[Satire] Der Autorengerichtshof

Komödie, Satire, Parodie

[Satire] Der Autorengerichtshof

Beitragvon DrJones » 09.10.2015, 12:17

Zweite Version der Geschichte:

Der Autorengerichtshof

Hoch oben auf einer Empore sitzen drei alte Männer. Links, mit dem Rauschebart …Sigmund Freud. Der Bärtige in der Mitte — Freysler. James N. Freysler. Rechts davon… Joseph Campbell.

James N. Freysler erhebt das Wort: »Ich, als erster Richter, eröffne hiermit die Sitzung 08/15 des Autorengerichtshofes des vierten Senates. Anwesend sind außer mir noch der zweite und dritte Richter. Auf Staatsanwalt und Verteidiger wird in diesem Falle wegen der Eindeutigkeit der Sachlage selbstredend verzichtet.«
Freysler streicht sich über den grauen Bart. »Angeklagter! Was haben Sie zu den Vorwürfen zu sagen?«
»Was wirft man m-mir vor? Um was geht es denn hier eigent -«
»Um was es hier geht?«, schreit Freysler und haut auf seinen Pappbecher. »Also, da fragt der mich, um was es hier geht! Das ist ja ungeheuerlich!«
Campbell tippt Freysler auf die Schulter und flüstert ihm etwas zu.
»Ach, haben wir dem das noch gar nicht gesagt?«, fragt Freysler. „Na schön! Gut.“
Er lehnt sich zurück und gähnt. »Nun ja — die Anklage gegen Sie lautet: Erzeugung von Langeweile. Ihre Geschichten sind langweilig!«
»Und unmythisch!«, wirft Campbell ein.
»Dazu noch psychologisch unausgegoren!«, sagt Freud und rückt seine Brille zurecht.

Das laute Klacken einer Schreibmaschine…

»Haben Sie das, George?«, ruft Freysler. »Psychologisch unausgegoren? Unmythisch?«

Ganz rechts auf der Empore sitzt auf einem blauen Stuhl George Lucas und hämmert auf eine Gerichtsschreibmaschine ein, aus der ein kilometerlanger Papierstreifen baumelt. Lucas blickt zu den Richtern und nickt. Neben ihm steht eine überdimensionale Maus, die jeden seiner Anschläge genauestens beobachtet und sich Notizen macht. Sie trägt einen Metallbikini. Lucas schielt ängstlich zu der Maus hoch.

Richter Freysler setzt sich in Position.
»Wenn es nur die Langeweile wäre, die Sie in Ihrem [er hustet] Buch verbreiten! Aber nein! Es sind auch diese fürchterlichen Protagonisten! Pervers! Das sind doch alles Perverse! Allen voran dieser John…Wie heißt der noch genau?«
»Bennet«, sagt Campbell. »John Bennet — oder de Benette, um später seine adelige Herkunft zu unterstreichen. Der Name ist eigentlich ganz gut und -«
»Die Figur aber nicht!«, sagt Freysler. »Was für ein Weichei! Dieses Häufchen Elend! Lässt sich ausknocken — von einem Zwerg! Na, da haben Sie ja ihre Leser gleich am Anfang gegen ihn aufgebracht! Was kann dieser John Bennet eigentlich gut?«
»M-Musik machen. Mm-Magische-«
»Was?«, schreit Freysler. »Musik machen? Ja? Sie sind ja ein schäbiger Lump! Dass Sie das hier so frech behaupten! Gezeigt aber haben Sie es nicht! Show! Don’t tell! Klingelt’s bei Ihnen? Sehen Sie doch endlich ein, dass Sie schuldig sind!«
»Ja, schuldig!«, murmelt Freud.
»Nicht so voreilig, die Herren Kollegen!«, sagt Campbell. »Lassen Sie uns doch hören, was er noch zu seiner Verteidigung zu sagen hat. Nicht, dass es irgendeine Relevanz hätte – nur interessehalber. Sprechen Sie, Angeklagter! Sprechen Sie!«
»I-Ich h-habe ihn am Anfang l-leiden lassen und-«
»Leiden lassen? Na, sagen Sie mal!«, schreit Freysler. »Und wozu? Leiden lassen?«
»Damit — damit man sich — äh — mit ihm i-identifizieren kann.«
»Falsch! Ganz falsch! Haben Sie denn nicht meine Bücher gelesen? 'Wie man einen unheimlich hervorragenden Roman schreibt', Teil 1 und 2?«
»Ihre Bücher…habe ich d-d-dreimal gelesen! Auch das mit der K-K-Kraft des Mythos.« [Campbell beugt sich vor.]
»Ja. Genützt aber hat es Ihnen nichts!«, sagt Freysler.
»Es gab eine Protagonistin«, sagt Freud. »die war zumindest psychologisch abgerundet…«
»Und die wäre?«, fragt Freysler.
»Lozila Dekrol.«
»Was? Die Dekrol? Diese — diese fette Holzschnitzerin? Die Muhme? Jetzt geht Es aber mit Ihnen durch, Kollege Freud! Das Einzige, was an der abgerundet ist, ist ihr Hintern!«
»Richtig!«, sagt Campbell. »Selbst, wenn sie als Figur stimmig gewesen wäre — nach zehn Seiten schon hat sie die letzte Schwelle übertreten. Abgekratzt!«
»Wofür steht eigentlich das N in ihrem Namen, Herr Vorsitzender?“, fragt Freud.
Freysler starrt auf seinen zerknickten Pappbecher. »Das N…das steht für Name

Die drei Richter lachen hysterisch. Campbell stellt einen Eierkocher vor sich. Freud und Freysler geben sich Zungenküsse, dass es nur so schnalzt. Ihre Bärte rascheln.
Campbell beugt sich vor und flüstert: »Sie da! Hören Sie! Ihre Geschichte… die ist nicht übel. Unmythisch ja. Aber nicht übel! Lassen Sie Ihren Protagonisten doch in die tiefste Höhle vordringen [Freuds und Freyslers Zungenküsse schnalzen.]. Dort trifft er auf die Göttinnenmutter. Dann mopst er deren Elixier oder auch das Weltenei!«
»G-Gibt es a-also noch Hoffnung f-f-für mich?«
Campbell schließt die Augen und schüttelt den Kopf. Dampf steigt vor seinem Gesicht auf, als er den Kocher öffnet. Er holt drei Eier heraus.
»Wenn Ihr Protagonist nicht aufpasst, dann macht die Göttinnenmutter genau das mit ihm!«, sagt er und verschlingt die Eier samt Schale.

