[Sonstiges]Der alte Schimanek (Intro)

Historisches, Kindergeschichten, Theater und alles, was kein Forum findet
Bitte benutze in diesem Forum ein eindeutiges Tag für dein Werk!

[Sonstiges]Der alte Schimanek (Intro)

Beitragvon Hark » 16.05.2015, 22:27

Hallo zusammen,
der Ausschnitt ist einem Genre nicht zuzuordnen, daher stelle ich ihn mal hier ein.

Geänderte Version 17.05.2015:


„Verdammt, Du hast den Job, Wilhelm Rappens“, grinste er breit aus dem Badezimmerspiegel zurück, fuhr sich über das stoppelige Kinn und griff zum Rasierer.

Die alte Fabrik am Flussufer. Schimanek, Kugellager und so. Viel Papierkacke. Aber gut bezahlt. Und ein geachteter Familienbetrieb mit langer Geschichte und gutem Namen.

„Einmal glatt wie’n Babyhintern, bitteschön“, kasperte der 26jährige Jungingenieur während warmes Wasser ins Waschbecken plätscherte. „Jawohl Herr Rappens, aber nur, wenn Sie mir ein richtig dummes Gesicht zeigen“. Willi hob die Augenbrauen und rollte die kaffeebraunen Augen, dann verstrubbelte er sein dichtes schwarzes Haar, stellte mit den Fingern beide Ohren auf und streckte die Zunge heraus. „Danke, reicht schon!“. Bestens gelaunt erledigte der neue Qualitätsbeauftragte der Schimanek’schen Kugellagerfabriken seine Morgentoilette.

Die Fabrik bezog noch immer einen Gutteil des benötigten Stroms aus einem eigenen Wasserkraftwerk, erbaut irgendwann in den 1920igern. Roter Ziegelsteinbau mit runden Bögen über den doppelflügeligen Fenstern. Auf der Südwestseite erhob sich ein Turm über das Gebäude hinaus, welcher sicher eine gute Sicht durch die zahlreichen kleineren Fenster bot und darüber hinaus eine weithin sichtbare Werksuhr enthielt. Sie zeigte zehn vor Acht.

Willi war pünktlich, und das lag nicht unwesentlich daran, dass sein alter Passat heute gewillt war, den Motor zu starten. Er rollte langsam auf die geschlossene Werksschranke zu und blickte zur Pförtnerkabine. Der Pförtner trat unbeholfen heraus und Willi sah einen jungen Kerl mit Schnauzer. Sein linkes Bein zog er nach. Ebenso hing der linke Arm schlaff im Ärmel seiner Uniform herab. Dazu die Pförtnermütze auf einem jugendlichen Gesicht, eine groteske Erscheinung. Er hob den rechten Mundwinkel zu einer Grimasse, winkte ihm zu und Willi fuhr zu den Parkplätzen.

„Arme Sau“, sagte er sich. „So jung, und dann so was. Irgendein verdammter Unfall. Dann wirst Du Pförtner und sitzt in dieser Kabine 45 Jahre ab. Schranke hoch und Schranke runter. Hundertfünfzig mal am Tag.“

Er fand einen Parkplatz und begab sich durch einen langen Gang zum Büro der Werksleitung. Es roch nach Schmiermitteln. Als er vor dem Sekretariat stand, prüfte er nochmals den Krawattenknoten und klopfte beherzt an die vertäfelte Holztür, in die ein Glasfensterchen eingelassen war.

„Herein"

"Ach Sie müssen der Herr Rappens sein, nicht wahr?“, flötete eine angenehme weibliche Stimme. „Sie sind also unser neuer Mitarbeiter, schön. Herr Tillmann unser Prokurist, den Sie ja bereits kennen, hat Sie schon angekündigt“, sagte die junge Dame und wandte sich wieder ihren Papieren zu.

Willi sah sich um. Seltsam altmodisch war hier alles. Die Schränke, die Aktenordner, der geflieste Boden. Für die Lampenschirme würden Sammler heute ein Vermögen bezahlen. Die Lady hier passte gar nicht zu dem Staub und den Urkunden der Vergangenheit, welche überall entlang der Bürowände in großen Rahmen angebracht waren.

