Der dreiäugige Max

Gesellschaft, Kritik, Philosophisches

Der dreiäugige Max

Beitragvon Heribertpolta » 11.10.2015, 17:33

Der dreiäugige Max


Als ich ihn, Max, das letzte Mal traf, war es schlecht um ihn bestellt gewesen. Beinahe hätte ich ihn nicht erkannt, im schäbigen Trainingsanzug und den langen Haaren.
Ich kam gerade von meinem Krebsfußball-Verein und wollte heim gehen, als ich ihn in der Winklergasse, nahe am Sozialamt, in einen öffentlichen Papierkorb pinkeln sah.
Als er mich bemerkte - er schüttelte gerade ab - hob er den Kopf und sagte: „Ach, Jost, hallo!“ Dann schloss er seinen Hosenstall und bückte sich im Anschluss nach einem lauten Plastiksack, in dem er Leergut-Flaschen gesammelt hatte.

Ich fragte nicht wie es ihm geht; von ganz allein sagte er: „Ach, Jost, gut gehts mir nicht“ Und als ich herausfinden wollte, ob er noch fotografiere, winkte er nur ab und rückte seine Brille auf der Kartoffel-Nase zurecht. Eines der Gläser war gesprungen, sodass man das Auge dahinter zweimal sehen konnte. Max hatte jetzt drei Augen.

Er huckte den Flaschensack auf und sagte, dass er seinen Fotoapparat nach dem letzten Job in Ruanda an den Nagel gehängt hätte. Er könne so nicht weitermachen, klagte er. Die Hutu vor Ort hatten ihn unter der Bedrohung seines Lebens gezwungen, ein Massaker an etwa fünfzig Tutsi bildlich festzuhalten. Unvorstellbar. Danach, sagte er, hätte mit ihm nichts mehr gestimmt. „Ich war ein guter, ein wirklich guter Fotojournalist“, betonte er, „aber...“, er brach den Satz hier ab und ließ ihn mit einem Kopfschütteln ausklingen.

Max; „Zuerst haben sie Granaten in die Menge geworfen und dann geschossen“, sagte er und ging mit mir zu einer nahen Bank. „Dann haben die den Rest der Leute mit Macheten zerhackt“
Ich selbst wusste gar nicht, was ich sagen sollte.
„Ich habe auf der Straße einen Kopf mit einer Schulter und einem Arm daran gesehen“, sagte er; seine Stimme zitterte. „Der Rest des Jungen war einfach verschwunden“ Ich antwortete nichts. Konnte ja nicht.
„Ein anderer Junge, gerade einmal elf oder zwölf Jahre alt, hat mit einer russischen Maschinenpistole einer Mutter den Kopf weggeschossen; die Frau hatte gerade ihre Tochter auf dem Arm“ Wir schüttelten beide den Kopf und ich habe mir sogar vor Entsetzen den Mund zugehalten.

Jawohl, Max war ziemlich voll. Und er hatte offenbar den Glauben an die Menschen verloren. Restlos. Er sagte, dass man jedem Menschen auf der Welt so viele Waffen geben solle, wie er selbst tragen kann; je mehr Leute sich gegenseitig umbringen, umso besser für die Erde, für die Evolution, für Gott, sagte er ganz ernst.

Ich fragte ihn daraufhin, was mit den armen Kindern wäre, aber er winkte nur ab, rückte seine Brille zurecht und behauptete, dass Kinder nur so lange lieb seien, bis man ihnen die Mutterbrust aus dem Mund nähme; danach gingen sie, genau wie ihre Eltern, hinaus, um zu belügen und zu betrügen und zu morden.

Max: „Jost, mit den Menschen ist es genau wie mit den Insekten. Nur umgekehrt“
Er sagte, dass die Insekten im Larvenstadium hässlich und grässlich seien, sich aber nach der Verpuppung oft in ganz ansehnliche Wesen verwandelten. Die Menschenlarven aber, die Kinder also, seien zunächst herzzerreißend niedlich, würden sich aber später in gemeine Ungeheuer verwandeln.

