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Dieser Blog soll als Ergänzung zu http://www.texte-jon.de dienen. Einige Themen rund ums Schreiben habe ich dort schon angerissen, anderes will ich hier ergänzen. In der Regel wird es um Aspekte gehen, die während meiner Lektoratsarbeit (auch hier) anfallen.
Außerdem erlaube ich mir, an dieser Stelle ab und an auch von anderen Dingen, die für Schriftsteller interessant sein könnten, zu reden. Oder von meinen Büchern. Oder fremden Werken.
Ojinaa
 
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Nanu: Jetzt noch NaNo?
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Nanu: Jetzt noch NaNo?

Permanenter Linkvon Ojinaa am 30.11.2015, 17:32

Der November ist rum und in den Schreibforen wird Bilanz gezogen. Hat man das NaNo- Ziel erreicht? Zerknirschte Meldungen über „Misserfolge“ gibt es nur wenige, die meisten verkünden stolz, 50k+ geschafft zu haben.

Falls Sie nicht wissen, wovon ich gerade rede: NaNo – oder genauer NaNoWriMo – steht für National Novel Writing Month, eine Erfindung des Amerikaners Chris Baty, der 1999 zum ersten Mal dazu aufrief, in den 30 Tagen des Novembers einen Roman mit mindestens 50.000 Wörtern zu schreiben. Inzwischen gibt es den NaNoWriMo weltweit und vom Ziel ist manchmal nur das der 50.000 Wörter übrig geblieben.

Aber es machen immer mehr mit. Oft finden sich dafür Gemeinschaften, die in Blogs, Foren und Groups laufend Bericht zum aktuellen Stand erstatten. Es gibt eine regelrechte NaNo-Fan-Szene, die sich schon im Vorfeld jeden Novembers über Tricks und Kniffe austauscht. So gibt es zum Beispiel Basteltipps zu Notizbüchern, in denen man – als Vorbereitung – Ideen sammelt und den Plot notieren kann. Ein bisschen irre ist das schon, aber das hat jedes Fandom ja so an sich.

Üblicherweise wird der NaNoWriMo also im Oktober „beworben“. Weil das alle machen, hab ich mir mal lieber die Ergebnisse – bzw. die Ergebnismeldungen – angesehen. Eines haben sie fast alle gemeinsam: Die Schreiber wissen, dass sie bestenfalls(!) einen Erstentwurf fabriziert haben. Bei dem Druck, Masse zu produzieren, bleibt in der Regel keine Zeit für eine Rückversicherung, ob man auf einen qualitativ akzeptablen Weg ist. Das heißt, dass nicht selten sogar „Werke“ rauskommen, die der Autor praktisch für den Papierkorb geschrieben hat.

Was also soll das Ganze? Die, die mitmachen, sehen es als Leistungstest: Schaffe ich es, mich jeden Tag zum Schreiben zu zwingen? Sie fühlen sich durch den Druck, durch die Mengen-Vorgabe und die z. T. öffentliche Abrechnung motiviert. Nun ja: Wer keinen Stress hat, macht sich halt welchen. Die wohlige Schlaffheit nach so einer Überbeanspruchung ist der Lohn. Nur: Bringt das irgendwas in Sachen Schreiben? Ich meine außer, dass man dann weiß, dass man 50.000 Wörter in 30 Tagen tippen/schreiben kann? Bei diesem Pensum ist keine Zeit für anderes: Wer Charaktere vorher nicht schreiben konnte, kann es danach auch nicht. Wer vorher schlecht geplottet hat, lernte das Plotten hier auch nicht. Wer vorher stilistisch schlecht war, wird diese Schwäche nun eher noch fester verankert haben.

Alles in allem also eine Mode, die etliche wirksame Rattenfang-Momente unserer Zeit vereint: Man ist allein beim Schreiben (also sein eigener Herr) und doch irgendwie Teil einer Gemeinschaft. Und das, ohne dass das Ergebnis (der Text, aber auch der Umstand, ob man es schafft) für die Gemeinschaft von irgendeiner Bedeutung ist. Man kann am Ende nackte Zahlen – eine Masse von Wörtern – abrechnen, die Güte des Textes ist dabei in höchstem Grade irrelevant. Man kann sich selbst toll finden, weil man „was Kreatives“ geschafft hat, unabhängig davon, was man kreativ tatsächlich geleistet hat. Augenauswischerei also. Oder?

In diesem Sinne: Bereitet schon mal Ideen- und Plotbuch für das nächste Jahr vor!

Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt. (Klaus Klages)
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