Charaktere entwickeln: Techniken, Tipps und Tricks.

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Re: Charaktere entwickeln: Techniken, Tipps und Tricks.

Beitragvon Libelle » 19.11.2014, 03:15

Worauf legt ihr wert, wenn ihr Figuren für eure Geschichten erschafft?
Glaubwürdigkeit. Meine Geschichten entstehen grundsätzlich aus den Figuren selbst und deren Interaktion mit ihrer Umwelt heraus plus ein paar äußere Einflüsse. Auf eine Aktion folgt eine Reaktion, auf die wiederum eine Reaktion folgt und so weiter.

Wie ist ein guter Charakter eurer Meinung nach aufgebaut und wie entwickelt ihr ihn? Habt ihr eine bestimmte Methode? Welche Kniffe und Tricks benutzt ihr, um euren Figuren Leben einzuhauchen?
Konflikte machen meiner Meinung nach eine Geschichte interessant, weniger die Tatsache, dass der Hauptcharakter benutzte Unterhosen oder so sammelt.

Oft lese ich Geschichten, bei denen sich die Autoren so viel Mühe mit den Figuren gegeben haben, dass sie selbst die Farbe der Haarspitzen und Lieblingssocken beschreiben. Geburtsdatum, Familienstammbaum und was nicht alles.
Aber vor lauter Figuren- und Charakterbeschreibung bleibt die Geschichte auf der Strecke. Oder die ach so einzigartigen Figuren stapfen hölzern durch die Geschichte, weil sie vor lauter Perfektion und obligatorischer tragischer Vergangenheit keinen Raum mehr für Entfaltung haben.
Ich denke, dass vor allem die Eigenarten eine Funktion haben und nicht nur Selbstzweck sein sollten, um die Figur glaubwürdig erscheinen zu lassen.

Der Unterhosenfetisch an sich wird das Interesse des Durchschnittslesers höchstens ein bis zwei Seiten lang fesseln. Danach ist der Ofen aus. Egal wie abgedreht das Hobby und detailiert sein Lebenslauf auch immer sein mag.

Ich sehe Figuren vor allem funktional. Wir haben lauter Elemente in der Geschichte, die eigene Weltbilder und Weltvorstellungen haben, die munter aufeinanderprallen, sich überschneiden, einander ausradieren und so weiter. Plus ein paar äußere Einflüsse. (Das zumindest ist die Art von Figur und Geschichte, die mich interessiert.)

Die Schwierigkeit daran ist, dass man nicht "mal eben" ein paar Eigenschaften hinzudichten kann, ohne einen Großteil der Geschichte umzuschreiben.

Der Unterhosenfetischist ist nicht allein auf der Welt. Da gibt es wahrscheinlich noch Millionen von anderen Figuren in seiner Welt. Mit einigen von ihnen wird er wohl in irgendeiner Form interagieren. Hier entstehen Konflikte und daraus entwickelt sich die Geschichte.

Manchmal habe ich nur Plotideen, dann überlege ich mir Konflikte und Figuren, die dazu passen könnten. Nicht jeder Charakter kann jeden Konflikt glaubwürdig austragen.
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Re: Charaktere entwickeln: Techniken, Tipps und Tricks.

Beitragvon Maggi1417 » 19.11.2014, 15:57

Ich sehe das ähnlich wie Libelle. Diese mega-umfangreichen Chararkterbögen, die man immer ausfüllen muss, verführen dazu, dass die Figur zu einem Sammelsurium zufällig zusammengewürfelter Eigenschaften wird, die häufig nicht mal eine Konsequenz zu haben scheinen.
Ich mag Brandon Sanderson, aber ich habe das Gefühl, er hat irgendwann mal in einem Schreibratgeber gelesen, dass Figuren alle einen auffälligen, lustigen und interessanten Tick haben müssen und hat dann jeder seiner Figuren so einen verpasst.
Einer der Protagonisten liest zum Beispiel immer in unpassenden Situation. Das wurde ständig und immer wieder betont, so dass es einfach nur nur gezwungen und unnatürlich wirkte.
Ein anderer trug selbst bei Schneeregen nur Westen ohne was drunter (warum? nie erklärt. Wirkte genauso gezwungen) und wollte immer über Philosophie reden (hätte interessant werden können, wenn es nur ein einziges Mal passiert wäre. Statt dessen wurde er immer von anderen Figuren abgewürgt und das philosophieren wurde zu einer nervigen Angewohnheit ohne Relevanz und ohne Verankerung im Hintergrund der Figur.
Sowas ist blöd. Eine Figur muss in sich stimmig sein. Ich als Leser möchte verstehen können, woher bestimme Eigenschaften kommen.

Nachdem ich mich jetzt ausführlich durch zig Artikel und Ratgeber zu dem Thema gewühlt habe, habe ich für mich selbst folgendes Grundgerüst entwickelt.
Dabei geht es nur um den Kern der Figur. Wie sie "tickt". Quasi die Hardware.