Ob man das denn verallgemeinern könne, fragte ich ihn. „Natürlich, Jost, natürlich“, antwortete er aufgeregt und meinte, dass es von Natur aus überhaupt keine guten Menschen gäbe. „Einige verblödete“, sagte er, „glauben tatsächlich, sie seien gut. Sie ziehen sich bunte Klamotten an, lächeln den ganzen Tag lang etwas dämlich und helfen anderen Ungeheuern ungeheuerlich zu sein...“, und er ergänzte: „Das sind die schlimmsten!“
Ob er nicht etwas übertreibe, fragte ich, aber Max winkte ab und rückte seine Dreiaugenbrille zurecht. „Sobald die Kleinen“, sagte er, „in die Obhut des Staates kommen, ist es vorbei mit ihnen!“
Max weiter: „Seit Generationen tun die Staaten der Moderne nichts anderes, als dem Menschen, also den Menschenskindern, permanent in den Kopf zu machen!“, behauptete er. Ich sagte nix zu Max.

Max weiter: „Der alte Wilhelm hat unseren Großeltern in den Kopf gemacht; der Adolf hat unseren Eltern in den Kopf gemacht und Brandt und Schmidt und Kohl haben uns in den Kopf gemacht. Drüben haben die Kommunisten den Kindern in den Kopf gemacht und heute nehmen die Staaten extra starke Abführmittel, um den Kindern besonders viel in den Kopf zu machen!“, sagte Max. Ich sagte nix und nickte.

„Jost, verstehst du? Jeden Tag wird Millionen von Kindern auf der Welt ständig in den Kopf gemacht. Millionen indoktrinierter Lehrer entleeren sich tagtäglich über den Köpfen unserer Kinder! Jost, unsere Lehr- und Erziehungsanstalten sind nichts anderes als gewaltige Latrinen, in denen auf direktem Wege in die Köpfe unserer Kinder gemacht wird!“ Ich sagte nichts, nickte aber.

"In den verfluchten Koranschulen wird den armen Kindern Glaubens-Kot und Priester-Stuhl in den Schädel gehäufelt, Jost, und in unseren Gymnasien lernen die Kinder jeden Tag, wie man Staatsfäkalien mit dem Kopf verdaut!“ Max war wirklich voll. Sehr.
„Jost, weißt du überhaupt, warum es eine Schulpflicht gibt?“
Ich zuckte mit den Schultern und sagte nichts. Mit den Augenbrauen zuckte ich auch. Ich habe für jedes Auge eine Braue.
„Damit der Staat seine stinkenden Propagandahaufen in wirklich jeden Kinderkopf platschen lassen kann!“

Mir fiel auf, dass Max ebenfalls nur zwei Brauen hatte; dafür aber drei Augen.
„Jost, hörst du! Alle denken doch nur, dass sie denken; aber das stimmt nicht! Alle funktionieren nur noch übers Endokrine System, Jost! Genau wie die Frauen in ihren Mondphasen - ganz ohne Hirn, nur über Hormone!“
Ich sagte nichts dazu, dachte aber über die Uhrzeit und über die Spiel-Übertragung am Abend im Fernsehen nach. Und darüber, dass ich eigentlich dringend Groß müsse.

Und irgendwie, während Max noch sprach, zog vor meiner inneren Nase schon der Geruch meiner benutzten Toilette vorbei.
Grüße,

Heribert Polta
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Re: Der dreiäugige Max

Beitragvon lilomartha » 12.10.2015, 13:36

Hallo,
ich habe deinen Text gelesen und er hat mir grundsätzlich gefallen. Die Thematik ist mal etwas ganz anderes zu den vielen Themen, die man so in einem Schreibforum zu lesen bekommt.

Lass mich ein paar kleine Anmerkungen machen:
Beinahe hätte ich ihn nicht erkannt, im schäbigen Trainingsanzug und den langen Haaren.
--> Ich hätte in dem schäbigen Trainingsanzug geschrieben, das klingt mehr auf Max bezogen.

