erste Andeutungen dafür, dass etwas passieren wird. So muss das sein.

Hätte Wind die Gerüche des Waldes zu ihm herübergeweht, hätten der Fluss und die Vögel nicht leisere Geräusche überdeckt oder hätte das Licht ihn nicht geblendet, so wären dem Rehbock die beiden Gestalten im hohen Gras in einiger Entfernung hinter ihm vielleicht nicht entgangen.


Eine gelungene Überleitung zu den wirklichen Hauptcharakteren der Kurzgeschichte. Meine Rechtschreibkorrektur behauptet, dass man herüber und geweht trennen muss, darum habe ich es mal markiert. Selbst bin ich mir da aber nicht so sicher, da man im Deutschen schon sehr viel zusammenschreiben kann bzw. darf. Andererseits steht herüberwehen auch im Duden, also dürfte es schon korrekt sein.

Doch die Jagd lohnt nur, wo Beute in Aussicht ist. Und die Furt war früh morgens eine beliebte Tränkestätte.

„Und“ am Anfang finde ich unschön. Diese beiden Sätze kann man entweder zusammenziehen oder man lässt das und einfach weg. Funktioniert trotzdem.
Doch die Jagd lohnt nur, wo Beute in Aussicht ist. Die Furt war früh morgens eine beliebte Tränkestätte.
Doch die Jagd lohnt nur, wo Beute in Aussicht ist und die Furt war früh morgens eine beliebte Tränkestätte.


Sie konnten einander nicht sehen, aber beide hatten die Beute fest im Visier. Und im selben Moment als der Rehbock den Kopf senkte, spannten die Jäger ihre Muskeln an und griffen nach den Speeren.

Selbiges hier. Allerdings würde ich hier wirklich nur das und streichen.
Sie konnten einander nicht sehen, aber beide hatten die Beute fest im Visier. Im selben Moment als der Rehbock den Kopf senkte, spannten die Jäger ihre Muskeln an und griffen nach den Speeren.


Anstatt zu verharren oder in den Wald auf die Jäger zu zulaufen


Die Jagd ist auch gut geschrieben. Um das Geschehen vielleicht noch einen Tick lebendiger zu gestalten, würde ich den Plusquamperfekt-Teil abändern:
Er rannte in den Fluss hinein, der hier bei der Furt nur knöcheltief war, hätte ihn wohl auch durchquert und würde sicher entkommen, geschehe nicht etwas gänzlich Unerwartetes.

Jora warf den Speer zu früh und unterschätzte auch die Entfernung. Der Speer blieb noch am Ufer im Boden stecken. Tarod, der schon weit mehr Erfahrung im Jagen besaß, lief weiter und zielte besser. Er hatte vorausgesehen, dass das Tier ins Wasser fliehen würde. Der Rehbock brach tödlich getroffen mitten im Fluss zusammen.

Durch diese Änderung bekommt man meiner Meinung nach eher das Mittendringefühl und die Formulierungen sind ohne Plusquamperfekt einfach schöner.

Eventuell würde ich auch noch diesen Satz umstellen:
Jora warf den Speer zu früh und unterschätzte auch die Entfernung.

Ich denke, Jora unterschätzt die Entfernung und wirft deshalb den Speer zu früh, oder?
Jora unterschätzte die Entfernung und warf den Speer zu früh.

So ganz nebenbei wird man somit auch das Füllwörtchen „auch“ los.

"Mach Dir nichts draus, Jora", wollte Tarod seinen kleinen Bruder trösten, während sie auf ihre Beute zugingen, "ich habe in Deinem Alter auch nie getroffen."
"Daran hat sich wohl nichts geändert!"


Daumen hoch! Die Antwort ist einfach köstlich und es passt so perfekt. Ohne großartige Beschreibungen kann ich mir das verschmitzte Grinsen und die heimliche Schadenfreude des kleinen Bruders vorstellen. Gefällt mir außerordentlich gut.

Sie zogen ihre Schuhe aus und wateten auf den Körper zu.

Schuhe? Klar, es ist kalt, aber Schuhe wollen so gar nicht in das Bild, das ich habe, passen. Vielleich eher Sandalen. Aber kann natürlich sein, dass ich bloß Vorstellungsprobleme habe und es wirklich passt.

Und es gefiel ihm gar nicht.

