[Tragik]Charlotte (6/x)

Tragödien, Tragisches

[Tragik]Charlotte (6/x)

Beitragvon Zukunftsträumer » 19.01.2015, 21:04

Der Tag verging. Zum Mittag hatte immerhin der Regen aufgehört und ich wollte mir einen richtig schönen Sonntag machen. Meine Gedanken aber, die sich fortan nur noch um diese Irre drehten, schienen mir den Tag eher zu versauen. Ich wehrte mich dagegen, versuchte an alles mögliche zu denken, doch sie kehrten immer wieder zu ihr zurück; diese verfluchten Gedanken. Warum nur?

Selbst das Fernsehen mit seinem seit einiger Zeit ohnehin schamlos blödsinnigen Programm konnte mich nicht ablenken. Ich verfiel wieder meiner Grübelei und kam zu dem Schluss, dass sie mich wohl angelogen hatte und einfach davongezogen war. Aber wenn sie dachte, dass ich sie diesmal wieder reinlassen würde, dann hatte sie sich geschnitten! Ich sah mich in meiner Meinung bestätigt, dass Gutmütigkeit und Hilfe anderen Menschen gegenüber nichts als Undank und Verrat einbrachten und ich war selbst schuld! Ihr überhaupt Eintritt gewährt zu haben und sie auf meine Kosten meinen halben Vorrat an Lebensmitteln auffressen zu lassen. Wie leichtsinnig und dämlich! Wahrscheinlich war der ganze andere Rest, den sie mir gegenüber preisgegeben hatte, auch gelogen.

Als meine Wut begann, sich immer weiter hochzuschaukeln, da klingelte es an der Tür. Wie ich es insgeheim nicht anders erwartet hatte, war es Charlotte. Sie hielt mir lächelnd eine Tüte vom Bäcker entgegen. „Ich habe uns Kuchen mitgebracht“, sagte sie. Mir hingegen fehlten die Worte und winkte sie stumm herein. Meine Wut wich einer beruhigenden Erleichterung.
Jeweils ein Stück Nuss-Marzipan-Torte und einen Berliner hatte sie uns mitgebracht. Mein Gast wurde mir langsam unheimlich, denn diese beiden Backwaren waren die liebsten von mir. Meine Verblüffung wurde dann noch getoppt, als sie in meinen alten Sachen im Wohnzimmer platznahm. Woher plötzlich diese Selbstverständlichkeit?

„Endlich hat der Regen aufgehört“, sagte sie rechtzeitig, bevor diese Stille zwischen uns unerträglich wurde. „Diesmal bin ich nicht ganz so nass geworden. Die Sachen habe ich im Bad hingelegt, damit du sie waschen kannst…wenn du willst.“
Ich sah sie eine Weile an und nickte stumm. Was war sie nur für ein Mensch? Einerseits völlig abwesend, abweisend, emotional, andererseits, man möchte sagen normal wie der Standardmensch. Freundlich, höflich. Wenn alle Frauen so undurchschaubar waren wie sie, dann war ich froh, dass ich noch keiner enger verbunden gewesen war.
„Das ich doch noch zurückkomme, damit hättest du wohl nicht gerechnet, was?“
„Nein, nicht wirklich“, bestätigte ich und sie lachte. Das erste Lachen, was ich von Charlotte sah und hörte. „Und das du Kuchen mitbringst…“, fügte ich hinzu und wir beide mussten lachen. Ihr Lachanfall verstärkte sich auch noch, als ich mich dabei verschluckte.
„Wo hast du den Kuchen überhaupt her?“, fragte ich, nachdem wir uns wieder beruhigt hatten.
„Na, vom Bäcker, woher denn sonst?“
„Ja, das ist mir klar. Aber…versteh das jetzt nicht falsch, ich will dich nicht beleidigen, aber als ich dich getroffen habe und auch die erste, nun ja, gemeinsame Zeit hier, hast du eher den Eindruck gemacht, dass du völlig mittellos seist, kein Geld hättest.“
Zu meiner Überraschung nickte sie. „Ja, das stimmt. Ich hatte auch kein Geld bei mir.“
„Soll…soll das etwa heißen, du hast den Kuchen geklaut?“
„Den Kuchen nicht. Aber das Geld, mit dem ich ihn gekauft habe.“
Und das sagte sie in einem Ton, als wäre es das normalste der Welt. Ich fiel in meinen Stuhl zurück. Eine Diebin hatte ich also in mein Haus geholt. In mir keimte ein schrecklicher Verdacht „Und…woher hattest du das Geld?“ Denn mir war eingefallen, dass mein Portemonnaie leicht zugänglich in der Flurkommode lag und es hätte mich nicht gewundert, wenn sie… naja, man kann sich ja denken, was ich vermutete.
Sie schüttelte grinsend den Kopf. „Keine Angst. Dein Geld war es nicht. Ich weiß ja nicht mal, wo du Geld hier liegen hast. Und so schamlos und heruntergekommen wie ich vielleicht wirke bin ich dann ja auch nicht. Das Geld habe ich mir auf eine altmodische aber wirkungsvolle Art und Weise beschafft. Man rempelt einfach einen gut betucht aussehenden Herren an, dessen Gesäßtasche vom prallen Portemonnaie beinahe platzt. Die Finger suchen sich ihren Weg, man entschuldigt sich fürs Rempeln und schon ist man um einige Euros reicher.“ Sie verschränkte überlegen ihre Arme vor der Brust und lehnte sich vergnügt zurück. Ein seltsamer Ausdruck war in ihre Augen getreten, der mir irgendwie Angst machte.