Als er mich bemerkte - er schüttelte gerade ab - hob er den Kopf und sagte: „Ach, Jost, hallo!“
Ich fragte nicht wie es ihm geht; von ganz allein sagte er: „Ach, Jost, gut gehts mir nicht.
Und als ich herausfinden wollte, ob er noch fotografiere, winkte er nur ab und rückte seine Brille auf der Kartoffel-Nase zurecht. Eines der Gläser war gesprungen, sodass man das Auge dahinter zweimal sehen konnte. Max hatte jetzt drei Augen.
--> Sehr schön, im Bezug auf den Titel! Gefällt mir.

Max; „Zuerst haben sie Granaten in die Menge geworfen und dann geschossen“, sagte er und ging mit mir zu einer nahen Bank.
--> Max würde ich streichen, mir als Leser war es klar, dass er hier spricht.

„Ich habe auf der Straße einen Kopf mit einer Schulter und einem Arm daran gesehen.“, sagte er; seine Stimme zitterte. „Der Rest des Jungen war einfach verschwunden.
„Ein anderer Junge, gerade einmal elf oder zwölf Jahre alt, hat mit einer russischen Maschinenpistole einer Mutter den Kopf weggeschossen; die Frau hatte gerade ihre Tochter auf dem Arm.

Jawohl, Max war ziemlich voll. Und er hatte offenbar den Glauben an die Menschen verloren.
--> Mir würde Menschheit hier besser gefallen, ist aber subjektiv.

bis man ihnen die Mutterbrust aus dem Mund nähme; danach gingen sie, genau wie ihre Eltern, hinaus, um zu belügen und zu betrügen und zu morden.

Max: „Jost, mit den Menschen ist es genau wie mit den Insekten. Nur umgekehrt.

und er ergänzte: „Das sind die schlimmsten!“

Allgemeines Fazit:
Deine Figuren wirken auf mich sehr lebendig, auch wenn man sie nicht richtig kennenlernen konnte. Mir gefällt sehr gut, wie das Prota ab Mitte der Unterhaltung immer mehr in unwichtige Gedanken abschweift und dem armen Max am Ende gar nicht mehr zuhört. Ein wirklich sehr sehr schönes "Show - Don't tell!" Super gemacht! An der wörtlichen Rede solltest du nochmal ein wenig arbeiten, an welchen Stellen ein Punkt etc. fehlt und wann man dementsprechend danach groß weiterschreiben muss.
Ansonsten ein wirklich schöner Text!

Lieben Gruß
lilomartha
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Re: Der dreiäugige Max

Beitragvon DrJones » 15.10.2015, 19:36

Hallo Heribert!

Ich hatte Deine Geschichte ja schon gestern in der S-Bahn gelesen und
einen Lachanfall bekommen. Der Humor ist staubtrocken. Das Thema
eigentlich böse. Diese Juxtaposition ist Dir hervorragend gelungen!

Zum einzelnen...

Als ich ihn, Max, das letzte Mal traf, war es schlecht um ihn bestellt gewesen. Beinahe hätte ich ihn nicht erkannt, im schäbigen Trainingsanzug und den langen Haaren.


Okay. Am Anfang wird in einem Tell gesagt, was das Fazit mit diesem Max ist, dann kommt das
Show. Sonst andersrum- an dieser Stelle aber genau richtig! Das ist ja auch die Art, wie echte Menschen erzählen. Die Figurenzeichnung des
Erzählers (!) hast Du über die Regel "Show don't tell!" gestellt - mit einem realen Gefühl für reale
Erzähler. Sehr gut. :D

Ich kam gerade von meinem Krebsfußball-Verein und wollte heim gehen, als ich ihn in der Winklergasse, nahe am Sozialamt, in einen öffentlichen Papierkorb pinkeln sah.


