[Tragik][AT] Bonjour Tristesse // Urban Desolation

Tragödien, Tragisches

[Tragik][AT] Bonjour Tristesse // Urban Desolation

Beitragvon Dysfunktion » 22.02.2014, 00:51

Hallo,

ich habe mir eure Kritik zu Herzen genommen und versucht, sie umzusetzen. Einige Passagen wurden überarbeitet, neu arrangiert und neue Elemente eingefügt. Weniger Adjektive sind es dabei vermutlich nicht geworden - ich schätze, dass das irgendwo zu meiner Art zu (be-)schreiben gehört. Eine "normal" erzählte Geschichte würde ich vermutlich auch etwas anders schreiben. Jedenfalls, das Ergebnis ist im ersten Post zu finden. :)
Die Handlung stagniert weiterhin, wobei ich sagen muss, dass das gesamte erste Kapitel am Bahnhof spielt und somit wenig Raum für große Sprünge bleibt. Davon abgesehen ist eine Innensicht der Dinge manchmal ebenso interessant, nicht? :)

Ich bin ein wenig Synonym-vernarrt: mir fallen Wortwiederholung meist schnell auf. In meinen Augen stören sie den Klang des Satzes, ebenso in diesem Satz. Vielleicht wäre ja "die erste Zigarette des Tages" in diesem Fall eine Alternative.


Herrje. Das war so auf keinen Fall geplant. Das passiert mir ständig, wenn ich am Text arbeite und Sätze umstelle, ohne den alten Satz vorher zu löschen. 8) Vielen Dank für den Hinweis!

Der erste Absatz - der bereits kritisiert wurde wegen Unverständnisses - hat für mein Empfingen genau dort seine Stärke. Man weiß nicht genau, wo sich die Person befindet, man weiß nicht, was diese Mahnmale sind. Ich stellte mir eine Stadt mit Werbeplakaten vor, bis ich erkannte, dass der Ort ein Bahnhof war.
Aber dieser Irrtum machte mir als Leser nichts aus. Es war sogar umso faszinierender, da es eine Art Repetition des menschlichen Umfeldes darlegte: egal wo wir sind, letztendlich erwartet uns ohnehin überall dasselbe ähnliche Bild.


So oder so ähnlich waren auch meine Gedanken, als ich den Einstieg entwarf. Der Leser entwickelt zunächst selbst ein Szenario in seinem Kopf und wird im Verlauf der nächsten Zeilen vielleicht überrascht - oder hatte Recht mit seiner Vermutung. Es weckt potenziell Interesse und regt die eigene Fantasie an. :)

Tu's nicht. Unkraut wächst nicht auf vielbefahrenen Straßen, Unkraut ist grün, die Stadt nicht. Unkraut brächte in diesen Text etwas Helles herein, Unkraut ist Natur.


Damit sprichst Du einen allgemein wichtigen Punkt an: Die Wahrnehmung. Wie gesagt, Du hast aufgrund diverser Umstände einen etwas anderen Blickwinkel auf die Intention des Werkes. Ich bin dankbar für die Alternative, die mir grundsätzlich gut gefallen hat - es ist lediglich nicht die richtige Atmosphäre.

Sehr gelungener Absatz; vielleicht sogar der beste des Textes. Eine hervorragende Menschenbeschreibung, die sich beinahe ausschließlich auf die inneren Merkmale der Menschen bezieht, die man anhand ihres Auftretens ablesen kann. Sehr gekonnt.


Vielen Dank. :) Eigentlich ist mir die Beschreibung noch etwas zu vage und lasch, im weiteren Verlauf des Buches wirds aber bestimmt noch die ein oder andere Gelegenheit geben, in vergleichender Art zu beobachten. Thehe.
Ich kenne die Aussage, Adjektive würde der verwenden, dem keine besseren Verben oder Substantive einfielen, aber dem möchte ich in Bezug auf deinen Text auf jeden Fall widersprechen.


Mal ganz davon abgesehen, dass sich Substantive oder das Partizip II adjektivieren lassen ("die Angestellten", beispielsweise), habe ich mal gelernt, dass Adjektive näher beschreiben. Ich habe zwar nie auf die Verwendung geachtet, auch in Fremdwerken nicht, glaube aber nicht, dass etwas schlecht oder langweilig geschrieben ist, nur weil Adjektive eingesetzt werden. In vielen Fällen verbildlichen und verstärken sie das Substantiv und füllen es mit Leben. Löschte ich sie alle und machte stattdessen ganze Sätze für jedes Adjektiv, so bin ich sicher, dass der Text nicht mehr flüssig und schön zu lesen wäre. Wie eingangs erwähnt, gehören Adjektive augenscheinlich einfach zu meinem Stil.
Wenn weitere Teile irgendwann mal an verschiedenste Leute zum Probelesen gehen, werde ich diesen Punkt aber ganz bestimmt gesondert untersuchen lassen.

Insgesamt kann man sagen, dass der Text keine leichte Kost ist. Er ist sehr düster und schwermütig und ich gehe davon aus, dass du dieses Niveau halten wirst. Es ist sicherlich kein Buch, das ich - wenn es veröffentlicht wird - abends mal ein bisschen lesen oder zwischen zwei Tätigkeiten aufschlagen würde. Man muss sich Zeit für die Sätze nehmen, die Adjektive wirken lassen und sich konzentrieren, da dein Vokabular, wie du selbst weißt, alles andere als einfach ist.
Dein Schreibstil erinnert mich eher an eine Zeit vor 50-100 Jahren, wo Autoren noch eine ganz andere Auseinandersetzung mit dem Text voraussetzten, als sie es heutzutage tun. Dein Text ist weniger Unterhaltung als Kritik.