Jetzt erst wurde er des leisen Vibrierens im Raum gewahr, das von einem kaum hörbaren regelmäßigen Knacken begleitet wurde. Er wollte gerade den Mund aufmachen, um die schlanke blonde Dame, welche ihn so freundlich begrüßt hatte, zu befragen, als plötzlich Herr Tillmann den Raum betrat und Willi zu sich bat.

Herr Rupert Tillmann, ein Endfünfziger, der nicht so wirkte, als wolle er noch Bäume ausreißen, erklärte freundlich die Aufgabe, die Willi bereits kannte. In einem schweren Ledersessel sitzend folgte er geduldig den Ausführungen des Firmenlenkers. Doch die langsame Sprechweise und die stets harmonische Betonung aller Silben zum einen, der Geruch von kaltem Pfeifenrauch, das Ticken der schweren Wanduhr und das unterschwellige Vibrieren zum anderen, wirkten sehr ermüdend auf ihn. Herr Tillmann sprach von Zahlen, Daten und Abgleichungen, aber Wilhelm Rappens fühlte sich wie in einem bleischweren Traum. Die Realität schien sich langsam aufzulösen und wurde zeitlos.

„Herr Rappens, nun habe ich Ihnen eigentlich alles gesagt. Bis auf Eines.“

Tillmanns Stimme klang nun ernst, und Willi wurde nun wieder aufmerksam.

„Tja, also es ist so, dass sie diese Abgleichungen mit unserem Seniorchef, dem alten Herrn Schimanek machen müssen. Da besteht er darauf, das lässt er sich nicht nehmen. Sie finden Ihn ganz oben, im Turm“, sagte der Prokurist und machte eine Kopfbewegung nach oben. „…manchmal jedenfalls“ setzte er kaum hörbar noch hinzu und wandte sich ab.

Etwas benommen verließ Willi das Büro und nahm seinen Schreibtisch in einem kleinen Büro am Ende des Ganges ein. Eines der schmalen Fenster ließ immerhin einen Blick auf die reizvolle Landschaft und den Fluss zu, der unterhalb ein mächtiges Mühlrad antrieb. „Das ist also wohl die Quelle der Vibrationen“ sagte er zu sich selber und versuchte, das Fenster zu öffnen, was ihm mit einiger Anstrengung auch gelang. Kalte Luft und der Geruch des Gewässers schlugen ihm entgegen. „Aber warum knackt es so seltsam?“

Tja, warum nur? Noch weiß ich es selbst nicht. Aber es könnte was richtig Fieses dahinter stecken :mrgreen:
Freue mich auf Kommentare.

Hark
Zuletzt geändert von Hark am 17.05.2015, 13:06, insgesamt 4-mal geändert.
Benutzeravatar
Hark
 
Beiträge: 136
Registriert: 09.12.2014, 19:19

Re: Der alte Schimanek (Intro)

Beitragvon Arynah » 17.05.2015, 09:05

Hallo Hark :D Ich bemühe mich, einen ordentlichen ersten Kommentar hinzulegen ^^'

„Verdammt, Du hast den Job, Wilhelm Rappens“, grinste er sich breit aus dem Badezimmerspiegel entgegen, fuhr sich über das stoppelige Kinn und griff zum Rasierer.


Ich finde, dass ist ein sehr guter Einstieg. Man erfährt nur ein einem Satz, bzw einer Aussage und einem Satz, die Ausgangslage. Der Protagonist wird vorgestellt. Da er sich rasieren muss und einen Job hat, ist er auch kein Jüngling mehr und wir wissen, dass er diesen Job neu hat.
Aber dieser Anfang wirft natürlich auch Fragen auf. Man will wissen, was für ein Job das ist und wer genau Willi ist.

Die alte Fabrik am Flussufer. Schimanek, Kugellager und so. Viel Papierkacke. Aber gut bezahlt. Und ein geachteter Familienbetrieb mit langer Geschichte und gutem Namen.