Hier ist das und am Anfang in Ordnung, da es zur Unterstreichung des Satzes dient. Trotzdem würde ich es aufgrund meiner Aversion abändern.
Was er sah gefiel ihm gar nicht.


Die Beschreibung des Pfeils und das Rätseln der beiden, was es sein könnte bzw. wie man mit so einer Waffe umgeht ist wieder ausgezeichnet. Man fühlt die Verwirrung der beiden und ab hier wird die Geschichte auch ihren Titel absolut gerecht.

Die Beschreibung des erfolgreichen Jägers (ich denke mal, es sollte ein Indianer sein) sowie dem Bogen gefällt auch. Vor allem in der Kombination, dass Jora zuerst meinte, dass der „Speer“ einer sehr kleinen Person gehören müsste und dann so ein Riese auf sie zukommt.

Beim Näherkommen des Anderen fielen Tarod dessen tiefliegende, dunkle Augen auf.

Fehlender Beistrich.

Hier baut die Geschichte nochmals Spannung auf. Wie würde der Fremde auf Tarod reagieren? Würde Tarods Neugier ihm zum Verhängnis werden? Man will ihm fast sagen können, dass er einfach gehen sollte oder zumindest sehr vorsichtig sein sollte. Gleiches nochmals, als Tarod ihn anspricht.

Dann watete er endgültig von dannen, ohne sich noch einmal umzudrehen.


Mit der Geste, die beiden Vögel zuzuwerfen, wird die Geringschätzung auch gut beschrieben. Ohne viel Worte und ohne die Perspektive wechseln zu müssen, bekommst du somit auch den Eindruck, den der Indianer hat, geschildert.

Und zum Schluss bleibt die kleine Beute für die beiden Jäger und viel Verwirrung. Sie wissen weiterhin nicht, wer der andere war, wie seine Waffe funktionierte usw. Ein schönes und gutes Ende. Man will sogar wissen, was die beiden erzählen werden, wenn sie von der Jagd zurückkehren.

Fazit:
Wie anfangs schon gesagt, gefällt mir deine Kurzgeschichte sehr gut. Der Aufbau ist gelungen, die Spannung, die ab dem zweiten Absatz beginnt, hält sich über die gesamte Länge. Du verwendet gute Formulierungen und mir gefällt die Wortwahl. Mein Anmerkungen bzw. Verbesserungsvorschläge sind Jammern auf höchstem Niveau. Obendrein gibt es nahezu keine Fehler (Rechtschreibung, Grammatik, Syntax), was auch nicht immer selbstverständlich ist. Danke für deine Geschichte! Lesen und Kommentieren hat eindeutig Spaß gemacht. Ich hoffe du kannst mit meinen Anmerkungen auch was anfangen. Über eine ehrliche Bewertung meines Kommentars würde ich mich freuen.

Lg Kinman
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Re: Begegnung der 3. Art

Beitragvon Bernd » 24.08.2011, 20:51

Hallo Kinman,

vielen Dank für Deine Rezension! Ich freue mich über die vielen lobenden Worte ebenso wie über Deine Vorschläge. Vieles davon habe ich umgesetzt.

So bin ich Deinem Vorschlag gefolgt und habe den ersten Absatz gestrichen. Tatsächlich hatte ich selbst vor Einstellen der Geschichte überlegt, die Geschichte gleich mit dem zweiten Absatz zu beginnen, dachte aber dann, dass die Umgebung der Szenerie aus Sicht des Rehbocks nicht ausreichend wäre und habe so den ersten Absatz hinzugefügt. Deine Rückmeldung hat also hier genau ins Schwarze getroffen und mich darin bestätigt, dass ich doch darauf verzichten kann.

In diesem Zusammenhang ist es auch interessant zu lesen, welche Fragen Dir beim Lesen durch den Kopf gingen. Dies hilf mir zu erntscheiden, ob ich durch meine Wortwahl das erreicht habe, was ich erreichen wollte oder ob ich als Autor, dem die Handlung und die Umgebung ja schon bekannt sind, die Infos falsch setze.

Zu den "Und" am Satzanfang: Du hast recht, schön ist es nicht immer. Aber es ist auch ein Stilmittel, finde ich. Kennst Du den von Galadriel gesprochenen Prolog im Film "Herr der Ringe"? Hier wird dieses Stilmittel mehrfach verwendet. Mich hat der Prolog so beeindruckt, dass ich ihn damals auswendig gelernt hatte. Ich vermute, seither habe ich mir ein gelegentliches "Und" am Satzanfang angewöhnt. Aber man kann sich gewisse Dinge ja auch wieder abgewöhnen und so bin ich Deinen Empfehlungen in den meisten Fällen gefolgt.