Freysler und Freud verschwinden hinter der Brüstung der Empore; ihr Stöhnen hallt durch den Gerichtssaal. Lucas und die Riesenmaus tanzen Wiener Walzer. Ein nackter, rothaariger Zwerg spielt auf einer gigantischen Kirchenorgel. ‚Wiener Blut‘… Campbell klatscht dazu im Takt.
»1-2-3! 1-2-3!«, sagt er. »Es ist an sich ganz einfach. 1-2-3! Die Zahl 3. Der Vater, der Sohn und der Heilige Geist! 3. Ich, Es und Über-Ich. 3. These, Antithese und Synthese! Immer die 3. 1-2-3! Zaghafter Versuch, Wollen und Siegen! Immer ist es die 3. Wachen, Traum und Tiefschlaf. 1-2-3! 1-2-3! 1-2-3!…«

Lucas stellt sich hinter die Maus und öffnet seine Hose. Er schnallt ihr einen Gagball um. Der Zwerg springt wie von Sinnen auf den Manualen der Orgel herum.

»Passen Sie auf!«, raunt Campbell. »Haben Sie Ovid gelesen? Hm? Das ganze Geheimnis lautet: Metamorphose!«
Campbell verwandelt sich in einen Minotaurus. Der ganze Saal verkrümmt sich, faltet sich in zahllose Ecken, Linien und Winkel.

»Im Namen der Autorengemeinschaft ergeht hiermit gegen Sie das folgende Urteil-teil-teil«, schallt es durch das Labyrinth. »Schuldig-dig-dig! Die Strafe ist die endlose Suche nach Ihrem Selbst-selbst-selbst! Das Urteil wird mit sofortiger Wirkung vollstreckt-streckt-streckt!«

»Such mich-mich-mich!«, ruft von irgendwoher der Minotaurus. »So such mich doch-doch-doch!«

Version 1: (Zum Lesen bitte scrollen)
Der Autorengerichtshof

Hoch oben, auf einer Empore, sitzen drei alte Männer. Links, mit dem Rauschebart …Sigmund Freud. Der Bärtige in der Mitte — Freysler. James N. Freysler. Rechts davon… Joseph Campbell.

James N. Freysler erhebt das Wort: »Ich als erster Richter eröffne hiermit die Sitzung 08/15 des Autorengerichtshofes des vierten Senates. Anwesend sind außer mir noch der zweite und dritte Richter. Auf Staatsanwalt und Verteidiger wird in diesem Falle wegen der Eindeutigkeit der Sachlage selbstredend verzichtet.«
Freysler streicht sich über den grauen Bart. »Angeklagter! Was haben Sie zu den Vorwürfen zu sagen?«
»Was wirft man mir vor? Um was geht es denn hier eigent -«
»Um was es hier geht?«, schreit Freysler und haut auf seinen Pappbecher. »Also, da fragt der mich, um was es hier geht! Das ist ja ungeheuerlich!«
Campbell tippt Freysler auf die Schulter und flüstert ihm etwas zu.
»Ach, haben wir dem das noch gar nicht gesagt?«, fragt Freysler. „Na schön! Gut.“
Er lehnt sich zurück und gähnt. »Nun ja — die Anklage gegen Sie lautet: Erzeugung von Langeweile. Ihre Geschichten sind langweilig!«
»Und unmythisch!«, wirft Campbell ein.
»Dazu noch psychologisch unausgegoren!«, sagt Freud und rückt seine Brille zurecht.

Das laute Klacken einer Schreibmaschine…

»Haben Sie das, George?«, ruft Freysler. »Psychologisch unausgegoren? Unmythisch?«