Dieser Einschub hat mir gefallen. Er ist kurz und derbe geschrieben und vermittelt gleichzeitig zwei Dinge. Zum einen, wo er arbeiten wird und zum anderen die Persönlichkeit von Willi. Ich vermute, dass Willi kein nerviger Spießer ist und eben das macht ihn sehr sympathisch für mich.

„Einmal glatt wie’n Babyhintern, bitteschön“, kasperte der 26jährige Jungingenieur und ließ warmes Wasser ins Waschbecken plätschern. „Jawohl Herr Rappens, aber nur, wenn Sie mir ein richtig dummes Gesicht zeigen.“ Willi hob die Augenbrauen und rollte die kaffeebraunen Augen, dann verstrubbelte er sein dichtes schwarzes Haar, stellte mit den Fingern beide Ohren auf und streckte die Zunge heraus. „Danke, reicht schon!“.


In diesem Teil würde ich versuchen, es genauer festzumachen, dass Willi mit sich selbst spricht. Mich hat es beim ersten Lesen verwirrt, auch wenn es in einem Absatz geschrieben ist und geschrieben wird, dass er "kasperte". Dies könnte man nämlich auf die Aussage mit dem Babyhintern beziehen, wenn es nicht sogar so sein soll ^^'
Man könnte sagen, dass der zweite Redebeitrag einfach mit verstellter Stimme folgt.

Kaffeebraune Augen: Ich finde, das ist eine sehr schöne Beschreibung. Man hat sofort einen angenehmen, dunklen Braunton in der Vorstellung, der sogar lebendig wirkt.

Bestens gelaunt beging der neue Qualitätsbeauftragte der Schimanek’schen Kugellagerfabriken Kommanditgesellschaft seine Morgentoilette.


Dieser Satz weist zu viele lange Worte auf. Als ich ihn gelesen habe, übersprang ich die ganzen Wörter einfach. Das ist wie mit großen Zahlen. 23423895723529035 schlüsselt sich niemand auf, außer er muss. Das Problem ist, dass es wohl zu deinen Worten keine große Alternative gibt, weshalb man den Satz vielleicht einfach aufteilen könnte. So wäre das eine Möglichkeit:
"Bestens gelaunt beginn der neue Qualitätsbauftragte seine Morgentoilette. Bald musste er los. Er war nun ein Mitarbeiter bei der Schimanek Kugellagerfabrik. Oder um genauer zu sein die Schimanek’schen Kugellagerfabriken Kommanditgesellschaft."
Auf diese Weise bündeln sich die langen Worte nicht so. Schimanek Kugellagerfabrik wird zwar wiederholt, kann aber beim Anhängen von Kommanditgesellschaft einfach 'überlesen' werden, da man es schon kennt.
Natürlich kannst du auch statt Kommanditgesellschaft KG schreiben. Wobei ich selbst kein Fan von Abkürzungen bin.

Auf der Südwestseite erhob sich ein Turm ein zusätzliches Stockwerk über das Gebäude hinaus, welcher sicher eine gute Sicht durch die zahlreichen kleineren Fenster bot und darüber hinaus eine weithin sichtbare Werksuhr enthielt.


Dieser Satz ist zu lang. Dadurch fällt es schwer, den Inhalt zu ermitteln und man muss ihn mehrmals lesen, um sich ein Bild zu machen. Deshalb würde ich ihn aufteilen.
Ebenso erschließt sich mir der erste Teil dieses Satzes inhaltlich nicht ganz. Es scheint, als fehlte ein Verb oder ein Komma und ein Verb. Oder Gedankenstriche. Ich hätte vermutet, dass 'ein zusätzliches Stockwerk' ein Einschub ist, aber als Turm stelle ich mir kein Stockwerk vor, weshalb zumindest für mich diese Beschreibung irreführend ist und ich darüber stolpere.

Willi war pünktlich, und das lag nicht unwesentlich daran, dass sein alter Passat heute gewillt war, den Motor zu starten.


