[Nachdenk]Der eine Moment

Gesellschaft, Kritik, Philosophisches

[Nachdenk]Der eine Moment

Beitragvon wolihops » 02.09.2015, 17:23

Habe die Geschichte noch einmal überarbeitet. Das ist das Ergebnis:

Der eine Moment - die Landstraße

Sophie und Chris schoben ihre Einkäufe in einem Einkaufszentrum zum Parkdeck. Am Fahrzeug angekommen, lud Chris die prall gefüllten Tüten und den großen Karton mit dem neuen Geschirr in den Kofferraum.
"Chris, ich hole noch ein paar Erdbeeren an dem Stand da vorne."
"Sophie, wir kommen zu spät, hast du vergessen, wir sind heute Abend zum Essen bei meinen Eltern eingeladen!"
"Es dauert nur einen Moment, ich beeile mich!", Sophie lief rasch zum Erdbeerstand.
"Deinen Moment kenne ich", rief Chris ihr hinter her.

Thomas stieg in seinen PickUp, er hatte Feierabend und fuhr ins Krankenhaus der Kreisstadt. Seine Frau Rosi lag seit zwei Wochen im Koma nach der Geburt des Sohnes Niklas. Seitdem verbrachte Thomas viele schlaflose Nächte. Rosis Mutter war tagsüber am Krankenbett und er nachts. Mit koffeinhaltigen Getränken hielt er sich wach. Thomas konnte es sich nicht leisten, im Job zu fehlen, sie brauchten das Geld. Ausserdem könnte er seine Arbeit verlieren.
" Komm zu dir, wach auf Rosi !", brüllte er, um nicht einzuschlafen, während er auf der Landstraße fuhr.
" Oh Gott, bitte lasse sie aufwachen!", betete er.
Da vorne kam die lange Rechtskurve. Die Lider waren schwer. Thomas war so müde. Einen Moment die Augen schließen, nur für ein paar Sekunden .

"Fahr nicht so schnell, Chris!"
"Wir sind spät dran, du kennst meine Eltern, den ganzen Abend beklagen sie sich, weil wir unpünktlich sind!" , entgegnete Chris genervt.
Dann kam die lange Linkskurve. Ein weißer PickUp fuhr schnurstraks auf sie zu. Chris wollte ausweichen, er hatte keine Chance.

Thomas kam blitzartig zu sich, er war auf die Gegenfahrbahn geraten. Er riss das Lenkrad herum. Ein lauter Knall, er war mit einem roten Golf frontal zusammengestoßen, der in die Höhe katapultiert wurde, sich überschlug und auf dem Dach liegen blieb. Er bremste stark, dann geriet der Pick ins Schleudern und drehte sich. Thomas konnte ihn unter Kontrolle bringen. Seine Stirn blutete.
"Verdammt, was habe ich angerichtet! Wieso musste ich einnicken. Oh Gott, hoffentlich ist den Leuten nichts schlimmes passiert", schockiert und zitternd stieg er aus und lief torkelnd zu dem stark beschädigten, roten Golf.

Chris war kurz benommen, dann realisierte er, was geschehen war. Er fühlte, dass ihm nichts passiert war.
Dann sah er Sophie.
Sie hing schlaff in den Sicherheitsgurten.
"Sophie, Sophie, ist dir was passiert?"
Die Windschutzscheibe wurde eingeschlagen und ein blutverschmierter Mann beugte sich über Sophie.
"Helfen sie meiner Freundin!" , schrie Chris hysterisch.
Der Mann löste den Gurt und zerrte sie aus dem Fahrzeug.
"Kommen sie alleine hinaus?", brüllte der Mann zu Chris in den Wagen.
Verzweifelt wälzte sich Chris aus dem Autowrack. Seine Sophie durfte nicht sterben.

Thomas erkannte gleich, dass die Frau wiederbelebt werden musste und begann sofort damit. Heulend lief der Mann wie ein Verrückter herum und beschuldigte ihn, den Unfall verursacht zu haben.
"Ich bringe dich um, wenn sie stirbt, das schwöre ich!"
Lange Minuten dauerte es, dann atmete die Frau und ihr Herz fing wieder an zu schlagen. Thomas schwitzte , das Wasser lief ihm am ganzen Körper herunter.
Der gerufene Notarzt übernahm jetzt die Versorgung, Ein Hubschrauber landete.
Die Schwerverletzte wurde abtransportiert. Thomas war unendlich froh, dass die Frau lebte. Es wurde ihm schwindelig, der Schock setzte ein, er kollabierte. In der Notaufnahme der Kreisklinik kam er zu sich, seine Wunde an der Stirn wurde genäht.
Er schluchzte trocken: "Einen Moment, der verdammte Sekundenschlaf!"
Die Polizei wartete draussen, um ihn zu vernehmen.