Krebsfußball - ein Begriff der heraussticht. Ich musste es eryahoohen. Das sieht auch krank aus,
wie die auf dem Boden rumkrebsen mit dem Ball. Du bringst hier auch das Thema Krankheit bzw.
menschliche Verbiegungen oder Verkrümmungen mit ins Spiel. Sehr stimmig. :D

Als er mich bemerkte - er schüttelte gerade ab - hob er den Kopf und sagte: „Ach, Jost, hallo!“



Hier sehe ich eine Doppelung. Er bemerkte ihn und hob den Kopf. Ich würde das "bemerken" löschen
und den Satz neu aufbauen. "- er schüttelte gerade ab -" ist ein herrliches Detail, das mich an die Story glauben macht! :D


Dann schloss er seinen Hosenstall und bückte sich im Anschluss nach einem lauten Plastiksack, in dem er Leergut-Flaschen gesammelt hatte.


Ich würde ggf. das "laut" streichen. Und auch das "gesammelt".
Vorschlag: Dann schloss er seinen Hosenstall und bückte sich im Anschluss nach einem Plastiksack, aus dem Leergut-Flaschen lugten.
"Lugten" ist ein Risikowort, das aber wie Krebsfussball wirkt. Irgendwie krank... 8)



Ich fragte nicht wie es ihm geht; von ganz allein sagte er: „Ach, Jost, gut gehts mir nicht“


Das ist eine sehr treffende Figurenzeichnung. Menschen mit psychischen Problemen sind oft
hypersensibel und können fast schon Fragen erahnen oder Gedanken lesen. Habe ich selbst
die Erfahrung gemacht. Es ist etwas unheimlich.

Und als ich herausfinden wollte, ob er noch fotografiere, winkte er nur ab und rückte seine Brille auf der Kartoffel-Nase zurecht. Eines der Gläser war gesprungen, sodass man das Auge dahinter zweimal sehen konnte. Max hatte jetzt drei Augen.


herausfinden --> ihn fragen
Das Detail mit den drei Augen ist ungemein eindringlich! Die Zahl drei. Das rückt es für
mich ein Stück weit in Richtung Märchen. Das dritte
Auge. Das sehende Auge, das hinter die Formen des
Alltäglichen blicken kann. Das ist stimmig mit der Figur,
die Dinge ganz anders wahrnimmt als die meisten.
Sehr interessant! :)

Er huckte den Flaschensack auf und sagte,


Hucken! Guuuut! Krebsfussball. Hucken... :) Diese Spezialbegriffe zeichnen auch Deinen
Erzähler gut. Für mich ist das ein leidender Individualist.


dass er seinen Fotoapparat nach dem letzten Job in Ruanda an den Nagel gehängt hätte. Er könne so nicht weitermachen, klagte er. Die Hutu vor Ort hatten ihn unter der Bedrohung seines Lebens gezwungen, ein Massaker an etwa fünfzig Tutsi bildlich festzuhalten. Unvorstellbar. Danach, sagte er, hätte mit ihm nichts mehr gestimmt. „Ich war ein guter, ein wirklich guter Fotojournalist“, betonte er, „aber...“, er brach den Satz hier ab und ließ ihn mit einem Kopfschütteln ausklingen.


Ist das eine wahre Geschichte? Das klingt total plausibel für mich.

Max; „Zuerst haben sie Granaten in die Menge geworfen und dann geschossen“, sagte er und ging mit mir zu einer nahen Bank. „Dann haben die den Rest der Leute mit Macheten zerhackt“


Eindringliche Bilder. Man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll. Das ist emotional
herausfordernd. 8)

„Ich habe auf der Straße einen Kopf mit einer Schulter und einem Arm daran gesehen“, sagte er; seine Stimme zitterte. „Der Rest des Jungen war einfach verschwunden“


Kopf und Junge bekomme ich nicht ganz zusammen. Ist einfach die Art, wie dieser Max erzählt.
Dass Du mich hier verwirrst, ist gut, denn Dein Erzähler wird auch verwirrt sein, das zu hören.