Den Satz mag ich sehr :D Zynische Witze gefallen mir fast schon am besten und es beschreibt dennoch freundlich, welche Leiden manche senile Rentner doch verursachen können ;D Viele werden wissen, was gemeint ist und sich die ganze zugehörige Szene sogar vorstellen. Gleichzeitig identifiziert man sich weiter mit Willi, da er wohl die gleichen Probleme wie man selbst hat.

Die Pförtnermütze auf dem jugendlichen Gesicht, dessen Muskulatur offenbar nur auf der linken Hälfte des Körpers zu funktionieren schien, wirkte clownesk.


Ich wusste vorher nicht, dass man 'clownesk' sagen konnte. Das Wort ergibt Sinn, schließlich kennst man ja auch Ausdrücke wie 'grotesk', aber ich denke bei vielen Lesen könnte dies ein Stolperstein sein. Außer natürlich deine Zielgruppe ist gebildeter als ich xDD

„Arme Sau“, sagte er sich.


Da muss (mal wieder) ein Komma hin. Die Kommata bei den Redebeiträgen lässt du allgemein immer weg.

„Herein, ach Sie müssen der Herr Rappens sein, nicht wahr?“, flötete eine angenehme weibliche Stimme. „Sie sind also unser neuer Mitarbeiter, schön. Herr Tillmann unser Prokurist, den Sie ja bereits kennen, hat Sie schon angekündigt“, sagte die junge Dame und wandte sich wieder ihren Papieren zu.


Ich finde, hier hast du allein durch die Aussage der Dame und den Redebegleitsatz sie schon gut charakterisiert. Du beschreibst sie nicht weiter, aber das ist auch nicht wichtig. Durch 'flötete' und 'angenehm[e]' habe ich sofort ein Bild im Kopf. Eine junge, blonde Sekretärin mit Stiftrock und weißer Bluse. Ihr Haar ist zu einem Knoten gebunden und auf ihren Lippen ein Lächeln. Was sich darauf ja sogar teils bestätigt :D

Er wollte gerade den Mund aufmachen, um die schlanke blonde Dame, welche ihn so freundlich begrüßt hatte, zu befragen, als plötzlich Herr Tillmann den Raum betrat und Willi zu sich bat.


Der Satz ist (mir) wieder zu lang. Er wirkt heruntergerattert und wie eine Aufreihung von Informationen und Ereignissen. Hier würde ich empfehlen ihn zu teilen. 'welche ihn so freundlich begrüßt hatte' kannst du sogar ganz weg lassen. Das würde den Satz sogar kürzen und man müsste ihn nicht teilen. Außer dieser Teilsatz wart Sarkasmus, denn besonders freundlich, dass man es erwähnen müsste, kam mir ihre Begrüßung nicht vor ^^'

Herr Rupert Tillmann, ein Endfünfziger, der keine Bäume mehr auszureißen gedachte, erklärte freundlich die Aufgabe, die Willi bereits kannte.


Zwei Relativsätze in einem Hauptsatz sind mir persönlich zu viel. Dadurch wirkt der Satz etwas verschachtelt und heruntergerattert. Man könnte den zweiten Relativsatz einfach in den Hauptsatz einfügen und schreiben:
"[...], erklärte freundlich die ihm/Willi bereits bekannte Aufgabe."
Das ist aber eben nur Geschmackssache.

Doch die langsame Sprechweise und die stets harmonische Betonung aller Silben zum einen, der Geruch von kaltem Pfeifenrauch, das Ticken der schweren Wanduhr und das unterschwellige Vibrieren zum anderen, wirkten sehr ermüdend auf ihn.


Das ist ein langer Satz, den ich gut so finde. Dadurch, dass er eben so geschrieben ist, als Aufzählung, wirkt er auch ermüdend und der Leser bekommt die Gefühle von WIlli viel besser vermittelt. Nur dieses 'zum einen' klingt etwas holprig, auch wenn es sich durch das 'zum anderen' erschließt. Man könnte es einfach weglassen und der Satz läse sich flüssiger. Inhaltlich verlieren täte er dadurch nichts. Tatsächlich könnte man sogar noch eine Beschreibung einfließen lassen xD

„Tja, also es ist so, dass sie diese Abgleichungen mit unserem Seniorchef, dem alten Herrn Schimanek machen müssen. Da besteht er darauf, das lässt er sich nicht nehmen. Sie finden Ihn ganz oben, im Turm., sagte der Prokurist und machte eine Kopfbewegung nach oben. „…manchmal jedenfalls“, setzte er kaum hörbar noch hinzu und wandte sich ab.


