Beschreibung nonverbaler Kommunikation

Tipps, Ratschläge und Hilfen zum Schreiben. Wie machst du das? Hilfe bei Blockaden, Hemmungen und Anfangsschwierigkeiten

Beschreibung nonverbaler Kommunikation

Beitragvon Silvana91 » 26.10.2015, 13:36

Hallo zusammen,

aus gegebenem Anlass würde mich interessieren, wie ihr das Beschreiben nonverbaler Kommunikation handhabt.
Ich sitze gerade an einem YA-Romanprojekt und musste beim Durchlesen meiner bisherigen Kapitel feststellen, dass in meinem Text doch sehr viel gegrinst, geschmunzelt, gelächelt … wird.
Ich schreibe viel Dialog. Da die beiden Hauptfiguren sich aber im Laufe der Geschichte erst richtig kennenlernen und sich aneinander "herantasten", ist die Kommunikation auf nonverbaler Ebene fast genauso wichtig. Und die spielt sich eben hauptsächlich im Gesicht ab (wenn wir mal von der Körperhaltung absehen).

Ich sehe hier besonders zwei Probleme:

Da ist zum einen die Klischeefalle. "Augenrollen bzw. -verdrehen" und "zuzwinkern" finde ich bswp. völlig überbewertet, dabei wimmelt es vielen YA- bzw. U-Romanen davon. Natürlich wissen Autor und Leser genau, was gemeint ist (Genervtsein im Falle des "mit den Augen rollens" etwa), ich persönlich rolle im Gespräch aber selten mit den Augen, ich glaube, so gut wie nie (eher im Schlaf).
Trotzdem greife ich beim Schreiben automatisch auf solche Worthülsen zurück – finde aber auch, dass es z.B. im Falle "Lächeln/Grinsen" gerechtfertigt ist. Mein Charakter grinst an dieser Stelle nun mal. Da kann ich ihn doch nicht plötzlich irgendeine Handbwegung machen lassen, die vielleicht dasselbe ausdrückt (mit fällt so eine Handbewegung übrigens nicht ein).

Zum ersten Mal richtig negativ aufgefallen ist mir die floskelhafte Verwendung von nonverb. Kommunikation bei Veronica Roths "Divergent" – da wurde gefühlt auf jeder dritten Seite "ge"frowned (= mit der Stirn gerunzelt). Das fand ich nach einer Weile ziemlich nervig. Aber auch Edwards wiederholter Griff an die Nasenwurzel in "Twilight" war ermüdend (habe nur den ersten Band gelesen, vielleicht hat sich das in den Folgebänden erledigt, das hoffe ich jedenfalls).

Andererseits sehe ich die Gefahr, dass man beim händeringenden Versuch, für altbekannte Gemütsregungen neue/nie dagewesene Fomulierungen zu finden, sich "verkünstelt" und dann pathetisch-bemüht klingt.
Wisst ihr, was ich meine?
"Ein Lächeln flatterte in sein Gesicht" wäre da vielleicht so ein Fall. Oder: "Ein Lächeln flatterte in sein Gesicht und ließ sich auf seinen Lippen nieder." Da könnte ich dann wirklich mit den Augen rollen! :wink:

Trotzdem bemühe ich mich um Alternativen, um Abwechslung, aber auch etwas Kreativität reinzubringen.
Etwa: "Ein Lächeln hakte sich an seinen Lippen fest." Obwohl das dem ein oder anderen Leser vielleicht wieder unangenehm aufstoßen dürfte.

Was habt ihr in Sachen "nonverbaler Kommunikation" für Erfahrungen gesammelt?
Welche "Worthülsen" gehen für euch gar nicht?
Benutzeravatar
Silvana91
 
Beiträge: 12
Registriert: 16.03.2015, 00:53

Re: Beschreibung nonverbaler Kommunikation

Beitragvon Ankh » 26.10.2015, 13:55

Hm, das Problem kenne ich. Meine Protagonisten grinsen auch die ganze Zeit rum und zucken mit den Schultern.

Was ein bisschen hilft ist, sich hier und da einen besonderen Tick auszudenken, den ein Prota hat. Einer von mir zupft sich z.B. gerne an der Nase, wenn er verunsichert ist. Das ist dann individuell, charakteristisch und nervt nicht so, weil's nicht alle machen.

