Charakter mit Traumszene vorstellen

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Charakter mit Traumszene vorstellen

Beitragvon Krümmelmonster » 17.10.2015, 02:48

Hallo ihr Lieben,

ich hab nach einiger Zeit wieder mal Fragen:

Da ich derzeit Ruhe von einem meiner Projekte brauche habe ich mit einem neuen Projekt angefangen. Und nun geht es darum, dass ich die einzelnen Charaktere vorstellen möchte, was ich bei einem Charakter mit einer Traumszene tun wollte. Diese Traumszene ist allerdings die Erinnerung aus einem früheren Leben. Und tendenziell würde ich es so mit einigen Charakteren machen. Nicht mit allen natürlich, da ich am Anfang 17 Charaktere habe aber mit ein paar (derzeit evtl. 2 oder 3).

Nun wären meine beiden Fragen:
1.) Wäre das in Ordnung? Oder würde euch persönlich das abstoßen (Die Handlung würde nicht wirklich unterbrochen werden, da die Charaktere weit am Anfang vorgestellt werden würden)?

2.) Das ist etwas schwieriger zu erklären. Meine Protagonistin soll sich immer und immer wieder an Kriegsszenen "erinnern" bzw von ihnen träumen. Aber vor allem an eine bestimmte. Wie sie auf einem Schlachtfeld ist, jemand mit einer Waffe über ihr steht und sie fragt ob sie noch letzte Worte hat - worauf sie im Traum "Meine Ehre heißt Treue" entgegnet (wer's nicht weiß, es war der Leitspruch der SS im zweiten Weltkrieg). Dies wäre die erste Szene in welcher sie vorgestellt wird und danach wird sie erstmal als kleines Mädchen gezeigt. Dennoch möchte ich diese Szene immer wieder wiederholen mit mehr Details. Nun ist die Frage: Kann ich meinen Charakter direkt mit so einem Thema dem Leser "vorwerfen" oder ist das zu riskant? Ich persönlich hab die Szene deshalb im Kopf, weil sie sehr sehr stark direkt alles verkörpert (zumindest ab Mitte des Manuskriptes, wo der Traum sämtliche Details hat), wofür sie steht. Allerdings weiß der Leser dies am Anfang noch nicht.

Schon einmal vielen lieben Dank :flowers:
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Re: Charakter mit Traumszene vorstellen

Beitragvon orangelunar » 17.10.2015, 07:08

Die Geschmäcker sind natürlich verschieden, aber ich würde als Leserin über solche Träume stolpern, ja. Bin auch kein Freund von Prologen und Rückblenden - und auch nicht von Träumen, mit denen ich im Anfang gar nichts anfangen kann, weil der Zusammenhang noch fehlt. Und wenn das dann gleich zwei- oder dreimal (oder gleich 17-mal) vorkommt, würde ich wahrscheinlich spätestens beim dritten Traum die Augen verdrehen.
Vor allem, wenn sich der Traum diverse Male wiederholt. Da wären mir die zunehmenden Details ehrlich gesagt egal, es würde mich nerven und ich würde die Stellen überspringen.
Zudem würde ich für mich die Figur mit dem Prädikat "äußerst unsympathisch" betiteln, wenn sie ausgerechnet die SS im Traum zitiert. Wahrscheinlich würde ich das Buch danach abbrechen und entsorgen.
Mag sein, ich bin da altmodisch, aber mir ist es am liebsten, wenn die Figuren des Buches nicht in Träumen oder Ähnlichem, sondern mit realen Aktionen und Reaktionen vorgestellt werden.
Gegenfrage: Warum müssen die Figuren mit Träumen eingeführt werden? Warum nicht ganz normal mit realen Handlungen?
Als Autorin der Geschichte kannst du natürlich machen, was du willst, aber was ist der tiefere Sinn dahinter, dass die Figuren ausgerechnet so und nicht anders eingeführt werden?
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Re: Charakter mit Traumszene vorstellen

Beitragvon SmilingSeth » 17.10.2015, 08:25

orangelunar hat geschrieben:Zudem würde ich für mich die Figur mit dem Prädikat "äußerst unsympathisch" betiteln, wenn sie ausgerechnet die SS im Traum zitiert. Wahrscheinlich würde ich das Buch danach abbrechen und entsorgen.
Du weißt scho wie oft Zitate der SS, der Wehrmacht, der Nazis, von Hitler himself in der Popkultur auftauchen, oder versteckt sind? Und gerade jetzt, wo es offen gekennzeichnet ist und wo es dir bekannt ist, dass du nun ein Nazi-Zitat liest(oder lesen würdest), steigst du auf die Barrikaden?
Slipknot - AoV - The Gray Chapter hat geschrieben:To each his own