Soweit ich weiß, lässt man die Punkte bei normalen wörtlichen Reden weg, wenn ein Redebegleitsatz folgt. So habe ich persönlich es jedenfalls gelernt und du hast es im Text ja sonst auch so gemacht.

„Das ist also wohl die Quelle der Vibrationen“, sagte er zu sich selber und versuchte, das Fenster zu öffnen, was ihm mit einiger Anstrengung auch gelang.


Komma :D

Fazit: Insgesamt hat mir der Text sehr gefallen. Deine Beschreibungen sind witzig und ich finde Willi sehr sympathisch. Von ihm würde ich mehr lesen. Seine Art gefällt mir, da sie mich an mich selbst erinnert, weshalb ich mich gut mit ihm identifizieren kann.
Obwohl du die Dinge kaum ausschweifend beschreibst, habe ich dennoch schöne und ausführliche Bilder im Kopf. Du findest die richtigen Worte, damit eben solche Bilder entstehen, ohne den Text aufzublähen.
Insgesamt lag die meiste Kritik an deinen langen Sätzen und den fehlenden Kommata. Du hast einen schönen Stil, den ich mag ;D

Ich persönlich bin neugierig, was dieses mehrfach erwähnte Knacken ist :)
Neuer Blogartikel: [Wie schreibe ich mehr?]
Benutzeravatar
Arynah
 
Beiträge: 241
Registriert: 24.03.2015, 16:25

Re: Der alte Schimanek (Intro)

Beitragvon Schnuddel » 17.05.2015, 10:44

Hallo Hark,


Seit Ewigkeiten habe ich kein Werk mehr kommentiert, aber ich denke, ich versuche es an deinem mal wieder. Allein die Tatsache, dass ich mich nicht mit Rechtschreib- und Kommafehlern auseinandersetzen muss, lohnt die Mühe.
Es geht um reine Textkritik und nicht um dich persönlich, das vorweg. Außerdem ist das meine persönliche Meinung. Du kannst was davon annehmen oder sie komplett in die Tonne klopfen, das bleibt immer noch dir überlassen. :wink:

Also: Dein Text hat mir gefallen und macht neugierig. Kurz genug, um kurzweilig zu sein, lang genug, um nicht vollkommen im Dunkeln zu tappen. Was mich trotzdem veranlasst hat, meinen Senf dazu zu geben, zeige ich dir im Einzelnen.

„Verdammt, Du hast den Job, Wilhelm Rappens“ grinste er sich breit aus dem Badezimmerspiegel entgegen, fuhr sich über das stoppelige Kinn und griff zum Rasierer.

Zweimal 'sich' in einem Satz ist eine unschöne Doppelung. Um das zu vermeiden, müsstest du den ersten Teil des Satzes umschreiben und die verwirrende Doppelreflexion herausnehmen. (Er grinst ja in den Spiegel und sieht sich zurückgrinsen). Wie wäre es mit: grinste sein Gegenüber breit aus dem Badezimmerspiegel, fuhr sich über das ...
Nur ein Vorschlag. Vielleicht fällt dir was Besseres ein.

Die alte Fabrik am Flussufer. Schimanek, Kugellager und so. Viel Papierkacke. Aber gut bezahlt. Und ein geachteter Familienbetrieb mit langer Geschichte und gutem Namen.

Hier geht es los mit einer Eigenart, die mir im Laufe des Textes immer wieder aufgestossen ist: deine inflationäre Verwendung des armen Wörtchens 'und'.
Ist zwar umgangssprachlich üblich, liest sich aber nicht gut. Man kann praktisch immer - am Satzanfang vor allem - darauf verzichten. :D

kasperte der 26jährige Jungingenieur und ließ warmes Wasser ins Waschbecken plätschern

Die deutsche Sprache hält so viele Möglichkeiten bereit, ein 'und' zu vermeiden. Meistens liest sich der Text hinterher flüssiger und abwechslungsreicher. Meine Meinung.
Vorschlag: kasperte der 26jährige Jungingenieur, während warmes Wasser ins Waschbecken plätscherte.