...auch das nehme ich mal als Kompliment und bedanke mich dafür. Es ist tatsächlich keine Unterhaltung. Ob es Kritik ist, weiß ich nicht. Zu Teilen, vielleicht. In erster Linie ist es ein Wiedergeben von subjektiven Sinneseindrücken eine Welt betreffend, die für viele Menschen nichts Außergewöhnliches hat und doch eine bestimmte Zahl an Personen anspricht. Ob es jemals für eine Veröffentlichung taugt? Huh... kaum Handlung, mehr oder weniger nüchtern-langweilige Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben. Bücherläden würden vermutlich nicht eingerannt werden. :XD:

Version 1: (Zum Lesen bitte scrollen)
Hallo zusammen,

das Manuskript steckt zwar noch in den Kinderschuhen. Dennoch möchte ich gern einen ersten Szenenausschnitt präsentieren. Es sind die ersten ~2 Seiten des Buches, an denen bereits mehrfach herumgedoktort wurde. :roll: Wortänderungen und/oder Satzumstellungen wird es bestimmt noch weitere geben, sonst bin ich eigentlich recht zufrieden. Die exorbitanten Beschreibungen sind übrigens gewollt und mehr oder minder zentraler Bestandteil des Romans, der neben der Geschichte seiner Hauptfigur versucht, das "urbane Gefühl" einzufangen. Den groben Umriss des Plots kopiere ich mal von anderer Stelle:

Zeitroman/Gesellschaftsroman mit urbanen Motiven. Es spielt auf drei Ebenen (Wirklichkeit, Illusion, Rückblenden) und gibt die Geschichte eines Einzelschicksals wieder. Einer Person, die sich aufgrund ihrer äußerst schlechten Situation in Illusionen verliert und in ihnen das geünschte Leben führt. Einer Person, die inmitten urbaner Anonymität, entemotionalisiert-funktionierender Hüllen ohne Gesicht innerhalb einer schnelllebigen Welt eine der wenigen Menschen mit Gesicht ist.
Dabei geht das Buch zu gleichen Teilen auf die fragile Persönlichkeit in allen Facetten und den Motiven (Faszination Großstadtleben, urbane Einsamkeit und ihre Folgen,...) ein und gibt immer wieder kleinere Hinweise auf die Wirklichkeit, ehe sich gen Ende offenbart, dass das, was die Person über Jahre hinweg gelebt und erlebt hat, nie stattfand.


Ich möchte mich vorab für das Lesen des Textes und für das Interesse am Projekt selbst bedanken und hoffe auf zahlreiche Kritik. :)

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[aktualisierte Fassung]

