Charaktere entwickeln: Techniken, Tipps und Tricks.

Tipps, Ratschläge und Hilfen zum Schreiben. Wie machst du das? Hilfe bei Blockaden, Hemmungen und Anfangsschwierigkeiten

Charaktere entwickeln: Techniken, Tipps und Tricks.

Beitragvon Maggi1417 » 12.11.2014, 00:15

Ich habe eben mal die Boardsuche bemüht und überraschenderweise keinen Thread zu dem Thema gefunden. Wir haben ja zurzeit gerade zwei Fäden zu spezifischen Figuren haben (der über weibliche Protagonisten in Fantasy und der über Antagonisten) und ich habe festgestellt, dass die Meinungen darüber, was einen guten Charakter ausmacht, weit auseinander gehen.

Das ist ja ein häufiger Kritikpunkt von Lesern: Die Figuren sind flach. Tja und wie macht man das nun besser?
Begriffe die man immer wieder hört sind : Komplex, Dreidimensional, Vielschichtigen, Tiefgängig, Dynamisch, aber was bedeuteten diese Dinge eigentlich genau und wie bekommt man das hin?


Bin gespannt auf eure Meinungen: Worauf legt ihr wert, wenn ihr Figuren für eure Geschichten erschafft? Wie ist ein guter Charakter eurer Meinung nach aufgebaut und wie entwickelt ihr ihn? Habt ihr eine bestimmte Methode? Welche Kniffe und Tricks benutzt ihr, um euren Figuren Leben einzuhauchen? Lasst hören!
Benutzeravatar
Maggi1417
 
Beiträge: 897
Registriert: 29.11.2013, 23:11

Re: Charaktere entwickeln: Techniken, Tipps und Tricks.

Beitragvon Justin » 12.11.2014, 02:43

Meine Figuren hauptsächlich auf echte Menschen, die ich selber erlebt habe. Ich entwickle sie dann der Geschichte entsprechend weiter. Ich habe auch viel kleine Charakterskizzen/Studien - also schreibe ich einfach ein paar Szenen um zu sehen wie die Figur reagiert, spricht und denkt. Ist eine Figur gut oder böse, dann überlege ich natürlich warum. Ich mag es nicht wenn jemand NUR gut oder böse ist - das ist mir zu langweilig. Ich mag es wenn eine Figur nicht perfekt ist und selber Probleme hat, mit den er zu kämpfen hat.

Eigenschaften einer Figur, die ich nicht mag, sind Vorhersehbarkeit. Wenn ich schon im Vorfeld weiß wie die Figur IMMER reagiert, denkt oder spricht, ist das mir zu platt. Gleichzeitig, und das ist das Schwierige dabei, ich mag es nicht wenn die Figur außer Charakter handelt. Er/Sie macht Sachen, die sie eigentlich nicht machen kann. Der Computer-Nerd, den dann plötzlich der Frauenheld ist. Die Prinzessin, die plötzlich mit dem Schwert kämpfen kann - solche Sachen.

Handelt die Geschichte darum, die der Computer-Nerd zum Frauenheld wird, oder wie aus der Prinzessin eine Kriegerin wird - finde ich wiederum gut.

Absolutes Steckenpferd von mir - egal ob Plot, Figur oder sonst was - Sachen müssen plausible sein oder funktionieren. Wenn ich schon sehe, wie es den Braunbär Bruno in Bayern ergangen ist, frage ich mich schon wie schaffen es Drachen, Gnome, Elven und sonstige Fabelwesen zu überleben.
You can observe a lot just by watching.
Justin
 
Beiträge: 497
Registriert: 12.11.2010, 23:34
Blog: Blog ansehen (15)

Re: Charaktere entwickeln: Techniken, Tipps und Tricks.

Beitragvon Varjo » 12.11.2014, 08:35

Was mir auch oft geholfen haben, sind Berichte von Menschen, die tatsächlich ähnlies erlebt haben wie meine Charaktere. Oder eben Litaratur über besondere Menschen und ihre Geschichte. Das können Kriegsopfer/Soldaten, Gewalt-/Missbrauchsopfer oder auch einfach reale Lebensgeschichten von Bekannten oder Verwandten sein.