Ganz rechts auf der Empore sitzt auf einem blauen Stuhl George Lucas und hämmert auf eine Gerichtsschreibmaschine ein, aus der ein kilometerlanger Papierstreifen baumelt. Lucas blickt zu den Richtern und nickt. Neben ihm steht eine überdimensionale Maus, die jeden seiner Anschläge genauestens beobachtet und sich selbst Notizen macht. Sie trägt einen Metallbikini. Lucas schielt ängstlich zu der Maus hoch.
Richter Freysler setzt sich in Position.
»Wenn es nur die Langeweile wäre, die Sie in Ihrem [er hustet] Buch verbreiten! Aber nein! Es sind auch diese fürchterlichen Protagonisten! Pervers! Das sind doch alles Perverse! Allen voran dieser John…Wie heißt der noch genau?«
»Bennet«, sagt Campbell. »John Bennet — oder de Benette, um später seine adelige Herkunft zu unterstreichen. Der Name ist eigentlich ganz gut und -«
»Die Figur aber nicht!«, sagt Freysler. »Was für ein Weichei! Dieses Häufchen Elend! Lässt sich ausknocken — von einem Zwerg! Na, da haben Sie ja ihre Leser gleich am Anfang gegen ihn aufgebracht! Was kann dieser John Bennet eigentlich gut?«
»Musik machen. Magische-«
»Was?«, schreit Freysler. »Musik machen? Ja? Sie sind ja ein schäbiger Lump! Dass Sie das hier so frech behaupten! Gezeigt aber haben Sie es nicht! Show! Don’t tell! Klingelt’s bei Ihnen? Sehen Sie doch endlich ein, dass Sie schuldig sind!«
»Ja, schuldig!«, murmelt Freud.
»Nicht so voreilig, die Herren Kollegen!«, sagt Campbell. »Lassen Sie uns doch hören, was er noch zu seiner Verteidigung zu sagen hat. Nicht, dass es irgendeine Relevanz hätte – nur interessehalber. Sprechen Sie, Angeklagter! Sprechen Sie!«
»Ich habe ihn am Anfang leiden lassen und-«
»Leiden lassen? Na, sagen Sie mal!«, schreit Freysler. »Und wozu? Leiden lassen?«
»Damit — damit man sich — äh — mit ihm identifizieren kann.«
»Falsch! Ganz falsch! Haben Sie denn nicht meine Bücher gelesen? 'Wie man einen unheimlich hervorragenden Roman schreibt', Teil 1 und 2?«
»Ich habe Ihre Bücher dreimal gelesen! Auch das mit der Kraft des Mythos.« [Campbell beugt sich vor.]
»Ja. Genützt aber hat es Ihnen nichts!«, sagt Freysler.
»Es gab eine Protagonistin«, sagt Freud. »die war zumindest psychologisch abgerundet…«
»Und die wäre?«, fragt Freysler.
»Lozila Dekrol.«
»Was? Die Dekrol? Diese — diese fette Holzschnitzerin? Die Muhme? Jetzt geht Es aber mit Ihnen durch, Kollege Freud! Das Einzige, was an der abgerundet ist, ist ihr Hintern!«
»Richtig!«, sagt Campbell. »Selbst, wenn sie als Figur stimmig gewesen wäre — nach zehn Seiten schon hat sie die letzte Schwelle übertreten. Abgekratzt!«
»Wofür steht eigentlich das N in ihrem Namen, Herr Vorsitzender?“, fragt Freud.
Freysler starrt auf seinen zerknickten Pappbecher. »Das N…das steht für Name

Die drei Richter lachen hysterisch. Campbell stellt einen Eierkocher vor sich. Freud und Freysler geben sich Zungenküsse, dass es nur so schnalzt. Ihre Bärte rascheln.
Campbell beugt sich vor und flüstert: »Sie da! Hören Sie! Ihre Geschichte… die ist nicht übel. Unmythisch ja. Aber nicht übel! Lassen Sie Ihren Protagonisten doch in die tiefste Höhle vordringen [Freuds und Freyslers Zungenküsse schnalzen.]. Dort trifft er auf die Göttinnenmutter. Dann mopst er deren Elixier oder auch das Weltenei!«
Dampf steigt vor Campbells Gesicht auf, als er den Kocher öffnet. Er holt drei Eier heraus.
»Wenn Ihr Protagonist nicht aufpasst, dann macht die Göttinnenmutter genau das mit ihm!«, sagt er und verschlingt die Eier samt Schale.

Freysler und Freud verschwinden hinter der Brüstung der Empore; ihr Stöhnen hallt durch den Gerichtssaal. Lucas und die Riesenmaus tanzen Wiener Walzer. Ein nackter, rothaariger Zwerg spielt auf einer gigantischen Kirchenorgel. ‚Wiener Blut‘… Campbell klatscht dazu im Takt.
»1-2-3! 1-2-3!«, sagt er. »Es ist an sich ganz einfach. 1-2-3! Die Zahl 3. Der Vater, der Sohn und der Heilige Geist! 3. Ich, Es und Über-Ich. 3. These, Antithese und Synthese! Immer die 3. 1-2-3! Zaghafter Versuch, Wollen und Siegen! Immer ist es die 3. Wachen, Traum und Tiefschlaf. 1-2-3! 1-2-3! 1-2-3!…«

Lucas stellt sich hinter die Maus und öffnet seine Hose. Er schnallt ihr einen Gagball um. Der Zwerg springt wie von Sinnen auf den Manualen der Orgel herum.

»Passen Sie auf!«, raunt Campbell. »Haben Sie Ovid gelesen? Hm? Das ganze Geheimnis lautet: Metamorphose!«
Campbell verwandelt sich in einen Minotaurus. Der ganze Saal verkrümmt sich, faltet sich in zahllose Ecken, Linien und Winkel.

»Im Namen der Autorengemeinschaft ergeht hiermit gegen Sie das folgende Urteil-teil-teil«, schallt es durch das Labyrinth. »Schuldig-dig-dig! Die Strafe ist die endlose Suche nach Ihrem Selbst-selbst-selbst! Das Urteil wird mit sofortiger Wirkung vollstreckt-streckt-streckt!«

»Such mich-mich-mich!«, ruft von irgendwoher der Minotaurus. »So such mich doch-doch-doch!«

Zuletzt geändert von DrJones am 16.10.2015, 11:35, insgesamt 3-mal geändert.
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Re: [Satire] Der Autorengerichtshof

Beitragvon Samis » 15.10.2015, 14:38

Hallo DrJones,

ich mach mal den Anfang und leg ohne große Vorrede los.

Anwesend sind außer mir noch der zweite und dritte Richter. Auf Staatsanwalt und Verteidiger wird in diesem Falle wegen der Eindeutigkeit der Sachlage selbstredend verzichtet.

Hier würde ich etwas umstellen und zusammenfassen. Zudem würde Fall anstatt Falle schreiben, das fände ich vor Gericht passender.
Außer mir sind noch der zweite und dritte Richter anwesend, auf Staatsanwalt und Verteidiger wird im vorliegenden Fall wegen der Eindeutigkeit der Sachlage selbstredend verzichtet.



»Was wirft man mir vor? Um was geht es denn hier eigent -«

Das Wörtchen denn gefiele mir, wenn überhaupt notwendig, besser im ersten Satz.
»Was wirft man mir denn vor? Um was geht es hier eigent -«



»Um was es hier geht?«, schreit Freysler und haut auf seinen Pappbecher.

Wenn der da wirklich draufhaut, bleibt vom Pappbecher nicht viel übrig ...