:?
'ne, 'ne .. was soll man da nur sagen, 'ne aber wirklich. :? :x
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Re: Charakter mit Traumszene vorstellen

Beitragvon SmilingSeth » 17.10.2015, 08:35

Krümmelmonster hat geschrieben:Da ich derzeit Ruhe von einem meiner Projekte brauche habe ich mit einem neuen Projekt angefangen. Und nun geht es darum, dass ich die einzelnen Charaktere vorstellen möchte, was ich bei einem Charakter mit einer Traumszene tun wollte. Diese Traumszene ist allerdings die Erinnerung aus einem früheren Leben. Und tendenziell würde ich es so mit einigen Charakteren machen. Nicht mit allen natürlich, da ich am Anfang 17 Charaktere habe aber mit ein paar (derzeit evtl. 2 oder 3).

Ja, aber natürlich nur in Anbetracht der Länge des Buches und der Länger der Traumszene.
Wenn deine Traumszenen nur Füllmaterial sind und im Grunde nur über die Durststrecke hinwegtäuschen sollen, die sich im Verlauf der Handlung ergeben, dann würde ich sagen, die Traumszenen sind nur Kosmetik.
Also was ich meine, wenn Du damit etwas kaschieren willst, dann ist das nicht gut, wenn sie aber nun einen Sinn haben und gut in der Handlung eingebaut sind, es alles an einem Faden hängt, dann sehe ich keinen Grund warum eine Traumszene ein Problem sein sollte.

btw: Flashback.
Krümmelmonster hat geschrieben:Nun wären meine beiden Fragen:
1.) Wäre das in Ordnung? Oder würde euch persönlich das abstoßen (Die Handlung würde nicht wirklich unterbrochen werden, da die Charaktere weit am Anfang vorgestellt werden würden)?

2.) Das ist etwas schwieriger zu erklären. Meine Protagonistin soll sich immer und immer wieder an Kriegsszenen "erinnern" bzw von ihnen träumen. Aber vor allem an eine bestimmte. Wie sie auf einem Schlachtfeld ist, jemand mit einer Waffe über ihr steht und sie fragt ob sie noch letzte Worte hat - worauf sie im Traum "Meine Ehre heißt Treue" entgegnet (wer's nicht weiß, es war der Leitspruch der SS im zweiten Weltkrieg). Dies wäre die erste Szene in welcher sie vorgestellt wird und danach wird sie erstmal als kleines Mädchen gezeigt. Dennoch möchte ich diese Szene immer wieder wiederholen mit mehr Details. Nun ist die Frage: Kann ich meinen Charakter direkt mit so einem Thema dem Leser "vorwerfen" oder ist das zu riskant? Ich persönlich hab die Szene deshalb im Kopf, weil sie sehr sehr stark direkt alles verkörpert (zumindest ab Mitte des Manuskriptes, wo der Traum sämtliche Details hat), wofür sie steht. Allerdings weiß der Leser dies am Anfang noch nicht.

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1. Oben.
2. Mach mal. Ich wette jetzt, sie sagt das, um sich so vor ihrem sicheren Tod zu retten.
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Re: Charakter mit Traumszene vorstellen

Beitragvon Ankh » 17.10.2015, 10:30

Meine ganz persönliche Meinung ist, dass Träume oft einfach nur nerven. Das hat immer so einen Anklang von Küchenpsychologie, dass da Symbole auftauchen und der Leser muss das dann mit der Handlung und dem Charakter in Beziehung setzen und interpretieren :roll: Noch schlimmer sind nur prophetische Träume.

1. Eine Szene immer wieder zu erleben kann durchaus ein (Alb)traum sein und das würde ich noch am ehesten akzeptieren, aber bitte nicht als ersten Eindruck, den ich von einem Protagonisten kriege. So ein Trauma ist eine sehr private Angelegenheit, da würde ich mich lieber langsam rantasten. Wenn dieses Trauma der Kernpunkt der Geschichte ist, ist es vielleicht okay. Aber dann kann nicht der Albtraum von zwei weiteren Charakteren ebenfalls der Kernpunkt der Geschichte sein, sorry. Das wäre mir echt zuviel. Also wenn du sowas bringst, dann nur bei einem Protagonisten, und nur wenn dieses "frühere Leben" ein zentrales Element deiner Geschichte ist.