Chris und Sophies Eltern hielten sich unzählige Stunden vor dem OP in der Kreisklinik auf und bangten um das Leben von Sophie. Chris lief hin und her, wie ein im Käfig gefangener Tiger, sie warteten und warteten, er wurde verrückt.
"Die verdammten Erdbeeren sind schuld!", murmelte er vor sich hin.
Dabei wollten sie doch im August heiraten. Sie richteten gerade ihre neue Wohnung ein. Sie freuten sich so. Sollte das mit einem Schlag alles vorbei sein? Sophie musste leben und wieder gesund werden.
"Bitte, lieber Gott lass sie nicht sterben!", Chris fing verzweifelt an zu beten.

Und als hätte Gott ihn erhört, öffnete sich die OP-Tür und ein Arzt in OP-Kleidung trat heraus.
Chris und Sophies Eltern schauten ihn angstvoll an.
"Die Patientin ist ausser Lebensgefahr, bleibende Schäden sind nicht zu erwarten. Danken sie dem, der beherzt die sofortige Wiederbelebung am Unfallort vorgenommen hat", teilte er ihnen, erschöpft an der Tür angelehnt, mit.
"Der eine Moment!", schluchzte Chris befreit und ging zu Sophie.

Sophie würde leben! Rosi, die seit zwei Wochen im Koma lag, schloss für immer die Augen.

Version 1: (Zum Lesen bitte scrollen)
"Der eine Moment
Sophie und Chris schoben ihre Einkäufe in einem Einkaufszentrum zum Parkdeck. Am Fahrzeug angekommen, lud Chris die prall gefüllten Tüten und den großen Karton mit dem neuen Geschirr in den Kofferraum.
"Chris, ich hole noch ein paar Erdbeeren an dem Stand da vorne."
"Sophie, wir kommen zu spät, hast du vergessen, wir sind heute Abend zum Essen bei meinen Eltern eingeladen!"
"Es dauert nur einen Moment, ich beeile mich!", Sophie lief rasch zum Erdbeerstand.
"Deinen Moment kenne ich", rief Chris ihr hinter her.

Thomas stieg in seinen PickUp , er hatte Feierabend und fuhr ins Krankenhaus der Kreisstadt. Seine Frau Rosi lag seit zwei Wochen im Koma nach der Geburt des Sohnes Niklas. Seitdem verbrachte Thomas viele schlaflose Nächte. Rosis Mutter war tagsüber und nachts er am Krankenbett. Mit koffeinhaltigen Getränken hielt er sich die ganze Zeit wach. Thomas konnte es sich nicht leisten im Job zu fehlen, sie brauchten das Geld. Ausserdem könnte er seine Arbeit verlieren.
" Komm zu dir, wach auf Rosi !", brüllte er, um nicht einzuschlafen, während er auf der Landstraße fuhr.
" Oh Gott, bitte lasse sie zu sich kommen!", betete er.
Da vorne kam die lange Rechtskurve. Die Lider waren schwer. Thomas war so müde. Einen Moment die Augen schließen, nur für ein paar Sekunden .

"Fahr nicht so schnell, Chris!"
"Wir sind spät dran, du kennst meine Eltern, den ganzen Abend beklagen sie sich, weil wir unpünktlich sind!" , entgegnete Chris genervt.
Dann kam die lange Linkskurve. Ein weißer PickUp fuhr schnurstraks auf sie zu. Chris wollte ausweichen, er hatte keine Chance.

Thomas kam blitzartig zu sich, er war auf die Gegenfahrbahn geraten. Er riss das Lenkrad herum. Ein lauter Knall, er war mit einem roten Golf frontal zusammengestoßen, der sich in die Höhe katapultierte, überschlug und auf dem Dach liegen blieb. Er bremste stark, dann schleuderte und drehte der PickUp. Thomas konnte ihn einfangen und kam zum Halten. Seine Stirn blutete. Schockiert und zitternd stieg er aus und lief torkelnd zu dem stark beschädigten, roten Golf.