An den gläsernen Fassaden haften die Mahnmale stummer Zeugen eines wortlosen Abschieds. Symbole verblichener Verbundenheit Liebender und Geliebter, Gesuchter und Gefundener. Jeder Hoffnung beraubt prangern ihre Abdrücke an den feuchten Scheiben, zu ihren Füßen sickern kleine Wasserperlen in die Furchen im zerborstenen Asphalt. Von rastlosem Zerfall ermattet und mit alten Kaugummis gepflastert liegt er brach. Verkommen, brüchig, bespuckt.
Wie jeden Morgen rauche ich, in meine zu dünne Jacke gehüllt, die erste Zigarette des Tages unter der Laterne seitlich des Eingangs stehend. Ihr noch bis weit nach sieben Uhr anhaltendes Flackern übermalt das Dahinscheiden des welken Blattwerks, das die Bürgersteige säumt. Von der Brise aufgewirbelt schimmern sie in monochromem Glanz. Doch wenn die Herbstwinde sich gelegt haben, ereilt auch sie ein Tod auf Raten.
Schleichend durchzieht die klirrende Morgenkälte den leichten Stoff, wie ich dort stehe und mich für einen kurzen Augenblick von den grauen Wolken einnehmen lasse, die den Himmel perforieren. Für Stunden könnte ich ihre eleganten Wanderungen über das Firmament verfolgen. Sie einfach nur wahrnehmen und die Hand nach der Essenz des Lebens ausstrecken. Spüren, wie unbedeutend und wertlos der triste Alltag angesichts ihrer monumentalen Erscheinung anmutet. Ich ziehe ein letztes Mal an der Zigarette und drücke sie am kalten Stahl des Aschenbechers aus.
Als die Türen sich öffnen und ich den weitläufigen Eingangsbereich betrete, steigt es wieder in mir auf. Unbehagen umklammert meine Kehle und schnürt sie mit festem Griff zu. Der kalte Rauch umherliegender Zigarettenstummel begleitet mich hinein, ehe der Duft von abgestandenem Kaffee, der zwischen leeren Bierdosen und benutzten Taschentüchern aus versifften Mülleimern quillt, in meine Nase kriecht. Meine Hände schwitzen. Unruhig spiele ich an meinem Bonbonpapier herum und versuche die Nervosität zu überspielen. Mein Verstand liegt in Ketten. Niemals werde ich mich an den fauligen Atem dieses Ortes gewöhnen. An das hämische Grinsen der Dunstwolke, das mit widerlich-ehrlichem Charme auf mich trifft.
Schnellen Schrittes führt mich mein Weg vorbei an den Verkaufsflächen und Info-Ständen, stets bemüht, mir meine Unsicherheit nicht anmerken zu lassen. Im Vorbeigehen nehme ich den lieblichen Duft frischer Backwaren wahr, der von der Bäckerei am anderen Ende des Ganges ausgeht. Jeder Gedanke an ein reichhaltiges Frühstück wird jedoch vom penetranten Parfum einer Passantin im Keim erstickt.
Als ich endlich den Haupttrakt des Gebäudes erreiche, stockt mir der Atem. Diffuse Klangteppiche erfüllen den Raum und lassen meine Sinne vernebeln. Ich spüre, wie mein Blickfeld sich zusammenzieht und die Texturen um mich herum verschwimmen. Es ist dieser Moment, dieser unnahbare Moment vollkommenen Bewusstseins, für die Kürze von Sekundenbruchteilen greifbar scheinend, der mich fesselt. Zehn Sekunden, vielleicht zwanzig, verweile ich, zu jeder Bewegung unfähig, während durch die Türen hinter mir weiter Menschen in den Bahnhof strömen.
Aus vertrockneten Augenhöhlen heraus zielen ihre leeren Blicke ins Nichts oder auf die leuchtenden Displays ihrer Smartphones. Blinde Hüllen, in grelles Licht gebettet. Doch niemand nimmt ihr Licht wahr. Niemand interessiert sich für die Gesichter ohne jeden Ausdruck und Kontur. In den Mantel der Anonymität gehüllt irren sie mit starrer Miene hektisch über die Korridore, von ihrer Routine in präzise Abläufe gezwungen. Als lenkte und führte sie eine übergeordnete Kraft einander vorbei in ihre Bestimmung. Zu ihresgleichen. In ihre Welt.
Eine Durchsage löst den trüben, meinen Geist verzerrenden Schleier.
»Achtung! Regional-Express 8: Aufgrund eines technischen Fehlers kann es vereinzelt zu Verzögerungen im Ablauf kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.«, knarzt es aus Lautsprechern, die ihre besten Tage lange verlebt haben. Obwohl der genaue Wortlaut sich nur vermuten lässt. Dies führt im Laufe der Zeit beinahe zwangsläufig dazu, ein gewisses Talent dafür zu entwickeln, fragmentierte Fetzen Sprache zusammenzufügen. Man avanciert zum Experten für forensische Linguistik, sozusagen. Zum Hüter des großen Puzzles der Sprache.
»Achtung! Jetzt neu: Unsere Durchsagen in unzähligen Varianten in jeder Stadt, in der Sie jemals mit uns reisen werden. Mit weit über 1000 Teilen, die Sie niemals richtig zusammensetzen werden können. Ein großer Spaß für jedes Alter – besonders für Ortsfremde! Ihre Bahn.« - Vielen Dank auch.
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Erstfassung:
Spoiler: Anzeigen
An den gläsernen Fassaden haften die Mahnmale stummer Zeugen eines wortlosen Abschieds. Symbole langsam verblassender Verbundenheit Liebender und Geliebter, Gesuchter und Gefundener. Jeder Hoffnung beraubt prangern ihre Abdrücke an den feuchten Scheiben, zu ihren Füßen sickern kleine Wasserperlen in die Furchen im zerborstenen Asphalt. Von rastlosem Zerfall gezeichnet ist er, der Teer, der sich Straße nennt. Brüchig, bespuckt, mit alten Kaugummis gepflastert.
Wie jeden Morgen rauche ich, in meine zu dünne Jacke gehüllt, die erste Zigarette des Morgens unter der Laterne seitlich des Eingangs stehend. Ihr noch bis weit nach sieben Uhr anhaltendes, flackerndes Leuchten kündigt den nahenden Herbst mit seinen dunklen, kurzen Tagen an. Seine Vorboten spüre ich jedoch bereits jetzt. Schleichend durchzieht die klirrende Morgenkälte den leichten Stoff, wie ich dort stehe und mich für einen kurzen Augenblick von den grauen Wolken einnehmen lasse, die den Himmel perforieren. Für Stunden könnte ich ihre eleganten Wanderungen über das Firmament verfolgen. Sie einfach nur wahrnehmen und die Hand nach der Essenz des Lebens ausstrecken. Spüren, wie unbedeutend und wertlos der triste Alltag angesichts ihrer monumentalen Erscheinung anmutet. Ich ziehe ein letztes Mal an der Zigarette und drücke sie am kalten Stahl des Aschenbechers aus.
Als die Türen sich öffnen und ich den weitläufigen Eingangsbereich betrete, bricht eine fremdartige Welt über mich herein. Die nach kaltem Zigarettenqualm, abgestandenem Kaffee, billigem Parfum und süßen Backwaren riechende Dunstwolke trifft mich mit widerlich-ehrlichem Charme. Monochrome Klangteppiche erfüllen den Raum und durchdringen jede Faser meines Körpers mit einer Wucht, dass mir der Atem stockt. Meine Sinne verschmelzen. Es ist dieser Moment, dieser unnahbare Moment vollkommenen Bewusstseins, für die Kürze von Sekundenbruchteilen greifbar scheinend, der mich fesselt. Zehn Sekunden, vielleicht zwanzig, verweile ich gebannt, während durch die Türen hinter mir weiter Menschen in den Bahnhof strömen. Aus vertrockneten Augenhöhlen werfen sie ihre leeren Blicke ins Nichts oder auf die leuchtenden Displays ihrer Smartphones. Blinde Hüllen, in grelles Licht gebettet. Niemand nimmt ihr Licht wahr. Niemand interessiert sich für ihre verborgenen, ausdruckslosen Gesichter. In den Mantel der Anonymität gehüllt irren sie mit starrer Miene hektisch über die Korridore, von ihrer Routine in präzise Abläufe gezwungen. Als lenkte und führte sie eine übergeordnete Kraft einander vorbei in ihre Bestimmung. Zu ihresgleichen. In ihre Welt.
Eine Durchsage löst den nebligen, meinen Geist verzerrenden Schleier. »Achtung! Regional-Express 8: Aufgrund eines technischen Fehlers kann es vereinzelt zu Verzögerungen im Ablauf kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.«, knarzt es aus Lautsprechern, die ihre besten Tage lange verlebt haben. Obwohl der genaue Wortlaut sich nur vermuten lässt. Dies führt im Laufe der Zeit beinahe zwangsläufig dazu, ein gewisses Talent dafür zu entwickeln, fragmentierte Fetzen Sprache zusammenzufügen. Man avanciert zum Professor der forensischen Linguistik, sozusagen. Zum Hüter des großen Puzzles der Sprache. »Achtung! Jetzt neu: Unsere Durchsagen in unzähligen Varianten in jeder Stadt, in der Sie jemals mit uns reisen werden. Mit weit über 1000 Teilen, die Sie niemals richtig zusammensetzen werden können. Ein großer Spaß für jedes Alter – besonders für Ortsfremde! Ihre Bahn.« - Vielen Dank auch.