Oft sind da natürlich auch heftige Fälle bei, zu denen es aber viel Material gibt. Für Antagonisten/Bösewichte kommen da z.B. Charles Manson, Adolf Hitler, Päpste und Fürsten der Renaissance, sowie griechische/römische Politiker oder Warlords in Betracht.
Wenn man sich damit befasst wie diese gedacht haben, dann kann das helfen Beweggründe und Motive zu verstehen und auf Fantasy-Äquivalente zu übertragen.
Gleiches gilt für Protagonisten, bei denen man sich "starke Persönlichkeiten" heraussuchen kann, von denen die Geschichte ein eher positives oder sehr positives Bild zeichnet (Jeanne D'Arc, Ghandi, Che Guevara, Nelson Mandela, ...) und untersucht diese.
Dann lässt sich das nach einer Weile des Studierens gut auf eigene Charaktere übertragen.

Eine Analyse von gelungenen Romanfiguren/Filmfiguren hilft auch oft. Suche Dir den Charakter heraus, den Du magst und den, den Du am wenigsten magst. Charakterisiere sie und versuche die Unterschiede herauszuarbeiten und zu verstehen.

Zumindest ist das gerne mal meine Methode und bisher gab es nur gutes Feedback dazu.
Varjo
 
Beiträge: 32
Registriert: 11.11.2014, 14:33

Re: Charaktere entwickeln: Techniken, Tipps und Tricks.

Beitragvon magico » 12.11.2014, 09:32

Ich glaube, dass die Perspektive eine gewisse Rolle spielt. Es macht für den Autor sowie für den Leser (sicher in unterschiedlichem Maße) einen Unterschied, ob eine Geschichte aus der Ich-Perspektive, der auktionalen oder eben einer anderen Perspektive erzählt wird.

Persönlich habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Charaktere, welche ich in den Ich-Erzählungen nutze, viel komplexer und realer wirken, als diejenigen, welche ich aus anderen Perspektiven geschrieben habe.

Je nach Thema kann es auch von Nutzen sein, eigene Charakterzüge in einer Figur unterzubringen. Ein gewisser Anteil an autobiografischen Elementen macht nicht nur den Charakter sondern oftmals auch die Geschichte lebendiger. Klappt natürlich nicht in allen Genres.
Das Ganze funktioniert ähnlich mit Personen aus dem näheren Umfeld. Man sollte allerdings nur ein paar Eigenschaften nehmen und nicht gleich den kompletten Menschen kopieren. :wink:
Neuester Artikel (30.11.): Das Gutmensch-Experiment: Ngana & Klaus

“Don’t go where the path may lead, go instead where there is no path … and leave a trail” - Ralph Waldo Emerson
Benutzeravatar
magico
 
Beiträge: 2094
Registriert: 01.05.2008, 22:23
Wohnort: habe ich

Re: Charaktere entwickeln: Techniken, Tipps und Tricks.

Beitragvon Zwielicht » 12.11.2014, 14:47

Ich kann leider nicht behaupten, damit schon viel Erfahrung zu haben. Aber eins fällt mir beim Entwickeln von Charakteren genauso auf wie beim Lesen:

Wichtig sind Macken. Ob das n nervöser Tick ist - oder Ketterauchen - oder einfach ne aufbrausende Veranlagung - ne Phobie - oder ein richtiggehender Dachschaden durch ein schlimmes Erlebnis, der zu einem bestimmten Verhaltensmuster führt. Wenn man so etwas konsequent in alltägliche sowie besondere Szenen einbaut, macht das einen Charakter auf jeden Fall ... NICHT eindimensional ;)

Natürlich muss man aufpassen, dass es nicht nervig wird oder der Story abträglich ist. Aber meiner Meinung nach sind die spannendsten Charaktere die, die aufgrund ihrer ganz eigenen Macken sich und andere immer wieder in Schwierigkeiten bringen.
Zwielicht
 
Beiträge: 297
Registriert: 08.04.2013, 23:13

Re: Charaktere entwickeln: Techniken, Tipps und Tricks.

Beitragvon Jewe » 12.11.2014, 14:49

Wahrscheinlich steuere ich hier wieder nur das offensichtliche bei, aber das ist alles, was mir dazu einfällt:

Ich denke, Charaktere werden als "flach" wahrgenommen, wenn sie austauschbar sind. Zum Beispiel: Wenn ich auf meinem Charakterbogen stehen habe, dass Nicola herrisch und jähzornig ist, sie sich aber in Dialogen und Szenen immer genau so verhält, wie es die anderen Figuren auch tun, dann merkt der Leser das irgendwann.