Chris war kurz benommen, dann realisierte er, was geschehen war.
Sophie hing schlaff in den Sicherheitsgurten
"Sophie, Sophie, ist dir was passiert?"
Die Windschutzscheibe wurde eingeschlagen und ein blutverschmierter Mann beugte sich über Sophie.
"Helfen sie meiner Freundin!" , schrie Chris hysterisch.
Der Mann löste den Gurt und zerrte sie aus dem Fahrzeug.
"Kommen sie alleine hinaus?", brüllte der Mann zu Chris in den Wagen.

Thomas erkannte gleich, dass die Frau wiederbelebt werden musste und begann sofort damit. Heulend lief der Mann wie ein Verrückter herum und beschuldigte ihn, den Unfall verursacht zu haben.
"Ich bringe dich um, wenn sie stirbt, das schwöre ich!"
Lange Minuten dauerte es, dann atmete die Frau und ihr Herz fing wieder an zu schlagen. Thomas schwitzte , das Wasser lief ihm am ganzen Körper herunter.
Der Notarzt, der gerade angekommen war, übernahm jetzt die Versorgung, Ein Hubschrauber landete.
Die Schwerverletzte wurde abtransportiert. Thomas wurde es schwindelig, der Schock setzte ein, er kollabierte. In der Notaufnahme der Kreisklinik kam er zu sich, seine Wunde an der Stirn wurde genäht
Er schluchzte trocken: "Einen Moment, der verdammte Sekundenschlaf!"
Die Polizei wartete draussen, um ihn zu vernehmen.

Chris und Sophies Eltern hielten sich unzählige Stunden vor dem OP in der Kreisklinik auf und bangten um das Leben von Sophie. Chris lief hin und her, wie ein im Käfig gefangener Tiger, sie warteten und warteten, er wurde verrückt.
"Die verdammten Erdbeeren sind Schuld!", murmelte er vor sich hin.

Die OP-Tür öffnete sich und ein Arzt in OP-Kleidung trat heraus.
Was würde er ihnen mitteilen?
"Die Patientin ist ausser Lebensgefahr, bleibende Schäden sind nicht zu erwarten. Danken sie dem, der beherzt die sofortige Wiederbelebung am Unfallort vorgenommen hat.", teilte er ihnen, erschöpft an der Tür angelehnt, mit !", "Der eine Moment!", schluchzte Chris befreit und ging zu Sophie .

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Re: Der eine Moment

Beitragvon RebeccaMaria » 02.09.2015, 18:22

Hallo wolihops,

dann schreib ich mal meine Gedanken zu deiner Geschichte auf.

Ja, ein einziger Moment im Leben, der alles verändert... da ist eigentlich ein schöner AUfhänger.

Sehr, sehr dramatische Szene - aber ich finde, du hättest noch mehr daraus machen können. Mir ist der Text an vielen Stellen zu berichtartig und zu nüchtern.

Thomas erkannte gleich, dass die Frau wiederbelebt werden musste und begann sofort damit. Heulend lief der Mann wie ein Verrückter herum und beschuldigte ihn, den Unfall verursacht zu haben.
"Ich bringe dich um, wenn sie stirbt, das schwöre ich!"
Lange Minuten dauerte es, dann atmete die Frau und ihr Herz fing wieder an zu schlagen. Thomas schwitzte , das Wasser lief ihm am ganzen Körper herunter.
Der Notarzt, der gerade angekommen war, übernahm jetzt die Versorgung, Ein Hubschrauber landete.
Die Schwerverletzte wurde abtransportiert. Thomas wurde es schwindelig, der Schock setzte ein, er kollabierte. In der Notaufnahme der Kreisklinik kam er zu sich, seine Wunde an der Stirn wurde genäht


Ich finde es eine interessante Idee, sowohl aus der Sicht von Chris, als auch von Thomas den Unfall zu beschreiben. Aber was fühlt Thomas denn hier, was denkt er?
oder auch später: was fühlt Chris? Müssen das nicht qualvolle STunden im Krankenhaus sein? Seine Freundin schwebt in Lebensgefahr!