Zuletzt geändert von Tinki am 09.08.2015, 16:25, insgesamt 5-mal geändert.
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Re: [AT] Bonjour Tristesse // Urban Desolation

Beitragvon Hyena » 22.02.2014, 09:59

Hi,

hier mein Senf :D
Nimm dir, was du brauchen kannst und ignoriere den Rest.

Den ersten Teil des Titels finde ich interessant, den würde ich – zumindest als Arbeitstitel – wählen. Den zweiten Teil finde ich ungünstig, da ich trotz recht solider Englischkenntnisse das Wort desolation nicht kenne. Fremdsprachige Titel sollten so gewählt werden, dass auch Leute mit durchschnittlichen Fremdsprachenkenntnissen sie auf Anhieb verstehen.

Die Beschreibung des Konzepts finde ich sehr reizvoll, noch besser jedoch einen Satz deiner Erklärung -

Die exorbitanten Beschreibungen sind übrigens gewollt und mehr oder minder zentraler Bestandteil des Romans, der neben der Geschichte seiner Hauptfigur versucht, das "urbane Gefühl" einzufangen.

… denn ich LIEBE ausufernde Beschreibungen, wenn sie gut gemacht sind^^ Dir sollte jedoch bewusst sein, dass dies etwas ist, was die Leserschaft spaltet – die einen lieben es, die anderen hassen es.Je nachdem, ob du in Zukunft an eine Veröffentlichung denkst, solltest du das im Hinterkopf behalten.

Lies beispielsweise mal bei Amazon die Rezensionen zu „Solaris“ oder zu „Die Stadt der Träumenden Bücher.“ Beides Romane mit unwahrscheinlichen Mengen „sinnloser“ Informationen, die gern auch als Infodump bezeichnet werden. Du wirst erkennen, dass genau das, was die einen als dichte Atmosphäre und Liebe zum Detail loben, von den anderen als langweiliges Blabla bezeichnet wird.

So, nun etwas konkreter zu deinem Text

An den gläsernen Fassaden haften die Mahnmale stummer Zeugen eines wortlosen Abschieds. Symbole langsam verblassender Verbundenheit Liebender und Geliebter, Gesuchter und Gefundener. Jeder Hoffnung beraubt prangern ihre Abdrücke an den feuchten Scheiben, zu ihren Füßen sickern kleine Wasserperlen in die Furchen im zerborstenen Asphalt.


Zum ersten Abschnitt lässt sich zweierlei feststellen.

1. Um was es in den ersten beiden Sätzen geht, kann ich auch nach mehrmaligem Lesen nicht sagen. Ich habe nicht einmal den Hauch einer Ahnung, auf was du mit den „Mahnmalen stummer Zeugen eines wortlosen Abschieds“ meinst. Keine guten Vorraussetzungen für einen Einsteig. Die ersten Sätze müssen sofort verständlich sein, sie sind die Einladung, die du dem Leser erteilst.

2. Du hast eine Vorliebe für Adjektive. Das zieht sich durch den gesamten Text und ist leider seine größte Schwäche. Lass mich dir das erklären.

Jedes Adjektiv ist eine verschenkte Beschreibung. Beschreibungen sind sehr viel lebendiger, darum sollte man diese verwenden und mit Adjektiven äußerst sparsam umgehen. Beispiel
Brüchig, bespuckt, mit alten Kaugummis gepflastert.


Risse ziehen sich durch die Oberfläche des Asphalts. Dort, wo er bis zum Grund aufgeplatzt ist, quillt Unkraut hervor – das einzige Grün weit und breit, bis es vom Mann mit dem Bunsenbrenner in Asche verwandelt wird. Leben unerwünscht. Die einzigen Farbtupfer sind alte Kaugummis, die von zahllosen Schuhen untrennbar mit der Straße verbunden wurden. Dazwischen glitzern Batzen von Schleim und Speichel.