Schritt1:
Es beginnt damit, dass man darüber nachdenkt, welche Wunden die Figur hat. Welches Ereignis (oder Ereignisse) in der Vergangenheit hat bleibende Narben in der Psyche des Charakters hinterlassen.
Der writershelpingwriters-Blog zählt sieben Kategorien auf: Physische Verletzungen oder Behinderungen, Opfer von Ungerechtigkeit, Verbrechen, etc. , Fehler oder Versagen der Figur selbst, Verrat und Enttäuschung, Isolation und Ausgrenzung, Im Stich gelassen- oder Abgelehnt werden, Desillusionierung.
(Es muss sich nicht immer um die obligatorische tragische Vergangenheit handeln. Nicht jede Figuren brauchen tote Eltern oder Misshandlungen in der Kindheit. Aber niemand geht auf Wolken durchs Leben. Narben trägt eigentlich fast jeder ab einem bestimmten Alter. Kreativität ist angesagt.)

Schritt 2:
Als nächstes macht man sich Gedanken darüber, wie diese Erlebnisse das Denken der Figur geprägt haben. Einige Autoren nennen das "die Lüge, die die Figur glaubt". Es handelt sich dabei um verallgemeinerte (falsche) Annahmen über sich selbst, Menschen, die Welt, etc. Eine Figur, die von der Gesellschaft immer wieder ausgegrenzt wird, kommt vermutlich irgendwann zu dem Schluss "Ich bin anders. Ich gehöre nicht dazu". Eine Figur, die einmal schwer betrogen wurde, kommt zu dem Schluss "Man darf niemandem trauen, außer sich selbst". Je nach Figur kann das ganze auch ganz unterschiedliche Wege nehmen. Eine Figur, der Gewalt angetan wurde kommt eventuell zu dem Schluss "Es ist am beste unauffällig und unterwürfig zu bleiben, dann ist man sicher." Genauso gut könnte sie aber auch anfangen zu glauben "Du musst härter sein, als alle anderen. Dann bist du sicher."
Wenn man sich klar gemacht hat, welche Lügen die Figur glaubt, dann hat man schon einen ziemlich guten Kompass zur Hand um zu entscheiden, wie sie in bestimmten Situationen fühlt und handelt.

Schritt 3:
Ängste. Das ist ja so ein Punkt der eigentlich immer in diesen Profilen auftaucht. Man muss sich da nichts aus den Fingern saugen. Die Antwort findet man in Schritt 1. Die Figur hat Angst davor, die Erfahrungen aus Schritt 1 in der selben oder einer anderen Form noch einmal zu erleben. Auch hier kann man daraus wieder gut ableiten, wie ein Charakter fühlt und handelt.
Eine Figur, die einmal im Stich gelassen wurde, wird Angst haben, dass es noch mal passiert und sich gar nicht erst auf andere verlassen. Jemand der immer ausgegrenzt wurde, wird gar nicht erst versuchen, dazuzugehören, um die Erfahrung nicht noch einmal machen zu müssen. Eine Figur, die einmal einen großen Fehler gemacht hat, wird versuchen, sich verantwortungsvollen Aufgaben zu entziehen, weil sie nicht noch einmal versagen will.

Schritt 4:
Schwächen.Nach den ersten drei Schritten springen die einem eigentlich fast ins Gesicht. Es sind die Ansichten, die sich aus der Lüge ableiten, die die Figur glaubt. Die Verhaltensweisen und Mechanismen, die die Figur davor schützen sollen, die selben Schmerzhaften Erfahrungen noch einmal zu machen.
Natürlich funktioniert das nicht (wo wäre da der Spaß?). Diese Schwäche/Schwächen wird der Figur immer wieder im Weg stehen und sie daran hindern, ihre Ziele zu erreichen. Der sogenannte fatal flaw. Erst wenn der Charakter die Lüge enttarnt und seine Schwäche überwindet, kann das Ziel erreicht werden (mehr dazu unten).

Das ganze funktioniert übrigens auch rückwärts: Wenn ich zum Beispiel gerne einen Charakter hätte der Arrogant, Feige oder Selbstsüchtig ist, dann muss ich mir nur die Frage stellen "Welche schmerzhaften Gefühle versucht meine Figur durch dieses Verhalten zu vermeiden?" Und dann noch einen Schritt zurück "Bei welchem traumatischen Ereignis hat die Figur diese Gefühle zum ersten Mal erlebt?" Voilà.

Entwicklung: Wenn man einen Charakter möchte, der sich entwickelt (und wer möchte das nicht), dann orientiert man sich an der Lüge aus Schritt 2. Die Figur beginnt diese Annahme in frage zu stellen, stellt fest das sie falsch ist, und schafft es, die erlernten Verteidigungsmechanismen (aka Schwächen) zu überwinden. Zum Beispiel: Der Protagonist, der in seiner Kindheit verlassen wurde und sich deshalb nur auf sich selbst verlässt. Das schadet ihm. Es kommt ihm bei der Lösung von Problemen immer wieder in die Quere. Doch dann, im Laufe der Handlung, findet er Leute, die ihm zu Seite stehen. Er beginnt die Annahme "ich kann mich nur auf mich selbst verlassen" in Frage zu stellen,schafft es letztendlich seine Schwäche (nicht vertrauen können) zu überwinden und kann sein Problem lösen.

