Brainstorming - Was gehört zum Endzeitthema?

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Brainstorming - Was gehört zum Endzeitthema?

Beitragvon Helfstyna » 01.10.2015, 23:12

Nachdem meine bisherigen Genres mir nicht sehr wohlgesonnen sind zur Zeit, liebäugle ich gerade mit einem Abstecher in die literarische Endzeit. Das Genre reizt mich schon lange, allerdings habe ich etwas Bedenken, ob ich den Ton richtig treffe.

Welche Themen gehören für euch unbedingt ins Endzeitgenre und welche sind schon so ausgelutscht, dass sie nur noch nervige Klischees sind?

Der einsame Held auf der Suche nach dem sicheren Hafen?
Die Kannibalentruppe?
Die Reise durch das zerstörte Land?

Was ist eurer Meinung nach unverzichtbar und was sollte man als Genre Klischee tunlichst vermeiden?
"Time to play, he whisperd to them and winked.
And the stars winked back, for Peter's smile is a most contagious thing"
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Re: Brainstorming - Was gehört zum Endzeitthema?

Beitragvon Robert Brannon » 02.10.2015, 01:08

Mein Lieblingsszenario.

1. Erwartungshaltung - Oft unterschätzt, da allgemein wenige sich auskennen: Lebenserhaltung und psychologische Mittel.
Viele (der Leute, die sich dafür interessieren) wissen überhaupt nicht, was zum (über)leben alles nötig ist. Mal schnell etwas herumwandern um sich Ressourcen zu beschaffen und dann sich durch Abenteuer schlagen wie in einem Computerspiel gibt's leider nicht.
Ich bin oft auf sogenannten 'Abenteuertrips', daneben aktiv in einer Survival/Preparedness-"Gemeinschaft", es geht dabei um das optimieren einer effektiven Ausrüstung für mehrtägige Wanderungen. Ein kleines und nüchternes Hobby von mir, keine Möchtegern-Survivor-Vorstellung oder irgendein Zombie-Fanboy-Quatsch.

2. Ausrüstung - Ein Rucksack mit dem nötigsten ist in der Regel 12kg+. Ohne Wasser und Nahrung. Also eine Minimalausrüstung um einige Tage Draussen zu überstehen (vorausgesetzt man findet Wasser und Nahrung). Viele meinen mit theoretischem Wissen durchzukommen. Bei den Treffen und Ausflügen stellt sich heraus, 90% der nicht aktiven Theoretiker-Survivalisten fallen erst mal gehörig auf die Nase. Sei es Feuermachen, richtiges Packen, Prioritäten setzen. Manche haben tolle Messer und teure Zelte, finden aber selbst mit Kompass nicht Norden (das ist leider kein Witz).

3. Gesellschaft - Willst du wirklich etwas einigermassen authentisches Schreiben, vergiss den Helden, vergiss Kannibalen, vergiss das unbesorgte Umherreisen. Bist du mal aus dem Haus mit deinen nötigsten Sachen, ist es ein 24h Job, nicht zu Frieren, nicht zu Hungern, nicht zu Verdursten.
Es leben 700 Mio Menschen allein in Europa, es wird logischerweise nicht den einsamen Wanderer geben können. Das sind überromantische Vorstellungen.
Wenn man effektiv Überleben will, bleibt man, wo man ist (oder an einem Ort, an dem man geduldet wird, da man nicht als Fremd gilt), und das am besten in einer Gruppe. Niemand hat gerne Nomaden in seiner Nähe, besonders nicht in schweren Zeiten. In der Gruppe, ohne richtig funktionierende Infrastruktur, ist es dann zum Glück nur noch ein 18h Job für jeden pro Tag, um durchzukommen. Reibungsloser Ablauf in einem funktionierenden Team mal vorausgesetzt.