An sich mag ich einen knappen, einfachen Stil sehr gern und an viele Stellen passt er auch. Den ersten Absatz finde ich z.B. super.
Aber an den dramatischen Stellen würde ich mehr Gefühl reinbringen. (Ich hoff, du verstehst, was ich meine ;) )

Ein paar Kleinigkeiten noch (sind aber nur Vorschläge):

Rosis Mutter war tagsüber und nachts er am Krankenbett.

Der Satz klingt für mich etwas "holprig". Vielleicht so: "Rosis Mutter war tagsüber am Krankenbett, er nachts."

Thomas konnte ihn einfangen und kam zum Halten.

"einfangen" passt für mich nicht so gut. Vielleicht einfach nur: "Thomas konnte ihn zum Halten bringen."?

ich hoffe, dir hat mein Kommentar geholfen!

Liebe Grüße,

RebeccaMaria
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Re: Der eine Moment

Beitragvon wolihops » 02.09.2015, 23:07

Hallo RebeccaMaria,
herzlich Dank für Deine Kritik. Sie hilft mir sehr viel und Du hast das erkannt, was meine Schwachstellen sind. Daran muss ich noch heftig arbeiten.
Herzliche Grüße
wolihops
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Re: [Nachdenk]Der eine Moment

Beitragvon FrozenBambi » 09.09.2015, 09:12

Hellöchen,

ich kommentiere dann mal die neue Version, ohne mir die alte durchzulesen, also völlig unbeeinflusst ;)

Der eine Moment - die Landstraße

Sophie und Chris schoben ihre Einkäufe in einem Einkaufszentrum zum Parkdeck.


Ich würde das Einkaufszentrum wegen dem doppelte "Einkauf-" auslassen, da ein Parkdeck mMn darauf schließen lässt.


"Chris, ich hole noch ein paar Erdbeeren an dem Stand da vorne."
"Sophie, wir kommen zu spät, hast du vergessen, wir sind heute Abend zum Essen bei meinen Eltern eingeladen!"
"Es dauert nur einen Moment, ich beeile mich!", Sophie lief rasch zum Erdbeerstand.
"Deinen Moment kenne ich", rief Chris ihr hinter her.


Beim Dialog gilt: Kurz, knackig möglichst konfliktreich.

Mein Vorschlag:
- Streich die Anreden in den ersten beiden Aussagen. Wer sagt denn so was?
- Unten kannst du die Beifügung auslassen. Mach ein Ausrufezeichen um das Rufen zu verdeutlichen, der Sprecher ist uns klar.
- Kürzen Kürzen Kürzen

"Ich hol uns noch ein paar Erdbeeren", sagte Sophie.
"Wir kommen zu spät zu dem Essen!" (Anm: Erzeugt mehr "Spannung", da man sich fragt, was für ein Essen.)
"Ich beeile mich, dauert nur einen Moment!" Sophie eilte (Anm: eilte ist knackiger als lief rasch) zum Erdbeerstand in der Nähe.
"Deinen Moment kenne ich!"

Thomas stieg in seinen PickUp, er hatte Feierabend und fuhr ins Krankenhaus der Kreisstadt.


Mach zwischen die beiden Hauptsätze ein Semikolon (;) oder einfach einen Punkt. Dieses Komma find ich unpassend.


Seine Frau Rosi lag seit zwei Wochen im Koma nach der Geburt des Sohnes Niklas.


Die Satzstruktur würde ich zeitlich chronologisch korrekter stellen. (Für mich klingt es dann einfach schöner)
Nach/Aufgrund der Geburt des Sohnes Niklas, lag seine Frau Rosi schon seit zwei Wochen im Koma.
Oder im Sinne des Subjekt nach vorne:
Seine Frau Rosi lag, aufgrund der Geburt des Sohnes Niklas, schon seit zwei Wochen im Koma.


Mit koffeinhaltigen Getränken hielt er sich wach.


Das kannst du konkreter machen. "Die Dose Cola auf dem Beifahrersitz würde ihn heute Nacht wieder wachhalten."


Thomas konnte es sich nicht leisten, im Job zu fehlen, sie brauchten das Geld. Ausserdem könnte er seine Arbeit verlieren.


Den letzten Satz streichen. Mal davon abgesehen, dass ich als Leser nicht nachvollziehen kann, warum er denn jetzt seine Arbeit verlieren kann und was ihm das Koffein dabei hilft, reicht der erste Teil schon, um die Problematik klarzumachen.

