Charaktere entwickeln: Techniken, Tipps und Tricks.

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Re: Charaktere entwickeln: Techniken, Tipps und Tricks.

Beitragvon Paisley » 16.01.2015, 23:06

Hallo solong,
auf das Wie und Woher kann ich leider nur diese Antwort geben: Phantasie. Da ich nicht plotte, aber mit reichlich Phantasie gesegnet bin, entwickelt sich das alles beim schreiben. Deshalb ist es zumindest für mich eine Grundvoraussetzung für's Schreiben, die Welt über die ich schreibe, vor meinem geistigen Auge lebendig werden zu lassen. Dann kann ich auch neben meinem Protagonisten durch die Festung gehen oder mit ihm im Speisesaal sitzen, während er mit seinen Kameraden etwas isst. Und genau dann läuft tatsächlich ein Film in meinem Kopf ab und ich muß zusehen, das ich mit dem schreiben nachkomme.

Hast du mal versucht, dich an Stelle deiner Prota in diesem Film an den Schatten vorbeigehen zu lassen und dich bewusst auf sie zu konzentrieren? Versuch deine Vorstellungskraft anzuregen, in dem zB durch deine eigene Heimat läufst und dir dabei vorstellst, wer dir dabei so begegnen könnte, auch wenn das reelle Menschen sind. Das du diese Vorstellung nicht eins zu eins in dein Manuskript übernimmst ist klar, aber immerhin kannst du dir vorstellen, was passieren und wem du über den Weg laufen könntest. Der nächste Schritt ist, das dann auf deine Geschichte zu übertragen.

Es ist auch ganz hilfreich sich zB in ein Straßencafe zu setzen und die Leute die an einem vorbeilaufen zu beschreiben (schmales Gesicht mit spitzem Kinn, eingesunkene Augen mit dunklen Rändern darunter, gelocktes dunkelblondes Haar, schmale Nase mit Höcker, die Art zu gehen, wie der Blick der Augen ist usw). Das hat zwei Effekte: Zum einen trainierst du damit deine Fähigkeit zu beschreiben (und so neue Charaktere zu erschaffen) und zum anderen deine Vorstellungskraft. Später wenn du vor deinem Manuskript sitzt, wird es dir sicher von Nutzen sein, vor deinem inneren Auge zu visualisieren was du gesehen hast.

Mein Protagonist empfindet die Leute nicht direkt als Ersatzfamilie, zumal alle einen unterschiedlichen Stellenwert bei ihm einnehmen, aber er versucht sich etwas Neues aufzubauen und gewöhnt sich mit der Zeit an sein neues Leben. Da gibt es seinen besten Freund, der mit ihm dort hingekommen ist und das letzte Band zu seiner alten Heimat darstellt, seinen Vorgesetzten, der für ihn mehr und mehr die Rolle eines Freundes einnimmt, die Kameraden aus seinem Wachbataillon, mit denen er durch ihre gemeinsamen Pflichten immer mehr zusammengeschweißt wird, die fröhliche Glucke die ihn bemuttert und die zukünftige Verlobte seines Freundes. Das sind momentan diejenigen, die bei ihm an erster Stelle stehen, ihre Zahl wird sich aber im Verlauf der Geschichte noch ändern. Bei solchen Charakteren muß man sich irgendwas einfallen lassen, zumal sie mehr im Fokus der Geschichte stehen und durch den engeren Kontakt zum Protagonisten deutlich mehr Leben eingehaucht bekommen müssen, als ein unbekannter Soldat.

Dann sind da noch die Leute, die für die Geschichte wichtig sind, aber momentan aus seiner Perspektive nicht. In Szenen mit ihm, nehmen sie auch diese Rangordnung ein, in anderen wiederum wird näher auf sie eingegangen.

Langer Rede hoffentlich kürzerer Sinn:
Phantasie ist unablässlich, aber ich bin der Meinung das man sie wie einen Muskel trainieren kann.

Liebe Grüße,
Paisley
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Re: Charaktere entwickeln: Techniken, Tipps und Tricks.

