[Nachdenk]Braeriach 1/2

Gesellschaft, Kritik, Philosophisches

[Nachdenk]Braeriach 1/2

Beitragvon Ruvanna » 07.02.2015, 22:59

Hallöchen, hier ist mal eine Kurzgeschichte, die ich zum Abschuss freigeben wollte...

Braeriach


Steine, nichts als Steine. Seit zwei Stunden kein anderes Bild vor Augen. Der Nebel zwang den Blick auf den Bereich unmittelbar vor den Wanderstiefeln. Ein unbedachter Schritt, und der Fuß blieb in einer Spalte stecken. Nach dem Schotterfeld, das Janine und Laurel noch schwatzend hinter sich gebracht hatten, ließ dieser Abschnitt aus riesigen Felsblöcken sie verstummen. Die Quader hoben die Kontur des Berges auf. Nach einer Stunde konnte keiner mehr sagen, ob sie aufstiegen oder dem Verlauf der Schulter folgten. Durch das eisenhaltige Gestein versagte der Kompass. Laurel war schon zwei Mal gestürzt, weil er mit großen Sprüngen die Spalten überqueren wollte. Jetzt verzog er bei jedem Schritt das Gesicht. Janine, die ihn sonst gerne bemutterte, konzentrierte sich auf ihre eigenen Füße. Seit einigen Minuten fluchte er wenigstens nicht mehr.
Auf flache Quader folgten spitz aufragende Platten, um die sie sich umständlich herumhangelten. Die Rucksäcke blieben an engen Stellen stecken. Janine hatte ihren Trinkbecher verloren, als sie durch einen kaminartigen Aufstieg kletterten.
»Mann, ist das ätzend! Bestimmt habe ich mir die Knie ruiniert. Immerhin ist es windstill!«, bemerkte Laurel mit schiefem Grinsen.
»Das bedeutet, dass der Nebel sich nicht so schnell verzieht. Wir sollten uns eine ebene Stelle suchen und warten, bis der Nebel nachlässt. Wenn es in einer Stunde noch nicht besser ist, gehen wir zurück!«
»Hast du noch mehr so tolle Vorschläge? Wir werden uns den Arsch abfrieren! Ich bin doch nicht zum Rumsitzen hier hochgestiegen. Nee, nee, weiter geht´s! Es ist erst Mittag. Der Typ im Hostel sagte, dass der Pfad total einfach zu finden ist. Wir müssen höher. Auf dem Kamm gibt es einen Pfad. Wir sind nur viel zu weit nach links abgekommen!«
Seufzend blieb Janine stehen und bog das Kreuz durch. Sie war die Erfahrenere von ihnen und wusste, dass sie bei diesem Nebel eher Gefahr liefen, sich in einem der vielen Seitentäler zu verlaufen. Der Kamm wurde von kleinen Steinmännchen, sogenannten Cairns, markiert. Den einzigen Cairn passierten sie in der Nähe des Carn Toul - der letzte Gipfel, auf den sie das GPS geführt hatte. Danach streikte die Batterie. Laurel hielt es als Kind des einundzwanzigsten Jahrhundert schlicht für überflüssig, eine Karte mitzuschleppen. Er hatte sie ausgelacht, als sie die Karte einstecken wollte. "Hast du nicht den Wetterbericht gehört? Traumwetter! Wir sehen doch, wohin wir gehen!"
Sein Smartphone bekam in diesem Nebel erst gar kein Signal. Die coolen Wanderer im Hostel priesen den Braeriach als lang aber nicht besonders schwierig an. Der Teil mit dem »nicht schwierig«, wurmte Laurel etwas. Laurel, der immerhin schon auf den Ben Nevis, dem höchsten Berg Großbritanniens gewandert war, hielt sich seitdem für einen mindestens halbwegs erfahrenen Outdoor-Experten. Janine unterließ es, ihn darauf hinzuweisen, dass der höchste Berg nicht unbedingt auch der schwerste sein muss. Für Laurel zählte die Herausforderung. Als Janine ihm erzählte, dass in den Cairngorms die nächst höheren Berge McDhui und Braeriach lagen, gab es für Laurel kein Halten mehr. Er lief Marathon und kletterte bis zum 6. Grad an der Wand. Etwas anderes, als die höchsten "Hügel", wie er die schottischen Berge nannte, kam für ihn nicht in Frage.
Die Wanderstöcke hatten sie längst an den Rucksäcken verstaut, um die Hände zum Klettern und Abstützen frei zu behalten. Nach einer kleinen Pause, in der sich sämtliche überlasteten Muskeln schmerzhaft bemerkbar machten, kraxelte Janine über eine Rinne, die zu einem dunklen Schemen im Nebel führte.
»Der Klotz da vorne!«, rief sie Laurel zu. »Immer einen Punkt anvisieren und von da aus weiter orientieren!«
»Ja, ja, Frau Bergführerin!«, kam es dumpf aus dem Nebel zurück. Drei Schritte weiter sah Janine nichts mehr von ihrem Freund.
»Laurel!«, schrie sie ins weiße Nichts. Keine Antwort.
Erschöpft hielt sie inne, stützte sich auf ihrem Oberschenkel ab. Sie musterte die rostbraunen, schwarzen und goldgelben Flechten, die sich ihre eigene kleine Welt auf die Felsen malten. Janine liebte die schottischen Berge, ganz besonders die Cairngorms. Aber an Tagen wie diesen spürte sie mehr denn je, dass Menschen nicht in diese Welt gehörten. Flechten, Schneehühner und Raben, ja. Menschen, nein.
Flügel müsste man haben, dachte sie.
Sie wäre heute lieber um den Loch Morlich gewandert und hätte das für morgen vorhergesagte bessere Wetter für den Braeriach genutzt. In Aviemore schien heute morgen die Sonne, doch die Cairngorms hüllten sich in Wolken. Laurel zuliebe hatte sie nachgegeben. Er war das erste Mal in Schottland und wollte jede Minute nutzen. Sie war froh, dass er überhaupt mit ihr nach Schottland gekommen war. Laurel wäre lieber zum Skifahren in die Alpen gefahren. So, wie die letzten vier Urlaube, die sie mit ihm verbracht hatte.
»Laurel!«, schrie sie noch einmal. Durch die schalldichte Watte drang kein Laut an ihr Ohr. Nur Nebel und Steine. Felsen und Watte. Kein Himmel, keine Sonne, kein Cairn, kein Laurel.
Ruvanna
 