Gerade bei Schreibanfängern merkt man häufig, dass diese persönlich in die Rolle des jeweiligen Charakters in der Szene schlüpfen und den Charakter letztendlich so handeln lassen, wie sie es selbst in der Realität tun würden. Mit dem Ergebnis, dass sich alle Figuren gleich verhalten.

Wenn ich eine Szene mit Dialog zwischen Figuren schreibe, versuche ich immer, mir die Charaktereigenschaften der sprechenden Figur in Erinnerung zu rufen und davon etwas in die Handlung / den Dialog einfließen zu lassen. In Nicolas Fall würde ich also versuchen, dass sie auf Kritik aufbrausend reagiert oder dass sie ihr Gegenüber herumkommandiert.

Ich denke, dass es auch wichtig ist, dass man sich für bestimmte Eigenarten einer Figur Gründe ausdenkt und diese auch mal thematisiert. Auch wenn der Leser vielleicht nicht sofort den direkten Zusammenhang herstellt - "Ach, die verhält sich so, weil ..." - nimmt er es doch zumindest unterbewusst auf und es vervollständigt sein Bild von der Figur.

Wahrscheinlich für niemanden hier wirklich etwas Neues, aber so mache ich es.
Lächle und die Welt lacht mit dir,
weine und du weinst allein.
Benutzeravatar
Jewe
 
Beiträge: 861
Registriert: 22.02.2011, 20:42

Re: Charaktere entwickeln: Techniken, Tipps und Tricks.

Beitragvon Milch » 12.11.2014, 15:02

Maggi1417 hat geschrieben:Das ist ja ein häufiger Kritikpunkt von Lesern: Die Figuren sind flach. Tja und wie macht man das nun besser?
Begriffe die man immer wieder hört sind : Komplex, Dreidimensional, Vielschichtigen, Tiefgängig, Dynamisch, aber was bedeuteten diese Dinge eigentlich genau und wie bekommt man das hin?


Widersprüche innerhalb der Figur herausstreichen. Stell sie vor Dilemmatas! Figur muss lernen, das positives A auch negatives B haben kann, weshalb die Lösung nicht so einfach ist, wie es sich gedacht hat. Figur muss lernen, wie man mit zwei konkurrierende Ziele erreicht, Person A ist voll sympathisch und man mag ihn, aber Plan von Person A ist gefährlich, dass er verhindert werden muss.
Fish-out-of-water macht auch Figuren spannender, denn dann kann sie nicht mehr so handeln, wie sie es gewohnt ist, sondern muss sich neue Strategien zurecht legen, wie sie damit fertig wird.

Ansonsten kann ein breites Allgemeinwissen nie schaden, so dass man nicht auf die billigste Lösung zurückgreifen muss.
Milch
 
Beiträge: 716
Registriert: 29.03.2014, 18:25

Re: Charaktere entwickeln: Techniken, Tipps und Tricks.

Beitragvon Varjo » 12.11.2014, 15:31

Jewe hat geschrieben:Wahrscheinlich steuere ich hier wieder nur das offensichtliche bei, aber das ist alles, was mir dazu einfällt:

Ich denke, Charaktere werden als "flach" wahrgenommen, wenn sie austauschbar sind. Zum Beispiel: Wenn ich auf meinem Charakterbogen stehen habe, dass Nicola herrisch und jähzornig ist, sie sich aber in Dialogen und Szenen immer genau so verhält, wie es die anderen Figuren auch tun, dann merkt der Leser das irgendwann.

Gerade bei Schreibanfängern merkt man häufig, dass diese persönlich in die Rolle des jeweiligen Charakters in der Szene schlüpfen und den Charakter letztendlich so handeln lassen, wie sie es selbst in der Realität tun würden. Mit dem Ergebnis, dass sich alle Figuren gleich verhalten.

Wenn ich eine Szene mit Dialog zwischen Figuren schreibe, versuche ich immer, mir die Charaktereigenschaften der sprechenden Figur in Erinnerung zu rufen und davon etwas in die Handlung / den Dialog einfließen zu lassen. In Nicolas Fall würde ich also versuchen, dass sie auf Kritik aufbrausend reagiert oder dass sie ihr Gegenüber herumkommandiert.