2. Ich denke schon, dass man so ein Thema bringen kann, auch ohne langes Vorgelaber. Die Frage ist nur, wie du dann damit umgehst. Nazis sollten kein billiger Schockeffekt sein, und sie sollten auch nicht glorifiziert werden. Aber wenn du das Thema sensibel behandelst, hätte ich kein Problem damit.
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Re: Charakter mit Traumszene vorstellen

Beitragvon Maggi1417 » 17.10.2015, 11:44

Also ich sehe da folgendes Problem:
Du hast sehr wenig Zeit, um die Grundpfeiler deiner Geschichte zu etablieren. Setting, Charaktere, Konflikt, all das musst du eigentlich schon auf der ersten Seite, allerspätestens aber im ersten Kapitel (sprich auf den ersten 5 Seiten) etabliert haben. Gleichzeitig sollen diese ersten 5 Seiten aber auch interessant zu lesen sein und neugierig machen.

Was glaubst du, was passiert, wenn du deine Geschichte mit einer Szene eröffnet, die a) nur im Kopf der Figur statt findet b) sich in einer ganz anderen Zeit abspielt c) eigentlich zu einer anderen Person gehört. Und das ganze dann offenbar auch noch mehrmals, mit verschiedenen Figuren.
Ich sage dir, was passiert: Du wirst heillose Verwirrung stiften und dein Leser wird nach 5 Seiten (und wenn du die ganze Sache gleich für mehrere Figuren machen willst, vermutlich auch nach 30 Seiten) immer noch keinen Ahnung haben, wo diese Geschichte spielt, wer die Figuren eigentlich sind und um was für einen Konflikt es überhaupt geht.
Und danach geht es scheinbar immer noch nicht mit dem Plot los, sondern wir sehen die Protagonistin erst mal als kleines Mädchen *schnarch*.

Was denkst du, wie viele Leser die Geduld haben, sich durch das Chaos aus Träumen, Rückblenden, früheren Leben und Kindheitserinnerungen zu kämpfen? Nicht viele, würde ich tippe. Ich würde es jedenfalls nicht tun.
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Re: Charakter mit Traumszene vorstellen

Beitragvon Deirdre » 17.10.2015, 11:57

Hallo Krümelmonster,

Ich kann mir das an sich vorstellen. Wenn das, was die Figur im Traum erlebt, für die Handlung wichtig ist, oder wenn es wichtig ist, wie die Figur sich mit diesem Traum auseinander setzt, kannst du es durchaus schon am Anfang bringen.
Ich persönlich bin allerdings auch kein Freund von Traumszenen oder Visionen und sehr oft überspringe ich einfach alles, was kursiv geschrieben ist und sich länger als einen Absatz hinzieht. Am schlimmsten finde ich es, wenn eine Szene ganz ohne Einleitung mit so einer Traumsequenz beginnt, sich zwei Seiten hinzieht, und die Figur nach dem Aufwachen keinen weiteren Gedanken daran verschwendet. Dagegen ist mir sowas in dieser Richtung deutlich lieber:
Sie erwachte schweißgebadet. Schon wieder hatte sie diesen Traum gehabt. Sie hatte im Schlamm gekniet, um sie herum der Lärm einer verlorenen Schlacht - das Knallen von Schüssen, das Schreien und Wimmern sterbender Männer. Sie hatte geradewegs in den Lauf des Gewehrs geblickt, das ein über ihr stehender Soldat auf sie richtete.
"Irgendwelche letzten Worte, Arschloch?" knurrte er.
Sie hob das Gesicht und blinzelte durch den Nieselregen, um ihrem Gegner in die Augen zu blicken. Dann sprach sie mit fester Stimme: "Meine Ehre heißt Treue." Das letzte, was sie hörte, war das Klicken, mit dem der Mann den Abzug betätigte.


Grüße,
Deirdre
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Re: Charakter mit Traumszene vorstellen

Beitragvon Krümmelmonster » 17.10.2015, 12:32

Hallo,

schon einmal vielen lieben Dank für die Antworten.

orangelunar hat geschrieben:... Und wenn das dann gleich zwei- oder dreimal (oder gleich 17-mal) vorkommt, würde ich wahrscheinlich spätestens beim dritten Traum die Augen verdrehen....