»Ach, haben wir dem das noch gar nicht gesagt?«, fragt Freysler. „Na schön! Gut.“

Hier fände ich ihm anstatt dem schöner.



Neben ihm steht eine überdimensionale Maus, die jeden seiner Anschläge genauestens beobachtet und sich selbst Notizen macht.

Das selbst kann hier gestrichen werden.
... und sich Notizen macht.



Sie trägt einen Metallbikini.

Klasse! Kopfkino pur!


Pervers! Das sind doch alles Perverse!


Falls im weiteren Verlauf erzählt wird, worauf sich die Perversität bezieht, ist die Aussage okay. Bisher will sie mir jedoch nicht einleuchten.

Von jetzt an laufen Dialoge und Schilderung meinem Empfinden nach recht gut. Aber hier ist mir der Bruch dann zu hart:

»Wofür steht eigentlich das N in ihrem Namen, Herr Vorsitzender?“, fragt Freud.
Freysler starrt auf seinen zerknickten Pappbecher. »Das N…das steht für Name.«


Und jetzt wird es richtig absurd, soll aber wohl so sein und ist im Ganzen auch stimmig, wie ich finde.

Nicht ganz meine Welt, aber doch amüsant und kurzweilig. Lange würde ich dergleichen jedoch nicht lesen, da fehlt mir die Richtung, ein Ziel, auf welches hingearbeitet wird.
Das ist jedoch nur meine Meinung, weiter nichts.

Beste Grüße,
Samis
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Re: [Satire] Der Autorengerichtshof

Beitragvon Heribertpolta » 15.10.2015, 15:20

Hallo Dr.

hiermit zunächst einmal meine absolute Hochachtung! Das soll keine beschissene Schleimerei sein, sondern die Wahrheit. Wie lange, wie viele Jahre, Monate, Wochen, musste ich in der SWS suchen, um endlich einmal auf ein so schön abstruses Werk zu stoßen! Eines kann man dir wahrlich nicht vorwerfen, nämlich, dass du an der grassierenden Ideenlosigkeit erkrankt bist. Nur wenige Immune hier in der SWS.

So, jetzt werde ich einmal mit meiner Lobhudelei beginnen.

Hoch oben, auf einer Empore, sitzen drei alte Männer. Links, mit dem Rauschebart …Sigmund Freud. Der Bärtige in der Mitte — Freysler. James N. Freysler. Rechts davon… Joseph Campbell.


Der Einstieg ist in Ordnung; ich hätte sogar das erste Komma weggelassen, damits schneller reingeht.
Sigmund Freud ist klar. Einen James N. Freysler habe ich im Netz nicht gefunden; aber später beim lesen wurde mir klar, um wen es sich handeln müsse. Campbell war mir kein Begriff; aber jetzt schon.

James N. Freysler erhebt das Wort: »Ich (Komma?) als erster Richter (Komma?) eröffne hiermit die Sitzung 08/15 des Autorengerichtshofes des vierten Senates. Anwesend sind außer mir noch der zweite und dritte Richter. Auf Staatsanwalt und Verteidiger wird in diesem Falle wegen der Eindeutigkeit der Sachlage selbstredend verzichtet.«
Freysler streicht sich über den grauen Bart. »Angeklagter! Was haben Sie zu den Vorwürfen zu sagen?«
»Was wirft man mir vor? Um was geht es denn hier eigent -«
»Um was es hier geht?«, schreit Freysler und haut auf seinen Pappbecher. »Also, da fragt der mich, um was es hier geht! Das ist ja ungeheuerlich!«


Hier allerdings hätte ich schon ein wenig mehr Kommas gesetzt. Freysler tritt gleich ordentlich auf. Ich meine seine Stimme hören zu können. Sehr gut, das mit dem Pappbecher.

Das laute Klacken einer Schreibmaschine…

»Haben Sie das, George?«, ruft Freysler. »Psychologisch unausgegoren? Unmythisch?«

Ganz rechts auf der Empore sitzt auf einem blauen Stuhl George Lucas und hämmert auf eine Gerichtsschreibmaschine ein, aus der ein kilometerlanger Papierstreifen baumelt. Lucas blickt zu den Richtern und nickt. Neben ihm steht eine überdimensionale Maus, die jeden seiner Anschläge genauestens beobachtet und sich selbst Notizen macht. Sie trägt einen Metallbikini. Lucas schielt ängstlich zu der Maus hoch.


Hier habe ich ein kleines Problem mit der Zeitabwicklung der Szenen gefunden. Das KLacken der Schreibmaschine kommt mir zu schnell eingeschoben vor. Den Satz würde ich löschen, jedenfalls an der Stelle. Man könnte die Tatsache, dass es da klackert immer wieder unter den Text streuen. Den letzten Satz, den mit dem ängstlichen Lucas, würde ich rausnehmen.

Besonders gutes Kopfkino werde ich mit einer tollen Farbe markieren.

»Bennet«, sagt Campbell. »John Bennet — oder de Benette, um später seine adelige Herkunft zu unterstreichen. Der Name ist eigentlich ganz gut und -«


Hier habe ich meine Schwierigkeiten mit den Personen. Ist der Campbell der Verteidiger des Angeklagten?

Was kann dieser John Bennet eigentlich gut?«
»Musik machen. Magische-«


Wer sagt das? Der Angeklagte? Das ist ein kleines Problemchen, dass ich durch den Text hindurch empfinde: ich weiß nicht genau, wo sich der Angeklagte befindet.

»Was?«, schreit Freysler. »Musik machen? Ja? Sie sind ja ein schäbiger Lump! Dass Sie das hier so frech behaupten! Gezeigt aber haben Sie es nicht! Show! Don’t tell! Klingelt’s bei Ihnen? Sehen Sie doch endlich ein, dass Sie schuldig sind!«


Also, Freyslers Geschrei ist klasse. Das macht richtig Laune zu lesen! Show - dont tell ist ja das Große Problem der Zeit. Nicht nur in der Literatur. Auch beim Film. Vor allem beim deutschen Film: eine Horde schlechter Schauspielerinnen und Schauspieler, die alle den selben Gesichts"ausdruck" haben und den Mund nicht mehr zukriegen.