Den Plusquamperfekt-Teil habe ich ebenfalls abgeändert. Ich hatte es ja benutzt, um klar zu machen, dass in der Erzählung nochmal ein kleiner Rückschritt gemacht wird, aber Deine Lösung finde ich schöner. Man bleibt als Leser wirklich besser im Geschehen.

Den Satz "Jora warf den Speer zu früh und unterschätzte auch die Entfernung." hatte ich zwar so geschrieben, weil Jora sowohl das 'Timing' des Wurfes als auch die Distanz falsch einschätzt, aber im Endeffekt hast Du natürlich recht: Hier besteht eine große Korrelation. Ist geändert.

"Schuhe" habe ich zu "Stiefeln" umgeändert. Es sind dicke Lederschuhe mit Fell gefüttert, die bis über die Knöchel reichen. "Sandalen" wären unpassend für das, was mir da vorschwebt, insbesondere zu dieser Jahreszeit (ende Winter, anfang Frühling).

Aber in einem Punkt irrst Du Dich: Der Fremde ist kein Indianer. Ich habe bewusst sowohl im Text als auch in der Vorbemerkung nicht vorweggenommen, wer die Wesen sind, die da vorkommen, aber im Text heißt es, der Fremde sei kein Mensch! Ich will es auch hier nicht verraten, vielleicht kommst Du ja noch darauf, wer oder was das sein könnte...

Nochmals vielen Dank!
Schöne Grüße
Bernd
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Re: Begegnung der 3. Art

Beitragvon tinalisatina » 30.08.2011, 14:04

hallo,
dann begebe ich mich also einmal auf die Spuren von Steven Spielberg.

Sehen - Spüren - Kontaktieren. In diesem Fall ist es also die dritte Art der Begegnung, der Kontakt. Insgesamt schön und spannend erzählt, wenn auch das Reh ein wenig "blond" daher kommt. Und der Fremde ein wenig anachronistisch. Aber der Reihe nach.

Sein Bauchgefühl und seine Natur geboten ihm Vorsicht, ...
Ich glaube, das mit dem Bauchgefühl sollte man nur bei Menschen einsetzen (oder bei Tieren, die vermenschlicht werden. In der freien Wildbahn, wo es für die Tiere ums Überleben geht, zählt der Instinkt und die Erfahrung.

sanfte Plätschern des Wassers ... morgendliche Gezwitscher der Vögel ... sogen frische Luft ein ... ersten Blumen duftete ... geblendet vom überwältigenden Spiel des Lichtes am Firmament.
Das ist alles eine romantische Beschreibung für ein frisch verliebtes Pärchen, nicht für ein Wild, das aus der Deckung tritt und prüft, "ob die Luft rein ist".

In vermeintlicher Sicherheit ...
Allerspätestens hier nimmst Du die Spannung - der Leser weiß, dass der Jäger bereits wartet.

die Furt war früh morgens eine beliebte Tränkestätte.
Hier würden Jäger sicher widersprechen.

Anstatt zu verharren oder in den Wald auf die Jäger zu zulaufen, ...
Warum sollte er das machen? Das hätte wirklich keinen Sinn. Für das Reh gibt es nur die Flucht, in dem Fall weg von den Jägern.

Er rannte in den Fluss hinein, der hier bei der Furt nur knöcheltief war, hätte ihn wohl auch durchquert und wäre sicher entkommen, würde da nicht etwas gänzlich unerwartetes geschehen.
Auch hier nimmst Du die Spannung unnötigerweise weg. Und: Mir ist die Flucht, immerhin geht es für das Tier um nichts Geringeres als sein Leben, zu brav, zu einfach. So ein Tier "flüchtet panisch, mit weiten Sprüngen, immer wieder die Richtung wechselnd".

Tarod, der schon weit mehr Erfahrung im Jagen besaß, ...
"im Jagen" hört sich schwerfällig an und ist hier unnötig, würde ich einfach weglassen.

Doch Tarod hatte gerade keine Zeit, ...
Das klingt, als sitzt jemand vor der Glotze und hat gerade keine Zeit (Lust) ans Telefon zu gehen.