Erstmal um dich zu beruhigen: Keine 17mal. Da würd ich selber schreien ^^
orangelunar hat geschrieben:Zudem würde ich für mich die Figur mit dem Prädikat "äußerst unsympathisch" betiteln, wenn sie ausgerechnet die SS im Traum zitiert....
Unsympathisch ist in diesem Fall gut. Sie ist keine sympathische Person. Sie ist auch hier Soldatin und findet das töten nicht gerade uninteressant. Die Träume deshalb, weil sie zB von ihr mit in der Handlung stecken bzw, anders gesagt, für die Handlung relevant sind.

SmilingSeth hat geschrieben:Wenn deine Traumszenen nur Füllmaterial sind und im Grunde nur über die Durststrecke hinwegtäuschen sollen, die sich im Verlauf der Handlung ergeben, dann würde ich sagen, die Traumszenen sind nur Kosmetik....
Nein, sie wären kein Füllmaterial. Wie oben beschrieben, ihr Traum hätte etwas mit der Handlung zu tun.

Ankh"... Eine Szene immer wieder zu erleben kann durchaus ein (Alb)traum sein und das würde ich noch am ehesten akzeptieren, aber bitte nicht als ersten Eindruck, den ich von einem Protagonisten kriege....[/quote] Das hatte ich auch überlegt. Und auch tatsächlich überlegt, dass sie vorher irgendeine Doku über das Dritte Reich gesehen haben könnte (was bei kleinen Kindern ja öfter mal Alpträume hervorruft).

[quote="Maggi1417 hat geschrieben:
....Du wirst heillose Verwirrung stiften und dein Leser wird nach 5 Seiten (und wenn du die ganze Sache gleich für mehrere Figuren machen willst, vermutlich auch nach 30 Seiten) immer noch keinen Ahnung haben, wo diese Geschichte spielt, wer die Figuren eigentlich sind und um was für einen Konflikt es überhaupt geht.
Und danach geht es scheinbar immer noch nicht mit dem Plot los, sondern wir sehen die Protagonistin erst mal als kleines Mädchen *schnarch*....

Das ist auch ein bisschen mein Problem, diese Verwirrung. Den Plot würde ich sehr schnell reinbringen, nicht erst im 10. Kapitel, bei sowas leg ich Bücher immer selber weg, ebenso würde sie nur einmal als Mädchen gezeigt werden und dann praktisch in der nächsten Szene normal erwachsen. Aber genau desalb war ja meine Frage, da ich mir nicht sicher war ob und wieviel Verwirrung es stiften würde.

Deirdre hat geschrieben:
Sie erwachte schweißgebadet. Schon wieder hatte sie diesen Traum gehabt. Sie hatte im Schlamm gekniet, um sie herum der Lärm einer verlorenen Schlacht - das Knallen von Schüssen, das Schreien und Wimmern sterbender Männer. Sie hatte geradewegs in den Lauf des Gewehrs geblickt, das ein über ihr stehender Soldat auf sie richtete.
"Irgendwelche letzten Worte, Arschloch?" knurrte er.
Sie hob das Gesicht und blinzelte durch den Nieselregen, um ihrem Gegner in die Augen zu blicken. Dann sprach sie mit fester Stimme: "Meine Ehre heißt Treue." Das letzte, was sie hörte, war das Klicken, mit dem der Mann den Abzug betätigte.


Die Idee find ich richtig Klasse. So kann ich verdeutlichen, dass sie den Traum nicht das erste Mal gehabt hatte und auch vermutlich die ganze Sache mit dem Kindersein überspringen kann. Danke dafür
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Re: Charakter mit Traumszene vorstellen

Beitragvon Maggi1417 » 17.10.2015, 13:53

Den Plot würde ich sehr schnell reinbringen, nicht erst im 10. Kapitel, bei sowas leg ich Bücher immer selber weg, ebenso würde sie nur einmal als Mädchen gezeigt werden und dann praktisch in der nächsten Szene normal erwachsen

Mit anderen Worten du hast die Traum-Rückblende-Dingsbums-Szene und danach eine Szene aus der Kindheit und dann die erste Szene der "echten" Geschichte. Das ist nicht "sehr schnell", dass ist verdammt spät.
Denke bitte daran, dass die meisten Agenten/Verlage und auch die meisten Leser nur die ersten ein oder zwei Seiten lesen, um zu entscheiden, ob die ein Buch haben wollen.
Du musst sofort los legen, nicht erst nach diesem Vorgeplänkel.