„Na, was denkst du jetzt?“, fragte sie nach Minuten des Schweigens.
„Nun“, erwiderte ich zögernd, „einfach gesagt, denke ich, dass ich aus dir nicht schlau werde. Und damit meine ich, dass, als ich dich zum ersten Mal gesehen habe und so weiter…als du den einen Abend nach dem Fast-Unfall hier warst, du wie ein menschliches, emotionales Wrack gewirkt hast. Du hattest geweint und wirktest völlig verzweifelt und nun kommst du daher, rauchst und beklaust Leute, man muss ja sagen, wie eine Verbrecherin. Und diese Umstände beruhigen mich nicht gerade. Ich finde es zwar schön, dass es dir besser geht, aber…“
Charlotte sah mich geduldig an. Beim längeren Betrachten stellte ich fest, dass sie gar nicht so übel aussah. Sie war nicht wiederzuerkennen. Ihr ganzes Gesicht wirkte lebendiger. Ihre Augen funkelten lebendig in grüner Farbe, sogar ihr Mund schien seine ursprüngliche rote Farbe wiedergefunden zu haben. Ein leichtes Grinsen wuchs um ihre Lippen, je länger ich sie anschaute. Wenn sie grinste, sah sie sogar noch besser aus. Vor allem war sie so…so natürlich. Ihr Gesicht war nicht das einer in unserer Zeit „normalen“ jungen Frau: dick bepackt mit Gesichtspuder, Rouge, Lidschatten, falschen Wimpern, Lippenstift und was es noch so gab. Sie besaß noch das, was man wahre Schönheit nennen konnte, mal abgesehen von den dunklen Augenringen. Ihre Stirnwunde vom Unfall verheilte gut und war nur noch als geschlossener, roter Fleck unter ihren Haaren zu erkennen. Das Pflaster hatte sich wahrscheinlich beim ganzen Regen gelöst.
„Auf jeden Fall“, schloss ich meinen Bericht, bevor ich ins Anstarren verfiel, „erscheinst du mir wie eine Figur aus einem Film. So eine Art Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Gut, vielleicht hattest du vor ein paar Tagen nur eine schlechte Phase gehabt, wie jeder Mensch, das kann natürlich auch sein.“ Eine kurze Pause, in der ich meinen Kaffee austrank. „Das ist größtenteils das, was ich gedacht habe.“


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Re: Charlotte (6/x)

Beitragvon RocketRacoon » 11.03.2015, 12:49

Hallo,

dann versuche ich es mal. Insgesamt fand ich den Text sehr angenehm zu lesen und auch zu verstehen, wenn man die vorherigen Teile nicht kennt. Mir sind hier und da ein paar Formulierungsschwächen und Rechtschreibfehler aufgefallen. Mir kam es vor allem zwischendurch so vor, als würdest du - auf die Formulierungen bezogen - zwischen Alltagssprache und gehobener Sprache schwanken. Gerade in der Ich-Perspektive schreibt man ja gerne, wie einem der Mund fällt, das beißt sich bei dir aber manchmal mit etwas komplexeren Formulierungen. Ich geh den Text einfach mal durch.

Zum ersten Absatz habe ich nichts Großartiges zu sagen, nur, dass hier eben die Umgangssprache auffällt. "Diese Irre", "versauen", "verflucht".

Im zweiten Absatz dann etwas Kontrastprogramm. "Sich in seiner Meinung bestätigt sehen" z.B. ist schon wieder etwas gehobener. Für meinen Geschmack regt das Ich sich zu schnell bzw. zu sehr auf, aber das kann auch daran liegen, dass ich kein Fan von vielen Ausrufesätzen in Fließtexten bin.

Als meine Wut begann, sich immer weiter hochzuschaukeln, da klingelte es an der Tür.