Generell kannst du versuchen, mit der nonverbalen Kommuniktion sparsam umzugehen. Man muss nicht zu jeder Dialogzeile nachreichen, was für ein Gesicht der Sprecher dazu zieht. Am besten markierst du mal alles in die Richtung, und wenn die ganze Seite dann markergelb ist, fängst du mutig an zu streichen.

Und wenn man sich erstmal drauf fixiert hat (und vielleicht auch noch kürzlich ein Negativbeispiel gelesen hat), dann erscheint einem irgendwann alles zu viel. Gib es vielleicht mal einem Testleser, ohne was dazu zu sagen. Wenn er sich von selbst beschwert, dass da zuviel Gesichtsgymnastik veranstaltet wird, dann streichen! Wenn nicht, mal vorsichtig nachfragen, ob die Mimik nicht übertrieben ist. Aber oft geht man über so kleine Dinge wie ein Lächeln beim lesen drüber, ohne dass es großartig auffällt - so lange das Lächeln nicht "flattert" oder sonstwas, was erst recht die Aufmerksamkeit auf die Mimik/Geste lenkt.
Benutzeravatar
Ankh
 
Beiträge: 461
Registriert: 05.07.2015, 12:27

Re: Beschreibung nonverbaler Kommunikation

Beitragvon Deirdre » 26.10.2015, 18:18

Natürlich will man nicht zu viele leere Worthülsen und abgelutschte Formulieren gebrauchen, aber der Vorteil ist auch, dass der Leser über solche Dinge gut hinwegliest und oft gar nicht störend wahrnimmt. "Sein Mund verzog sich zu einem Lächeln" hält den Leser viel mehr auf als ein einfaches "er lächelte".
Es gibt auch Synonyme, die nicht ganz so ausgelutscht sind, z.B. feixen, strahlen, grienen, schmunzeln, kichern.
Mein Eindruck ist übrigens, dass Jugendliche überdurchschnittlich oft mit den Augen rollen oder mit den Schultern zucken. Das passt also durchaus in einen YA-Roman.
Für alle, die einen Hafen suchen, wenn die Werkstatt schließt: http://die-schreibstube.phpbb8.de/forum
Benutzeravatar
Deirdre
NaNoWriMo 2015
NaNoWriMo 2015
 
Beiträge: 113
Registriert: 30.08.2015, 17:16
Wohnort: Leiden, NL

Re: Beschreibung nonverbaler Kommunikation

Beitragvon Maggi1417 » 26.10.2015, 21:28

"Ein Lächeln flatterte in sein Gesicht und ließ sich auf seinen Lippen nieder."

Ach du meine Güte. Das ist ja ein echtes Schmuckstück. :D

Ich kenne dein Problem. Es gibt halt nur ne begrenzte Anzahl an Formulierungen um Gestik und Mimik auszudrücken.

Zwei Tricks habe ich aber trotzdem parat:
1. Metaphern.
"Er grinste wie ein Politiker auf Stimmenfang." ruft bei mir ein klareres Bild hervor, als einfach nur "Er grinste."

2. Requisiten. Gib den Figuren was zu tun, während sie labern. Kochen, ein Brettspiel spielen, Fechtübungen, das Arbeitszimmer aufräumen, Sex haben. Das peppt jeden Dialog auf und gibt dir mehr Möglichkeiten mit Körpersprache zu arbeiten.
Weißt du was ich meine? "Er pfefferte frustriert den Brief in den Papierkorb" statt "Er runzelte die Stirn."
Benutzeravatar
Maggi1417
 
Beiträge: 897
Registriert: 29.11.2013, 23:11

Re: Beschreibung nonverbaler Kommunikation

Beitragvon Silvana91 » 27.10.2015, 01:01

Ankh hat geschrieben:Hm, das Problem kenne ich. Meine Protagonisten grinsen auch die ganze Zeit rum und zucken mit den Schultern.

Oh ja, das Achselzucken! Auch so ein hartnäckiger Kandidat, den ich – mal mehr, mal weniger erfolgreich – zu bekämpfen bzw. einzudämmen versuche.

Wir können also festhalten: Die Dosis macht das Gift.

Ich bin jetzt etwa bei der Hälfte meines Romansprojekts angelangt und habe gestern erstmals einen ausführlichen (und kritischen) "Blick zurück" auf das bislang Geschriebene geworfen. Wie Orpheus ist es mir glücklicherweise nicht ergangen. Eurydike ist also noch da. Aber sie hat defintiv ein bisl zu viel glänzendes Make-Up im Gesicht. Heißt: Der Floskelballast muss ab!