Und es gefiel ihm gar nicht.
Es sieht hier etwas, was er noch nie in seinem Leben gesehen hat. Da sollte dioe Reaktion ein wenig anders ausfallen.

... solch kurzen Speer schleudern konnte.
Und vor allem leichten ...

Wer auch immer es war, er war hier.
Auch das ist sehr undramatisch. Die Zeiten sind nach der Beschreibung eher kriegerisch, da denkt man nicht nur einfach: Der ist hier. Der versteckt sich irgendwo im Dickicht. Der hat eine Waffe, die auf weite Entfernung zielsicher tötet. Der ist eine ernste Bedrohung.

Dafür war er reich behaart.
Besser würde "stark behaart" oder "über und über behaart" passen.

Jora zupfte an Tarods Gewand und wollte gehen.
Auch das ist nicht dramatisch genug dafür, dass hier etwas auf die beiden (immerhin noch nicht einmal "Männer") zukommt, das sie noch nie gesehen haben.

... aus dem Kadaver ...
der erlegten Beute ...

Tarod nahm seinen kleinen Bruder bei der Hand und so machten sie sich auf den Weg zurück zum heimischen Lagerfeuer.
Das "so" gefällt mir hier nicht, auch nicht das "heimisch." Auf beides kann man einfach verzichten.

Auf die Fortsetzung nicht. Wann geht's weiter. :roll:

Sich auf den nächsten Teil freuend
tlt
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Re: Begegnung der 3. Art

Beitragvon unkompliziert » 01.03.2015, 00:25

Hallo Bernd,

ich möchte gerne diese Kurzgeschichte von dir kommentieren.
Ich finde ein Text mit einem so spannenden Titel hätte sehr viel mehr Aufmerksamkeit verdient!

Ich wurde beim Lesen nicht enttäuscht: Du hast mit sehr gut unterhalten, ich wurde überrascht und meine Neugier für den geschichtlichen Hintergrund wurde auch geweckt!

Bernd hat geschrieben:-----------------------------------------------------------------------

Aufmerksam recktewandte ein Rehbock unweit des Ufers den Kopf in alle Richtungen.
Sehr rehbockmäßig wäre auch: "Aufmerksam sicherte ein Rehbock... in alle Richtungen/ seine Umgebung."

Sein Bauchgefühl
klingt sehr menschlich.
Bei Menschen unterscheidet man zwischen Bewusstsein und den diversen gefühlsmäßigen Regungen.
"Sein Instinkt" passt sehr viel besser in das Bild des Wildtieres. - Leider kann ich dir nicht weiterhelfen, wenn du sehr gerne von zwei verschiedenen Regungen in ihm sprechen möchtes. "die Erfahrungen seines bisherigen Lebens" gäbe es vielleicht noch.
Aber weder wissenschaftlich noch im Volksmund spricht man davon, dass Rehe bewusste Gedanken haben könnten, die im Kontrast zum Bauchgefühl stehen würden.


und seine Natur geboten ihm Vorsicht, doch seine feinen Ohren hörten nur das sanfte Plätschern des Wassers und das morgendliche Gezwitscher der Vögel.
Das Unterstrichene gefällt mir enorm gut!

Seine Lungen sogen frische Luft ein, die nach dem letzten Schnee und den ersten Blumen duftete und seine Augen waren geblendet vom überwältigenden Spiel des Lichtes am Firmament.

Aurora Borealis?
"Firmament" denke ich immer an einen sternenklaren Nachthimmel. Aber aus Mangel von Belegen muss ich sagen, da bin ich wohl ein Einzelfall.
Aber bei "Spiel" denke ich an etwas Bewegtes. Flackernde, schillerndes Licht. Spontan dachte ich an das Nordlicht.
Aber es geht sicher "nur" um die scheinende Sonne?


Kein Anzeichen von Gefahr war zu entdecken und sein Durst war größer als seine Furcht. In vermeintlicher Sicherheit schritt der Rehbock ans Ufer, senkte den Kopf und trank vom kühlen Nass.
Wenn man, wie ich, zu viel N24 Dokus über Afrika gesehen hat, dann rechnet man jetzt fest mit einem Krokodil das aus dem Wasser heraus zuschlägt. :D
:oops: Bitte verzeih mir die alberne Bewerkung.