Bestens gelaunt beging der neue Qualitätsbeauftragte der Schimanek’schen Kugellagerfabriken Kommanditgesellschaft seine Morgentoilette.

Die Fabrik bezog noch immer einen Gutteil des benötigten Stroms aus einem eigenen Wasserkraftwerk, erbaut irgendwann in den 1920igern.

So, ich gebe zu, das könnte man schon unter Erbsenzählerei einordnen, aber ich wollte es wenigstens mal erwähnen. Wenn man den Text laut liest, fällt einem der gleichklingende Wortanfang von 'beging' und 'bezog' auf. Mir jedenfalls. Auch so etwas liest sich nicht gut. Zumal: Beging die Morgentoilette doch ein eher unüblicher Ausdruck ist und sich relativ leicht ersetzen ließe. :dasheye: Warum erledigt er die Morgentoilette nicht einfach? Dann wäre der Käs gegessen. :D

Auf der Südwestseite erhob sich ein Turm ein zusätzliches Stockwerk über das Gebäude hinaus,

Bei dem Satz kriege ich einen Knoten im Hirn. Da hast du irgendwas vergessen, lies da noch mal drüber.

Auf der Südwestseite erhob sich ein Turm ein zusätzliches Stockwerk über das Gebäude hinaus, welcher sicher eine gute Sicht durch die zahlreichen kleineren Fenster bot und darüber hinaus eine weithin sichtbare Werksuhr enthielt. Sie zeigte zehn vor Acht.

Du neigst zu Nebensatzeritis. Mir sind deine Sätze zu lang, zumal da manchmal Dinge in einem Atemzug genannt werden, die meiner Ansicht nach getrennt gehören. Wie in diesem. Mein Gefühl als Leser an dieser Stelle ist: du schmeißt mich hin und her.
Wie soll ich das erklären? Du beschreibst den Turm, der wohl das gesamte Gebäude überragt. Da stehe ich als Leser außen und sehe mir von weitem den Turm an. Im nächsten Moment vermutest du eine gute Aussicht durch die vielen kleinen Fenster, und als Leser stehe ich plötzlich in dem Turm und gucke nach draußen. Dann packst du mich wieder, indem du von der Uhr erzählst, und wieder stehe ich draußen auf dem Werksgelände und sehe mir die große Uhr von außen an. Versteh mich nicht falsch: das ist kein schlechter Satz. Aber irgendwie fühle ich mich als Leser gegen den Strich gebürstet, wenn ich ihn lese. :mrgreen:
Um den Turm zu beschreiben, würde ich die beiden Außenansichten zusammenfassen: Die Größe, Lage, und Form des Turmes mit seiner Uhr. Die Aussicht durch die Fenster gehört in einen neuen Satz. Klar soweit?

Der Pförtner trat heraus und Willi sah einen jungen Kerl mit Schnauzer, der seltsam verkniffen grinste und sich ungelenk bewegte. Die Pförtnermütze auf dem jugendlichen Gesicht, dessen Muskulatur offenbar nur auf der linken Hälfte des Körpers zu funktionieren schien, wirkte clownesk. Er winkte ihm unbeholfen zu und Willi fuhr zu den Parkplätzen.