Testleser auf den Text loszulassen ist sicher ein guter Tipp, Ankh. Sobald mein Manuskript fertig ist, werde ich das auch tun, unbedingt. Vermutlich wäre es sogar hilfreich, schon vorher erstes Feedback einzuholen. Aber irgendwie bekomme ich das nicht übers Herz – in der Vergangenheit habe ich die Erfahrung gemacht, dass Feedback zu nicht-abgeschlossenen Texten für mich eher hinderlich war.
Zumal mich immer ein ungutes Gefühl beschleicht, wenn ich Leuten etwas Unfertiges zur Begutachtung überlasse. Einerseits wird es dadurch so verwundbar. Andererseits löst (selbst durchweg positiv ausfallende) Kritik bei mir keinen großen Motivationsschub aus, eher im Gegenteil. Ist schwer zu beschreiben, ich bin da wohl etwas eigen. Aber ich glaube, ich schweife gerade vom eigentlichen Thema ab …

Jedenfalls will ich jetzt fürs weitere Schreiben mein Floskel-Warnsystem einschalten!

Deirdre hat geschrieben:Mein Eindruck ist übrigens, dass Jugendliche überdurchschnittlich oft mit den Augen rollen oder mit den Schultern zucken.

Dann muss ich in Zukunft das Mienenspiel meines Umfelds genauer unter die Lupe nehmen. Ich bin gespannt, ob ich mein Urteil revidieren muss und du, was das Augenrollen angeht, recht hast. Mein subjektiver Eindruck war bis dato ein anderer.

Maggi1417 hat geschrieben:2. Requisiten. Gib den Figuren was zu tun, während sie labern. Kochen, ein Brettspiel spielen, Fechtübungen, das Arbeitszimmer aufräumen, Sex haben. Das peppt jeden Dialog auf und gibt dir mehr Möglichkeiten mit Körpersprache zu arbeiten.

Witzige Vorstellung: Um zu verhindern, dass A. mal wieder grinst, lasse ich ihn halt mit L. ins Bett steigen. :D
Aber ich habe natürlich verstanden, was du meinst, Maggi.

Habt lieben Dank für eure Antworten und Ratschläge!
Benutzeravatar
Silvana91
 
Beiträge: 12
Registriert: 16.03.2015, 00:53

Re: Beschreibung nonverbaler Kommunikation

Beitragvon Badabumm » 27.10.2015, 02:00

Deirdre hat geschrieben:Mein Eindruck ist übrigens, dass Jugendliche überdurchschnittlich oft mit den Augen rollen oder mit den Schultern zucken. Das passt also durchaus in einen YA-Roman.

Das ist wohl eher ein Einfluss der Medien, insbesondere von US-Soaps. Das übertriebene Mienenspiel zeigt sich auch irgendwann im Alltag. Wenn ich mir solche Filme, für die Jugend "gemacht", anschaue, dann wimmelt es von überbetonten Gesten. Das "Augenrollen" gehört ganz besonders dazu, wie überhaupt das zickenhafte "Genervtsein" eine eigene Ausdrucksform geworden ist. Auch bestimmte Handbewegungen, die zum größten Teil US-amerikanisch sind, und die Sprechweise sowieso. Und was andauernd in den Medien vorgelebt wird, wird auch kopiert. Früher hatte jeder "coole" Jugendliche "Give-me-five" nachgeahmt (ist wieder ein bisschen aus der Mode gekommen...).

Beim amerikanischen TV habe ich ohnehin den Verdacht, dass alles übertrieben und gleichzeitig simpel sein muss, damit man es bei 24-Stunden-TV-Berieselung, zum Frühstück und beim Duschen, überhaupt mitkriegt... :mrgreen:

Badabumm
.
"Und sowieso wird man Dichter nur durch das Mädchen, das man nicht bekommt."
(Søren Kierkegaard)
Benutzeravatar
Badabumm
 
Beiträge: 1073
Registriert: 06.04.2011, 00:53
Wohnort: oben
Blog: Blog ansehen (13)

Re: Beschreibung nonverbaler Kommunikation

Beitragvon Silvana91 » 27.10.2015, 13:07

Badabumm hat geschrieben:Früher hatte jeder "coole" Jugendliche "Give-me-five" nachgeahmt (ist wieder ein bisschen aus der Mode gekommen...)