Hätte Wind die Gerüche des Waldes zu ihm herübergeweht, hätten der Fluss und die Vögel nicht leisere Geräusche überdeckt oder hätte das Licht ihn nicht geblendet, so wären dem Rehbock die beiden Gestalten im hohen Gras in einiger Entfernung hinter ihm vielleicht nicht entgangen.
Das grüne finde ich zu allgemein. Denn alles bisher Beschriebene sind Geräusche. Mir würde das Wort "Laute" an dieser Stelle besser gefallen.
Das rote ist überflüssig und macht den Satz überlang, wodurch die Spannung abreißt-


Tief geduckt kauerte Tarod seit Sonnenaufgang am Boden, klamm vor Kälte, trotz seiner dicken Kleidung aus Pelz und Leder. Doch die Jagd lohnt nur, wo Beute in Aussicht ist und die Furt war früh morgens eine beliebte Tränkestätte.
Ist Tarod ein Fantasiename oder ein Name aus der Gegend in der das Reh unterwegs ist? Falls es ein typischer Name dieses Landes ist, bin ich sofort still. Ansonsten wäre mir ein etwas weniger exotischer Name, der zum Land passt stimmungsvoller. Finde ich persönlich.

Einige Schritte entfernt lag Jora, Tarods kleiner Bruder. Sie konnten einander nicht sehen, aber beide hatten die Beute fest im Visier. Im selben Moment als der Rehbock den Kopf senkte, spannten die Jäger ihre Muskeln an und griffen nach den Speeren. Das Tier war weit entfernt, aber unaufmerksam. Das war die Gelegenheit.
Ok. Wir sind in der Steinzeit und aus "einiger Entfernung" ist "weit entfernt" geworden.
Gefühlsmäßig glaube ich den Jungs keinen Jagderfolg, bei einem Tier das "weit" entfernt ist.
"Gerade nah genug" würde sehr viel zuversichtlicher klingen.

Als Laie mit ein bisschen Sport- und Biologiehintergrund hätte ich gemutmaßt, dass man als Mensch zwei Möglichkeiten hat ein Reh zu töten: Aus dem Verborgenen einen Speer werfen, oder das Reh scheuchen, denn auf der Langstrecke hält ein Mensch länger durch, weil er seine Körpertemperatur besser regulieren kann.
Aber ein Reh ersprinten, oder erst aufspringen und riskieren, dass es sich ungünstig dreht, erscheint mir keine erfolgversprechende Idee.

Zu "früh morgens" Am frühen Morgen ein blendendes Lichtspiel?
Ist das Licht der frühen Morgenstunden nicht eher matt?


Wie auf ein Zeichen sprangen Tarod und Jora auf, rannten los und schleuderten ihre Speere nach dem Rehbock. Doch der war schneller. Er nahm die Gestalten zwar nur aus den Augenwinkeln wahr, doch das genügte. Anstatt zu verharren oder in den Wald auf die Jäger zu zulaufen, machte er instinktiv das einzig Richtige: Er rannte in den Fluss hinein, der hier bei der Furt nur knöcheltief war, hätte ihn wohl auch durchquert und wäre sicher entkommen, würde da nicht etwas gänzlich unerwartetes geschehen.

Niemand hätte erwartet, dass der Rehbock auf die Jäger zuläuft.
"etwas Unerwartetes" bitte großschreiben.


Jora unterschätzte die Entfernung und warf seinen Speer zu früh. Die Waffe blieb noch am Ufer im Boden stecken. Tarod, der schon weit mehr Erfahrung im Jagen besaß, lief weiter und zielte besser. Er ahnte, dass das Tier ins Wasser fliehen würde. Der Rehbock brach tödlich getroffen mitten im Fluss zusammen.

"Mach Dir nichts draus, Jora", wollte Tarod seinen kleinen Bruder trösten, während sie auf ihre Beute zugingen, "ich habe in Deinem Alter auch nie getroffen."
"Daran hat sich wohl nichts geändert!"
Was Tarod zuerst für Frotzelei hielt, ließ ihn im Näherkommen stutzen. Sie hatten den Fluss erreicht und er sah, dass Jora recht hatte. Sein Speer stak im Flussschlamm zwischen den Kieseln. Der Rehbock lag blutend daneben, aber er hatte ihn nicht getroffen!

