Hallo,
folgende Kurzgeschichte wurde für den ersten Muttertag meiner Freundin verfasst.
Gruß,
Jensolo
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Der alte Mann
Müde kniff der alte Mann die Augen zusammen. Innerhalb weniger Züge würde er seinen Gegner Schach-Matt setzen. Er durfte jetzt nur keinen Fehler mehr machen. Die gegnerische weisse Dame war bereits dem schwarzen Reiter zum Opfer gefallen, die Türme waren von schwarzen Läufern überrannt und die weissen Reiter in einen Hinterhalt gelockt worden.
Bedächtig griff er nach dem schwarzen Turm und flankierte mit ihm seine Dame. Er atmete tief durch. So weit, so gut.
Mit einem geübten Handgriff drehte er das Spielbrett herum und ließ die gegnerische Seite reagieren. Der König versuchte sich zwar aus der schwarzen Fessel heraus zu winden, wurde jedoch vom schwarzen Reiter unvorbereitet erwischt.
<Schach-Matt.> flüsterte der alte Mann seinem Gegner zu und räusperte sich, um seine Stimme wieder zu wecken.Er lehnte sich in seinem alten Holzstuhl zurück und sog die Luft ein. Erst als er ihre Würze schmeckte, fiel ihm der starke Regen um ihn herum auf.
Der Regen. Er liebte den Regen. Umso mehr genoß er das Dasitzen auf der Veranda seines kleinen Hauses. Das Plätschern der Tropfen in den Pfützen vor seinem Haus verlor sich in der Ferne allmählich in einem lauten und dunklen Rauschen. Die Welt um ihn herum war stumm und er konnte sich in Ruhe seinen Gedanken widmen. Seine Frau hatte ihn früher immer gefragt, woran er dann denke, wenn er wie so oft in seine Gedankenwelt versank. Darauf antwortete er immer, dass sich die Gefühle, die er dabei empfand, nur schlecht in Worte fassen ließen und diese zudem aus einem einzigen Wirr-Warr bestanden, den man sofort vergisst, wenn man unterbrochen wird. Und so dachte er wieder, auf seine eigene Art und Weise, über Vergangenes nach. Während er in diesen Bildern schwelgte, verging die Zeit und das Plätschern der Tropfen begann leiser zu werden, bis es schließlich ganz verstarb.
Er blieb noch eine Zeit lang sitzen, dann stand er auf und ging hinein. Er ging vorbei an großen Bücherregalen, liebevoll gepflegten Zimmerpflanzen und Reliquien aus längst vergangenen Tagen, bis er schließlich vor einem Schrank voll mit Ordnern stehen blieb.
Diese enthielten Hunderte von Fotografien, welche alle Arten von Pflanzen aus jeglichem Blickwinkel für die Ewigkeit festhielten. Gezielt griff er in ein im Vergleich zu den anderen scheinbar leeres Fach und zog ein in edles Leder gebundenes Album hervor.
Mit diesem unter dem Arm begab er sich in den Garten auf der Westseite des Hauses und setzte sich auf eine alte Bank. Der alte Mann mochte diesen Platz. Um die Bank herum wucherte eine alte Rose die Hauswand hinauf und verbreitete ihren zarten Duft. Er klappte das Album auf und blätterte langsam und ohne Eile von einer Seite zur nächsten. Oft musste er lächeln, doch manchmal entrangen ihm die Bilder auch kleine Tränen, die im letzten Licht glitzerten.
Kurz bevor die Sonne untergegangen war, schloß er das Buch und sah ihr zu, wie sie ihr letztes Licht verstrahlte, um schließlich ihr Ende zu finden. Mehrere Minuten saß er noch so da und starrte zum Horizont, bis die abendliche Kühle unter seine Kleidung gekrochen war und es ihr zu frieren begann.
Bevor er letztendlich zu Bett ging, spielte er noch ein paar Lieder auf seiner Gitarre, um die Kraft für einen weiteren Tag zu schöpfen. Nachdem auch das letzte Licht verschwunden war, legte er sich schlafen. Während noch die Lieder seiner Gitarre in seinen Ohren klangen, schlief er ein.
Your Passin' brought the Silence
On that dark November Day
Er träumte von Wind. Starkem Wind. Laub das durch die Luft wirbelte. Das Tosen des Sturmes.
The Sun was headin' for the West
But it left Me here to stay
Eine unsichtbare Hand greift nach ihm. Er fliegt. Sieht ein fernes Land. Ein Haus.
So I set my Sail für Hope of a gentle Breeze
Till the bury Me next to You
Ein Kind lacht. Sein Sohn. An der Treppe, seine Frau. Sie lächelt ihn an. Dann umarmt sie ihn.
Cause there ain't no Home, where no one
is waiting for You
Langsam wurde es still im Schlafzimmer des alten Mannes. Kein Geräusch mehr. Keine Bewegung. Kein Atemzug.
Er war zuhaus'.