Ein weiterer Punkt: Spannung ensteht, weil ich wissen will, ob eine Figur, die ich interessant finde einen Konflikt, den ich interessant finde, bewältigt. Das ist bei deinem Anfang einfach nicht gegeben, da ich weder die Figur wirklich kennen lerne (ich lerne nur ihr Traum-früheres-Leben-Alter-Ego kennen) noch großartig etwas über den aktuellen Hauptkonflikt erfahre. Warum also sollte mich diese Traumszene interessieren? Warum sollte mich die Kindheitsszene interessieren? Ich weiß ja weder um wen noch um was es überhaupt geht.
Grundsätzlich kann man sowohl Traumszenen- als auch Rückblenden effektiv einsetzten, aber eben eigentlich erst, wenn der Leser schon an Board ist und mit den Informationen, die er da bekommt, irgendetwas anfangen kann.
Wenn du dem Leser das gleich zu Anfang an den Kopf wirfst, verpufft jeder Spannungsseffekt sofort, weil der Kontext fehlt.
Das heißt du versaust dir damit nicht nur den Einstieg ins Buch, sondern du ruinierst auch den Effekt der Szene selbst.
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Re: Charakter mit Traumszene vorstellen

Beitragvon KatharinaMünz » 17.10.2015, 14:46

Hallo Krümmelmonster,

ich habe jetzt die anderen Antworten nicht angesehen, weil ich unverfälscht schreiben will, was mir dazu einfällt:

Als Schriftsteller kannst du machen, was du willst. Prinzipiell. Die Frage ist immer, ob dir deine Leser dabei folgen werden.
Ein Autor, der die Regeln kunstvoll bricht, erntet wahrscheinlich mehr Anerkennung als ein anderer, der zwanghaft an Konventionen klebt.
ABER:
Allein der Fakt, dass du fragst, ob es möglich wäre, ist meiner Ansicht nach ein deutlicher Hinweis darauf, dass du (noch) nicht reif dafür bist, einen solchen Regelbruch so auszuführen, dass er dir auch gelingt.
Denn: Wärst du bereit dafür, würdest du diese Frage nicht stellen - sondern es einfach machen.

Zweite Einschränkung:
Die Dosis macht das Gift.
Ein (kunstvoll ausgeführter) Regelbruch kann das Salz in deinem Manuskripts sein. Aber das, was du vorhast, lässt mich fürchten, dass du die Suppe wohl ziemlich versalzen würdest, wenn du die gleiche Masche bei mehreren Charakteren anwendest.
Neuester Blogbeitrag (18.10.) Liebe vs. Fußball - zur Rolle der Liebe im Mittelalter

"Mein ganz persönliches Märchen"
Rita Falk im Nachwort von Zwetschgendatschikomplott über ihren steinigen Weg zur Veröffentlichung
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Re: Charakter mit Traumszene vorstellen

Beitragvon Kari » 17.10.2015, 16:25

Krümmelmonster hat geschrieben:1.) Wäre das in Ordnung? Oder würde euch persönlich das abstoßen (Die Handlung würde nicht wirklich unterbrochen werden, da die Charaktere weit am Anfang vorgestellt werden würden)?


Ich störe mich nicht sonderlich an Traumszenen, wenn sie sinnig in die Handlung eingebaut werden.
Ich würde als Autor allerdings so bald wie möglich die Sache mit den früheren Leben in die Handlung einflechten, damit man weiß/sich denken kann, wie die Träume einzuordnen sind.

Was deine Bedenken bzgl. der Verwirrung angeht: Du hast ohnehin 17 Charaktere - wenn die alle von Anfang an dabei sind, kommst du um eine gewisse Verwirrung und Verzögerung der Ploteinführung nicht herum, denke ich. Vielleicht macht es ja Sinn, einige zu verschmelzen oder erst später in der Geschichte einzuführen? Dann wäre der Anfang etwas entzerrt.
Unter dieser Prämisse fände ich persönlich es aber auch interessant zu sehen, wie du so viele Charaktere in einen Plot verwebst.