Ich bin jetzt jemand von der Sorte, der Kursivschrift nur gerne sieht, wenn damit Titel von Zeitschriften, tatsächlich geschriebenes oder fremdsprachige Wörter gekennzeichnet werden.
Es ist sehr beliebt, damit Wörter zu betonen, aber in vielen Fällen, und auch hier, finde ich, erkennt der Leser selbst, welches Wort man beim Vorlesen betonen würde.
Da kommt man sich sehr "bemuttert" vor.
Statt "er" würde mir "Tarod (selbst)", "die Waffe", "Die Jagdwaffe", "das Wurfgeschoss" oder "Der Speer" besser gefallen.


Sie zogen ihre Stiefel aus und wateten auf den Körper zu.
"Siehst Du?!", bekräftigte Jora seine Behauptung und zeigte überflüssigerweise auf den Speer.
Doch Tarod hatte gerade keine Zeit, sich über seine Treffsicherheit Gedanken zu machen, denn in diesem Moment erblickte er, was den Rehbock getötet hatte. Und es gefiel ihm gar nicht.

Ich wäre an ihrer Stelle alarmierter und vorsichtiger. Denn was auch immer das Reh getötet hat, könnte sie auch verletzen.
Und wenn "nur" das Jagdwerkzeug eines fremden Jägers ist, dann stellt dieser für sie auch eine Gefahr da.


"Jora, schau her. Was könnte das sein?"
"Ein Speer?", antwortete dieser.
Tarod ging in die Hocke und betrachtete sich das Ding. Zweifellos musste das, was da aus der Brust des Tieres ragte, eine Art Speer sein. Ein Stock, am Ende befiedert und mit einer Kerbe versehen, die auf eine Speerschleuder passen könnte. Doch war er sehr dünn und mit einer Armlänge vergleichsweise kurz. Tarod konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, wie jemand einen solch kurzen Speer schleudern konnte.
"Der muss einem sehr kleinen Jäger gehören", bemerkte Jora spitz.
Tarod erhob sich. Ob klein oder nicht, diese Beute hatte ein anderer erlegt. Und er war nicht von ihrem Stamm. Vielleicht einer von den Flussfischern im Süden oder den kriegerischen Bergmenschen einen Tagesmarsch entfernt? Wer auch immer es war, er war hier.

Die Erkenntnis kommt spät, aber das ist nicht sehr schlimm. Sonst finde ich den Absatz, und besonders die trockenen, authentischen Bemerkungen des kleinen Bruders, sehr gelungen.

Tarod blickte auf und erschrak. Vom anderen Ufer her kam eine Gestalt auf sie zu. Und es war definitiv weder ein Flussfischer noch ein Bergmensch. Sie war größer und muskulöser als irgendjemand, den Tarod je gesehen hatte. Trotz der Kälte war der Fremde fast nackt. Dafür war er reich behaart. Er trug einen Lendenschurz, hatte einen Gurt mit Messer, Axt, Grabstock und einigen Taschen und Behältnissen um die Schulter hängen und hielt eine Art Speer in den Händen.

Der Type ist größer, stärker und mit etwas bewaffnet mit dem er sehr gut trifft.
Wenn Primatengruppen aufeinandertreffen geht es hart zur Sachen und nicht selten kommt es zu Kanibalismus, denn Energie und Eiweiß sind wertvolle Rohstoffe. Dieser Instinkt sollte in den beiden Jungs noch verankert sein.
Sie sollten schneller wegstauben, als das Reh.


Jora zupfte an Tarods Gewand und wollte gehen. Ein paar Schritte ließ der sich mitziehen, doch dann gewann seine Neugier die Oberhand und er blieb stehen. Er wollte dem Fremden die Beute nicht streitig machen, was hatte er also zu befürchten.
Körpersprachlich kann er das nur glaubhaft machen, wenn er Land gewinnt.
Wenn er in der Nähe stehenbleibt und kuckt, könnte das der Jäger missverstehen.


Beim Näherkommen des Anderen fielen Tarod dessen tiefliegende, dunkle Augen auf. Ein ernster aber intelligenter Blick musterte ihn. Dominant, aber nicht feindselig. Dann stand er vor ihm. Und er war kein Mensch!
Das Aufeinandertreffen zweier Urmenschen Arten.
Sag mir, dass wir nicht von den schlechten und unvorsichtigen Jagdjungs abstammen, sondern von dem Typ mit den Pfeifen!