Mittlerweile wurde das High Five von der Bro Fist abgelöst … 8)
Benutzeravatar
Silvana91
 
Beiträge: 12
Registriert: 16.03.2015, 00:53

Re: Beschreibung nonverbaler Kommunikation

Beitragvon Deirdre » 27.10.2015, 16:07

Badabumm, ob das jetzt dem Einfluss amerikanischer TV-Serien geschuldet ist oder nicht, ist ja nicht die Frage. Für Jugendliche ist es wichtig zu zeigen, dass man weiß, was cool ist. Einerseits um dazuzugehören, andererseits um sich von weniger coolen Mitmenschen (z.B. Eltern) abzugrenzen. Meine Pubertät ist zwar schon ein paar Jahre her, aber daran erinnere ich mich deutlich. Die Gestik und Mimik, die wir damals benutzt haben, finde ich heute auch ziemlich lächerlich und übertrieben. Sich mit der flachen Hand auf die Stirn schlagen, um zu zeigen wie dumm man jemanden findet. Oder sich den Finger in den offenen Mund stecken und Kotzgeräusche machen. Oder eben dem Kumpel oder der Freundin einen wissenden Blick zuwerfen (mit oder ohne Augenrollen). Ob man das alles so detailreich in einem YA-Roman schreiben will, weiß ich nicht, aber für mich gehört diese übertriebene Körpersprache definitiv zur Jugendkultur.
Für alle, die einen Hafen suchen, wenn die Werkstatt schließt: http://die-schreibstube.phpbb8.de/forum
Benutzeravatar
Deirdre
NaNoWriMo 2015
NaNoWriMo 2015
 
Beiträge: 113
Registriert: 30.08.2015, 17:16
Wohnort: Leiden, NL

Re: Beschreibung nonverbaler Kommunikation

Beitragvon Badabumm » 27.10.2015, 16:15

Im Grunde ist MImik zu vielschichtig, um "mal eben" reingeschrieben zu werden. Man benötigt dann allein drei Sätze, um eine Geste zu beschreiben... das empfinde ich als kontraproduktiv.

Z.B. die "Was jetzt?"-Geste (im Englischen "So what?"). Man schiebt seinen Kopf vor wie ein Geier, hebt die Schultern, macht ein fragendes Gesicht (sieht also total bescheuert aus: Große Augen, Mund auf), dazu breitet man beide Arme aus, Handflächen nach oben, hebt und senkt die vielleicht noch mehrmals... es fällt mir echt schwer, die Geste zu beschreiben, ohne loszulachen. 8)

Selbst wenn der Charakter diese Geste machen soll, würde ich beim Schreiben darauf verzichten und einfach in den Dialog schreiben: Sie fragte "Und was jetzt?". Viele schreiben die Kurzfassung: "er/sie hob fragend die Arme", aber dazu muss man die Geste ja bereits kennen, und das ist nicht selbstverständlich. Außerdem kann man Arme auf verschiedene Weise heben, aber nur eine Art ist in diesem Zusammenhang die treffende. Es ist ja auch eher das Stlmittel des Films; in der Prosa würde ich nur auf den Dialog setzen und die abgegriffene Floskel "Was jetzt?" in längerem Dialog schreiben: "Und, was glaubst du, sollen wir nun machen? Hast du vielleicht eine Idee, Idiot? Hast du darüber nachgedacht?" (oder was ähnliches, um die Situation klarzustellen). Das sagt kaum niemand in natura, aber dafür ist es ja auch Schreiben...

Badabumm
.
"Und sowieso wird man Dichter nur durch das Mädchen, das man nicht bekommt."
(Søren Kierkegaard)
Benutzeravatar
Badabumm
 
Beiträge: 1073
Registriert: 06.04.2011, 00:53
Wohnort: oben
Blog: Blog ansehen (13)

Re: Beschreibung nonverbaler Kommunikation

Beitragvon Badabumm » 27.10.2015, 16:33

Deirdre hat geschrieben:Badabumm, ob das jetzt dem Einfluss amerikanischer TV-Serien geschuldet ist oder nicht, ist ja nicht die Frage. Für Jugendliche ist es wichtig zu zeigen, dass man weiß, was cool ist. Einerseits um dazuzugehören, andererseits um sich von weniger coolen Mitmenschen (z.B. Eltern) abzugrenzen. Meine Pubertät ist zwar schon ein paar Jahre her, aber daran erinnere ich mich deutlich. Die Gestik und Mimik, die wir damals benutzt haben, finde ich heute auch ziemlich lächerlich und übertrieben. Sich mit der flachen Hand auf die Stirn schlagen, um zu zeigen wie dumm man jemanden findet. Oder sich den Finger in den offenen Mund stecken und Kotzgeräusche machen. Oder eben dem Kumpel oder der Freundin einen wissenden Blick zuwerfen (mit oder ohne Augenrollen). Ob man das alles so detailreich in einem YA-Roman schreiben will, weiß ich nicht, aber für mich gehört diese übertriebene Körpersprache definitiv zur Jugendkultur.