Ich hoffe, in deinem Text spielt der Pförtner noch eine Rolle, denn mit der ausführlichen Beschreibung machst du mich als Leser neugierig. Normalerweise ist es ja egal, wie der Pförtner aussieht, es sei denn, der Autor hat mit ihm noch etwas vor.
Den kursiven Teil kannst du besser schreiben. Hier das berühmte: Show, don't tell. Es ist zu einfach, die Behauptung aufzustellen, dass die Muskulatur nur zur Hälfte zu funktionieren schien. (schien ist ein Wort, das man sowieso möglichst meiden sollte)
Sag, was er sieht, nicht, was du dem Leser erklären willst. Ich als Leser hasse Erklärungen. :wink:
Vorschlag:
Der Pförtner war ein junger Kerl mit Schnauzer, der sich bewegte wie eine Marionette, der auf der linken Seite ein paar Fäden fehlten. Sein Grinsen blieb auf der rechten Gesichtshälfte stecken und verzog das Gesicht zu einer grotesken Maske. Er winkte unbeholfen, als Willi die Parkplätze ansteuerte.
Nur ein Schnellschuss. Das kriegst du bestimmt besser hin. Aber ich hoffe, du verstehst, was ich meine.

Als er vor dem Sekretariat stand, prüfte er nochmals den Krawattenknoten und klopfte beherzt an die vertäfelte Holztür, in die ein Glasfensterchen eingelassen war.

Auch hier würde ich zwei Sätze machen, schon um das 'und' zu vermeiden. :lol: Außerdem, ein kleiner Tipp, sollte man versuchen, einen Satz nicht mit 'als' beginnen zu lassen.
Beispiel: Vor der Sekretariatstür prüfte er nochmals den Krawattenknoten. Dann klopfte er ...

„Herein, ach Sie müssen der Herr Rappens sein, nicht wahr?“ flötete eine angenehme weibliche Stimme. „Sie sind also unser neuer Mitarbeiter, schön. Herr Tillmann(,) unser Prokurist, den Sie ja bereits kennen, hat Sie schon angekündigt“ sagte die junge Dame und wandte sich wieder ihren Papieren zu.

Hier dachte ich: Wie jetzt? Was'n das für ne Begrüßung?
Wenn man sich die Situation vorstellt, dann klopft er. Es schallt - wenn er Glück hat - ein 'Herein' heraus. :mrgreen:
Dann öffnet man die Tür und nimmt die Umgebung in sich auf.
Danach spricht die Sektretärin ihn noch einmal an.
Aber sie bietet ihm nicht mal einen Stuhl an und lässt ihn einfach im Zimmer rumstehen wie einen Schluck Wasser? Wer informiert Herrn Tillmann? Wenn der nicht plötzlich aufgetaucht wäre, könnte dein Prota da ja stundenlang rumstehen?

Also, die Stelle solltest du um- und ein klitzekleines bisschen ausführlicher beschreiben. :wink:

Herr Rupert Tillmann, ein Endfünfziger, der keine Bäume mehr auszureißen gedachte, e

Auch das ist eine Behauptung des Protas, die durch nichts belegt ist. Er kann seinem Gegenüber nicht in den Kopf gucken. Es ist schwer, durchweg aus der Sicht des Protas zu schreiben, ohne die Meinung des Autors einfließen zu lassen, der ja mehr weiß. Mehr wissen muss! Darauf sollte man sich als Autor immer wieder selbst überprüfen, denn sowas rutscht von ganz alleine in den Text.
Aber dein Prota kann nur seine Meinung kundtun, in Form einer Vermutung. Wie: ...ein Endfünfziger, der aussah, als wollte er keine Bäume mehr ausreißen, jedenfalls keine großen.

„Tja, also es ist so, dass sie diese Abgleichungen mit unserem Seniorchef, dem alten Herrn Schimanek machen müssen. Da besteht er darauf, das lässt er sich nicht nehmen. Sie finden Ihn ganz oben, im Turm.“ sagte der Prokurist und machte eine Kopfbewegung nach oben. „…manchmal jedenfalls“ setzte er kaum hörbar noch hinzu und wandte sich ab.

Hier wurde auch ich hellhörig und dachte: jetzt wird es spannend. Jetzt kommt der Clou, was passiert jetzt?
Etwas benommen verließ Willi das Büro nahm seinen Schreibtisch in einem kleinen Büro am Ende des Ganges ein.

Abgesehen davon, dass das ein etwas verschwurbelter Satz ist, dachte ich: Hä?
War nicht eben die Rede davon, dass was mit dem Senior abzuklären ist?