„Ein anderer Junge, gerade einmal elf oder zwölf Jahre alt, hat mit einer russischen Maschinenpistole einer Mutter den Kopf weggeschossen; die Frau hatte gerade ihre Tochter auf dem Arm“ Wir schüttelten beide den Kopf und ich habe mir sogar vor Entsetzen den Mund zugehalten.


Das mit dem Mund klingt leicht ironisch.

Jawohl, Max war ziemlich voll. Und er hatte offenbar den Glauben an die Menschen verloren. Restlos. Er sagte, dass man jedem Menschen auf der Welt so viele Waffen geben solle, wie er selbst tragen kann; je mehr Leute sich gegenseitig umbringen, umso besser für die Erde, für die Evolution, für Gott, sagte er ganz ernst.


Das sind ja ernste Themen, die Du hier ansprichst. Die Entfremdung des Menschen von der Natur.
Allein die Forderung dieses Max zeigt das. Tiere sind ja nicht wie der Mensch. Tiere leben mit
sich und der Natur im Einklang. Manchmal erscheinen sie uns brutal. Das sind aber nur Projektionen
unserer verbogenenen Denkweise. Dass das Thema Glaube hier kommt, ist dann ja nur konsequent. :)

Ich fragte ihn daraufhin, was mit den armen Kindern wäre, aber er winkte nur ab, rückte seine Brille zurecht und behauptete, dass Kinder nur so lange lieb seien, bis man ihnen die Mutterbrust aus dem Mund nähme; danach gingen sie, genau wie ihre Eltern, hinaus, um zu belügen und zu betrügen und zu morden.


Herrlich! Der Gedanke mit den Kindern. Letztendlich sind es nur Äußerlichkeiten, wonach wir Menschen
beurteilen. Du weitest den Blick mit Deinem Text und läßt hinter die Masken sehen.

Max: „Jost, mit den Menschen ist es genau wie mit den Insekten. Nur umgekehrt“
Er sagte, dass die Insekten im Larvenstadium hässlich und grässlich seien, sich aber nach der Verpuppung oft in ganz ansehnliche Wesen verwandelten. Die Menschenlarven aber, die Kinder also, seien zunächst herzzerreißend niedlich, würden sich aber später in gemeine Ungeheuer verwandeln.


Hier musste ich wieder sehr lachen. Den Spruch werde ich mir merken!
Er zeigt auch die Ambivalenz und Spaltung des Menschen. :)

Ob man das denn verallgemeinern könne, fragte ich ihn. „Natürlich, Jost, natürlich“, antwortete er aufgeregt und meinte, dass es von Natur aus überhaupt keine guten Menschen gäbe. „Einige verblödete“, sagte er, „glauben tatsächlich, sie seien gut. Sie ziehen sich bunte Klamotten an, lächeln den ganzen Tag lang etwas dämlich und helfen anderen Ungeheuern ungeheuerlich zu sein...“, und er ergänzte: „Das sind die schlimmsten!“


Die Gutmenschen... Das Ego hat auch bei denen übernommen, denn diese Gattung möchte nur Anerkennung für ihr
Gutsein und ihren aufgesetzten Altruismus. Dein Prota spricht bestimmt vielen Menschen aus der Seele.
Ich sehe ihn als Superego (aber kein Bösewicht!) oder Trickster-Gestalt. Ein Tabubrecher, der alles sagen darf, was er denkt.
Das sind befreiende Charaktere. :)

Ob er nicht etwas übertreibe, fragte ich, aber Max winkte ab und rückte seine Dreiaugenbrille zurecht. „Sobald die Kleinen“, sagte er, „in die Obhut des Staates kommen, ist es vorbei mit ihnen!“
Max weiter: „Seit Generationen tun die Staaten der Moderne nichts anderes, als dem Menschen, also den Menschenskindern, permanent in den Kopf zu machen!“, behauptete er. Ich sagte nix zu Max.