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Re: Braeriach 1/2

Beitragvon AuroraBorealis » 08.02.2015, 19:15

Liebe Ruvanna,

gerne komme ich deiner Bitte nach.

Hier also meine Bemerkungen zu dem Text:

Ruvanna hat geschrieben:Steine, nichts als Steine. Seit zwei Stunden kein anderes Bild vor Augen. Der Nebel zwang den Blick auf den Bereich unmittelbar vor den Wanderstiefeln. Ein unbedachter Schritt, und der Fuß blieb in einer Spalte stecken. Nach dem Schotterfeld, das Janine und Laurel noch schwatzend hinter sich gebracht hatten, ließ dieser Abschnitt aus riesigen Felsblöcken sie verstummen.

Nach mehrmaligem lesen, weiß ich nun, wohin du möchtest.
(Jetzt) Also man sieht nur den Abschnitt unmittelbar vor den Füßen, aufgrund des Nebels. (Zuvor) Haben sie gequatscht bis sie die riesigen Felsblöcke gesehen haben (Genau an dieser Stelle war der Nebel entweder „erträglich“, oder noch nicht da, anderenfalls hätten sie die riesigen Felsblöcke nicht gesehen, sondern wären eher dagegen gelaufen.). In dem Fall würde ich so etwas schreiben in die Richtung - und dann kam auch noch der Nebel/ verdichtete sich.

Ruvanna hat geschrieben:Die Quader hoben die Kontur des Berges auf.

Der Satz hat mich irgendwie aus dem Lesefluss rausgeworfen. Sind die Steine von Menschen bearbeitet worden, oder ist das ihre natürliche Form. Ich denke gerade an den Giant´s Causeway. Wie dem auch sei, würde ich eine Bemerkung dazu machen.

Ruvanna hat geschrieben:Nach einer Stunde konnte keiner mehr sagen, ob sie aufstiegen oder dem Verlauf der Schulter folgten (der Satz hat mir gut gefallen. Er ist einfach, drückt aber aus, dass sie sich Verlaufen haben). Durch das eisenhaltige Gestein versagte der Kompass. Laurel war schon zwei Mal gestürzt, weil er mit großen Sprüngen die Spalten überqueren wollte (*). Jetzt verzog er bei jedem Schritt das Gesicht. Janine, die ihn sonst gerne bemutterte, konzentrierte sich auf ihre eigenen Füße. Seit einigen Minuten fluchte er wenigstens nicht mehr. (*)
(Anmerkungen zum oberen Teil: Ist es nicht wahrscheinlicher, dass sie aufgrund des Untergrunds gezwungen sind vor sich auf den Boden zu schauen, als durch den Nebel?)
Auf flache Quader folgten spitz aufragende Platten, um die sie sich umständlich herum (Leerstelle)hangelten.