»Was? Die Dekrol? Diese — diese fette Holzschnitzerin? Die Muhme? Jetzt geht Es aber mit Ihnen durch, Kollege Freud! Das Einzige, was an der abgerundet ist, ist ihr Hintern!«
»Richtig!«, sagt Campbell. »Selbst, wenn sie als Figur stimmig gewesen wäre — nach zehn Seiten schon hat sie die letzte Schwelle übertreten. Abgekratzt!«


Eine meiner Lieblingsstellen. Ich finde deine Dialoge absolut gelungen. UNd die Mimik der Kollegen auch. Es ist wirklich alles ungemein intensiv und bildlich. Ich kann alle sehen!

»Wofür steht eigentlich das N in ihrem Namen, Herr Vorsitzender?“, fragt Freud.
Freysler starrt auf seinen zerknickten Pappbecher. »Das N…das steht für Name.«


Den Teil verstehe ich leider nicht. Woher das N ? Machen sich die Kollegen über Freysler lustig?

Die drei Richter lachen hysterisch. Campbell stellt einen Eierkocher vor sich. Freud und Freysler geben sich Zungenküsse, dass es nur so schnalzt. Ihre Bärte rascheln.
Campbell beugt sich vor und flüstert: »Sie da! Hören Sie! Ihre Geschichte… die ist nicht übel. Unmythisch ja. Aber nicht übel! Lassen Sie Ihren Protagonisten doch in die tiefste Höhle vordringen [Freuds und Freyslers Zungenküsse schnalzen.]. Dort trifft er auf die Göttinnenmutter. Dann mopst er deren Elixier oder auch das Weltenei!«
Dampf steigt vor Campbells Gesicht auf, als er den Kocher öffnet. Er holt drei Eier heraus.
»Wenn Ihr Protagonist nicht aufpasst, dann macht die Göttinnenmutter genau das mit ihm!«, sagt er und verschlingt die Eier samt Schale.


Das ist doch der Gipfel, oder? Es gab eine Zeit, in der es von Autoren wimmelte, die ein solches Feuerwerk an Verrücktheiten schrieben. Ohne die die ganze Satire und auch die Horrorliteratur nicht denkbar. Scheint vorbei zu sein. Warum können die Normalos nicht einfach das Schreiben einstellen? War natürlich Quatsch. Es muss sie geben!

Das zweite Schnalzen hätte ich weggelassen.

Freysler und Freud verschwinden hinter der Brüstung der Empore; ihr Stöhnen hallt durch den Gerichtssaal. Lucas und die Riesenmaus tanzen Wiener Walzer. Ein nackter, rothaariger Zwerg spielt auf einer gigantischen Kirchenorgel. ‚Wiener Blut‘… Campbell klatscht dazu im Takt.
»1-2-3! 1-2-3!«, sagt er. »Es ist an sich ganz einfach. 1-2-3! Die Zahl 3. Der Vater, der Sohn und der Heilige Geist! 3. Ich, Es und Über-Ich. 3. These, Antithese und Synthese! Immer die 3. 1-2-3! Zaghafter Versuch, Wollen und Siegen! Immer ist es die 3. Wachen, Traum und Tiefschlaf. 1-2-3! 1-2-3! 1-2-3!…«


Herrlich, der Höhepunkt naht! Freysler und Freud haben sich endlich zum V....n zurückgezogen und Lucas tanzt mit der Maus. Zur Sprache kommt die Magie der Zahl 3.

»Im Namen der Autorengemeinschaft ergeht hiermit gegen Sie das folgende Urteil-teil-teil«, schallt es durch das Labyrinth. »Schuldig-dig-dig! Die Strafe ist die endlose Suche nach Ihrem Selbst-selbst-selbst! Das Urteil wird mit sofortiger Wirkung vollstreckt-streckt-streckt!«

»Such mich-mich-mich!«, ruft von irgendwoher der Minotaurus. »So such mich doch-doch-doch!«


Oh Mann, die Suche nach sich selbst. Das machen doch Menschen mit Anfang zwanzig immer... sich selbst suchen. Ich suche nicht mehr. Ich hätte Angst mich zu finden. Suchst du?

Ich finde den Text klasse, wirklich. Ein wenig stört mich, dass der Angeklagte im Dunkeln sitzt. Aber vielleicht ist das ja sein Job?

Darf ich gemein sein und auch politisch unkorrekt? Ich hätte den Angeklagten zur Frau gemacht. Ich finde 90 % der Frauenliteratur scheußlich und einseitig (Liebe, Leiden, Liebe, Leiden, Liebe, Leiden und so weiter).

Natürlich sind hier in der Werkstatt nur die anderen, guten 10 % vertreten. :D Also gnädige Frauen; hassen Sie mich jetzt nicht!

Das ist ein herrliches Werk, DrJones! Ich habe es gern gelesen, und ich werde heute noch oft daran denken müssen.
Grüße,

Heribert Polta
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Re: [Satire] Der Autorengerichtshof

Beitragvon DrJones » 15.10.2015, 18:06

@Samis

Hallo Samis!

Wir hatten noch nicht das Vergnügen, glaube ich?
Vielen Dank zunächst für Deine absolut konstruktive Kritik!
Da kann ich vieles von verwenden...

Hallo DrJones,

ich mach mal den Anfang und leg ohne große Vorrede los.


Lass knacken! :wink:

Anwesend sind außer mir noch der zweite und dritte Richter. Auf Staatsanwalt und Verteidiger wird in diesem Falle wegen der Eindeutigkeit der Sachlage selbstredend verzichtet.