Ich denke, dass es auch wichtig ist, dass man sich für bestimmte Eigenarten einer Figur Gründe ausdenkt und diese auch mal thematisiert. Auch wenn der Leser vielleicht nicht sofort den direkten Zusammenhang herstellt - "Ach, die verhält sich so, weil ..." - nimmt er es doch zumindest unterbewusst auf und es vervollständigt sein Bild von der Figur.

Wahrscheinlich für niemanden hier wirklich etwas Neues, aber so mache ich es.


Stimme zu! Ein ganz wichtiger Punkt bei der Sache.

Wenn man eine Szene nimmt und verschiedene Charaktere jeweils als Hauptperson in diese Szene hineinwirft, dann muss auf jeden Fall bei jeder Figur etwas komplett Eigenes herauskommen.
Jeder Mensch reagiert anders auf die gleiche Ausgangssituation. Jeder Mensch löst Konflikte anders und bewertet Zurückweisung oder Beleidigung anders. So sollte auch jede Figur ihre individuellen Lösungswege bekommen.
Führen zwei Charaktere zum gleichen Situationsverlauf, dann würde ich sie überarbeiten.
Varjo
 
Beiträge: 32
Registriert: 11.11.2014, 14:33

Re: Charaktere entwickeln: Techniken, Tipps und Tricks.

Beitragvon Maggi1417 » 12.11.2014, 17:29

Widersprüche innerhalb der Figur herausstreichen. Stell sie vor Dilemmatas! Figur muss lernen, das positives A auch negatives B haben kann, weshalb die Lösung nicht so einfach ist, wie es sich gedacht hat

Oh, dazu habe ich gerade erst einen tollen Artikel gefunden. Hier ist das Original in englisch: http://blog.janicehardy.com/2010/05/oh-woe-is-me.html, aber ich fasse es mal kurz zusammen, weil mir das wirklich weiter geholfen hat.
Hier also ein paar Ideen, wie meine seine Figuren in ein Dilemma verwickeln kann.
1. Kann man die Figur zu etwas zwingen, dass sie nicht tun will? Etwas, dass gegen ihre Wertvorstellungen verstößt? Etwas, dass jemandem schadet, der ihr am Herzen liegt?
2. Kann man die Figur vor die Wahl zwischen Pest und Cholera stellen? Es gibt kein richtig oder falsch. Jeder Lösungsansatzt für das Problem hat negative Konsequenzen.
3. Kann man die Figur zwingen, ein Opfer zu bringen? Das Problem kann zwar gelöst werden, aber dafür muss auch der entsprechende Preis gezahlt werden.
4. Kann man eine Schwäche, Angst oder einen Charakterfehler ausnutzen? Kann man die Figur in eine Situation zwingen, vor der sie Angst hat? Eine Sache tun lassen, die sie nicht gut kann?


Eine kleiner Trick, der auch ganz gut funktioniert um aus einem Stereotyp eine komplexe Figur zu machen, ist ihr Eigenschaften zu verpassen, die man nicht erwarten würde. Zum Beispiel:

Elsa ist 72 Jahre alt, sie hat 4 Kinder und 7 Enkelkinder für die sie gerne kocht und backt, sie hört gerne Schlagermusik und hat eine Katze. Außerdem sammelt sie Waffen, am liebsten mit großem Kaliber, und hält mehrere Rekorde auf dem Schießplatz.

Oder:

Jimmy ist 42 Jahre alt, er lebt im ländlichen Alabama, stammt aus einer armen, kinderreichen Familie und ist in seiner Kleinstadt als harter Typ bekannt. Er raucht und trinkt zu viel, konsumiert Crystal Meth und dealt auch ab und zu damit. Außerdem hat er eine Leidenschaft für die arabische Kultur. Er spricht fließend Arabisch, das hat er sich selbst beigebracht.

Ohne den letzten Satz wären beiden Figuren ziemlich uninteressant. So aber möchte man sofort mehr über sie wissen.
Benutzeravatar
Maggi1417
 
Beiträge: 897
Registriert: 29.11.2013, 23:11

Re: Charaktere entwickeln: Techniken, Tipps und Tricks.