4. Alltag - Des Weiteren, oft unterschätzt (da es für die Meisten sowieso zu verklärt ist in der heutigen Gesellschaft) ist die Wichtigkeit von Körperhygiene. Und damit meine ich weder Shampoo noch Deodorant. Auch hier werden schnell falsche Prioritäten gesetzt, da für viele tägliches Duschen, Parfum und saubere Kleidung selbstverständlich sind. Mit der Folge unzureichender Hygiene wird man heute bei uns praktisch nicht mehr konfrontiert. Krankheiten, die daraus resultieren können, wird heute kaum Beachtung geschenkt, da die Apotheke um die Ecke natürlich immer das richtige Mittelchen zur Hand hat. Und auch hier schwirren oft falsche Meinungen und Kenntnisse herum.
Genauso wenn es um Verletzungen geht. Viele sehen Filme mit toughen Helden, kennen Bär Grille, spielen das neue Tomb-Raider, lesen Walking Dead, Lost, und was es sonst noch alles gibt. Das ist leider alles Fiktion.
Und das wird mir (auch ich bin weder allwissend, noch der Survival-Crack) immer wieder klar, wenn wir Neulinge bekommen. Auch ich hatte einst verklärte Vorstellungen vom Überleben. Eine Nacht draussen unter guten Bedingungen (natürlich machen die meisten den Abenteuerausflug dann, wenn auch schönes Wetter prognostiziert wird) geb' ich jedem. Auch drei derer.
Aber 99% von denen, die sagen sie würden schnell mal eine Zeit in der Endzeit überstehen, sind schlichtweg blauäugig und naiv.
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Re: Brainstorming - Was gehört zum Endzeitthema?

Beitragvon Ankh » 02.10.2015, 11:05

Was für mich unbedingt zum Endzeitgenre dazugehört, ist eine anschauliche Beschreibung der Lebensweise. Die beruht nach dem Zusammenbruch von Staaten und globalen Handelsbeziehungen meist auf kleinen, selbstorganisierten Gemeinschaften, die sich untereinander beschützen und versorgen. Menschen sind keine Einzelgänger. Wichtigstes "Gut" ist Wissen und Fähigkeiten, die der Gemeinschaft dienen, z.B. Ahnung von Landwirtschaft, Medizin, Technik. Geräte und Ausrüstung sind zunehmend improvisiert und recycled und haben einen abgewetzten Charme :wink: Als Wirtschaftsform herrscht Tauschhandel mit umliegenden Gemeinschaften. Wichtige Tauschgüter sind neben Lebensmitteln und Medikamenten alltägliche Dinge, die nicht mehr industriell hergestellt werden können: Klopapier, Tampons, Streichhölzer, Kleiderstoffe, Brillengläser. Die Menschen werden wieder die Hausproduktion von z.B. Seife lernen. Luxusgut ist alles, was nicht mehr importiert werden kann, wie Gummireifen. Menschen, die auf regelmäßige Medikamente angewiesen sind, wie Diabetiker, werden vermutlich jung sterben.

Im Prinzip wird es zunächst auf eine Stammesgesellschaft hinauslaufen, aber je nachdem, wie viele Menschen nach der Apokalypse noch da sind, werden sich wohl auch schnell wieder größere Gemeinschaften bilden. Einfach, weil die Chancen zu überleben steigen, je mehr Menschen zusammenarbeiten, sich verteidigen können, und das nötige Wissen haben, Probleme zu lösen. Daher wäre es wichtig, dass du dir überlegst, was denn eigentlich verhindert, dass unsere Zivilisation schnell wieder aufgebaut wird, wie sie war. Nach dem Erdbeben/Tsunami/Fallout in Japan wurde z.B. schon am nächsten Morgen wieder die Zeitung gedruckt und ausgeliefert, da hat sich niemand wegen Kronkorken über den Haufen geschossen.

Eher unwahrscheinlich sind auch Gangs, die die letzten Öl- und Benzinressourcen durch selbstgebaute Muscle Cars in die Atmosphäre pusten. Wenn man überhaupt noch an Benzin drankommt, dann werden damit wohl nur die lebensnotwendigsten Maschinen betrieben. Umherreisen wird man wohl am ehesten, wenn man etwas sehr wichtiges für die eigene Gemeinschaft auftreiben muss. Wenn ein Neuer in eine bestehende Gemeinschaft kommt, dann wird diese wohl erst einmal misstrauisch fragen, warum er unterwegs ist. Jemand, der woanders verstoßen wurde oder einfach auf eigene Faust wegläuft ist kein verlässliches Mitglied. Und Kannibalen, nunja, die meisten Menschen werden wohl erstmal versuchen, sich auf andere Art Nahrung zu organisieren, bevor sie auf so etwas zurückfallen.