Für mich hörte es sich nicht an, als wolltest du direkt mit dem Traum starten - stimmt das?
Da der Traum sowieso mehrmals auftauchen wird und ausgeschmückt werden soll, würde ich die einzelnen Szenen sehr kurz halten, Deirdres Ansatz gefällt mir dafür sehr gut. Unter dieser Voraussetzung sehe ich eigentlich keinen Grund, warum die Szenen den Leser allzu sehr stören sollten, bzw. um Maggis Einwand aufzugreifen, den Plot aufhalten sollten.
Allerdings würde ich es vermeiden allzu viele Ereignisse doppelt zu erzählen, falls sie nichts Neues beinhalten. Für ein späteres Auftreten kann ich mir soetwas gut vorstellen:
Wieder erwachte sie schweißgebadet von dem Traum, der sie inzwischen fast jede Nacht heimsuchte. Sie vergrub ihr Gesicht in den Händen und kniff die Augen zusammen, um nicht zu weinen. Diesmal hatte sie sich an mehr erinnert.

Sie war seit einer Weile durch den Schlamm gestapft. Verzweifelte, wütende Tränen hatten sich mit dem Regenwasser auf ihrem Gesicht vermischt - sie hatte trotz allen Suchens Hans nirgends finden können. Beinahe hätte sie aufgegeben, als ihr ein dreckverkrusteter flachsblonder Schopf ins Auge gefallen war. Sie kniete sich neben die Leiche, die sie für ihren Bruder hielt. Drehte sie herum und sah ihr ins Gesicht - nicht Hans - als sie Schritte hinter sich hörte.
"Irgendwelche letzten Worte, Arschloch?" knurrte der Soldat.



Und zum 2. Punkt: Ich sehe kein Problem darin, dass eine der ersten Informationen über sie ist, dass sie allem Anschein nach zur SS gehört. Zunächst ist die Szene für mich als Leser ein Albtraum, an dessen Ende der Charakter vermutlich erschossen wurde - ich denke, dass Viele Träume dieser Art kennen und mit dem Nicht-Traum-Charakter mitfühlen können.
Ob du später Leuten mit der SS-Verbindung auf die Füße trittst, hängt von deinem Umgang mit dem Thema ab. Aber letzten Endes: Du wirst es eh nicht allen potentiellen Lesern recht machen können. Deswegen würde ich vorschlagen, dass du dir während des Schreibens darüber so wenig Gedanken wie möglich machst.
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Re: Charakter mit Traumszene vorstellen

Beitragvon Vaerson » 17.10.2015, 21:16

Maggi1417 hat geschrieben:Denke bitte daran, dass die meisten Agenten/Verlage und auch die meisten Leser nur die ersten ein oder zwei Seiten lesen, um zu entscheiden, ob die ein Buch haben wollen.
Du musst sofort los legen, nicht erst nach diesem Vorgeplänkel.


Alfred Kubins "Die Andere Seite" beginnt mit der ersteinmal zusammenhangslosen Beschreibung eines ehemaligen Schulfreundes. Der Herr der Ringe beginnt mit einer Geburtstagsfeier im Auenland. Sogar die Beowulf-Überlieferung beginnt mit einer Aufzählung der dänischen Könige und ihrer Heldentaten. Letztendlich gibt es wenige Erzählungen und Romane ohne Vorgeplänkel (spontan fallen mir nur "Die Verwandlung" ein und eine Geschichte von Hemingway, deren Namen ich vergaß).
Aber das macht nichts, wenn ebendieses "Vorgeplänkel" gut geschrieben ist, eine eigene Geschichte erzählt und in die Haupthandlung übergeht - Auf welche Weise auch immer...
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Re: Charakter mit Traumszene vorstellen

Beitragvon Zwielicht » 18.10.2015, 02:38

Vaerson hat geschrieben:Letztendlich gibt es wenige Erzählungen und Romane ohne Vorgeplänkel (spontan fallen mir nur "Die Verwandlung" ein und eine Geschichte von Hemingway, deren Namen ich vergaß).


... und fast alles aus dem Krimi- / Thriller-Bereich ;) Was ja gemeinhin auch unter dem Etikett "Roman" läuft.

Ich denke, es hängt stark vom Genre ab, wieviel Vorgeplänkel verträglich ist.
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Re: Charakter mit Traumszene vorstellen

Beitragvon Maggi1417 » 18.10.2015, 09:59

Alfred Kubins "Die Andere Seite" beginnt mit der ersteinmal zusammenhangslosen Beschreibung eines ehemaligen Schulfreundes. Der Herr der Ringe beginnt mit einer Geburtstagsfeier im Auenland. Sogar die Beowulf-Überlieferung beginnt mit einer Aufzählung der dänischen Könige und ihrer Heldentaten.