Seine Statur war noch stattlicher als von weitem gedacht: mindestens einen Kopf größer als Tarod und doppelt so schwer. Der Hüne blickte Tarod eine Weile direkt in die Augen, musterte auch Jora, der sich hinter Tarod versteckt hielt, aber er sprach kein Wort. Wenn er denn überhaupt sprechen konnte.

Der Fremde ging in die Hocke und zog seinen kleinen Speer aus dem Kadaver heraus, steckte ihn zurück in ein Behältnis, das auf der Rückseite seines Schultergurtes befestigt war und in dem sich weitere dieser kleinen Speere befanden. Tarod bemerkte außerdem, dass der Fremde keine Speerschleuder bei sich trug. Dafür besaß der lange Stock, den er von weitem für einen Speer gehalten hatte, keine Spitze. Vielmehr war er gebogen und eine Hirschsehne zwischen seine Enden gespannt. Diesen Stock hängte der Fremde sich jetzt über die rechte Schulter. Dann hievte er mit scheinbarer Leichtigkeit den ganzen Rehbock auf die linke, warf noch einen Blick auf Tarod und Jora, wandte sich ab und wollte gehen.

Du weißt sicher besser als ich, wie lange es Pfeil und Bogen schon gibt und ob so eine Begegnung überhaupt möglich ist. - Ich hätte echt gewettet, das Bögen eine relativ "neue" Erfindung sind.

"Warte", rief Tarod, obwohl er nicht wirklich wusste, was er den Hünen fragen sollte. Er wusste ja nicht einmal, ob der ihn verstand. Der Fremde drehte sich halb um, kramte mit der Rechten in einer seiner Gurttaschen und zog zwei tote Vögel heraus. Mit einer beiläufigen Geste, wie man einem mageren Hund einen abgenagten Knochen zuwirft, schleuderte er die Vögel vor Tarod und Jora ins Wasser. Dann watete er endgültig von dannen, ohne sich noch einmal umzudrehen.

"Was war das?", wollte Jora eine Weile später wissen.
Tarod, der ohnehin nicht genau wusste, ob Jora nun den Fremden, die Vögel oder das Geschehene meinte, schüttelte nur ahnungslos den Kopf.
Jora fischte die Vögel aus dem Wasser, während Tarod die Speere einsammelte. Sie zogen ihre Stiefel an, Tarod nahm seinen kleinen Bruder bei der Hand und so machten sie sich auf den Weg zurück zum heimischen Lagerfeuer.

Ich plädiere dafür, den ersten Absatz der alten Version wieder mit in den Text zu nehmen! Ich finde ihn sehr stimmungsvoll und gelungen.
Schnee und Eis würden auch erklären, warum die Morgensonne blenden kann. Zum einen glitzert es, zum anderen steht die Sonne im Winter besonders tief.

Beim zweiten Lesen fiel mir auf, dass die Jungs sofort sehen, dass der Bogen mit einer Hirschsehne bespannt ist. Ich bezweifle nicht, dass die ersten Bögen so gebaut wurden, aber woher sollen die Jungs das wissen? Es kann irgendetwas anderes, faseriges sein. Es könnte auch ein Streifen vom Darm sein. (Wurden Violinseiten nicht mal so hergestellt?) oder zumindest ein x-beliebige TIersehne.
Aber warum von einem Hirsch und nicht von einem Reh, Elch, Wildschwein, Wolf etc. ?

Ich hoffe, du fandest meine Gedanken zum Text nicht ärgerlich und vielleicht zumindest teilweise hilfreich.

Ich finde den Verlauf der Geschichte sehr spannend und völlig unvorhersehbar. Das Aufeinandertreffen von zwei Urmenschen zu denken, auf diese Art und Weise und mit so einem friedlichen Ende, finde ich sehr originell und schön.

Von dieser Sorte würde ich mehr Kurzgeschichten lesen wollen!

Viele Grüße
Unki


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[alteversion=]Die Luft im Tal war noch kühl an diesem Frühlingsmorgen, während die ersten Sonnenstrahlen des Tages die Berge im Westen mit warmgoldenem Licht überfluteten. Hauchdünne Eisplatten lösten sich vom Ufer und trieben den Fluss hinab, bis sie im Schilfgras hängen blieben oder an Kieselsteinen zerschellten.

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unkompliziert
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