Steht man mehr auf Tragik funktioniert das ganze natürlich auch andersherum. Die Figur erlebt im Laufe der Handlung etwas Schreckliches (Schritt 1), dass ihre Weltsicht verändert (Schritt 2), dazu führt, dass neue, ungesunde Verhaltensweisen erlernt werden (Schritt 3), was schließlich zum Scheitern der Figur führt (Schritt 4).


Für Inspiration und tiefere Einblicke in das Thema "Warum handeln Menschen so, wie sie handeln?" kann man sich auch einfach mal ein Buch über Psychologie greifen. Wir Autoren müssen ja Gott sei Dank das Rad nicht neu erfinden.
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Re: Charaktere entwickeln: Techniken, Tipps und Tricks.

Beitragvon Libelle » 19.11.2014, 16:11

@Maggi1417

Machst du dir auch Gedanken über die Ziele deiner Figuren?

Irgendwie muss ja Bewegung in diese kommen, damit die Geschichte los- und weitergeht. Ansonsten würden sie ja immer nur in ihrem eigenen Alltagstrott gefangen sein. Von sich aus stellt niemand sein Weltkonzept in Frage, denke ich. Warum sollte jemand ein funktionierendes Lügenkonstrukt aufgeben?
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Re: Charaktere entwickeln: Techniken, Tipps und Tricks.

Beitragvon Maggi1417 » 19.11.2014, 18:32

@Libelle
Bei den Zielen muss man glaube ich zwischen intern und extern unterscheiden. Die externen Ziele ergeben sich aus dem Plot. Den habe ich zu dem Zeitpunkt meistens schon.
Interne Ziele sind etwas tricky, da der Charakter sich seinem eigenen Innenleben ja oft nicht bewusst ist.
Grundsätzlich sollte die Charakterentwicklung relativ eng mit der Handlung verwoben sein, (zumindest wenn es nur ein Buch ist und die Charakterentwicklung nicht über eine ganze Serie statt findet). Der Auslöser, der den Plot im ersten Akt ins Rollen bringt löst dann auch den Beginn der Charakterentwicklung aus.
Ich würde sagen, die Figur sollte zumindest einmal, besser mehrmals durch ihren fatal flaw Probleme haben oder scheitern (also jetzt ganz praktisch, plotrelevant).
Das löst dann den Prozess des Hinterfragens aus. Zum Wendepunkt sollte die Figur den Entschluss fassen, etwas ändern zu wollen, aber erst mal an der Umsetzung scheitern. Zum Klimax schafft sie es dann aber tatsächlich.

So würde ich das machen. Ist für mich aber auch alles noch Neuland. Hab mich vorher noch nie so intensiv mit dem Thema Charaktere auseinander gesetzt.
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Re: Charaktere entwickeln: Techniken, Tipps und Tricks.

Beitragvon Hyena » 20.11.2014, 11:00

@ Maggi

Wenn man die "Lüge" aber derart in den Mittelpunkt rückt, wird die Geschichte leider völlig vorhersehbar. Wenn man einen Prota hat, dessen tiefste Überzeugung es ist, Gummibärchen seien allesamt böse, kann man nach diesem Schema sicher sein, dass er im Laufe der Geschichte einen Gummibären trifft, der dieses Weltbild infrage stellt und irgendwann rettet er dem Prota das Leben, so dass dieser lernt "Oh weh, ich habe mich geirrt! Gummibären sind ja total nett, das waren nur meine Vorurteile!"

Nicht falsch verstehen, die Sache mit der Lüge kann durchaus funktionieren, aber ich würde sie keinesfalls derart ins Zentrum stellen und immer nach diesem Schema arbeiten, sonst leidet nicht nur die Figur, die einschätzbar und langweilig wird, sondern auch der Plot.

Auch die Sache mit der alten Wunde würde ich nicht so pauschal als Tipp nennen. In meinem aktuellen Projekt habe ich zB einen Prota, der hat weder eine tragische Vergangenheit noch sonst irgendwelche nennenswerten Wunden - er wird bewusst erst während des Auftaktes der Geschichte aus seiner rosa Haribo-Welt herausgerissen. Es kann also auch ohne alte Wunden funktionieren :)


@Libelle

Damit gehörst du zu denen, die handlungsgetriebene Geschichten bevorzugen :wink:
Das ist einfach eine andere Herangehensweise des Aufbauens einer Geschichte, heißt aber nicht, dass charaktergetriebene Geschichten alle künstlich und konstruiert wirken müssen.

Ich bin ja Anhänger einer Hybridform. Handlung und Charktere sollten sich in ihrer Wichtigkeit die Waage halten und die Geschichte weder nur durch das eine, noch durch das andere ausschließlich leben. Der tollste Plot bleibt fade, wenn er nicht von interessanten Charas durchlebt wird (siehe zB Dan Brown *schnarch*).