Beitragvon Julchen » 12.11.2014, 20:49

Ich habe genau das getan, was Jewe angesprochen hat: ich habe die Figuren in meinen ersten Geschichten so handeln lassen, wie ich es getan hätte oder mir vorgestellt habe, es zu tun.
Das führte dazu, dass bei den Figuren oft kein roter Faden erkennbar war.
Oder ich habe Szenen geschrieben, die den vorherigen Handlungen zuwider liefen, nur damit die Geschichte weitergeht, und ich war selbst mit der Entwicklung unzufrieden oder habe mich gefragt, warum tut sie das?

Was mir unwahrscheinlich geholfen hat, war, mir über die Vergangenheit der Figuren Gedanken zu machen. Wer waren ihre Eltern? Wie gestaltete sich ihr Elternhaus? Welche anderen Personen haben sie auf ihren Weg begleitet? usw.
Das Problem an der Gschicht ist halt, dass man kaum dabei war -frei nach Gerhard Polt-

julebloggdwaeng
Julchen
 
Beiträge: 507
Registriert: 01.03.2011, 14:28
Wohnort: Oberfranken
Blog: Blog ansehen (2)

Re: Charaktere entwickeln: Techniken, Tipps und Tricks.

Beitragvon Milch » 12.11.2014, 21:29

Maggi1417 hat geschrieben:Elsa ist 72 Jahre alt, sie hat 4 Kinder und 7 Enkelkinder für die sie gerne kocht und backt, sie hört gerne Schlagermusik und hat eine Katze. Außerdem sammelt sie Waffen, am liebsten mit großem Kaliber, und hält mehrere Rekorde auf dem Schießplatz.


Nun ja, Profikillerin wäre noch besser, da hat man fast schon eine Geschichte, wenn der leicht übergewichtige, Kuchen liebenden Enkel sie als Täterin dingfest machen will, ohne zu wissen, dass seine Oma die gesuchte Täterin ist.
Milch
 
Beiträge: 716
Registriert: 29.03.2014, 18:25

Re: Charaktere entwickeln: Techniken, Tipps und Tricks.

Beitragvon Kelpie » 14.11.2014, 20:26

Ich habe festgestellt, dass der Charakter, mit dem ich am besten umgehen kann und von dem ich von der Leserschaft auch die besten Rückmeldungen bekomme, der ist, für den ich am wenigsten getan habe.
Mag daran liegen, dass ich ihn nichts fragen musste - er gab mir die Antworten auf seine Persönlichkeit von ganz alleine.

Ich versuche mal an seinem Beispiel, die in meinen Augen wichtigsten Facetten aufzuschreiben:

Seine Stärke ist in meinen Augen seine Menschlichkeit und dadurch resultierende Gegensätzlichkeit. Ein guter Kerl, der seine Freunde liebt und ihnen gegenüber äußerst großzügig ist - aber allen Menschen, die nicht in diese Sparte oder unter den Begriff "nützlich" fallen, begegnet er mit Grausamkeit. Er ist also weder gut noch böse und seine hilfreichen Taten wechseln sich mit unmoralischen ab.
Des Weiteren hat er eine große Schwäche, und zwar keine, die einfach an Fähigkeiten scheitert ("schlechter Schwertkämpfer", "keinen Humor"), sondern die allein deswegen existiert, weil seine Willenskraft nicht groß genug ist.
Seine Herkunft schlägt sich in seinem Ausdruck und seiner Sprache nieder.
Seine Geschichte (und hierbei ist es nicht wichtig, wie dramatisch sie ist) hat direkte Folgen auf sein Verhalten in der Gegenwart. Begründet in gewisser Weise die Gegensätzlichkeit seines Wesens (Männer töten, meucheln, entehren - ja; Frauen schlagen - nein).
Schließlich und endlich darf der Autor den Charakter in meinen Augen nicht vergöttern. Man neigt ja gerne dazu, perfekte Personen zu erstellen, denen man zwar Macken gibt, aber deren größtes Gut unangetastet bleibt: die Ehre. Solche Charaktere kommen höchst selten in beschämende und entwürdigende Situationen. Man schickt sie in hunderte Schlachten, fügt ihnen tausende Schicksalsschläge zu und verstümmelt ihre Seele aufs Ärgste - ja, man macht sie zu seelischen Krüppeln (unfähig für Beziehungen, Angstzustände) oder Invaliden (nimmt ihnen Körperteile) - aber ihre Ehre greift man nie an: sehr peinliche Situationen, beschämende Abweisungen, Folter oder Verstümmelung der Genitalien, die Erwähnung von banalen menschlichen Bedürfnissen (Harndrang) ...

