[Tragik]Das Christkind 1/2 [Weihnachtswettbewerb]

Tragödien, Tragisches

[Tragik]Das Christkind 1/2 [Weihnachtswettbewerb]

Beitragvon Arya14 » 08.12.2014, 17:22

Schnee fiel in weißen, im sterbenden Licht glitzernden, Schneeflocken vom Himmel herab. Rick nahm einen Schluck aus der Wodkaflasche und starrte auf das Grab zu seinen Füßen.
Es war für ihn zu einem gewissen Ritual geworden, jedes Jahr zum gleichen Tag an das Grab zu kommen und sich zu betrinken, um die Erinnerungen auszulöschen und den Schmerz zu betäuben.
Vom Schnee gedämpfte Schritte drangen an sein Ohr und es dauerte einen Moment, bevor er durch das leichte Schneetreiben – oder war es der Nebel in seinem Kopf, der ihm die Sicht verschleierte? – eine Gestalt erkennen konnte, die mit hochgezogenen Schultern und den Händen in den Manteltaschen, auf ihn zukam.
„Fröhliche Weihnachten“, sprach ihn der Mann mit freundlicher Stimme an und hob die Hand zum Gruß.
„Ich scheiß' auf Weihnachten.“, murmelte er, ohne dem Fremden weitere Beachtung zu schenken. Er merkte wie seine Zunge, die schwer vom Alkohol war, die Worte nur langsam über seine Lippen brachte.
„Und zu dem Schluss kommst du - weil?“ Der Andere war verwundert neben ihm stehengeblieben. „Keine Freunde, Verwandte oder so, die auf dich warten, um mit dir zu feiern?“
„Weder wartet jemand auf mich, noch gibt es was zum Feiern.“
„Aha.“ Etwas ratlos streckte ihm der Fremde nach kurzem Zögern die Hand entgegen. „Ich bin übrigens Cris. Und du bist?“
„Nicht an einem Gespräch interessiert.“, gab er zurück und betrachtete stirnrunzelnd die ihm dargebotene Hand.
Schweigend standen sie eine Zeit lang nebeneinander und starrten auf das Grab hinab, bis Cris erneut zu sprechen begann: „Sich auf einem Friedhof zu betrinken dürfte jedenfalls die traurigste Variante sein, Heiligabend zu verbringen.“
„Und hab ich dich nach deiner Meinung gefragt?“, fuhr Rick ihn verärgert an. „Immer noch besser als ein Weihnachtsfest mit Verwandten, deren äußerlich glücklicher Anschein einzig ein geheucheltes Schauspiel ist.“
„Ist das der Grund, weshalb du an Weihnachten die Anwesenheit der Toten den Lebenden vorziehst?“
„Das ganze Fest ist ein reines Produkt der Medien. Von den überfüllt geschmückten Wohnzimmern über die extrem kitschigen Weihnachtsbäumen bis hin zur übertrieben fröhlichen Vorweihnachtsstimmung, die die Medien zu verbreiten versuchen. Bei mir erzeugt das nichts als Übelkeit.“
„Zum Teil hast du ja Recht. Aber es ist nicht bei jedem, wie du es beschreibst. Meine Söhne sind erst vier und sechs Jahre alt. Sie glauben noch an den Weihnachtszauber. An das Christkind. Sie haben das Träumen noch nicht verlernt und ich finde das ist das Schönste. Das Leuchten der Kinderaugen in erwartungsvoller Vorfreude. Das hat seinen ganz eigenen Zauber.“
„Nur hat die Realität nichts für Träumereien übrig. Fakt ist, das Christkind ist tot.“
„Aha.“, meinte Cris, etwas unsicher, was er darauf erwidern sollte. „Wenn du das den Kindern erzählst, ist es kein Wunder, wenn die nicht mehr an das Christkind glauben. Wie kommst du denn auf so was?“
„Ich hab sie sterben sehen.“, fuhr Rick ihn aufgebracht an.
Cris bedachte den jungen Mann mit einem nachdenklichen Blick. „Was ist passiert?“
Rick spürte wie seine Wut allmählich abebbte. Er war müde. War es leid einem Mann, dem er gerade erst begegnet war, Rechenschaft ablegen zu müssen. Was für einen Grund sollte es geben, dass er gerade einem Fremden sein Herz ausschüttete? Aber vielleicht war gerade das der springende Punkt. Vielleicht brauchte es einen Fremden, um darüber sprechen zu können.
„Schön, du willst also meine Geschichte hören, ja? Erwarte aber kein Happy End. Der Illusion hatte ich mich bereits vergeblich hingegeben.“ Rick rieb die kalten Hände aneinander und überlegte kurz. „Meine Eltern sind gestorben, bevor ich überhaupt alt genug war, ihre Namen auszusprechen. Aufgewachsen bin ich dann in einem Waisenhaus. Ich habe eine ganze Menge Mist gebaut, als ich noch jünger war: Prügeleien, Ladendiebstähle, Autos geknackt. Bin aber immer mit einem blauen Auge davon gekommen.
Dann hab ich mich eines Tages mit einem Typ von der eher übleren Sorte eingelassen, Connor war sein Name. Ihm schuldete ich einen ganzen Haufen Kohle, den ich weder hatte, noch auftreiben konnte, egal wie oft er mich dazu aufforderte.
Es war kurz vor Weihnachten, ist jetzt drei Jahre her, als Connor mich wieder mal abgefangen hat. Diesmal schien er meine Ausreden jedoch nicht schlucken zu wollen. Er hat ziemlich deutlich gesagt, was passieren würde, wenn ich nicht zahle. Deadline war Heiligabend. Wir wussten beide, dass ich im Grunde schon so gut wie tot war.
Nebenbei hatte ich allerdings auch noch Sozialstunden auf der Kinderstation im Krankenhaus abzuleisten. Somit war keine Zeit, das Geld zu beschaffen. Aber dort traf ich dann sie zum Ersten Mal.“


3 Jahre zuvor…

Etwas atemlos erreichte Rick den fünften Stock, stieß die Tür zur Station auf und wurde fast von einer Duftwolke erschlagen, als ihm der Geruch von Vanille, Zimt und Lebkuchengewürz entgegenwehte. Er trat in den schummrig erleuchteten Gang und ließ die Türe hinter sich ins Schloss fallen, während er seinen Blick über die Umgebung schweifen ließ. Bunte Bilder von Nikoläusen und Tannenbäumen, die von krakeliger Kinderhand gemalt waren, zierten die Wände und bunte Engel aus Seidenpapier waren an die Fensterscheiben geklebt. Auf den Tischen, die an den Seiten des Flures aufgestellt waren, lagen Tannenzapfen und brennende Kerzen standen neben Porzellan-Schneemännern auf den Fensterbrettern und Tischen. Ein großer Tannenbaum, mit blauen und silbernen Weihnachtskugeln geschmückt, war in der Mitte der Station aufgestellt worden. Selbstgebastelter Christbaumschmuck, Figuren aus bemaltem Salzteig und bunte Origami-Figuren baumelten von den Zweigen herab. Neben dem Baum waren einige gemütliche Sessel und Sofas aufgestellt, auf denen knapp zwei Dutzend Kinder in Schlafanzügen saßen. Eingemummelt in warme Decken, blickten sie ihn aus ihren großen, kindlichen Augen erwartungsvoll an. Rick konnte sich nicht daran erinnern, schon einmal so viele Kinder auf einmal gesehen zu haben, die derart still und geduldig auf etwas warteten.
Lächeln ist die eleganteste Art, seinen Gegnern die Zähne zu zeigen.
Werner Finck
Arya14
 
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