Aber vor lauter Figuren- und Charakterbeschreibung bleibt die Geschichte auf der Strecke. Oder die ach so einzigartigen Figuren stapfen hölzern durch die Geschichte, weil sie vor lauter Perfektion und obligatorischer tragischer Vergangenheit keinen Raum mehr für Entfaltung haben.
Also mir ist noch keine Geschichte untergekommen, die wirklich tolle Charas hat und dennoch langweilig bleibt. Kannst du dazu ein Beispiel nennen?
"Ich behaupte, dass jeder Künstler einen inneren Motor hat, etwas das ihn antreibt, ein Defizit, etwas Fehlendes, eine große Sehnsucht, die er mit seiner Kunst vielleicht erfüllen kann." ~ Mein NaNo-Buddy: Höllenhund Lucky
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Re: Charaktere entwickeln: Techniken, Tipps und Tricks.

Beitragvon magico » 20.11.2014, 11:38

Ich persönlich finde ja, dass dieses ganze "Charaktere zunächst bis in kleinste Detail erstellen" völlig überbewertet wird. Charaktere müssen sich entwickeln! Im realen Leben findet ein ständiger Wandel statt. Natürlich kann man eine literarische Figur nicht mit einem real existierenden Menschen vergleichen, aber bei mir funktioniert es ganz gut, wenn ich meine Figuren nur oberflächlich umschreibe und dann loslege.
Im Laufe der Geschichte stellen sich die wichtigsten Merkmale heraus und in der Überarbeitung kann man dann (hui ... die 3 Wörter reimen sich) noch einmal an den Figuren und deren Tiefe feilen.

Aber wie bereits erwähnt ... das ist nur meine Meinung. Andere setzen sich eben gerne erst tage- oder wochenlang mit den Charakteren auseinander.

Dann muss ich Hyena auch Recht geben. Die Sache mit den Lügen und den alten Wunden wirken ziemlich klischeehaft, wenn man sich allzu sehr auf sie bezieht. Sicher ... sie können für eine interessante Wendung oder Konflikte in der Geschichte sorgen, aber wenn sie dem Leser zu offensichtlich auf's Auge gedrückt werden, muss man doch an der Meinung des Autors über dessen Leserschaft zweifeln.

Einen Prämisse auf Charakteren oder auf den Plot finde ich ebenfalls zu monoton bzw. kurzsichtig. Zum einen hat es sehr viel mit der Art der Geschichte, dem Genre etc. zu tun und zum anderen sollten sie nach Möglichkeit eine homogene Einheit bilden. Das eine kann ohne das andere nicht funktionieren.

Kurz zusammengefasst, bevorzuge ich den evolutionären (nicht den kreationistischen) Weg.


Grüße - magico
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Re: Charaktere entwickeln: Techniken, Tipps und Tricks.

Beitragvon Varjo » 20.11.2014, 11:56

Ich denke, es kommt auf einen gesunden Mittelweg an (wie immer :lol: ).
Weder die eine, noch die andere Lösung halte ich für die einzig Wahre. Genauso wie beide zu sehr schönen Ergebnissen gühren können, wenn man ein gesundes und für das Projekt passende Maß verwendet. Und beide können genauso daneben gehen.

Daher versuche ich mich immer auf einem mittleren Maß zu halten und frage dann meine Testleser, wo ich vielleicht übertreibe bzw. wo ihnen etwas fehlt (vorausgesetzt ich habe die Szene schon auf dem Kieker^^).
Zuerst erstelle ich schon Grundzüge für die Charaktere, ungefähr so, wie Maggi es beschreibt. Aber ich versuche dabei nicht zu viel vorweg zu nehmen. Ein Charakter, der sich entwickeln soll, wird vielleicht eine leichte Hemmung bekommen Vertrauen aufzubauen - und wird dann in die Geschichte geworfen, die seine Hemmung entweder verstärkt oder abschwächt - je nach Plotverlauf. Eine komplette Hemmung von Anfang an wäre mir zu statisch, aber das kann natürlich von der Geschichte und dem Charakter abhängen.
Nach einigen Überlegungen und kleinen Szenen, über die ich beginne mich in den Charakter einzufühlen, addieren sich weitere Eigenschaften und Erinnerungen fast wie von selbst hinzu.

Dann kommt ein langer Prozess des Schreibens, Hinterfragens und Überarbeitens - dabei ziehe ich gerne psychologische Abhandlungen und anderer Leute Umsetzungen ähnlicher Thematiken (Filme, Bücher) hinzu und evaluiere Gemeinsamkeiten und Unterschiede - also was mir an den Umsetzungen und Charakteren gefällt und was nicht. Daraus entwickle ich dann meine Interpretation meines entsprechenden Charakters und meinen Weg dessen Persönlichkeit dem Leser zu vermitteln.
Es ist also ein ständiges Reflektieren, Nachforschen und Überarbeiten.
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Re: Charaktere entwickeln: Techniken, Tipps und Tricks.