Der selbe Inhalt, nur ein einziges Adjektiv („unerwünscht“), was ich auch hätte weg lassen können. Das Unkraut zB verdeutlicht, wie Tief der Asphalt eingerissen ist – bis zum Grund darunter. Dass die Kaugummis plattgetreten wurden, ersetzt den Begriff „alt“. So wirkt das ganze lebendiger, der Leser hat ein konkretes Bild vor Augen. Wenn du so viele Adjektive einfach hintereinander aufzählst, habe ich keine Zeit, mir das vor dem inneren Auge vorzustellen und die Wirkung verpufft.

Zusammenfassung zum Thema Adjektive:

Adjektive lassen sich nicht immer vermeiden – soll man auch gar nicht – jedoch solltest du versuchen, möglichst viele durch lebende Bilder zu ersetzen, damit beim Leser im Kopf etwas passiert.

und mich für einen kurzen Augenblick von den grauen Wolken einnehmen lasse, die den Himmel perforieren. Für Stunden könnte ich ihre eleganten Wanderungen über das Firmament verfolgen. Sie einfach nur wahrnehmen und die Hand nach der Essenz des Lebens ausstrecken. Spüren, wie unbedeutend und wertlos der triste Alltag angesichts ihrer monumentalen Erscheinung anmutet. Ich ziehe ein letztes Mal an der Zigarette und drücke sie am kalten Stahl des Aschenbechers aus.

… das ist der m. E. schönste Teil deines Textes :)
Nur das „perforieren“ würde ich durch ein deutsches Wort ersetzen.

Als die Türen sich öffnen und ich den weitläufigen Eingangsbereich betrete, bricht eine fremdartige Welt über mich herein.

Warum fremdartig? Fremd in Bezug auf was? Denn ich nehme an, er selbst war schon mal hier.

Die nach kaltem Zigarettenqualm, abgestandenem Kaffee, billigem Parfum und süßen Backwaren riechende Dunstwolke trifft mich mit widerlich-ehrlichem Charme.

Fünf Adjektive und ein Adverb in einem Satz... das ist heftig. Bitte unbedingt häppchenweise Portionieren, sonst findet keiner der Sinneseindrücke den Weg zu meinem inneren Auge bzw. meiner inneren Nase.

Vielleicht

Der Qualm herumliegender Zigarettenstummel stieg in meine Nase. Kaum hatte ich die Tür durchtreten, wurde der Gestank des Tabaks abgelöst vom süßlichen Duft einer Bäckerei. Im Vorbeigehen ließ ich meinen Blick über die ausgelegten Süßwaren schweifen. Doch bereits nach wenigen Metern wurde der Duft frischer Semmeln verdrängt von einer wahren Wand aus synthetischem Pfirsich, Moschus und Chemo-Erdbeere. Sofort atmete ich nur noch durch den Mund

… oder so ähnlich. Jetzt kann man das olfaktorische Inferno wirklich riechen :)

Aus vertrockneten Augenhöhlen werfen sie ihre leeren Blicke ins Nichts oder auf die leuchtenden Displays ihrer Smartphones

Vertrocknet??? Stelle ich mir gruslig vor....

»Achtung! Jetzt neu: Unsere Durchsagen in unzähligen Varianten in jeder Stadt, in der Sie jemals mit uns reisen werden. Mit weit über 1000 Teilen, die Sie niemals richtig zusammensetzen werden können. Ein großer Spaß für jedes Alter – besonders für Ortsfremde! Ihre Bahn.« - Vielen Dank auch.

Den zynischen Humor mag ich, aber bitte kursiv schreiben, sofern diese Ansage nicht wirklich gerade aus einem Lautsprecher kommt.

Hoffe, dir ein wenig geholfen zu haben!

Lg
Hyena
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Re: [AT] Bonjour Tristesse // Urban Desolation

Beitragvon Dysfunktion » 22.02.2014, 14:18

Hallo Hyena,

vielen Dank für Deinen aufschlussreichen Kommentar! Viele Deiner Ausführungen sind sehr hilfreich gewesen. :)

Den ersten Teil des Titels finde ich interessant, den würde ich – zumindest als Arbeitstitel – wählen. Den zweiten Teil finde ich ungünstig, da ich trotz recht solider Englischkenntnisse das Wort desolation nicht kenne. Fremdsprachige Titel sollten so gewählt werden, dass auch Leute mit durchschnittlichen Fremdsprachenkenntnissen sie auf Anhieb verstehen.


Dem stimme ich zu, der Titel muss verstanden werden und - bestenfalls - eine Assoziationskette im Kopf auslösen. Bilder entstehen lassen. Auf der anderen Seite ist es aber doch so, dass der Arbeitstitel ohnehin nur für den Verfasser sowie ein paar wenige Gegenleser von Interesse ist, nicht? :)

1. Um was es in den ersten beiden Sätzen geht, kann ich auch nach mehrmaligem Lesen nicht sagen. Ich habe nicht einmal den Hauch einer Ahnung, auf was du mit den „Mahnmalen stummer Zeugen eines wortlosen Abschieds“ meinst. Keine guten Vorraussetzungen für einen Einsteig. Die ersten Sätze müssen sofort verständlich sein, sie sind die Einladung, die du dem Leser erteilst.