Natürlich sind das hier alles eher realistische Überlegungen. Für mich gehört zum Endzeit-Genre aber auch eine gute Portion Übertreibung. Wenn du kannibalistische Gangs mit flammenwerfenden Autos und Hörnerhelmen durch die Wüste schicken willst, dann tu das. Manchmal ist der Spaß wichtiger als der Realismus ;)
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Re: Brainstorming - Was gehört zum Endzeitthema?

Beitragvon Padrion » 02.10.2015, 16:40

Ganz klar: perfektes Make-Up.

Da kannst du jeden beliebigen Endzeit-Film ansehen - egal wie knapp das Bezin ist, wie verseucht das Wasser und wie zäh das Rattenfleisch: an Schminke herrscht niemals Mangel ;)

Spaß beiseite: man kann sich dem Setting natürlich von verschiedenen Seiten nähern. Was ich immer sehr spannend finde, ist wie für uns heute alltägliche Dinge an Wert gewinnen, wenn die Infratruktur zusammengebrochen ist, während andere, für uns wertvolle Dinge, komplett nutzlos werden, wenn es ums Überleben geht.
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Re: Brainstorming - Was gehört zum Endzeitthema?

Beitragvon Maggi1417 » 02.10.2015, 18:20

Ganz klar: perfektes Make-Up.

Da kannst du jeden beliebigen Endzeit-Film ansehen - egal wie knapp das Bezin ist, wie verseucht das Wasser und wie zäh das Rattenfleisch: an Schminke herrscht niemals Mangel

Bonus: Die Männer haben vielleicht struppige Bärte. Das liegt daran, dass die Frauen sämtliche Rasierklingen horten um sich täglich Beine und Achselhöhlen zu rasieren.

Spaß beiseite:
Das faszinierende an Endzeit-Szenarien ist ja eigentlich die psychologische Ausnahmesituation: Plötzlich geht es um Überleben, für die Figur selbst und die Leute, die ihr am Herzen liegen.
Das ist sowohl für einen Plot spannend (Wasser, Nahrung, medizinische Versorgung, ein sicheres Zuhause), als auch thematisch/psychologisch.
Regeln, die früher in Stein gemeißelt schienen (Man darf nicht stehlen, töten, foltern, vergewaltigen) werden auf einmal sehr schwammig. Für mich gehört deshalb zu einem Endzeit-Szenario dazu, dass genau dieser Widerspruch erforscht wird. Wie weit bist du bereit zu gehen, um zu überleben? Welche Grenzen bist du bereit, zu überschreiten und welche bleiben unantastbar?

Ich fand die neuste Staffel The Walking Dead deshalb sehr interessant. Mit jeder Krise, die Rick und seine Gruppe durchmachen, verlieren sie ein bisschen mehr humanistische Werte und als sie schließlich auf eine Gruppe treffen, die relativ abgeschirmt und unbeschadet gelebt hat, sind sie auf einmal nicht mehr die Opfer sondern selbst die verrohten, gefährlichen Feinde.
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Re: Brainstorming - Was gehört zum Endzeitthema?

Beitragvon Amilyn » 03.10.2015, 13:22

Die psychologische Seite finde ich auch am wichtigsten und interessantesten, möchte aber noch in den Raum werfen:

Was passiert mit Dingen, wenn sie sich selbst überlassen werden? Z. B. Atomkraftwerke, Staudämme, Tankstellen, Hochhäuser, usw.

Wann soll die Geschichte angesiedelt sein? Ziemlich am Anfang? Was wäre das erste, das sich bemerkbar macht, wenn es vernachlässigt wird? Oder sollen sich schon die Kletterpflanzen um die Hochhäuser ranken, die Fenstergläser aus dem 70. Stock brechen, der Asphalt auf den Straßen aufreißen...?