Beitragvon solong » 17.01.2015, 01:20

Ja, das mit an Protas stelle... genau da war der Knackpunkt es ist als wär ein Fehler im Film.
Das mit dem cafe ist eine geniale idee.
Muss ich direkt ausprobieren. Kann ich bestimmt am bhf oder so auch gut machen.
Ich danke dir, jetzt hab ich wieder ne Richtung!
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Re: Charaktere entwickeln: Techniken, Tipps und Tricks.

Beitragvon Paisley » 17.01.2015, 11:44

Gern geschen solong, viel Erfolg.

Liebe Grüße,
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Charaktere entwickeln

Beitragvon Melli » 14.10.2015, 16:36

Hey,
bis vor einiger Zeit habe ich immer recht oberflächliche Charaktere gehabt. Sprich: Name, Alter, Hobbys,...
Jetzt habe ich seit längerem angefangen eine Geschichte zu planen und mir ist aufgefallen, wie oberflächlich meine Charaktere eigendlich wirkten. Also habe ich eine gaaaanz langen Steckbrief erstellt, in der Hoffnung, dadurch ensteht ein guter tiefgründiger Charakter.
Was habt ihr denn so für Methoden, Cahraktere zu entwickeln?
Oder schreibt ihr einfach drauf los?

LG, Melli
Das Leben ist (fast) ein Wunschkonzert...
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Re: Charaktere entwickeln

Beitragvon Milch » 14.10.2015, 17:00

Finde den Widerspruch in deiner Figur oder finde das Dilemma oder finde das Bleigewicht, was die Figur daran hundert, ihr Ziel zu erreichen. Ich bin gegen lange Liste, weil sie nur Stichpunkte abklappern, aber eine Figur nicht lebendiger machen.

krebskranker Spießerlehrer mit Frau, der Meth kocht, um seine Geldsorgen loszuwerden- schon hast du eine bekannte Fernsehfigur.
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Re: Charaktere entwickeln

Beitragvon Maggi1417 » 14.10.2015, 17:24

Einfach nur wahllos irgendwelche Eigenschaften in einen Topf zu werfen, bringt einen nicht weiter. Menschen sind eben nicht wahllos.
Wichtig um einen konsistenten Charakter zu konstruieren, ist, dass man sich bei allen, was man sich zu dieser Figur überlegt, immer wieder die folgenden zwei Dinge prüft:

a) woher kommt das? b) wozu führt das?

Ich habe mittlerweile einen recht effektiven Algorithmus entwickelt, um den Kern meiner Figuren zu entwickeln. Da er auch bei anderen Usern ganz gut angekommen ist, kopiere ich ihn hier noch mal rein. Ich hoffe, das hilft dir weiter.

Spoiler: Anzeigen
Schritt 1:
Es beginnt damit, dass man darüber nachdenkt, welche Wunden die Figur hat. Welches Ereignis (oder Ereignisse) in der Vergangenheit hat bleibende Narben in der Psyche des Charakters hinterlassen.
Der writershelpingwriters-blog zählt sieben Kategorien auf: Physische Verletzungen oder Behinderungen, Opfer von Ungerechtigkeit, Verbrechen, etc. , Fehler oder Versagen der Figur selbst, Verrat und Enttäuschung, Isolation und Ausgrenzung, Im Stich gelassen- oder Abgelehnt werden, Desillusionierung.
(Es muss sich nicht immer um die obligatorische tragische Vergangenheit handeln. Nicht jede Figuren brauchen tote Eltern oder Misshandlungen in der Kindheit. Aber niemand geht auf Wolken durchs Leben. Narben trägt eigentlich fast jeder ab einem bestimmten Alter. Kreativität ist angesagt.)

Schritt 2:
Als nächstes macht man sich Gedanken darüber, wie diese Erlebnisse das Denken der Figur geprägt haben. Einige Autoren nennen das "die Lüge, die die Figur glaubt". Es handelt sich dabei um verallgemeinerte (falsche) Annahmen über sich selbst, Menschen, die Welt, etc. Eine Figur, die von der Gesellschaft immer wieder ausgegrenzt wird, kommt vermutlich irgendwann zu dem Schluss "Ich bin anders. Ich gehöre nicht dazu". Eine Figur, die einmal schwer betrogen wurde, kommt zu dem Schluss "Man darf niemandem trauen, außer sich selbst". Je nach Figur kann das ganze auch ganz unterschiedliche Wege nehmen. Eine Figur, der Gewalt angetan wurde kommt eventuell zu dem Schluss "Es ist am beste unauffällig und unterwürfig zu bleiben, dann ist man sicher." Genauso gut könnte sie aber auch anfangen zu glauben "Du musst härter sein, als alle anderen. Dann bist du sicher."
Wenn man sich klar gemacht hat, welche Lügen die Figur glaubt, dann hat man schon einen ziemlich guten Kompass zur Hand um zu entscheiden, wie sie in bestimmten Situationen fühlt und handelt.