*Seufz* Eigentlich ist das off-topic, aber da dieses "Argument" irgendwie in jedem Thread früher oder später auftaucht, gehe ich jetzt doch mal darauf ein.

Man wird zu jeder "Regel" 100 veröffentlichte Bücher finden, die diese Regel brechen.
Das heißt nicht, dass das eine gute Idee ist. Wiederhole: Das heißt NICHT, dass das eine gute Idee ist.

Aus folgenden Gründen.

a) Um Regeln zu brechen, muss man ganz genau wissen was man tut. Man muss sein Handwerk vorwärts, rückwärts, im Schlaf, in jeder Facette beherrschen. Bis man so gut ist, vergehen viele Jahre und hunderttausende von Wörtern. 95% unserer Mitglieder sind Anfänger, Amateure oder Hobbyautoren, die einfach noch nicht die Fähigkeiten besitzen, Regelbrüche gezielt und effektiv einzusetzen.

b) Nicht jede Geschichte eignet sich für strukturelle oder sprachliche Experimente. Die meisten tun es nicht. Nur weil ein Regelbruch in einem bestimmten Werk gut funktioniert, heißt das nicht, dass das in jeder anderen Geschichte auch funktioniert.

c) Nur weil es in einem veröffentlichten (eventuell auch erfoglreichen) Buch vorkommt, heißt es nicht, dass es ne gute Sache ist. Kein Autor ist perfekt. Kein Buch ist perfekt. Oft genug sind diese Bücher trotz des Regelbruchs ein Erfolg, nicht deshalb.
Rowling ist die Queen der Adverben. Das heißt nicht, dass man möglichst viele Adverben benutzten sollte.
Tolkien Buch-Anfang ist unfassbar langweiliges Infodumping. Das heißt nicht, dass man seine Geschichte mit World-Building-Infodumping beginnen sollte.

d) Vorsicht mit Klassiker. Ja, die sind nicht ohne Grund heute noch beliebt. Aber Klassiker sind eine Spezies für sich. Sie werden anders betrachtet, eben im Kontext der Zeit, in der sie entstanden sind. Der Lesergeschmack wandelt sich. Nur weil Austen oder Tolkien das damals gemacht haben, heißt das nicht, dass das heute immer noch eine gute Idee wäre. Ernsthaft die "Beowulf-Überlieferungen" sind keine geeignete Blaupause für einen erfolgreichen Roman des 21. Jahrhunderts, ok?

Letztendlich gibt es wenige Erzählungen und Romane ohne Vorgeplänkel (spontan fallen mir nur "Die Verwandlung" ein und eine Geschichte von Hemingway, deren Namen ich vergaß).
Aber das macht nichts, wenn ebendieses "Vorgeplänkel" gut geschrieben ist, eine eigene Geschichte erzählt und in die Haupthandlung übergeht - Auf welche Weise auch immer..

Ich glaube, du hast nicht verstanden, was ich mit Vorgeplänkel meine.
Außer Thriller und Krimis starten wenige Bücher direkt mit dem "Inciting Incident". Das habe ich aber auch nie behauptet. Das wovon du sprichst ist die 1. Hälfte des 1. Akts.
Es gibt bestimmte Anforderungen an diese 1. Hälfte des 1. Akts (Wie bereits weiter oben erwähnt: Setting, Figuren, Hauptkonflikt). Krümnmelmonsters jetzige Version erfüllt diese Anforderungen nicht, das macht diesen Anfang zu Vorgeplänkel.
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Re: Charakter mit Traumszene vorstellen

Beitragvon Kari » 19.10.2015, 22:27

Mich würde interessieren, was du (Maggi) von Deirdres Ansatz hältst (unter der Prämisse, dass die Kindheitsszene rausflöge oder ähnlich behandelt würde)?
Ich sehe die Problematik, die du ansprichst, bei Krümelmonsters ursprünglichem Ansatz, denke aber auch, dass Ds Idee eine gangbare Möglichkeit wäre, um den Traum einzubauen, ohne in die von dir beschriebenen Probleme zu laufen.
Du hast einiges mehr an Erfahrung als ich, wie siehst du das? Ich nehme nicht an, dass du den Traum in der ersten Szene, in der der Charakter auftaucht bringen würdest - aber danach? Oder fiele das schon nicht mehr in den ersten Akt?
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