Beitragvon Maggi1417 » 20.11.2014, 14:53

Wenn man die "Lüge" aber derart in den Mittelpunkt rückt, wird die Geschichte leider völlig vorhersehbar. Wenn man einen Prota hat, dessen tiefste Überzeugung es ist, Gummibärchen seien allesamt böse, kann man nach diesem Schema sicher sein, dass er im Laufe der Geschichte einen Gummibären trifft, der dieses Weltbild infrage stellt und irgendwann rettet er dem Prota das Leben, so dass dieser lernt "Oh weh, ich habe mich geirrt! Gummibären sind ja total nett, das waren nur meine Vorurteile!"

Nicht falsch verstehen, die Sache mit der Lüge kann durchaus funktionieren, aber ich würde sie keinesfalls derart ins Zentrum stellen und immer nach diesem Schema arbeiten, sonst leidet nicht nur die Figur, die einschätzbar und langweilig wird, sondern auch der Plot.


Dann muss ich Hyena auch Recht geben. Die Sache mit den Lügen und den alten Wunden wirken ziemlich klischeehaft, wenn man sich allzu sehr auf sie bezieht. Sicher ... sie können für eine interessante Wendung oder Konflikte in der Geschichte sorgen, aber wenn sie dem Leser zu offensichtlich auf's Auge gedrückt werden, muss man doch an der Meinung des Autors über dessen Leserschaft zweifeln.


@magico und Hyena: Das habe ich doch auch gar nicht verlangt oder behauptet!

Ich bin sowieso eher Plot orientiert, aber ich finde, ein guter Charakterbogen gehört schon dazu. Nicht für jeden Charakter, aber zumindest für den Protagonisten.
Figuren und Handlung sind ja eng miteinander verwoben. Das kann man nicht trennen, finde. Je nach dem, wo man seine Schwerpunkte setzt, steht dann entweder der Protagonist und seine Entwicklung im Vordergrund und die Handlung dient quasi nur als Antrieb für diese Entwicklung, oder die Handlung steht im Vordergrund und die Charakterentwicklung ist eher subtil.
Naja, wie du weiter unten schreibst, es sollte sich eben die Waage halten.

Außerdem ist es grundsätzlich eine ziemlich schlechte Idee, die Gedanken die man sich zu den Figuren macht, allesamt ins Buch zu packen. Wenn man dem Leser die Figur erklärt, dann ist die Luft raus.

Also bitte nichts davon ins Zentrum stellen oder dem Leser aufs Auge drücken oder so. Das habe ich auch nirgendwo geschrieben. Diese Schritte stellen wirklich nur das Fundament dar und sind natürlich jetzt auch stark vereinfacht.

Das Prinzip ist ja ganz simpel: Figuren existieren nicht im Luftleeren Raum. Jede Figur hat eine Vergangenheit, die ihr Weltbild in irgendeiner weise geprägt hat und das wiederum hat Einfluss darauf, wie eine Figur auf externe Faktoren reagiert und was sie dabei empfindet. Soweit sind wir uns alle einige, oder?
Wie gut das ganze dann funktioniert und ob es interessant oder total abgenudelt ist, hängt von der Kreativität und dem Geschick des Autors ab.

Auch die Sache mit der alten Wunde würde ich nicht so pauschal als Tipp nennen. In meinem aktuellen Projekt habe ich zB einen Prota, der hat weder eine tragische Vergangenheit noch sonst irgendwelche nennenswerten Wunden - er wird bewusst erst während des Auftaktes der Geschichte aus seiner rosa Haribo-Welt herausgerissen. Es kann also auch ohne alte Wunden funktionieren

Dann erleidet diese Figur seine Wunden erst im Laufe der Geschichte. Das ist ja völlig ok. Dabei ensteht ja dann trotzdem ein Charakterbogen. Er fängt halt nur früher an.
Der Begriff Wunde oder Narbe ist vielleicht auch etwas eng gefasst (ich habe den jetzt einfach mal aus den englischen Artikeln übernommen). Man kann sich natürlich auch besonders positive Ereignisse vorstellen, die dann dementsprechend zu einem eher positiv verzerrten Welt- und Menschenbild führen. Auch daraus könnte man interessante Charakterbögen machen.
Zuletzt geändert von Maggi1417 am 20.11.2014, 15:07, insgesamt 5-mal geändert.
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Re: Charaktere entwickeln: Techniken, Tipps und Tricks.

Beitragvon Milch » 20.11.2014, 14:55

magico hat geschrieben:Ich persönlich finde ja, dass dieses ganze "Charaktere zunächst bis in kleinste Detail erstellen" völlig überbewertet wird. Charaktere müssen sich entwickeln! Im realen Leben findet ein ständiger Wandel statt. Natürlich kann man eine literarische Figur nicht mit einem real existierenden Menschen vergleichen, aber bei mir funktioniert es ganz gut, wenn ich meine Figuren nur oberflächlich umschreibe und dann loslege.
Im Laufe der Geschichte stellen sich die wichtigsten Merkmale heraus und in der Überarbeitung kann man dann (hui ... die 3 Wörter reimen sich) noch einmal an den Figuren und deren Tiefe feilen.