Schritt 3:
Ängste. Das ist ja so ein Punkt der eigentlich immer in diesen Profilen auftaucht. Man muss sich da nichts aus den Fingern saugen. Die Antwort findet man in Schritt 1. Die Figur hat Angst davor, die Erfahrungen aus Schritt 1 in der selben oder einer anderen Form noch einmal zu erleben. Auch hier kann man daraus wieder gut ableiten, wie ein Charakter fühlt und handelt.
Eine Figur, die einmal im Stich gelassen wurde, wird Angst haben, dass es noch mal passiert und sich gar nicht erst auf andere verlassen. Jemand der immer ausgegrenzt wurde, wird gar nicht erst versuchen, dazuzugehören, um die Erfahrung nicht noch einmal machen zu müssen. Eine Figur, die einmal einen großen Fehler gemacht hat, wird versuchen, sich verantwortungsvollen Aufgaben zu entziehen, weil sie nicht noch einmal versagen will.

Schritt 4:
Schwächen.Nach den ersten drei Schritten springen die einem eigentlich fast ins Gesicht. Es sind die Ansichten, die sich aus der Lüge ableiten, die die Figur glaubt. Die Verhaltensweisen und Mechanismen, die die Figur davor schützen sollen, die selben Schmerzhaften Erfahrungen noch einmal zu machen.
Natürlich funktioniert das nicht (wo wäre da der Spaß?). Diese Schwäche/Schwächen wird der Figur immer wieder im Weg stehen und sie daran hindern, ihre Ziele zu erreichen. Der sogenannte fatal flaw. Erst wenn der Charakter die Lüge enttarnt und seine Schwäche überwindet, kann das Ziel erreicht werden (mehr dazu unten).

Das ganze funktioniert übrigens auch rückwärts: Wenn ich zum Beispiel gerne einen Charakter hätte der Arrogant, Feige oder Selbstsüchtig ist, dann muss ich mir nur die Frage stellen "Welche schmerzhaften Gefühle versucht meine Figur durch dieses Verhalten zu vermeiden?" Und dann noch einen Schritt zurück "Bei welchem traumatischen Ereignis hat die Figur diese Gefühle zum ersten Mal erlebt?" Voilà.

Entwicklung: Wenn man einen Charakter möchte, der sich entwickelt (und wer möchte das nicht), dann orientiert man sich an der Lüge aus Schritt 2. Die Figur beginnt diese Annahme in frage zu stellen, stellt fest das sie falsch ist, und schafft es, die erlernten Verteidigungsmechanismen (aka Schwächen) zu überwinden. Zum Beispiel: Der Protagonist, der in seiner Kindheit verlassen wurde und sich deshalb nur auf sich selbst verlässt. Das schadet ihm. Es kommt ihm bei der Lösung von Problemen immer wieder in die Quere. Doch dann, im Laufe der Handlung, findet er Leute, die ihm zu Seite stehen. Er beginnt die Annahme "ich kann mich nur auf mich selbst verlassen" in Frage zu stellen,schafft es letztendlich seine Schwäche (nicht vertrauen können) zu überwinden und kann sein Problem lösen.
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Re: Charaktere entwickeln

Beitragvon Milch » 14.10.2015, 17:53

Zu Schritt 2 Man geht viel zu lax mit den Wort Lüge um, besser wäre Interpretation, die Interpretation kann ja zum Zeitpunkt auch richtig sein.
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Re: Charaktere entwickeln