Hier würde ich etwas umstellen und zusammenfassen. Zudem würde Fall anstatt Falle schreiben, das fände ich vor Gericht passender.
Außer mir sind noch der zweite und dritte Richter anwesend, auf Staatsanwalt und Verteidiger wird im vorliegenden Fall wegen der Eindeutigkeit der Sachlage selbstredend verzichtet.


Ja, zwischen "Fall" und "Falle" konnte ich mich nur schwer entscheiden. Ich fand diese hyperreflexiven
Worte wie "Falle", "Autorengerichtshofes" usw. ganz reizvoll. Zudem die Doppeldeutigkeit von
"Fall" und "Falle". Ich bin verwirrt, was das Richtige ist.



»Was wirft man mir vor? Um was geht es denn hier eigent -«

Das Wörtchen denn gefiele mir, wenn überhaupt notwendig, besser im ersten Satz.
»Was wirft man mir denn vor? Um was geht es hier eigent -«


Darüber hatte ich auch gegrübelt. Ich hatte gedacht, dass er die erste Frage noch zaghaft stellt
und bei der zweiten etwas Mut fasst und "denn" sagt. Ich werde ihn in der zweiten Version stottern
lassen.


»Um was es hier geht?«, schreit Freysler und haut auf seinen Pappbecher.

Wenn der da wirklich draufhaut, bleibt vom Pappbecher nicht viel übrig ...


Ja, richtig. So hatte ich mir das gedacht. Ist es ein Problem? Sollte man es abändern?



»Ach, haben wir dem das noch gar nicht gesagt?«, fragt Freysler. „Na schön! Gut.“

Hier fände ich ihm anstatt dem schöner.


Ja, das wäre auch gut. Aber ggf. zuwenig Verachtung?


Neben ihm steht eine überdimensionale Maus, die jeden seiner Anschläge genauestens beobachtet und sich selbst Notizen macht.

Das selbst kann hier gestrichen werden.
... und sich Notizen macht.


Es ist interessant, dass Dir genau die Stellen auffallen, über die ich auch nachgedacht hatte.
Ja, ich werde "selbst" streichen. Danke!! :)


Sie trägt einen Metallbikini.

Klasse! Kopfkino pur!


Das freut mich! :D


Pervers! Das sind doch alles Perverse!


Falls im weiteren Verlauf erzählt wird, worauf sich die Perversität bezieht, ist die Aussage okay. Bisher will sie mir jedoch nicht einleuchten.


Ja, stimmt. Ich habe es nur behaupten lassen, aber nicht bewiesen. Show don't tell.
Hier wollte ich eine kafkaeske Atmosphäre. Dinge, die in den Raum gestellt werden ohne
bewiesen zu werden. Wird ja auch im Text selbst thematisiert.

Von jetzt an laufen Dialoge und Schilderung meinem Empfinden nach recht gut. Aber hier ist mir der Bruch dann zu hart:

»Wofür steht eigentlich das N in ihrem Namen, Herr Vorsitzender?“, fragt Freud.
Freysler starrt auf seinen zerknickten Pappbecher. »Das N…das steht für Name.«


Da hast Du recht - ein harter Bruch. Auch hier wieder hatte ich zwischen "löschen" und "lassen"
geschwankt. HeribertPolta hatte diese Stelle auch angemerkt. Für mich liegt der Reiz im Rätselhaften.
Ich weiß selbst nicht genau, warum das Freud fragt und Freysler so seltsam darauf antwortet.
In Träumen sind das so Stellen, die Unbehagen erzeugen.


Und jetzt wird es richtig absurd, soll aber wohl so sein und ist im Ganzen auch stimmig, wie ich finde.


Absurd - das liebe ich. :)

Nicht ganz meine Welt, aber doch amüsant und kurzweilig. Lange würde ich dergleichen jedoch nicht lesen, da fehlt mir die Richtung, ein Ziel, auf welches hingearbeitet wird.
Das ist jedoch nur meine Meinung, weiter nichts.


Deine Meinung ist mir wichtig! Vielen Dank!!! :D

Beste Grüße,
Samis


Ja, auch von mir einen schönen Abendgruß,

DrJones

@HeribertPolta

Hallo Heribert! :D

Hallo Dr.

hiermit zunächst einmal meine absolute Hochachtung! Das soll keine beschissene Schleimerei sein, sondern die Wahrheit. Wie lange, wie viele Jahre, Monate, Wochen, musste ich in der SWS suchen, um endlich einmal auf ein so schön abstruses Werk zu stoßen! Eines kann man dir wahrlich nicht vorwerfen, nämlich, dass du an der grassierenden Ideenlosigkeit erkrankt bist. Nur wenige Immune hier in der SWS.

So, jetzt werde ich einmal mit meiner Lobhudelei beginnen.


Es freut mich sehr, dass Dir mein Text zusagt! Ich dachte schon, ich sei verrückt, so etwas hier
online zu stellen. Bin nun beruhigt! :D :D

Hoch oben, auf einer Empore, sitzen drei alte Männer. Links, mit dem Rauschebart …Sigmund Freud. Der Bärtige in der Mitte — Freysler. James N. Freysler. Rechts davon… Joseph Campbell.


Der Einstieg ist in Ordnung; ich hätte sogar das erste Komma weggelassen, damits schneller reingeht.
Sigmund Freud ist klar. Einen James N. Freysler habe ich im Netz nicht gefunden; aber später beim lesen wurde mir klar, um wen es sich handeln müsse. Campbell war mir kein Begriff; aber jetzt schon.