So, ich hoffe, ich habe dich jetzt nicht verschreckt. Du schreibst sehr interessant, flüssig und neugierig machend. Besonders die Beschreibung des Pförtners hat mich sehr neugierig gemacht. Ich hoffe, es kommt noch die Aufklärung, was genau geschehen ist.
Auch die Raumbeschreibung, als er das Sekretariat betritt, war sehr gelungen. Unwillkürlich hatte ich ein Bild aus den 50iger vor Augen, aber soooo alt wird es dann doch nicht sein. :lol:
Kurz und gut: Du schreibst lebendig und lässt einen Film im Kopf des Lesers ablaufen.
Es war der Feinschliff, der - für mich - das pure Lesevergnügen ein wenig verhindert hat.

Ein 'und' hier und da weniger trägt viel zur noch besseren Lesbarkeit bei. :mrgreen:

Ich persönlich hänge nicht alle möglichen Fakten in Nebensätzen aneinander, sondern trenne sorgfältig, um die Aussagen nicht zu verwässern. Es gibt genug erfolgreiche Autoren, die das Gegenteil sehr erfolgreich vertreten. Viele Anmerkungen entspringen dem persönlichen Stil. Ich erhebe also keinen Absolutheitsanspruch und mache nur Vorschläge.
Daher nimm, was du brauchen kannst, und schmeiß den Rest weg.

Wollen sie das Fabrikgelände hochgehen lassen, um das veraltete Equipment loszuwerden, oder nur die Versicherung zu kassieren? Welche Rolle kommt deinem Prota zu, der offenbar den Job recht unvermutet bekommen hatte? Also, ich möchte schon wissen, wie es weitergeht. :nod:

War nett, dich gelesen zu haben.

Lg Schnuddel
Was sich leicht liest, war harte Arbeit.
Schnuddel
 
Beiträge: 767
Registriert: 24.11.2012, 15:29

Re: Der alte Schimanek (Intro)

Beitragvon Hark » 17.05.2015, 12:22

Arynah:

Danke für Deinen Kommentar. Offenbar habe ich eine geheime Abneigung gegen gewisse Kommata, war mir gar nicht bewusst. Habe ich aber jetzt geändert, sowie auch noch die eine oder andere Kleinigkeit. Ich freue mich, dass Dir mein Stil gefällt :) .

Schnuddel:

Auch Dir Dank für für dir gründliche Textkritik. Generell ist es so, dass ich mich beim Erzählen einer Geschichte nicht als Typ "Photograph" sehe, sondern als Typ "Maler". Soll heißen, dass ich auch mal ein paar Unschärfen drin habe, sofern es darum geht, etwas nur zu streifen. Schließlich ist es ja so, dass ein Leser schnell ermüdet, wenn er mit überflüssiger Information gefüttert wird.

Zum langen Satz denke ich, dass er ein wichtiges Stilmittel ist. Offenbar gibt es nicht so viele Leser, die einen längeren Satz samt Nebeneinschüben verstehen können. Dennoch kann man als Autor gerade hier zeigen, dass man sich auf das Erzählen versteht. Die schmissigen 1 bis 5-Wort-Sätze dürfen auch nicht fehlen, sie sorgen für Dynamik. Aber wenn ich einer Geschichte einen gewissen Tiefgang geben will, dann bediene ich mich gerne des längeren Satzes und male eine Stimmung in Worten - knipse aber keine Bilderserie, damit auch das letzte Rindvieh den einfachsten Zusammenhang versteht. Also, Du verstehst, das ist keinesfalls irgendwie persönlich gedacht, es ist ein genereller Standpunkt.

Sehr gut hast Du meine "und"-Schwäche entdeckt, mir selbst war das noch nicht aufgefallen. In der Tat geht das besser - und wird geändert. Ebenso einige Unsauberkeiten, wie von Dir angemerkt. Dafür danke ich Dir ganz besonders, bringt mich wirklich weiter.

Euch beiden sei mein bester Dank und alles Glück beschieden.

Hark
Benutzeravatar
Hark
 
Beiträge: 136
Registriert: 09.12.2014, 19:19


Zurück zu Andere Werke

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 0 Gäste