Hoppla, Dein Beitrag hat sich hier zwischengeschummelt... Ich habe auf den Einfluss hingewiesen, um aufzuzeigen, dass die Gesten abhängig von der Kultur und von der Epoche sind. Damit sind sie auch regional und zeitlich verschieden, können deshalb gar nicht global verstanden werden. Wenn die Zielgruppe Jugendliche bis 17 von heute sein sollen, ist die Verwendung von Stereotypen in Ordnung, denn nichts anderes sind diese Gesten ja. Nach zehn Jahren würden die Gesten sicher nicht mehr verstanden werden, genausowenig wie man heute noch "dufte" und "knorke" kennt. Die Gesten sind stark abhängig von der Medienkultur (hauptsächlich der us-amerikanischen und von der Generation, die sie verwendet - ich musste erst nachschauen, was ein ya-Roman ist...). Sie werden gelernt und ohne Hinterfragen weiterverwendet. Und dabei ist nun mal der Einfluss des Angelsächsischen übermäßig groß. Die Übertreibung kommt daher, dass man die Gesten anstelle eines alternativen Wortlautes verwendet, so wie die Sprache insgesamt wortärmer und flacher wird. Wie der Wortschatz unterliegen diese Gesten einem raschen Wandel und sind nicht zwingend selbsterklärend, sondern häufig aufgesetzt. Eben deswegen, um sich abzugrenzen und eine Geheimsprache zu benutzen, die die Eltern nicht kennen.

Ich würde versuchen, nur die Mimik zu verwenden, die augenscheinlich allen Menschen gleich ist. Das, was Schauspieler lernen, um Entsetzen, Angst, Aggression oder Freude auszudrücken.

Badabumm
.
"Und sowieso wird man Dichter nur durch das Mädchen, das man nicht bekommt."
(Søren Kierkegaard)
Benutzeravatar
Badabumm
 
Beiträge: 1073
Registriert: 06.04.2011, 00:53
Wohnort: oben
Blog: Blog ansehen (13)

Re: Beschreibung nonverbaler Kommunikation

Beitragvon Silvana91 » 27.10.2015, 18:03

Es kommt natürlich auch darauf an, wie pubertär man seine jugendliche Hauptfigur überhaupt zeichnet und auftreten lassen möchte. Meine Protagonistin bspw. ist 17 Jahre alt und hat durchaus auch ihre infantilen Momente; für sie peinliche Situationen kommen ihr etwa wie das Ende der Welt vor. Ich lasse es an überzeichneten Bildern durchaus nicht fehlen – die aber finden sich hauptsächlich im inneren Monolog der Figur wieder. Das halte ich auch für glaubwürdig, v.a. wenn ich mich zB an gewisse Gewaltphantasien erinnere, die mich während meiner Schulzeit heimgesucht haben. :twisted:

Schwierig finde ich es, wenn sich das Pubertäre augenrollend an die Figuren-Oberfläche drängt. Dann habe ich nämlich den Eindruck, dass sie zur Comic- oder Trickfilm-Figur mutiert: große, sich verdrehende Augen, übertriebene Gestik usw. Das führt – zumindest für mein Empfinden – zu einem Glaubwürdigkeitsproblem. (Verhält sich ja dann analog zu den überkonstruierten Dialogen, die mit dem besten Willen nicht mehr authentisch wirken.)

Aber es stimmt schon: Es gibt sie, diese Jugendlichen, die gackernd und quietschend in der Gegend herumhopsen. Fragt sich trotzdem, inwiefern die sich als Projektionsflächen für YA-Leser eigenen. Eher weniger, würde ich sagen: Wird auf Dauer nämlich zu anstrengend.