Man muss sich nicht an ein starres Konzept von Fragen halten, deswegen sollte man nicht oberflächlich sein.
Ich finde, man muss spüren, dass die Figur irgendwie was lebendiges hat. Widersprüche und Kontraste finde ich immer am lebendigsten.
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Re: Charaktere entwickeln: Techniken, Tipps und Tricks.

Beitragvon Libelle » 20.11.2014, 15:43

Hyena hat geschrieben:Also mir ist noch keine Geschichte untergekommen, die wirklich tolle Charas hat und dennoch langweilig bleibt. Kannst du dazu ein Beispiel nennen?


Was wirklich toll ist, ist auch eine Frage des Geschmacks, denke ich. Manche finden halt den gutaussehenden, edlen Helden mit tragischer Kindheit und Narbe im Gesicht richtig toll. Ich bezog mich mit meiner Aussage eher darauf, dass hier jemand geschrieben hat, dass Figuren, je detaillierter, desto toller seien.

Ich habe früher Fanfictions und Hobbygeschichten gelesen. Da geben sich die Leute oft sehr viel Mühe mit ihren Figuren. Man sieht richtig, dass die sich damit identifizieren. Aber ob etwas, das potentiell interessant sein kann für andere, sich auch interessant liest, hängt ganz stark von der Handlung ab. Die Eigenart einer Figur an der richtigen Stelle, kann super sein. An der falschen Stelle platt.

Und dann habe ich oft das Gefühl beim Lesen, dass diejenigen Autoren, die ihre Figuren besonders detailliert beschreiben, zu ausführlichen Beschreibungen in ihren Romanen neigen. Da wird betont, dass Figur XY besonders nett und beliebt sei, anstatt zu zeigen, dass sie nett und beliebt ist.

Letztens hatte ich einen SP-Thriller gelesen - möchte mal keine Namen nennen - der an sich eine gute Geschichte hatte, wo aber der Autor jede Figur, sobald sie auftauchte, nach etwa diesem Schema beschrieb: "Marie war 32 Jahre alt und Hausfrau. Sie hatte 5 Kinder und trug am liebsten Prada. Sie hat einen sehr vielschichtigen Charakter und mag es nicht, wenn der Nachbarshund in ihren Vorgarten pieselte, wo sie vor ein paar Jahren ein dunkles Geheimnis verbuddelt hat, das zufällig mit dem plötzlichen Verschwinden ihres Mannes zu tun hat." In dem Roman waren die Figurenbeschreibungen aber noch länger, mindestens 1-2 Seiten. Die allermeisten Auflistungen hatten überhaupt keine Relevanz für die Geschichte. Bei sechs Hauptfiguren und zig Nebenfiguren inklusive irgendein unwichtiges Mädchen in einem Wartezimmer, das auch nur in dieser Szene auftauchte und nicht mal mit dem Protagonisten gesprochen hat, treibt mir das manchmal Tränen in die Augen.

Ach ja, Charakterbögen erstelle ich auch. Aber hauptsächlich, damit die Figuren nicht wechselnde Augen- und Haarfarben in der Geschichte haben (sofern ich das überhaupt erwähne) und um ein paar Details und Beweggründe zu notieren. Details und Hintergründe zu Figuren finde ich völlig in Ordnung, solange man nicht den Fehler macht, Quantität mit Qualität zu verwechseln.
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Re: Charaktere entwickeln: Techniken, Tipps und Tricks.

Beitragvon ithiliel64 » 20.11.2014, 17:29

Also erstmal meinen herzlichen Dank an Maggi1417 für diesen Thread :flowers: Ich finde diese Diskussion sehr interessant, inspirierend und lehrreich. Seit einigen Jahren schon habe ich eine Geschichte im Kopf, die ich aber jetzt erst anfange umzusetzen.

Und erst jetzt fange ich auch an mich mit plotten und Charakterbögen auseinanderzusetzen. Von der Fülle und den Details, die in manchen Bögen vorkommen, bin ich oftmals erschlagen worden. Da habe ich mich gefragt, ob das überhaupt nötig ist. Und wenn es das tatsächlich wäre, hätte es mir den Spaß am Schreiben gehörig verdorben.
Libelle hat geschrieben:Ach ja, Charakterbögen erstelle ich auch. Aber hauptsächlich, damit die Figuren nicht wechselnde Augen- und Haarfarben in der Geschichte haben (sofern ich das überhaupt erwähne) und um ein paar Details und Beweggründe zu notieren. Details und Hintergründe zu Figuren finde ich völlig in Ordnung, solange man nicht den Fehler macht, Quantität mit Qualität zu verwechseln.

Libelle, ich finde, du hast das sehr schön auf den Punkt gebracht :) So funktioniert das auch für mich gut. Es hat mir sehr geholfen, mir über die Beweggründe und Motivationen meiner Charakter Gedanken zu machen. Um diese zu bekommen, brauchten sie noch eine plausiblen Hintergrund. Die weitere Entwicklung der Personen hängt dann mit der Geschichte an sich zusammen. Da ich mir jetzt über meine Charakter im Klaren bin, kann ich in den jeweiligen Situation überlegen, wie wird der Charakter damit fertig? Welche Vorgehensweise passt zu ihm? Und die Entscheidung beeinflusst dann wiederum die Geschichte.