Konditionierung und Sozialisierung. Wichtige und ernste Themen. "In den Kopf machen". Dieses
Bild werde ich nie vergessen. :x :lol:

Max weiter: „Der alte Wilhelm hat unseren Großeltern in den Kopf gemacht; der Adolf hat unseren Eltern in den Kopf gemacht und Brandt und Schmidt und Kohl haben uns in den Kopf gemacht. Drüben haben die Kommunisten den Kindern in den Kopf gemacht und heute nehmen die Staaten extra starke Abführmittel, um den Kindern besonders viel in den Kopf zu machen!“, sagte Max. Ich sagte nix und nickte.


Hier verstärkst Du sehr schön durch Wiederholung. Die Figurenzeichnung ist konsequent. :)

„Jost, verstehst du? Jeden Tag wird Millionen von Kindern auf der Welt ständig in den Kopf gemacht. Millionen indoktrinierter Lehrer entleeren sich tagtäglich über den Köpfen unserer Kinder! Jost, unsere Lehr- und Erziehungsanstalten sind nichts anderes als gewaltige Latrinen, in denen auf direktem Wege in die Köpfe unserer Kinder gemacht wird!“ Ich sagte nichts, nickte aber.


Latrinen! Krebsfussball. Hucken. Latrine. Der Kreis schließt sich. :D

"In den verfluchten Koranschulen wird den armen Kindern Glaubens-Kot und Priester-Stuhl in den Schädel gehäufelt, Jost, und in unseren Gymnasien lernen die Kinder jeden Tag, wie man Staatsfäkalien mit dem Kopf verdaut!“ Max war wirklich voll. Sehr.


Das Hauptthema des Max. Er ist ein Bessesener. Ein Superego! Priester evtl. durch Bezeichnung für einen
muslimischen Geistlichen ersetzen?

„Jost, weißt du überhaupt, warum es eine Schulpflicht gibt?“
Ich zuckte mit den Schultern und sagte nichts. Mit den Augenbrauen zuckte ich auch. Ich habe für jedes Auge eine Braue.
„Damit der Staat seine stinkenden Propagandahaufen in wirklich jeden Kinderkopf platschen lassen kann!“


hahaha! :lol: :lol: :lol:
Bei den Brauen hast Du mich wundern lassen. Dann folgt gleich die Erklärung.

Mir fiel auf, dass Max ebenfalls nur zwei Brauen hatte; dafür aber drei Augen.


:lol:

„Jost, hörst du! Alle denken doch nur, dass sie denken; aber das stimmt nicht! Alle funktionieren nur noch übers Endokrine System, Jost! Genau wie die Frauen in ihren Mondphasen - ganz ohne Hirn, nur über Hormone!“


Endokrin. Wieder so ein Spezialbegriff. Ich hätte da irgendwo noch "skatologisch" untergebracht... :D

Ich sagte nichts dazu, dachte aber über die Uhrzeit und über die Spiel-Übertragung am Abend im Fernsehen nach. Und darüber, dass ich eigentlich dringend Groß müsse.


Du behältst das Thema bei. Jetzt hat der Max dem Erzähler in den Kopf gemacht.

Und irgendwie, während Max noch sprach, zog vor meiner inneren Nase schon der Geruch meiner benutzten Toilette vorbei.


Ich rieche es förmlich.

Dein Text hat mir sehr, sehr gut gefallen! In dem eigentlichen Monolog ist viel Figurenzeichnung, die
Du mit schönen Shows weiter abrundest. Der Typ ist ein traumatisierter Mensch, ein komplett
auf sich bezogenes Superego, dem es egal ist, dass er seinen alten Freund gnadenlos
mit furchtbaren Geschichten zutextet. Der erzeugte Ekel ist förmlich spürbar!

Ich muss Dir sagen, dass ich Deine Texte als Inspiration ansehe.
Du hängst jedesmal die Latte ein Stückchen höher und beflügelst mich,
auch mehr in meinen Geschichten zu versuchen.

Noch einen schönen Abend,

DrJones
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Re: Der dreiäugige Max

Beitragvon Samis » 16.10.2015, 12:24

Großartig! Eine weitere Perle von dir. Wieder hab ich kaum etwas auszusetzen und kann es dennoch nicht lassen, meinen unqualifizierten Soder dazu abzusondern.