[Notiz am Rande: Interessanterweise stelle ich in letzter Zeit fest, dass sich LeserInnen von YA-Romanen immer häufiger darüber beschweren, dass sie deren Protagonisten zu unreif, zu kindisch, zu naiv finden. Es besteht also offensichtlich ein Bedürfnis, das jugendliche Figurenpersonal "reifer" und bedachter agieren zu sehen – was natürlich nicht bedeutet, dass die Charaktere nicht weiterhin mit den typischen Problemen und Fragen zu kämpfen haben, die einem auf dem Weg zum Erwachsenwerden umtreiben (Wer bin ich? Was will ich sein? Wer liebt mich? Wen liebe ich?) – und die im Young Adult-Genre eben typischerweise verhandelt werden.]

Badabumm hat geschrieben:Es ist ja auch eher das Stlmittel des Films; in der Prosa würde ich nur auf den Dialog setzen und die abgegriffene Floskel "Was jetzt?" in längerem Dialog schreiben

Ich weiß ja nicht, wie es dir geht. Aber beim Schreiben habe ich tatsächlich einen Film vor Augen: Ich sehe die Figuren vor mir. Ich sehe ihre Bewegungen, ich habe ihre Worte im Ohr.
Im besten Fall spielt sich später auch für den Leser das Romangeschehen wie ein Film vor dem inneren Auge ab. Schreiben hat also unbedingt etwas mit Kinematografie zu tun, oder nicht?
Deshalb finde ich auch, dass man Gestik und Mimik auf keinen Fall vernachlässigen sollte. Wäre schließlich schade, weil sie Nuancierungen ermöglichen. Blöd wird es nur, wenn jeder Witz, den eine Figur macht, mit einem anschließenden Augenzwinkern markiert werden muss, damit auch der letzte Trottel beim Lesen versteht, dass das eben witzig gemeint war (das enstpricht dann dem Dosengelächter in den Comedy-Sitcoms – fand ich schon immer ziemlich bescheuert, besonders diese lauten, aufmerksamkeitsheischenden Fake-Lacher.)
Auch dein "So what"-Bsp zeigt, dass man es übertreiben kann und die Beschreibung einer Geste plötzlich lächerlich wirkt – andererseits ließe sich auch ein harmloses Schmunzeln ins Lächerliche ziehen, wenn ich es mir als Autor zur Aufgabe mache, das Heben der Mundwinkel meiner Figur millimeter- und sekundengenau zu Protokoll zu geben …

Badabumm hat geschrieben:Ich würde versuchen, nur die Mimik zu verwenden, die augenscheinlich allen Menschen gleich ist. Das, was Schauspieler lernen, um Entsetzen, Angst, Aggression oder Freude auszudrücken.

Dann sind wir einer Meinung. Es gibt ein geläufiges Vokabular an Gesten, auf das man in aller Regel bedenkenlos zurückgreifen kann, weil davon auszugehen ist, dass der Leser weiß, was damit ausgedrückt werden soll (ich gehe davon aus, dass Autor und Leserschaft denselben Kulturkreis teilen ).
Hin und wieder sollte man Gesten nach ihrer Glaubwürdigkeit befragen. Und sich fragen, ob man gerade nur ein Klischee bedient, das mit weniger "Leben" gefüllt ist, als es auf den ersten Blick vorgaukeln möchte. Dann ist es wohl besser, darauf zu verzichten.
Benutzeravatar
Silvana91
 
Beiträge: 12
Registriert: 16.03.2015, 00:53

Re: Beschreibung nonverbaler Kommunikation

Beitragvon Badabumm » 27.10.2015, 18:42

Silvana91 hat geschrieben:Ich weiß ja nicht, wie es dir geht. Aber beim Schreiben habe ich tatsächlich einen Film vor Augen: Ich sehe die Figuren vor mir. Ich sehe ihre Bewegungen, ich habe ihre Worte im Ohr.

Den Film habe ich auch. Aber das ist genau das Problematische: Schreiben ist nicht dasselbe wie Kino. Wir hatten hier einige Threads, die sich damit beschäftigten, wie exakt man etwas beschreiben soll und kann. Ich bin der Meinung: egal, wie exakt man schreibt - das Bild beim Leser ist doch immer ein anderes. Außerdem würde die exakte Beschreibung, z.B. eines gedeckten Frühstückstisches schon zwei Seiten füllen und würde doch nichts bringen (außer Langeweile). Wenn die Stimmung eines sonnigen Sommermorgens auf der Terrasse mit einem liebevoll arrangierten Tisch rüberkommt, mit tanzenden Lichtstrahlen, mit warmen Brötchen und duftendem Kaffee, ist der Tisch bei jedem Leser zwar anders. Aber die Grundidee ist dieselbe. Für die Story mag es unerheblich sein, ob der Tisch eine hellblaue oder rotkarierte Tischdecke hat. Jeder Leser stellt sich SEINEN Tisch anders vor - Hauptsache, die Szene ist wohltuend und gemütlich.