Hm. Da würde ich gerne mal noch andere Reaktionen abwarten. Okay, als Autor, der die Szene im Kopf vor sich sieht, ist ohnehin klar, was gemeint ist. Aber auch mit etwas Abstand denke ich, lässt sich zumindest erahnen, um was es geht - spätestens im Verlauf der nächsten Zeilen (ich möchte ja auch einen gewissen Anreiz geben, weiter zu lesen). Fingerabdrücke an den feuchten Scheiben des Bahnhofs als wortloser Abschied sich nahestehender Personen, mahnend dafür, dass der Bahnhof (als ein Sinnbild für öffentliches Treiben) kein guter Ort ist, um glücklich zu sein. Vielleicht setze ich aber auch ein zu großes Maß an "Fachkenntnis", also das Kennen und ggf. Selbsterleben solcher Dinge, voraus.

2. Du hast eine Vorliebe für Adjektive. Das zieht sich durch den gesamten Text und ist leider seine größte Schwäche. Lass mich dir das erklären.
Jedes Adjektiv ist eine verschenkte Beschreibung. Beschreibungen sind sehr viel lebendiger, darum sollte man diese verwenden und mit Adjektiven äußerst sparsam umgehen.


Das war mir so gar nicht aufgefallen. Da hast Du vollkommen Recht. Das ist ein bisschen den vielen Beschreibungen geschuldet. Ich zeichne die Szene ja in meinem Kopf vor und kann ungefähr abschätzen, wie lange das Kapitel wird. Der Gedanke, ein Kapitel mit 20, vielleicht 30 Seiten zu füllen, indem ich alles schön und klein-klein ausführe, hat mich etwas abgeschreckt. Trotzdem stimme ich Dir voll und ganz zu, an diesem Punkt werde ich definitiv ansetzen und ausschmückender agieren.
Wobei gerade das "Brüchig, bespuckt,...", als eine Art abwertendes Statement, eine Daseinsberechtigung hat, finde ich. Im Gegensatz zu dem Adjektivspektakel, das daran anschließt.

Warum fremdartig? Fremd in Bezug auf was? Denn ich nehme an, er selbst war schon mal hier.


Fremdartig in Bezug auf die Abläufe an diesem Ort. Er ist zwar jeden Morgen dort, kann sich aber nicht daran gewöhnen und fühlt sich unentwegt unwohl. Vielleicht wäre "befremdlich" das bessere Wort. Oder "beklemmend". Guter Einwand. :)

Vertrocknet??? Stelle ich mir gruslig vor....


Das ist - indirekt - der springende Punkt. Angst, Beklemmen, Unbehagen - das sind alles Wegbegleiter. In diesem Fall ists nicht unbedingt wörtlich zu verstehen. Es sind keine Zombies, die dort umherwandeln. Sie benehmen sich zwar so, haben aber normale Essgewohnheiten. ;) Es steht vielmehr für das Entemotionalisierte, für das fehlende Leben - oder das fehlen der Seele, wo die Augen doch als Tor zu jener betrachtet werden.

Wie gesagt, geholfen hast Du mit Deinem Kommentar auf alle Fälle, nochmals vielen Dank dafür. An der ein oder anderen Stelle, insbesondere an den Adjektiv-Festspielen, werde ich nochmal ansetzen. Der Satz gefiel mir so selbst nie so richtig, ich wusste nur bis eben nicht, warum. :)
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Re: [AT] Bonjour Tristesse // Urban Desolation

Beitragvon Kelpie » 22.02.2014, 15:52

Grüß dich Dysfunktion,

eigentlich habe ich kaum etwas zu meckern. Bei einem einfachen "Toll!" soll es dennoch nicht bleiben:

Ich fange also mit dem einzigen Satz ein, bei dem mir etwas Negatives aufgefallen ist:
Wie jeden Morgen rauche ich, in meine zu dünne Jacke gehüllt, die erste Zigarette des Morgens unter der Laterne seitlich des Eingangs stehend.

Ich bin ein wenig Synonym-vernarrt: mir fallen Wortwiederholung meist schnell auf. In meinen Augen stören sie den Klang des Satzes, ebenso in diesem Satz. Vielleicht wäre ja "die erste Zigarette des Tages" in diesem Fall eine Alternative.

Ansonsten kann ich dir sagen, dass der Text meine Erwartungen erfüllt hat, die ich seit deinem Beitrag mit der Kurzzusammenfassung hatte.
Der erste Absatz - der bereits kritisiert wurde wegen Unverständnisses - hat für mein Empfingen genau dort seine Stärke. Man weiß nicht genau, wo sich die Person befindet, man weiß nicht, was diese Mahnmale sind. Ich stellte mir eine Stadt mit Werbeplakaten vor, bis ich erkannte, dass der Ort ein Bahnhof war.
Aber dieser Irrtum machte mir als Leser nichts aus. Es war sogar umso faszinierender, da es eine Art Repetition des menschlichen Umfeldes darlegte: egal wo wir sind, letztendlich erwartet uns ohnehin überall dasselbe ähnliche Bild.
Auch besonders schön war die Beschreibung der Straße. "Brüchig, bespuckt" - wahrlich treffend.
Ich las, dass dir meine Vorrednerin eine andere Art vorschlug, diese Passage zu beschreiben und sogar von Unkraut sprach und - ganz wie es meine Gewohnheit ist, nicht allzu sehr den Text an sich zu kritisieren, sondern eher die Vorschläge anderer Kritiker, die in meinen Augen Gelungenes zerreißen* - sage ich dir auch hierzu meine Meinung: Tu's nicht. Unkraut wächst nicht auf vielbefahrenen Straßen, Unkraut ist grün, die Stadt nicht. Unkraut brächte in diesen Text etwas Helles herein, Unkraut ist Natur.