Welche Lieblingsfarbe der Charakter hat oder ob er morgens lieber Tee oder Kaffee trinkt, halte ich am Anfang für die Charakterisierung für ziemlich irrelevant. Ich habe sogar gemerkt, dass mich ein zuviel an Information und ein zu langes Beschäftigen geradezu, für die Geschichte an sich, blockiert. Sollte es sich im Laufe der Geschichte ergeben, dass solche Dinge, Ticks oder wie auch immer, mal erwähnt werden oder sogar von Bedeutung sind, kann ich den Charakterbogen immer noch nachträglich erweitern.

So habe ich am Anfang eher eine Charakterskizze. Klar - je unwichtiger die Person, desto gröber die Skizze. Und umgekehrt ist die Skizze natürlich bei den Protas detaillierter und feiner.
***
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―Ernst Ferstl
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Re: Charaktere entwickeln: Techniken, Tipps und Tricks.

Beitragvon Paisley » 18.12.2014, 18:26

Interessante Fragen, über die ich bisher nicht nachgedacht habe, Maggi.

Worauf legt ihr wert, wenn ihr Figuren für eure Geschichten erschafft?
Zumindest bei den wichtigen Figuren: Darauf, das sie natürlich sind und die Leser sich mit ihnen identifizieren können. Mit allen Macken, Ängsten, Träumen und Schwächen. Und auch mit Unsicherheiten, Gewissens- und Entscheidenkonflikten. Sie sollen Sympathie und Abneigung erzeugen können. Ich denke, wenn jemand mit meinem Prota leidet und sich mit ihm freut, dann hab ich etwas richtig gemacht. Wenn man ihm am liebsten an die Gurgel gehen würde (und das von mir so gewollt ist), dann auch.

Wie ist ein guter Charakter eurer Meinung nach aufgebaut und wie entwickelt ihr ihn?
Ich überlass es ihm, sich zu entwickeln. Beginnen tu ich mit einer Grundvorstellung von ihm (was Aussehen und Charakter angeht) und mit der Geschichte entwickelt auch er sich weiter. Ich überlege mir, wie er in dieser oder jener Situation reagieren würde, wodurch sich ein roter Faden in seiner Handlungsweise bildet. Wenn es Teil seiner Geschichte ist, sich zu verändern, dann achte ich auch darauf, das er von Zeit zu Zeit Veränderungen durchläuft.

Habt ihr eine bestimmte Methode? Welche Kniffe und Tricks benutzt ihr, um euren Figuren Leben einzuhauchen?
Hm ... wenn ich an meinem Manuskript arbeite, ist es meistens so, das sich das was ich gerade schreibe, vor meinem inneren Auge abspielt. Quasi wie ein Film. Ich sehe meinen Figuren dabei zu, wie sie handeln, was sie sagen. Dadurch das sie ein Eigenleben entwickeln, brauche ich ihnen keins mehr einhauchen. Nur wenn ich manche Stellen überarbeite bzw ausarbeite, überlege ich mir, was der Charakter wohl sagen würde, was für ihn typisch wär und wie er damit die Geschichte in die Richtung lenken kann, die ich möchte.

Was Kniffe und Tricks angeht, find ich es zum Beispiel sehr ermüdend, Fragebögen usw zu erstellen. Lieber achte ich beim Schreiben auf mein (Bauch)Gefühl für die Geschichte.

Wann immer es möglich ist, finde ich es am besten, ein Gefühl für den Charakter zu bekommen. Einer von meinen ist zum Beispiel der ernsthaftere, gesetzte Typ, der andere ein ausgelassener, schelmischer (dadurch ergänzen sie sich gut). Während ich schreibe, hab ich ein Gefühl dafür, wer was tun oder lassen würde.

Liebe Grüße,
Paisley
Geduld, Selbstvertrauen, Durchhaltevermögen, erzählerisches Talent und Sprachgefühl - die Heilige Fünffaltigkeit der Schriftstellerei. Andreas Eschbach
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Re: Charaktere entwickeln: Techniken, Tipps und Tricks.

Beitragvon solong » 16.01.2015, 20:47

Hallo zusammen,

Ich hab grad nen fiesen Durchhänger und brauch dringend Denkanstöße.
Wie entwickelt ihr eure NebenNebencharaktere?

Konkret hab ich folgendes Problem:
Meine Prota musste von ihrem Zuhause,Freunde,Familie etc. weg.
Sie soll sich nun in einem kleinen Dorf( ca. 60 Einwohner und ja das ist echt klein, ich bin in so einem Kaff aufgewachsen) ein neues Zuhause aufbauen.
Sie soll in die Dorfgemeinschaft aufgenommen werden, sich da Wohlfühlen, die Gemeinschaft als eine art zweite Familie empfinden... also einfach rundum glücklich dort sein (damit ich sie dann brutal da wieder rausreißen kann...)

