[Nachdenk]Bella, die Brillenkatze (2/2)Weihnachtswettbewerb

Gesellschaft, Kritik, Philosophisches

[Nachdenk]Bella, die Brillenkatze (2/2)Weihnachtswettbewerb

Beitragvon VernonDure » 13.12.2014, 13:38

»Dummerchen«, hörte er die Stimme wieder. Leo war, als habe die blaue Katze sich bewegt. Er schaute genau hin: Nein, nicht die Katze bewegte sich, sondern der Zettel! Und gab dabei dieses Knistern von sich. Leo war baff. Selbst die zusammengeknüllten Papierbälle, die Frauchen ihm manchmal zuwarf, bewegten sich nur, wenn er sie mit seinen Pfoten tüchtig schubste und durch das Zimmer fegte. Papier war eben keine richtige Maus, die wenigstens davonlaufen und sich verstecken konnte.

»Versuch das ja nicht mit mir!«, erklang die Knisterstimme, diesmal drohend. Da! Aus den Augenwinkeln sah Leo deutlich, dass der Zettel flatterte und geheimnisvoll knisterte, während die Blaue ihre Schnauze öffnete und schloss. Leo staunte erst und miaute dann zornig: Bestimmt erlaubte sich Frauchen mal wieder einen Scherz. »Das ist Humor«, hatte sie ihm mal erklärt. Und nach einer Sekunde hinzugefügt: »Du verstehst aber auch gar keinen Spaß!« Dann hatte sie laut gelacht, weil sie das lustig fand.

»Egal«, plärrte Leo wütend, »ich finde schon heraus, wie dieser ›Humor‹ funktioniert.« »Jetzt hör aber mal auf«, erwiderte die Stimme belustigt und fast ohne zu knistern. »Deine Fantasie geht ja mächtig mit dir durch. Hilf mir lieber hier raus.« Leo fasste die blaue Brillenkatze fest ins Auge. Für dumm verkaufen ließ er sich nicht! Doch dann sprang er mit allen Vieren gleichzeitig in die Luft und machte einen Katzenbuckel: Deutlich zitterten die Schnurrhaare der Brillenkatze nun über dem Papier! »Krieg dich wieder ein und hilf mir endlich!«, brummte die Blaue nun missgelaunt. Leo stotterte: »Was, wieso, äh, wie soll ich dir denn helfen?« »Puste einfach gegen den Rand des Zettels, dann flattert er und ich kann mich endlich mal wieder so richtig strecken.«

Leo tat, wie ihm geheißen – und tatsächlich: Das flatternde Papier blähte sich auf und eine leibhaftige blaue Brillenkatze saß auf dem Tisch und streckte sich genüsslich. Der Zettel war verschwunden. Noch bevor Leo seine Sprache wiederfand, rückte die Blaue ihre Brille sorgfältig zurecht und stellte sich vor: »Gestatten, Bella von Knisterbuch. Und mit wem habe ich das Vergnügen?« »Äh, Leo, guten Tag. Ich heiße Leo.« »Soso, Leo. Sehr erfreut, Leo! Und wie weiter?«, fragte die Brillenkatze interessiert. »Wie, weiter?«, stammelte Leo. »Wie heißt deine Familie? Wo kommst du her? Was bist du für ein Geborener?«, wollte sein blaues Gegenüber wissen. »Ach so«, erwiderte Leo erleichtert. »Meine Familie heißt ›Landhaus‹. Wir wohnen in Höxter.« »Eine ›felida huxariensis‹ also. Ich kannte mal eine ›von Corvisia‹. Ist aber schon lange her.« Bella schien erfreut.

Leo klappte seine Schnauze auf und wieder zu, brachte aber keinen Laut heraus. Was redete die denn da? Huxariensis? Nie davon gehört. Aber ›Corvisia‹ kam ihm bekannt vor: Frauchen hatte doch mal erzählt, das habe sie in Spanien immer getrunken, weil es dort so heiß sei. Also kam die Blaue wohl aus Spanien.
»Nein, nein«, unterbrach Bella, »du bringst da was durcheinander. Bier heißt in Spanien ›Cervesa‹, aber ›Corvisia‹ war ein Kloster in der Nähe von Höxter. Mit einem kleinen Ort nebenan. Der wurde aber durch fiese Höxteraner verwüstet. Und ich komme nicht aus Spanien , sondern aus einem Buch. Es heißt ›Mein Knisterbuch‹. Daher mein Name.«