Blinde Hüllen, in grelles Licht gebettet. Niemand nimmt ihr Licht wahr. Niemand interessiert sich für ihre verborgenen, ausdruckslosen Gesichter. In den Mantel der Anonymität gehüllt irren sie mit starrer Miene hektisch über die Korridore, von ihrer Routine in präzise Abläufe gezwungen. Als lenkte und führte sie eine übergeordnete Kraft einander vorbei in ihre Bestimmung.

Sehr gelungener Absatz; vielleicht sogar der beste des Textes. Eine hervorragende Menschenbeschreibung, die sich beinahe ausschließlich auf die inneren Merkmale der Menschen bezieht, die man anhand ihres Auftretens ablesen kann. Sehr gekonnt.

Was mir nicht ganz so gut gefiel, war das Ende. Irgendwie war ich so auf den Zynismus nicht vorbereitet und ich stimme meiner Vorrednerin zu, dort vielleicht etwas kursiv anzuzeichnen, damit es deutlicher wird.

Nun noch etwas zu deinem Gebrauch von Adjektiven: ich fürchte, das ist Geschmack. Wie dir bereits angemerkt wurde, hast du es für den einen Geschmack übertrieben. In meinen Augen war die Dosis zwar hoch, aber lebendig. Stumme Zeugen, wortloser Abschied, trister Alltag, kalter Zigarettenqualm, widerlich-ehrlicher Charme, unnahbarer Moment ... wie tonlos wären all diese Substantive erst ohne die Adjektive? Ich kenne die Aussage, Adjektive würde der verwenden, dem keine besseren Verben oder Substantive einfielen, aber dem möchte ich in Bezug auf deinen Text auf jeden Fall widersprechen.

Insgesamt kann man sagen, dass der Text keine leichte Kost ist. Er ist sehr düster und schwermütig und ich gehe davon aus, dass du dieses Niveau halten wirst. Es ist sicherlich kein Buch, das ich - wenn es veröffentlicht wird - abends mal ein bisschen lesen oder zwischen zwei Tätigkeiten aufschlagen würde. Man muss sich Zeit für die Sätze nehmen, die Adjektive wirken lassen und sich konzentrieren, da dein Vokabular, wie du selbst weißt, alles andere als einfach ist.
Dein Schreibstil erinnert mich eher an eine Zeit vor 50-100 Jahren, wo Autoren noch eine ganz andere Auseinandersetzung mit dem Text voraussetzten, als sie es heutzutage tun. Dein Text ist weniger Unterhaltung als Kritik.

Viele Grüße,
Kelpie

*@Hyena,
verzeih mir an dieser Stelle meine vielleicht etwas harte Kritik zu deiner Kritik ;)
Derweilen ist auf dem Feld schon alles gewachsen, bevor die wussten, warum und wie genau es gedeiht. (Franziska Alber)
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Re: [AT] Bonjour Tristesse // Urban Desolation

Beitragvon Hyena » 22.02.2014, 16:16

Ach wo, kein Problem ^^
Jeder hat da eine andere Meinung und jede hat ihre Berechtigung. Schreiben ist ja keine Mathematik, wo es nur ein Richtig gibt ;)

Das hängt sicher auch mit der individuellen Art zu lesen zusammen - ich tauche gern vollständig mit allen Sinnen in die Geschichte ein, das geht aber in meinem Falle nur, wenn die Eindrücke ausreichend Zeit und Raum bekommen um zu wirken. Sonst spüre ich noch, dass ich lese. Genau das will ich aber vergessen - ich will dort drin sein, beim Prota, mit Haut und Haar und alles andere ausblenden.

Mag sein, dass das bei manch anderem weniger ausschweifende Beschreibungen erfordert, als ich benötige ;)

Dem Satz mit der brüchigen, bespuckten Straße stimme ich im Übrigen inzwischen zu, da durch die Beschreibung der Adjektive die Doppeldeutigkeit verloren gehen würde. Diese war mir zuvor gar nicht aufgefallen, um die wäre es wirklich schade.

lg
Hyena

Vielleicht hilft das Beispiel dennoch, zu verdeutlichen, wie ich das im Allgemeinen mit der Beschreibung statt der Adjektive meinte.
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Re: [AT] Bonjour Tristesse // Urban Desolation

Beitragvon Dysfunktion » 23.02.2014, 23:19

Hallo,

ich habe mir eure Kritik zu Herzen genommen und versucht, sie umzusetzen. Einige Passagen wurden überarbeitet, neu arrangiert und neue Elemente eingefügt. Weniger Adjektive sind es dabei vermutlich nicht geworden - ich schätze, dass das irgendwo zu meiner Art zu (be-)schreiben gehört. Eine "normal" erzählte Geschichte würde ich vermutlich auch etwas anders schreiben. Jedenfalls, das Ergebnis ist im ersten Post zu finden. :)
Die Handlung stagniert weiterhin, wobei ich sagen muss, dass das gesamte erste Kapitel am Bahnhof spielt und somit wenig Raum für große Sprünge bleibt. Davon abgesehen ist eine Innensicht der Dinge manchmal ebenso interessant, nicht? :)

[quote]Ich bin ein wenig Synonym-vernarrt: mir fallen Wortwiederholung meist schnell auf. In meinen Augen stören sie den Klang des Satzes, ebenso in diesem Satz. Vielleicht wäre ja "die erste Zigarette des Tages" in diesem Fall eine Alternative.[/quote]

Herrje. Das war so auf keinen Fall geplant. Das passiert mir ständig, wenn ich am Text arbeite und Sätze umstelle, ohne den alten Satz vorher zu löschen. 8) Vielen Dank für den Hinweis!