Nun weiß ich ja aus Erfahrung, dass in so nem kleinen Kaff einfach jeder jeden kennt.
Ob man will oder nicht, man hat am Leben des anderen Teil.

Mit meiner Prota und den wichtigeren Nebencharakteren komme ich auch super klar.
Sie sind für mich lebendig und ihre Handlungen ergeben sich wie von selbst.

Nur die Dorfgemeinschaft... in meinem Kopf läuft alles wie in einem Film ab, aber die Leute sind einfach nur verwischte Schemen die hin und wieder mal durchs Bild fliegen.
Ich weis da müsste jetzt noch jemand anderes sein, aber ich krieg sie nicht zu fassen!
Namen ausdenken hat mich jetzt auch noch nicht weitergebracht.
und ganz ehrlich, ich hab nicht die geringste Lust mir für 60 +-x Leute auszudenken wie ihr Leben verlaufen ist, ob sie lieber Äpfel oder Birnen essen... ihr wisst schon.
Ich will einfach nur dass diese Wabernden Geisterwesen wenigstens zu zweidimensionalen Bildern werden, so dass ich sie einordnen kann!

Hat sich irgendwer von euch auch schon mal mit sowas rumgeschlagen?
Hat jemand Tipps wie ich da weiterkomm?
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Re: Charaktere entwickeln: Techniken, Tipps und Tricks.

Beitragvon Paisley » 16.01.2015, 21:19

Hi solong,
mein Protagonist befindet sich "momentan" auf einer Festung, wo es nur so von anderen Leuten wuselt. Da allen ein Gesicht, einen Namen und eine richtige Persönlichkeit zu geben, ginge mir zu weit (an die Arbeit gar nicht erst zu denken). In so einem Fall unterscheide ich wieder zwischen wichtigen und unwichtigen Leuten.

Bei den wichtigen frage ich mich zuerst, welchen Einfluß sie auf meinen Protagonist haben sollen, welche Rolle sie für ihn spielen und damit auch die Geschichte beeinflussen werden (das ist sogar die entscheidende Frage, weil sich danach auch ihr Charakter, ihre Einstellung zu etwas usw richtet). Dementsprechend stelle ich sie mir vor und entwickel sie.

Ein Nebencharakter in meinem Buch, soll für meinen Protagonisten zum Beispiel bis zu einem gewissen Grad ein Mutterersatz sein. Sie hab ich daher eher gluckig entwickelt, fröhlich bis aufgedreht und ein wenig zuviel schnatternd. Auch äußerlich beschreibe ich sie sehr mütterlich, ziemlich rundlich und mit einem freundlichen Gesicht.

Die unwichtigen Charaktere werden nur flüchtig beschrieben um einen Eindruck vom Leben dort zu vermitteln und das ganze realistischer zu machen, zum Beispiel eine Magd die gerade vorbeihuscht, wobei ich kurz auf ihre Kleidung und gegenwärtige Aufgabe eingehe. Man kann die unwichtigen auch gut von den wichtigeren Charaktere beschreiben lassen, indem man sie über diejenigen schwatzen lässt.

Auf jeden Fall sollte man es mit der Menge an genauer beschriebenen Charakteren nicht übertreiben. Das macht es zum einen für den Leser schwieriger, deine Welt und die Geschichte im Auge zu behalten und zum anderen geht der Spannung durch solche "Unterbrechungen" die Luft raus, weil die Geschichte in ihrem Fluß gestört wird.

Liebe Grüße,
Paisley
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Re: Charaktere entwickeln: Techniken, Tipps und Tricks.

Beitragvon solong » 16.01.2015, 22:06

Hi Paisley,
Danke für die fixe antwort.
Ich hab schon befürchtet, dass man denken kann ich würde die leute detailiert beschreiben wollten.
Das hab ich garnicht vor. Aber ich seh die " vorbeihuschende Magd" in meinem inneren film einfach nicht...wie gesagt: ein verschwommener Schemen.
Da liegt la das problem, wie kriegst du das leben in die szene? Woher weißt du das da grad ne Magd mit nem korm äpfel vorbei huscht?

Außerdem soll sie ja trotzdem irgendwie eine bindung zu den menschen dort aufbauen.
Ich weiß nur nicht wie ich dass vermitteln soll und trotzdem viele von denen nur oberflächlich bleiben. Und oberflächlich müssen sie bleiben, sonst nimmt das kein ende.
Und da hakts halt...
Empfindet dein prota die leute auf der burg als ersatzfamilie?
Kennt er alle und sind sie ihm wichtig?
Ich möchte gerne die atmosphäre die ich aus meinem heimatdorf kenne rüberbringen, nur stark idealisiert, ohne den nachbarn am gartenzaun und die ewige ratschn... einfach dieses alle kennen sich und die sorgen und ängste der anderen...puh, schwer zu beschreiben.
Trotzdem ungefähr klar was ich sagen will?

Ach ja und sorry für tippfehler, war am handy

LG solong
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