Beitragvon Asieral » 14.10.2015, 18:58

Den Grundbaustein von Charakteren entwickele ich eigentlich so, dass ich mir eine philosophische (oder auch sonstige) Idee bzw eine Weltanschauung, vll aber auch nur ein Gefühl nehme und mir dann überlege, was das für einen Menschen bedeuten würde respektive welche Folgen eine bestimmte Denkweise auf das Leben haben kann und natürlich auch, woher diese Idee stammt. Bisher klappt das ganz gut, wenn man allerdings schon einen Charakter hat ist es, denke ich, schwieriger eine passende Idee dazu zu finden, als wenn man eine Idee nimmt und daraus einen Charakter bastelt.
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Re: Charaktere entwickeln

Beitragvon Kari » 14.10.2015, 19:17

Für mich kommt die Tiefe in den Charakteren davon, dass ich sie vor Probleme stelle, bzw. weiß, wie sie darauf reagieren. Das kann der Kühlschrank sein, dessen Inhalt nach wochenlanger Abwesenheit zum Leben erwacht ist, oder ein moralisches Dilemma.
Meinstens sind es nur Gedankenexperimente, aber mir hilft es enorm.

Ansonsten habe ich zu Anfang oft nur eine grobe Ahnung vom Charakter (und dem Plot) und entwickle beides parallel weiter. Für mich funktioniert die Schneeflockenmethode bis zu einem gewissen Detailgrad sehr gut, bzw. ein schneeflockenartiges Vorgehen auch für Charaktere. Der Rest ergibt sich während des Schreibens.
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Re: Charaktere entwickeln

Beitragvon Ankh » 14.10.2015, 19:28

Es kommt natürlich drauf an, an welcher Stelle man die Charakterentwicklung beginnt. Ich fange z.B. im Grunde mit der Geschichte an: Mein Charakter kommt an einen bestimmten Punkt und soll auf eine bestimmte Weise handeln. Und dann überlege ich: Wieso macht er das? Das ist im Grunde dasselbe, wie Maggie schreibt: Woher kommt das? Jede Entscheidung beruht auf gewissen Dingen: Vorerfahrungen, Lebensphilosophie, Ängsten, Hoffnungen, äußeren Zwängen ... Über diese Dinge muss man sich klarwerden, bevor der Charakter handeln darf. Und wenn man sie sich klargemacht hat, dann sind diese Dinge mit dem Charakter verknüpft, und er wird auch in Zukunft in diesem Sinne weiterhandeln, bleibt also in sich logisch.
Erst, wenn du auf diese Weise eine Vorstellung gewonnen hast, wer dein Charakter ist, kannst du dir den Spaß machen und einen Charakerbogen anlegen, der auflistet, welche Musik er hört und als was er zu Halloween geht. Das sind dann Details, die deinen Charakter abrunden und die du in deine Geschichte einfließen lassen kannst. Sie ersetzen aber nicht das Grundgerüst: Das was deinen Charakter ausmacht, was ihn antreibt, was ihn prägt.

Mit den Hobbies anzufangen finde ich schwierig, wenn ich noch keine Vorstellung davon habe, wer er ist. Man sucht sich ja auch seine Hobbies nach den eigenen Vorlieben und Interessen und nicht umgekehrt. Aber wenn ich eine Vorstellung von dem Charakter habe, kann ich mir einen Liste von Hobbies nehmen und mir überlegen, was davon meinem Charakter gefallen könnte und was nicht. Und dann kann man, wenn man will, wieder an seinem Hintergrund feilen: Wie ist er zu dem Hobby gekommen? Wie oft übt er es aus? Wie gut ist er darin? Hat er Freunde, mit denen er es betreibt? - und schon ist dein Charakter nicht nur um ein Hobby, sondern einen sozialen Kreis, bestimmten Fähigkeiten, einem Detail aus der Vergangenheit und einem Termin im Wochenplan reicher. All das kann sich wiederum auf deine Geschichte auswirken: Vielleicht brauchtest du noch eine Erklärung, warum der Charakter Mittwoch Abend nicht auf die Party geht; Jetzt weißt du, er hat Orchesterprobe. Wenn du vorher schonmal erwähnt hast, dass er Alphorn spielt, dann wird der Leser diese Verknüpfung sehen, und der Charakter erscheint rund und logisch. Und wenn sein gigantisches Lungenvolumen ihn am Schluss der Geschichte noch vor dem Ertrinken bewahrt, dann ist das Schriftstellerische Kür :wink:
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