[quote]Der erste Absatz - der bereits kritisiert wurde wegen Unverständnisses - hat für mein Empfingen genau dort seine Stärke. Man weiß nicht genau, wo sich die Person befindet, man weiß nicht, was diese Mahnmale sind. Ich stellte mir eine Stadt mit Werbeplakaten vor, bis ich erkannte, dass der Ort ein Bahnhof war.
Aber dieser Irrtum machte mir als Leser nichts aus. Es war sogar umso faszinierender, da es eine Art Repetition des menschlichen Umfeldes darlegte: egal wo wir sind, letztendlich erwartet uns ohnehin überall dasselbe ähnliche Bild.[/quote]

So oder so ähnlich waren auch meine Gedanken, als ich den Einstieg entwarf. Der Leser entwickelt zunächst selbst ein Szenario in seinem Kopf und wird im Verlauf der nächsten Zeilen vielleicht überrascht - oder hatte Recht mit seiner Vermutung. Es weckt potenziell Interesse und regt die eigene Fantasie an. :)

[quote]Tu's nicht. Unkraut wächst nicht auf vielbefahrenen Straßen, Unkraut ist grün, die Stadt nicht. Unkraut brächte in diesen Text etwas Helles herein, Unkraut ist Natur.[/quote]

Damit sprichst Du einen allgemein wichtigen Punkt an: Die Wahrnehmung. Wie gesagt, Du hast aufgrund diverser Umstände einen etwas anderen Blickwinkel auf die Intention des Werkes. Ich bin dankbar für die Alternative, die mir grundsätzlich gut gefallen hat - es ist lediglich nicht die richtige Atmosphäre.

[quote]Sehr gelungener Absatz; vielleicht sogar der beste des Textes. Eine hervorragende Menschenbeschreibung, die sich beinahe ausschließlich auf die inneren Merkmale der Menschen bezieht, die man anhand ihres Auftretens ablesen kann. Sehr gekonnt.[/quote]

Vielen Dank. :) Eigentlich ist mir die Beschreibung noch etwas zu vage und lasch, im weiteren Verlauf des Buches wirds aber bestimmt noch die ein oder andere Gelegenheit geben, in vergleichender Art zu beobachten. Thehe.
[quote]
Ich kenne die Aussage, Adjektive würde der verwenden, dem keine besseren Verben oder Substantive einfielen, aber dem möchte ich in Bezug auf deinen Text auf jeden Fall widersprechen.[/quote]

Mal ganz davon abgesehen, dass sich Substantive oder das Partizip II adjektivieren lassen ("die Angestellten", beispielsweise), habe ich mal gelernt, dass Adjektive näher beschreiben. Ich habe zwar nie auf die Verwendung geachtet, auch in Fremdwerken nicht, glaube aber nicht, dass etwas schlecht oder langweilig geschrieben ist, nur weil Adjektive eingesetzt werden. In vielen Fällen verbildlichen und verstärken sie das Substantiv und füllen es mit Leben. Löschte ich sie alle und machte stattdessen ganze Sätze für jedes Adjektiv, so bin ich sicher, dass der Text nicht mehr flüssig und schön zu lesen wäre. Wie eingangs erwähnt, gehören Adjektive augenscheinlich einfach zu meinem Stil.
Wenn weitere Teile irgendwann mal an verschiedenste Leute zum Probelesen gehen, werde ich diesen Punkt aber ganz bestimmt gesondert untersuchen lassen.

[quote]Insgesamt kann man sagen, dass der Text keine leichte Kost ist. Er ist sehr düster und schwermütig und ich gehe davon aus, dass du dieses Niveau halten wirst. Es ist sicherlich kein Buch, das ich - wenn es veröffentlicht wird - abends mal ein bisschen lesen oder zwischen zwei Tätigkeiten aufschlagen würde. Man muss sich Zeit für die Sätze nehmen, die Adjektive wirken lassen und sich konzentrieren, da dein Vokabular, wie du selbst weißt, alles andere als einfach ist.
Dein Schreibstil erinnert mich eher an eine Zeit vor 50-100 Jahren, wo Autoren noch eine ganz andere Auseinandersetzung mit dem Text voraussetzten, als sie es heutzutage tun. Dein Text ist weniger Unterhaltung als Kritik.[/quote]

...auch das nehme ich mal als Kompliment und bedanke mich dafür. Es ist tatsächlich keine Unterhaltung. Ob es Kritik ist, weiß ich nicht. Zu Teilen, vielleicht. In erster Linie ist es ein Wiedergeben von subjektiven Sinneseindrücken eine Welt betreffend, die für viele Menschen nichts Außergewöhnliches hat und doch eine bestimmte Zahl an Personen anspricht. Ob es jemals für eine Veröffentlichung taugt? Huh... kaum Handlung, mehr oder weniger nüchtern-langweilige Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben. Bücherläden würden vermutlich nicht eingerannt werden. :XD:
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