Ja, richtig. Ohne Komma gäbe es da mehr Schwung - und es wäre auch nicht so erzählerisch. Guter Punkt! :)

James N. Freysler erhebt das Wort: »Ich (Komma?) als erster Richter (Komma?) eröffne hiermit die Sitzung 08/15 des Autorengerichtshofes des vierten Senates. Anwesend sind außer mir noch der zweite und dritte Richter. Auf Staatsanwalt und Verteidiger wird in diesem Falle wegen der Eindeutigkeit der Sachlage selbstredend verzichtet.«
Freysler streicht sich über den grauen Bart. »Angeklagter! Was haben Sie zu den Vorwürfen zu sagen?«
»Was wirft man mir vor? Um was geht es denn hier eigent -«
»Um was es hier geht?«, schreit Freysler und haut auf seinen Pappbecher. »Also, da fragt der mich, um was es hier geht! Das ist ja ungeheuerlich!«


Hier allerdings hätte ich schon ein wenig mehr Kommas gesetzt. Freysler tritt gleich ordentlich auf. Ich meine seine Stimme hören zu können. Sehr gut, das mit dem Pappbecher.


Den Pappbecher trägt die Person, die ich mit Freysler meine, in Wirklichkeit auch oft bei sich.
Sozusagen sein Markenzeichen. Für die Figur des Freysler habe ich mich an seinen Namensvetter
Freisler orientiert. Wenn man sich die Schauprozesse auf youtube ansieht, wird einem ganz
Angst und Bange. In Freysler steckt auch 20% K. Kinski, den ich als Künstler sehr schätze und als Mensch
mittlerweile verachte.

Das laute Klacken einer Schreibmaschine…

»Haben Sie das, George?«, ruft Freysler. »Psychologisch unausgegoren? Unmythisch?«

Ganz rechts auf der Empore sitzt auf einem blauen Stuhl George Lucas und hämmert auf eine Gerichtsschreibmaschine ein, aus der ein kilometerlanger Papierstreifen baumelt. Lucas blickt zu den Richtern und nickt. Neben ihm steht eine überdimensionale Maus, die jeden seiner Anschläge genauestens beobachtet und sich selbst Notizen macht. Sie trägt einen Metallbikini. Lucas schielt ängstlich zu der Maus hoch.


Hier habe ich ein kleines Problem mit der Zeitabwicklung der Szenen gefunden. Das KLacken der Schreibmaschine kommt mir zu schnell eingeschoben vor. Den Satz würde ich löschen, jedenfalls an der Stelle. Man könnte die Tatsache, dass es da klackert immer wieder unter den Text streuen. Den letzten Satz, den mit dem ängstlichen Lucas, würde ich rausnehmen.


Ja, das war auch ein Punkt, über den ich nachdachte. Ich wollte es so wie im Traum, wo
einem plötzlich ein Detail ins Auge oder Ohr springt. Die Schreibmaschine aber könnte eine
Art böser Kontrapunkt oder Basso Continuo werden. Ich denke darüber nach... :)

Besonders gutes Kopfkino werde ich mit einer tollen Farbe markieren.

»Bennet«, sagt Campbell. »John Bennet — oder de Benette, um später seine adelige Herkunft zu unterstreichen. Der Name ist eigentlich ganz gut und -«


Hier habe ich meine Schwierigkeiten mit den Personen. Ist der Campbell der Verteidiger des Angeklagten?


Ja, von der Figurenzeichnung her vielleicht nicht ganz stimmig. Campbell übernimmt
in der Geschichte ja wirklich so ein bisschen die Funktion eines Verteidigers, obwohl am
Anfang gesagt wurde, dass darauf verzichtet wird. Vielleicht wollte ich hier etwas Unlogisches.

Was kann dieser John Bennet eigentlich gut?«
»Musik machen. Magische-«


Wer sagt das? Der Angeklagte? Das ist ein kleines Problemchen, dass ich durch den Text hindurch empfinde: ich weiß nicht genau, wo sich der Angeklagte befindet.


Ja, der Angeklagte ist so ein kleines Würstchen, das eigentlich nicht zu Wort kommt.
Als ich mir die Schauprozesse ansah, hatte ich auch diesen Eindruck von den Angeklagten.
Nur einer wagte es, seine Stimme gegen Freisler zu erheben, ein anderer musste lachen
und ein weiterer hatte mit Schuldexternalisierungen versucht, seine Haut zu retten.
Ich werde in Version zwei des Textes den Angeklagten von Zeit zu Zeit stottern lassen.

»Was?«, schreit Freysler. »Musik machen? Ja? Sie sind ja ein schäbiger Lump! Dass Sie das hier so frech behaupten! Gezeigt aber haben Sie es nicht! Show! Don’t tell! Klingelt’s bei Ihnen? Sehen Sie doch endlich ein, dass Sie schuldig sind!«


Also, Freyslers Geschrei ist klasse. Das macht richtig Laune zu lesen! Show - dont tell ist ja das Große Problem der Zeit. Nicht nur in der Literatur. Auch beim Film. Vor allem beim deutschen Film: eine Horde schlechter Schauspielerinnen und Schauspieler, die alle den selben Gesichts"ausdruck" haben und den Mund nicht mehr zukriegen.


Ja, der schreit wie das Original. Ich hatte mich gefragt, was Freisler im Moment wohl geritten hatte,
so oder so mit dem Angeklagten zu "reden". Die Videos sind wirklich verstörend...

»Was? Die Dekrol? Diese — diese fette Holzschnitzerin? Die Muhme? Jetzt geht Es aber mit Ihnen durch, Kollege Freud! Das Einzige, was an der abgerundet ist, ist ihr Hintern!«
»Richtig!«, sagt Campbell. »Selbst, wenn sie als Figur stimmig gewesen wäre — nach zehn Seiten schon hat sie die letzte Schwelle übertreten. Abgekratzt!«


Eine meiner Lieblingsstellen. Ich finde deine Dialoge absolut gelungen. UNd die Mimik der Kollegen auch. Es ist wirklich alles ungemein intensiv und bildlich. Ich kann alle sehen!


Das ist ja super! :D

»Wofür steht eigentlich das N in ihrem Namen, Herr Vorsitzender?“, fragt Freud.
Freysler starrt auf seinen zerknickten Pappbecher. »Das N…das steht für Name.«


Den Teil verstehe ich leider nicht. Woher das N ? Machen sich die Kollegen über Freysler lustig?