Was mir außerdem oft fehlt, ist die Sehnsucht des Charakters. Damit meine ich nicht die Motivation und das Ziel ("Ich will König werden", "Ich will dieses Spiel gewinnen", "Ich will die Weltherrschaft an mich reißen", "Ich will die Welt retten"), sondern das tief sitzende Bestreben eines jeden, das unabhängig von seiner Umwelt ist: Freiheitsdrang z.B. Oder das Verlangen nach Liebe. Tiefsitzende Rachegelüste (die noch das häufigste Motiv sind und dadurch leicht ausgelutscht).
Und diese Sehnsucht wiederum sollte in meinen Augen nicht einmal das Handeln des Charakters erklären, denn wir handeln häufig gegen solche Sehnsüchte. Außerdem würden die Sehnsüchte so wieder zu Motivationen degradiert. Vielmehr geht es um eine Facette des Charakters, einen inneren (unerreichbaren?) Wunsch.

Viele Grüße,
Kelpie
Derweilen ist auf dem Feld schon alles gewachsen, bevor die wussten, warum und wie genau es gedeiht. (Franziska Alber)
Benutzeravatar
Kelpie
 
Beiträge: 909
Registriert: 19.03.2013, 18:47
Wohnort: Italien bzw. Baden-Württemberg

Re: Charaktere entwickeln: Techniken, Tipps und Tricks.

Beitragvon cass » 15.11.2014, 11:54

Für mich läuft die Charakterentwicklung in zwei Schritten ab.

Zunächst muss ich die Geschichte mit den notwendigen Stammfiguren besetzen, das ergibt sich zeitgleich mit dem Plot. Die Konstellationen sind dann noch recht klischeehaft und bedienen einen Standardsatz von Archetypen. Allerdings entwickelt sich mit der Plotidee auch das jeweilige Gefühl, dass ich, analog zu meinen Gefühlen gegenüber realen Menschen, habe und das bietet dann die Basis für die weitere Charakterentwicklung. Ich schaue nämlich, was in der Figur löst dieses Gefühl bei mir aus? Und damit habe ich den Grundstock für die Figuren.

Danach kümmere ich mich eigentlich nur noch um den Protagonisten, die anderen entwickeln sich nebenher durch einen stark indivisualisierten Perspektivträger ebenfalls weiter. (in der auktorialen Perspektive würde das alle Charaktere betreffen, in deren Köpfe ich springe). Zentral ist dann für mich nur noch das Emotionale Erleben, denn das bestimmt letztendlich alles andere. Die vergangenen Erlebnisse kreieren das individuelle Potpourri der Emotionen dieser einen Figur und das durchdringt jede Wahrnehmung der Welt und jeden Zukunftsblick für den Protagonisten. Zu jeder Grundemotion (die extremen, in denen wir rein instinktiv handeln mal außen vor gelassen, die sind tricky und sehr selten in Romanen, zumindest bei mir) gesellen sich Anteile anderer Emotionen und diese Zutaten unterscheiden sich in Art und Menge.
Beispiel: Die Figur hat Angst zu sterben. Woraus setzt sich diese Angst zusammen? Hat sie Angst, weil sie ihre Kinder schutzlos in der Welt lässt oder trauert sie um verpasste Gelegenheiten? Wie groß ist die Hoffnung, aus der Situation doch irgendwie wieder herauszukommen und was wird die Konsequenz des Überlebens sein? Rache an ihrem Angreifer, Dankbarkeit gegenüber einer Gottheit, die sie gerettet hat, übertriebene Vorsicht oder ein Grundvertrauen in die Tatsache, dass ihre Aufgabe noch nicht erfüllt ist, ein bewussteres Leben, als sei jeder Tag der letzte, ...? Die grobe Richtung wird durch die Situation und oft auch das Genre vorgegeben, aber nicht die Feinabstimmung. Anders gesagt, ich weiß dann, ich koche eine Suppe, aber ich weiß noch nicht ob Spargelcreme-, Hühner- oder Linsensuppe.
Wenn ich diesen Schritt mache, handeln meine Figuren viel spezifischer. Und damit auch die anderen, die reagieren müssen. Und ich bin gezwungen, die Vergangenheit nicht als lose Eigenschaftssammlung nebeneinander zu stellen, sondern schon als verwobenes Netz zu entwickeln. Das passiert bei mir beim Schreiben.
Alle anderen, für mich künstlichen, Dinge wie Wiedersprüche zu schaffen, Spleens und Eigenheiten entwickeln sich hierbei stimmig und als komplexe Figur. Bastel ich das zusammen bevor ich der Figur Leben einhauche, wird sie bei mir platt und starr, weil sie innerhalb eines von außen aufgelegten Rahmens handeln muss. Das kann bei Nebenfiguren funktionieren, wenn ich mal zu einer Nebenfigur keinen Zugang finde und sie nur kleine Auftritte hat, aber nicht bei wichtigen Figuren.