Ich würde das "da" weglassen, da stolpert man drüber.

Bei wörtlicher Rede würde ich immer Absätze machen, bei Sprechbeginn oder Sprecherwechsel. Das ist einfacher zu lesen und zuzuordnen. Wieder fällt mir die Formulierung "waren die liebsten von mir" auf. Versteh mich nicht falsch, ich mag solche Formulierungen, andere würden einfach "meine liebsten/Lieblingskuchen" schreiben, aber danach folgt dann wieder "wurde.. getoppt", was wiederum sehr umgangssprachlich ist.

als sie in meinen alten Sachen im Wohnzimmer platznahm. Woher plötzlich diese Selbstverständlichkeit?


Nahm sie in den alten Sachen im Sinne von alten Klamotten Platz, oder einfach auf einem alten Sofa? Missverständliche Formulierung.

Endlich hat der Regen aufgehört“, sagte sie rechtzeitig, bevor diese Stille zwischen uns unerträglich wurde.


Den Zusatz finde ich richtig, richtig gut.

Die Sachen habe ich im Bad hingelegt,


Sehr ugs. "Ins Bad gelegt" klingt sauberer.

Einerseits völlig abwesend, abweisend, emotional, andererseits, man möchte sagen normal wie der Standardmensch. Freundlich, höflich.


Abwesend/abweisen und emotional passen nicht so gut zueinander. Emotional erweckt die Assoziation von schneller Hysterie, Traurigkeit oder Heiterkeit. Außerdem schreibst du unten, dass er/sie sie das erste Mal lachen sieht. Das passt nicht so ganz. Nach dem "sagen" am besten einen Doppelpunkt setzen.
Der Folgesatz ist wieder richtig schön. Wieder etwas höhere Sprachebene, aber schön.

„Das ich doch noch zurückkomme, damit hättest du wohl nicht gerechnet, was?“


Das mit Doppel-s. Den Fehler machst du danach nochmal. Der Satz klingt etwas holprig und ugs. Vielleicht "Du hast wohl nicht damit gerechnet, dass ich doch noch zurückkomme, oder?"

„Ja, das ist mir klar. Aber…versteh das jetzt nicht falsch, ich will dich nicht beleidigen, aber als ich dich getroffen habe und auch die erste, nun ja, gemeinsame Zeit hier, hast du eher den Eindruck gemacht, dass du völlig mittellos seist, kein Geld hättest.“

Vielleicht noch mal 3 Punkte für ein Zögern statt der Kommas setzen. Würde gut hinter "ich will dich nicht beleidigen" passen, nach so e inem Anfang zögert man ja gewöhnlich. Die Kommas drücken das auch aus, sind aber in dem Satz quasi überpräsent.
Und nach 3 Punkten setzt man noch mal eine Leerstelle, wie nach Kommas etc. auch. Ist mir gerade aufgefallen.

Und so schamlos und heruntergekommen [KOMMA]wie ich vielleicht wirke [KOMMA]bin ich dann ja auch nicht. Das Geld habe ich mir auf eine altmodische[KOMMA] aber wirkungsvolle Art und Weise beschafft.


Ich weiß bislang nicht so viel über deine Charlotte, aber sagt man über sich selbst, dass man schamlos bzw heruntergekommen wirkt? Ich mag ihre Erklärung bzw. den Informationsfluss zu dieser Zeit nicht so gerne, aber das ist sehr persönliche Ansicht. Ich finde es immer gut, wenn man die Charas nicht zu früh zu viel erklären lässt. Aber wie gesagt, das ist komplett persönlich.

schloss ich meinen Bericht, bevor ich ins Anstarren verfiel,


Das kommt von dem Guten ja etwas spät :D



Insgesamt mag ich deinen Text. Du schreibst flüssig und man kann deinem Stil gut folgen. Einzig das Sprachniveau springt manchmal von oben nach unten und wieder zurück. Da fände ich es gut, wenn du dich für eine Linie entscheidest. Gerade bei Ich-Erzähler ist das ja ein bisschen tricky. Und sonst... wie gesagt, Absätze bei wörtlicher Rede und ein paar Kommas beachten.
Zum Inhalt kann ich nicht so arg viel erzählen, weil ich die übrigen Teile nicht gelesen habe. Sehr viel kommt ja auch nicht vor. Aber die Erzählung ist flüssig und die Reaktionen logisch, es gibt keinen WTF-Moment, bei dem man denkt, dass eine Person sich seltsam oder außerhalb seines Charakters verhält.

So weit von mir.
Ich hoffe, ich konnte dir helfen. :dasheye:

Alles Liebe,
Rocket
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