Sind die Atomkraftwerke wirklich so sicher, oder fliegen die irgendwann in die Luft? Wenn ja, wann und... was dann?

Solche Sachen würde ich auf jeden Fall recherchieren. Es gibt auch eine ganz interessante Doku, die sich damit beschäftigt, was mit der Erde passiert, nachdem die Menschheit aufgehört hat zu existieren. Natürlich sollte in einem Endzeitroman der ein oder andere noch leben :mrgreen: , aber die haben ja dann ggf. was anderes zu tun, als sich um einen bröckelnden Staudamm zu kümmern.
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Re: Brainstorming - Was gehört zum Endzeitthema?

Beitragvon Robert Brannon » 03.10.2015, 15:53

Amilyn hat geschrieben:Natürlich sollte in einem Endzeitroman der ein oder andere noch leben :mrgreen: , aber die haben ja dann ggf. was anderes zu tun, als sich um einen bröckelnden Staudamm zu kümmern.


Also wenn die, die übrig geblieben sind einen IQ von min. > 80 haben, würden die sehr schnell nichts anderes tun wollen, als zu verhindern, dass ein zweites kataklysmisches Ereignis über sie hinwegfegt. Sonst ist alles andere ja sowieso für die Katz.

Aber: Staudämme brechen nicht in 50 Jahren ohne Pflege, und auch in einem AKW wird das Kühlbecken nicht von Menschen mit Eimern aufgefüllt.
Die Brennstäbe befinden sich ohnehin in einem Druckbehälter und der Strom wird über eine Dampfturbine gewonnen, deren Zyklus eigentlich nicht direkt mit dem Reaktor in Verbindung steht. Auch wenn die Grünen viel herumschreien und gerne theatralische Panik verbreiten, die Atomtechnik ist bis heute eine der sichereren die wir haben.

Eines der wohl interessantesten psychologischen Themen wird wohl die Gruppendynamik sein. Sobald es Platz für ein neues Gesetz gibt, werden Freigeister wach.
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Re: Brainstorming - Was gehört zum Endzeitthema?

Beitragvon Mattyschrieb » 03.10.2015, 19:12

Zu aller erst solltest du dir überlegen, wie die Welt untergehen soll.
Am besten du wählst etwas, was noch nicht zu oft genutzt wurde, wie z. B. der Ausbruch eines Supervulkans oder durch eine geheime Waffe die in die falschen Hände geriet?
Ansonsten solltest du dir gleich mal einige Konflikte überlegen. Die zwischenmenschlichen Beziehungen sind in der Endzeit etwas anders, dass solltest du bedenken.
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Re: Brainstorming - Was gehört zum Endzeitthema?

Beitragvon Maggi1417 » 04.10.2015, 11:05

Sobald es Platz für ein neues Gesetz gibt, werden Freigeister wach.

Und Diktatoren.
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Re: Brainstorming - Was gehört zum Endzeitthema?

Beitragvon Padrion » 07.10.2015, 13:12

Robert Brannon hat geschrieben:Aber: Staudämme brechen nicht in 50 Jahren ohne Pflege, und auch in einem AKW wird das Kühlbecken nicht von Menschen mit Eimern aufgefüllt.
Die Brennstäbe befinden sich ohnehin in einem Druckbehälter und der Strom wird über eine Dampfturbine gewonnen, deren Zyklus eigentlich nicht direkt mit dem Reaktor in Verbindung steht. Auch wenn die Grünen viel herumschreien und gerne theatralische Panik verbreiten, die Atomtechnik ist bis heute eine der sichereren die wir haben.


Anderseits hat man in Fukuschima gesehen, dass der Kühlkreislauf sehr schnell ausfallen kann, wenn nur ein paar Notstromaggregate überschwemmt werden. Ich fürchte, sollten Kernkrafte werke im Zuge einer globalen Katastrophe plötzlich sich selbst überlassen werden, wäre die Kernschmelze nur eine Frage der Zeit. Spätenstens wenn irgendein Idiot (und an Idioten herrscht niemals Mangel), dort Kabel und Rohre klaut, wirds brenzlig...
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