Ruvanna hat geschrieben:»Das bedeutet, dass der Nebel sich nicht so schnell verzieht. Wir sollten uns eine ebene Stelle suchen und warten, bis der Nebel nachlässt. Wenn es in einer Stunde noch nicht besser ist, gehen wir zurück!«
»Hast du noch mehr so tolle Vorschläge? Wir werden uns den Arsch abfrieren! Ich bin doch nicht zum Rumsitzen hier hochgestiegen. Nee, nee, weiter geht´s! Es ist erst Mittag. Der Typ im Hostel sagte, dass der Pfad total einfach zu finden ist. Wir müssen höher. Auf dem Kamm gibt es einen Pfad. Wir sind nur viel zu weit nach links abgekommen!«

Ein schöner, realistischer und dadurch stimmiger Dialog.

Ruvanna hat geschrieben:Seufzend blieb Janine stehen und bog das Kreuz durch. (*)Sie war die Erfahrenere von ihnen und wusste, dass sie bei diesem Nebel eher Gefahr liefen, sich in einem der vielen Seitentäler zu verlaufen.


Ruvanna hat geschrieben: »Laurel!«, schrie sie ins weiße Nichts (schrie sie in die weiße Brühe/Suppe). Keine Antwort.


Ruvanna hat geschrieben: Aber an Tagen wie diesen spürte sie mehr denn je, dass Menschen nicht in diese Welt gehörten. Flechten, Schneehühner und Raben, ja. Menschen, nein. (sehr schöner Satz)


Ruvanna hat geschrieben: Laurel zuliebe hatte sie nachgegeben(*).


Ruvanna hat geschrieben: »Laurel!«, schrie sie noch einmal (*). Durch die schalldichte Watte drang kein Laut an ihr Ohr. Nur Nebel und Steine. Felsen und Watte. Kein Himmel, keine Sonne, kein Cairn, kein Laurel.


*wenn du wolltest, könntest du an diesen Stellen noch mehr auf ihre Gefühle eingehen.

Die Bemerkungen bezüglich der Berge/Gebirge/Steine sind, wie du weißt, völlig sachkenntnisfrei meinerseits. :wink:

Liebe Grüße
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Re: Braeriach 1/2

Beitragvon Avunculus » 10.02.2015, 16:44

Hallo Ruvanna,
danke, dass du mich zu der Wanderung hinauf auf den Braeriach mitgenommen hast.

Der Handlungsverlauf ist klar, und du zeichnest sehr schöne Bilder.
In der ersten Hälfte deiner Geschichte erzählst du eher sachlich, im weiteren Verlauf wird es dann zunehmend geheimnisvoll.
Die Figur 'Laurel' bleibt insgesamt ein wenig blass und ich stelle mir die Frage, ob du sie tatsächlich brauchst.

Ruvanna, der Kommentar zeigt dir meine Sicht auf deinen Text. Wenn du Brauchbares darin findest, freut mich das, ansonsten, ab damit in die Tonne. :wink:




Auf flache Quader folgten spitz aufragende Platten, um die sie sich umständlich herumhangelten.

Hangeln? Das suggeriert, dass ihre Füße dabei in der Luft baumeln.



Die Rucksäcke blieben an engen Stellen stecken. Janine hatte ihren Trinkbecher verloren, als sie durch einen kaminartigen Aufstieg kletterten.

Eher: … geklettert waren ...


Der Kamm wurde von kleinen Steinmännchen, sogenannten Cairns, markiert. Den einzigen Cairn passierten sie in der Nähe des Carn Toul - der letzte Gipfel, auf den sie das GPS geführt hatte. Danach streikte die Batterie. Laurel hielt es als Kind des einundzwanzigsten Jahrhundert schlicht für überflüssig, eine Karte mitzuschleppen. Er hatte sie ausgelacht, als sie die Karte einstecken

… Karte … Karte …
Vorschlag:
Er hatte sie ausgelacht, als sie eine mitnehmen wollte …


Laurel, der immerhin schon auf den Ben Nevis, dem höchsten Berg Großbritanniens gewandert war, hielt sich seitdem für einen mindestens halbwegs erfahrenen Outdoor-Experten.

Ich meine, das ist weder Fisch noch Fleisch.
Vorschlag:
… Laurel … hielt sich seitdem für einen Outdoor-Experten … oder
… Laurel … hielt sich seitdem für mindestens halbwegs erfahren.


Die Wanderstöcke hatten sie längst an den Rucksäcken verstaut,

Eher:
… an den Rucksäcken befestigt … oder
… in den Rucksäcken verstaut ...



Er war das erste Mal in Schottland und wollte jede Minute nutzen.

Er wollte jede Minute nutzen, um was zu tun?



… und weiter geht es mit Teil zwei.

LG
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