Es wäre schön, wenn man einen Test machen könnte: "male den Ort oder die Figur auf, von dem/der du gerade gelesen hast. Wie stellst du es dir vor?". Deshalb ist das detailversessene Wiedergeben gar nicht sinnvoll. Sondern der Schreiber erzeugt den Film im Leser erst durch Assoziationen. Es würde also reichen, wenn ich z.B. schreibe: "Amely war genervt". Jeder Leser interpretiert was anderes dort hinein. Ich brauche also kein Augenrollen, weil andere Leser mit Genervtsein vielleicht kein Augenrollen verbinden und fälschlicherweise annehmen, ihr Augenrollen bedeutet, dass sie gerade einen epileptischen Anfall hat...

Eine gute Idee fand ich das mit den Metaphern. Der Autor erzeugt eine Assoziation, die nur dem Zweck dient, ein bestimmtes Bild beim Leser zu hinterlassen. Ob dieses Bild bei jedem Leser absolut identisch ist, wäre gar nicht wichtig - es zählt nur das Resultat in der Story. Die Gefahr, dass der Leser die Situation nicht (er)kennt und deshalb die Situation nicht zuordnen, besteht immer. Da sind auch Wiederholungen erlaubt, um das Bild zu festigen.

Ein bisschen ist Schreiben wie klassische Musik: der Text sind die Noten, aber die Interpretation (Tempi, Klangfarbe, Betonung, Dynamik) findet im Leser statt, der selbst zum Virtuosen wird...

Badabumm
.
"Und sowieso wird man Dichter nur durch das Mädchen, das man nicht bekommt."
(Søren Kierkegaard)
Benutzeravatar
Badabumm
 
Beiträge: 1073
Registriert: 06.04.2011, 00:53
Wohnort: oben
Blog: Blog ansehen (13)

Re: Beschreibung nonverbaler Kommunikation

Beitragvon Deirdre » 28.10.2015, 00:12

Badabumm hat geschrieben:Für die Story mag es unerheblich sein, ob der Tisch eine hellblaue oder rotkarierte Tischdecke hat. Jeder Leser stellt sich SEINEN Tisch anders vor - Hauptsache, die Szene ist wohltuend und gemütlich.
Es wäre schön, wenn man einen Test machen könnte: "male den Ort oder die Figur auf, von dem/der du gerade gelesen hast. Wie stellst du es dir vor?". Deshalb ist das detailversessene Wiedergeben gar nicht sinnvoll. Sondern der Schreiber erzeugt den Film im Leser erst durch Assoziationen.


Ich würde sogar noch weiter gehen und sagen, dass es kontraproduktiv sein kann, zu viele Details zu beschreiben. Ich bin als Leser schon darüber gestolpert, dass der Autor liebevoll beschreibt, wie ein Zimmer aussieht: "Der Schreibtisch stand rechts gegenüber vom Bücherregal" - und denke: Das geht doch gar nicht. An der stelle befindet sich doch die Tür.

Badabumm hat geschrieben:Es würde also reichen, wenn ich z.B. schreibe: "Amely war genervt". Jeder Leser interpretiert was anderes dort hinein. Ich brauche also kein Augenrollen, weil andere Leser mit Genervtsein vielleicht kein Augenrollen verbinden und fälschlicherweise annehmen, ihr Augenrollen bedeutet, dass sie gerade einen epileptischen Anfall hat...


Ich denke, dass man einen Kompromis finden muss zwischen dem viel wiederholten "show, don't tell" und dem Versuch den Leser nicht mit Beschreibungen zu bombardieren. Auch hier gilt wohl: Die Dosis macht das Gift.
Für alle, die einen Hafen suchen, wenn die Werkstatt schließt: http://die-schreibstube.phpbb8.de/forum
Benutzeravatar
Deirdre
NaNoWriMo 2015
NaNoWriMo 2015
 
Beiträge: 113
Registriert: 30.08.2015, 17:16
Wohnort: Leiden, NL


Zurück zu Kreatives Schreiben

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 0 Gäste