Ich kam gerade von meinem Krebsfußball-Verein und wollte heim gehen, als ich ihn in der Winklergasse, nahe am Sozialamt, in einen öffentlichen Papierkorb pinkeln sah.


Da er sich draußen in der Gasse befindet, würde ich auf öffentlich verzichten. Zudem fände ich dem vor Sozialamt schöner. Wen interessierts?

Ich kam gerade von meinem Krebsfußball-Verein und wollte heim gehen, als ich ihn in der Winklergasse, nahe dem Sozialamt, in einen Papierkorb pinkeln sah.



Dann schloss er seinen Hosenstall und bückte sich im Anschluss nach einem lauten Plastiksack, in dem er Leergut-Flaschen gesammelt hatte.


Hier kann ich mich nicht entscheiden, ob ich den lauten Sack nun genial, oder doch zu gewollt finden soll. Hm.



Die Hutu vor Ort hatten ihn unter der Bedrohung seines Lebens gezwungen, ein Massaker an etwa fünfzig Tutsi bildlich festzuhalten. Unvorstellbar.


Den Artikel vor Bedrohung würde ich streichen und das Satzende umformulieren. Sprachgewichse, weiter nix.

Die Hutu vor Ort hatten ihn unter Bedrohung seines Lebens gezwungen, ein Massaker an etwa fünfzig Tutsi abzulichten. Unvorstellbar.



„Der Rest des Jungen war einfach verschwunden“ Ich antwortete nichts. Konnte ja nicht.

„Der Rest des Jungen war einfach weg“ Verschwunden klingt mir hier zu weich. Das Selbstverständnis des Zusatzes: Konnte ja nicht. ist meisterlich!


Er sagte, dass man jedem Menschen auf der Welt so viele Waffen geben solle, wie er selbst tragen kann;

Selbst könnte weg.



Sie ziehen sich bunte Klamotten an, lächeln den ganzen Tag lang etwas dämlich und helfen anderen Ungeheuern ungeheuerlich zu sein...“, und er ergänzte: „Das sind die schlimmsten!“

Die bunten Klamotten liegen schon etwas zurück und das dämliche Lächeln kommt vergleichsweise platt daher. Ungeheuern dabei zu helfen, Ungeheuerliches zu tun, ist wieder ganz groß!



Jost, unsere Lehr- und Erziehungsanstalten sind nichts anderes als gewaltige Latrinen, in denen auf direktem Wege in die Köpfe unserer Kinder gemacht wird!“ Ich sagte nichts, nickte aber.

Dass nur gemacht wird ist klasse. Dennoch würde ich mir einmal Fäkalsprache erlauben. Hier wäre ein guter Zeitpunkt.

Jost, unsere Lehr- und Erziehungsanstalten sind nichts anderes als gewaltige Latrinen, in denen auf direktem Wege in die Köpfe unserer Kinder geschissen wird!“ Ich sagte nichts, nickte aber.


"In den verfluchten Koranschulen wird den armen Kindern Glaubens-Kot und Priester-Stuhl in den Schädel gehäufelt, Jost, und in unseren Gymnasien lernen die Kinder jeden Tag, wie man Staatsfäkalien mit dem Kopf verdaut!“ Max war wirklich voll. Sehr.

Gehäufelt ist auch klasse! Und Max’ Suff mit einem simplen Sehr. zu verstärken genial!



Ich sagte nichts dazu, dachte aber über die Uhrzeit und über die Spiel-Übertragung am Abend im Fernsehen nach. Und darüber, dass ich eigentlich dringend Groß müsse.

Hier würde ich den Text enden lassen. Der letzte Satz wirkt wie die Pointe nach der Pointe. Aber wer bin ich, dass ich dir Ratschläge geben könnte? Am besten vergisst du alles und machst weiter dein Ding, denn das machst du gut!


Beste Grüße,
Samis
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