Ich verstehe diesen Teil selbst nicht. Es ist etwas, das im Traum passiert. Es gibt nur
ein Tell hier, das eigentlich ein Show ist, aber kein echtes Show, im Sinne von: Ach, so ist das gemeint.
Ich werde es beim Rätsel belassen.

Die drei Richter lachen hysterisch. Campbell stellt einen Eierkocher vor sich. Freud und Freysler geben sich Zungenküsse, dass es nur so schnalzt. Ihre Bärte rascheln.
Campbell beugt sich vor und flüstert: »Sie da! Hören Sie! Ihre Geschichte… die ist nicht übel. Unmythisch ja. Aber nicht übel! Lassen Sie Ihren Protagonisten doch in die tiefste Höhle vordringen [Freuds und Freyslers Zungenküsse schnalzen.]. Dort trifft er auf die Göttinnenmutter. Dann mopst er deren Elixier oder auch das Weltenei!«
Dampf steigt vor Campbells Gesicht auf, als er den Kocher öffnet. Er holt drei Eier heraus.
»Wenn Ihr Protagonist nicht aufpasst, dann macht die Göttinnenmutter genau das mit ihm!«, sagt er und verschlingt die Eier samt Schale.


Das ist doch der Gipfel, oder? Es gab eine Zeit, in der es von Autoren wimmelte, die ein solches Feuerwerk an Verrücktheiten schrieben. Ohne die die ganze Satire und auch die Horrorliteratur nicht denkbar. Scheint vorbei zu sein. Warum können die Normalos nicht einfach das Schreiben einstellen? War natürlich Quatsch. Es muss sie geben!

Das zweite Schnalzen hätte ich weggelassen.


Ich habe es beim Text fließen lassen, als ich ihn schrieb. Ohne bewusste Beachtung von Regeln.
Es freut mich, dass Du das als Feuerwerk von Verrücktheiten wahrnimmst. Die Art, wie die
Verrückten auf die Welt sehen, ist wahrscheinlich sowieso die normale Weise, und wir haben
nur durch Sozialisierung und Denkverbote verlernt, normal und natürlich zu sein. Das thematisierst
Du ja auch zum Teil im "Dreiäugigen Max". Interessant, dass wir hier eine Art Koinzidenz haben...

Freysler und Freud verschwinden hinter der Brüstung der Empore; ihr Stöhnen hallt durch den Gerichtssaal. Lucas und die Riesenmaus tanzen Wiener Walzer. Ein nackter, rothaariger Zwerg spielt auf einer gigantischen Kirchenorgel. ‚Wiener Blut‘… Campbell klatscht dazu im Takt.
»1-2-3! 1-2-3!«, sagt er. »Es ist an sich ganz einfach. 1-2-3! Die Zahl 3. Der Vater, der Sohn und der Heilige Geist! 3. Ich, Es und Über-Ich. 3. These, Antithese und Synthese! Immer die 3. 1-2-3! Zaghafter Versuch, Wollen und Siegen! Immer ist es die 3. Wachen, Traum und Tiefschlaf. 1-2-3! 1-2-3! 1-2-3!…«


Herrlich, der Höhepunkt naht! Freysler und Freud haben sich endlich zum V....n zurückgezogen und Lucas tanzt mit der Maus. Zur Sprache kommt die Magie der Zahl 3.


Ja, ein buntes und wildes Treiben... Die Zahl drei ist ungemein wichtig.

»Im Namen der Autorengemeinschaft ergeht hiermit gegen Sie das folgende Urteil-teil-teil«, schallt es durch das Labyrinth. »Schuldig-dig-dig! Die Strafe ist die endlose Suche nach Ihrem Selbst-selbst-selbst! Das Urteil wird mit sofortiger Wirkung vollstreckt-streckt-streckt!«

»Such mich-mich-mich!«, ruft von irgendwoher der Minotaurus. »So such mich doch-doch-doch!«


Oh Mann, die Suche nach sich selbst. Das machen doch Menschen mit Anfang zwanzig immer... sich selbst suchen. Ich suche nicht mehr. Ich hätte Angst mich zu finden. Suchst du?


Das Geheimnis des Lebens kann eine fortwährende Suche sein. Ja, ich suche - und finde
manchmal auch. :)

Ich finde den Text klasse, wirklich. Ein wenig stört mich, dass der Angeklagte im Dunkeln sitzt. Aber vielleicht ist das ja sein Job?


Vielen Dank!! Ja, der Angeklagte ist ein Traumschatten. Das Traumselbst sozusagen, das
passiv ist und nur beobachtet, was um ihn herum und mit ihm geschieht.

Darf ich gemein sein und auch politisch unkorrekt?


Aber immer doch! Nur zu... :)

Ich hätte den Angeklagten zur Frau gemacht. Ich finde 90 % der Frauenliteratur scheußlich und einseitig (Liebe, Leiden, Liebe, Leiden, Liebe, Leiden und so weiter).


Du sprichts mir aus der Seele. Das sind so die Hauptthemen. Noch hinzu kämen...Liebe
und Leiden, dann aber auch Leiden und Liebe. Liebe, Liebe, Liebe! :D

Natürlich sind hier in der Werkstatt nur die anderen, guten 10 % vertreten. :D Also gnädige Frauen; hassen Sie mich jetzt nicht!


Die reinigende Kraft der Wahrheit? Nein, ich mache nur Spaß! Ich denke, dass literarische
Qualität nicht vom Geschlecht abhängig ist. Aber es stimmt schon, dass bestimmte Themen
jeweils vorherrschen.

Das ist ein herrliches Werk, DrJones! Ich habe es gern gelesen, und ich werde heute noch oft daran denken müssen.


Boah, vielen, vielen Dank! Ich hätte nie mit einer so positiven Resonanz zum
Autorengerichtshof gerechnet, da ich das Teil nur so rausgeschleudert hatte,
ohne genau darüber nachzudenken.

Ich wünsche Dir einen tollen Abend!

DrJones
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