Leo schüttelte den Kopf. Hatte er etwa laut gedacht? »Ist schon in Ordnung«, wehrte die Blaue ab. »Ich kann Gedanken lesen. Es ist halt von Vorteil, wenn man aus einem Buch stammt. Hat aber auch Nachteile, das kann ich dir versichern.« »Wwas machst du denn hier?«, fragte Leo, der sich allmählich an die absurde Situation gewöhnte. »Das ist eine lange Geschichte. Aber ich kann ja schon mal den Anfang erzählen. Du hast ja gerade nichts Besseres zu tun. Und dass du mich in Gedanken ›Brilla‹ nennst, ist schon in Ordnung. Es gefällt mir. Es erinnert mich an ein anderes Buch, das viel mit Schnee zu tun hat.« Leo stimmte zu: »Frauchen, äh, mein Dosenöffner, hat jetzt sicher einige Zeit was anderes zu tun. ›Schmökern‹ nennt sie das. Wir sind also ungestört.«

»Schmökern macht viel Spaß! Ist aber nicht jedermanns Sache. Doch zurück zu meiner Geschichte. Tja, wo soll ich denn anfangen?«, murmelte Bella. »Ein Junge hat mich vor langer Zeit erdacht. Immer und immer wieder hat er, wenn er nicht schlafen konnte, an mich gedacht. Nach und nach wurde aus einer vagen Idee eine ganze Geschichte. Als der Junge dann Schreiben und Zeichnen lernte, hat er meine Geschichte aufgeschrieben. Er konnte auch prima zeichnen. Du musst wissen, dass das Schreiben damals noch eine ganz andere Sache war. Keine Computer oder so. Mit Federn und einem schwarzen Wasser, ›Tinte‹ genannt, wurden Buchstaben auf das Papier gemalt. Manchmal kratzte und spritzte es dabei ordentlich. Und man musste, anders als heute in der Schule, wirklich schön schreiben. Es gab so viele verschiedene Schriften: von ganz einfachen Alltags-Schriften bis zu wunderbaren Schnörkelschriften für feine Dokumente und Urkunden. Es gab sogar eine Schreibkunst: ›Kalligraphie‹ nannten es die Menschen.

Oft wurde spezielles Papier benutzt, das beim Umblättern so herrlich knisterte. Der Junge hegte den Wunsch, meine Geschichte in einer kunstfertigen Schriftart, geschmückt mit vielen Zeichnungen, zu Papier zu bringen. Es dauerte lange, bis ›Mein Knisterbuch‹ fertiggestellt war. Aber dann passierte es: Eine umgefallene Kerze entzündete am Heiligen Abend ein Feuer. Mein Knisterbuch bekam glücklicherweise nur ein paar verkohlte Ecken, weil es zwischen zwei steinernen Buchstützen stand. Hier, du kannst die es noch sehen.« Bella hob ihre blaue Pfote, die unten rabenschwarz war. Es sah aus, als ob sie eine Socke trüge. Erst jetzt bemerkte Leo, dass auch Bellas Ohren und ihre Schwanzspitze rauchig schwarz waren.

»Und«, fragte er hastig. »Was ist dann passiert?« »Nichts weiter«, bemerkte Bella beiläufig. »Der Junge, der mein Buch aus dem brennenden Haus rettete, pustete nur mit aller Kraft auf die angekokelten Ecken. Dabei bekam ich eine Menge Asche in die Nase und nieste heftig. Plötzlich stand ich mit qualmenden Pfoten auf einem wackeligen Tisch vor dem Haus. Ich schaute ihn neugierig an und vergaß meine heißen Pfoten. Der Junge schaute mich mit ängstlichen Augen an, sprang zu einem Wasserbecken und kam mit einem feuchten Tuch zurück. Aber als er mich mit dem Lappen berührte, verschwand ich wieder im Buch.

Der Junge hatte in seiner Aufregung nicht darauf geachtet, was er gerade tat, als ich so plötzlich aus dem Buch erschien und genau so schnell wieder verschwand. Es dauerte bis zum nächsten Christfest, bevor er herausfand, wie er mich wieder aus dem Buch befreien konnte. Er war überglücklich und streichelte mich dauernd. Es war ein wunderschönes Christfest, besonders für uns beide.«

Leo fragte erstaunt: »Warum hast du es ihm denn nicht gesagt, so wie bei mir?« Bella senkte beschämt den Kopf: »Ich wusste damals ja noch nicht, dass ich überhaupt sprechen kann. Ach! Ich wusste noch so wenig von den Menschen und ihrer merkwürdigen Welt.« Leo spürte, dass seine blaue Freundin in Erinnerungen schwelgte, und widmete sich erst mal einigen Dingen, die für einen Kater wichtig sind.

Bei passender Gelegenheit würde er sie fragen, wie ihre Geschichte weiterging. »Frohe Weihnachten!«, rief Bella ihrem neuen Freund noch hinterher. Aber Leo hatte nur noch seinen Futternapf im Kopf.
»Vernon Dures Fantastische Welten« berichten über eigene und andere interessante Bücher.
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