Vielleicht ist da ja für den einen oder anderen eine Anregung dabei.
cass
 
Beiträge: 1123
Registriert: 19.03.2009, 16:19
Blog: Blog ansehen (2)

Re: Charaktere entwickeln: Techniken, Tipps und Tricks.

Beitragvon Kelpie » 15.11.2014, 12:03

Die Figur hat Angst zu sterben. Woraus setzt sich diese Angst zusammen? Hat sie Angst, weil sie ihre Kinder schutzlos in der Welt lässt oder trauert sie um verpasste Gelegenheiten?

Ich finde, da sprichst du etwas Wichtiges an. Hier wird deutlich, dass Angst eben nicht gleich Angst ist - ein Gefühl allein macht einen Charakter noch nicht individuell.
Derweilen ist auf dem Feld schon alles gewachsen, bevor die wussten, warum und wie genau es gedeiht. (Franziska Alber)
Benutzeravatar
Kelpie
 
Beiträge: 909
Registriert: 19.03.2013, 18:47
Wohnort: Italien bzw. Baden-Württemberg

Re: Charaktere entwickeln: Techniken, Tipps und Tricks.

Beitragvon Hyena » 17.11.2014, 19:30

Ich mische verschiedene Techniken.


1.) Interesse für den Char wecken

Der Chara sollte irgendetwas, egal was, haben, dass ihn interessant macht. Das kann eine mysteriöse Vergangenheit sein, ein ungewöhnlicher Beruf, eine Marotte, eine Philosophie, eine ungewöhnliche Volkszugehörigkeit (Fantasy)... etwas, worüber der Leser gern mehr erfahren möchte.


2.) Glaubwürdigkeit und Tiefe erzeugen durch Detailverliebtheit

Ich überlege mir sehr, sehr genau, wie der Char tickt, was ihn ausmacht und warum - und versuche, das in jedem einzelnen Satz, der ihn betrifft, zum Ausdruck zu bringen, wirklich in jedem. Dies gilt insbesondere auch für seine Art und Weise zu sprechen, wie viele Fremdwörter, wie viele Schimpfwörter, wie lang und komplex sind seine Sätze etc. Auch seine Körpersprache muss individuell sein. Zu manchen Charas passt es zB einfach nicht, wenn sie grinsen. Die lächeln dann stattdessen oder verziehen den Mund etc.


3.) Den char in eine Situation bringen, in welcher der Leser sich fragt, wie er das wohl bitte meistern will.

Sie sollte dazu sein Weltbild, seine Werte und Ideale auf die Probe stellen. zB wird bei mir ein Henker zum Retter seines Deliquenten.
"Ich behaupte, dass jeder Künstler einen inneren Motor hat, etwas das ihn antreibt, ein Defizit, etwas Fehlendes, eine große Sehnsucht, die er mit seiner Kunst vielleicht erfüllen kann." ~ Mein NaNo-Buddy: Höllenhund Lucky
Benutzeravatar
Hyena
 
Beiträge: 230
Registriert: 19.02.2012, 06:52
Blog: Blog ansehen (3)

Nächste

Zurück zu Kreatives Schreiben

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 2 Gäste