" Komm zu dir, wach auf Rosi !", brüllte er, um nicht einzuschlafen, während er auf der Landstraße fuhr.
" Oh Gott, bitte lasse sie aufwachen!", betete er.


Ich weiß nicht, ob das irgendwer als Methodik verwenden würde.


Da vorne kam die lange Rechtskurve. Die Lider waren schwer. Thomas war so müde. Einen Moment die Augen schließen, nur für ein paar Sekunden .


Das klingt 08/15. Ich würde dies hier sinnhaftig mit obigem verknüpfen. Er DENKT an seine Frau Rosi, wie sie vor ihm steht, nachdem sie aus dem Koma erwacht ist. Schwelgt vielleicht in der Hoffnung, dass sie bereits wach ist und ihn überrascht, wenn er ankommt. Dabei verliert er sich in der Traumwelt, wird dösig, die Lider werden schwer und er kippt kurz zur Seite weg.


"Fahr nicht so schnell, Chris!"
"Wir sind spät dran, du kennst meine Eltern, den ganzen Abend beklagen sie sich, weil wir unpünktlich sind!" , entgegnete Chris genervt.


Ich würde die Beifügung "entgegnete Chris genervt" einfach streichen. Das er genervt ist, erkenne ich schon an dem Ausrufezeichen.

Chris wollte ausweichen, er hatte keine Chance.


Das hier ist eine perfekte Stelle für "show don't tell".
Zunächst traute Chris seinen Augen nicht, dann trat er auf das Bremspedal. Das Auto schoss ihm weiter entgegen; der Lenker schien die Gefahr nicht zu bemerken.
"Oh mein Gott Chris, weich aus!" Sophie riss die Hände in Panik vor das Gesicht, während ihr Mann das Lenkrad nach rechts wuchtete. Sie waren zu schnell für dieses hitzige Manöver und ihr Wagen brach aus der Spur. Die Scheinwerfer des Gegenübers rückten bedrohlich nahe.

<- Wahrscheinlich nicht die beste Variante, aber was ich dir damit sagen will: Hol mehr raus! Lass uns mit allen Sinnen dabei sein. Vielleicht hört er noch das Quietschen der Reifen, spürt seine Frau, die aufgrund des Lenkvorgangs gegen ihn prallt etc etc.

Thomas kam blitzartig zu sich, er war auf die Gegenfahrbahn geraten.


Diese Erklärung, die dem Leser klar ist, nimmt nur unnötig Geschwindigkeit aus der Szene.

Ein lauter Knall, er war mit einem roten Golf frontal zusammengestoßen, der in die Höhe katapultiert wurde, sich überschlug und auf dem Dach liegen blieb.


Das klingt fast wie in einem Zeitungsbericht.

"Die Welt ging in Getöse und Scherbensplittern unter. Thomas hielt sich die Hände schützend vor das Gesicht, um den rasiermesserscharfen Regen abzuwehren. Als er die Augen wieder öffnete, konnte er nur schemenhaft durch die Rauchschwaden das Szenario vor sich wahrnehmen. (...)



"Verdammt, was habe ich angerichtet! Wieso musste ich einnicken. Oh Gott, hoffentlich ist den Leuten nichts schlimmes passiert", schockiert und zitternd stieg er aus und lief torkelnd zu dem stark beschädigten, roten Golf.


Welcher Mensch fängt jetzt an, mit seinem Tun zu hadern? Der hat selber Schmerzen, ist vielleicht halb bewusstlos. Vielleicht brabbelt er ein "Oh mein Gott" und fällt halb aus der Karre, richtet sich auf, stolpert auf das andere Auto zu in der verzweifelten Hoffnung, noch helfen zu können.

schockiert und zitternd ist too much. Schockiert ist klar, zitternd kannste lassen.

Statt "lief torkelnd" könnteste du auch einfach "torkelte" schreiben.

Das könntest du dramatischer und viel kürzer machen. "zu dem Autowrack" :mrgreen:


"Kommen sie alleine hinaus?", brüllte der Mann zu Chris in den Wagen.


Nein, das brüllt er nicht. Der ist jetzt vollauf mit Sophie beschäftigt und hat unheimlich Schiss, gerade wen umgebracht zu haben.



Thomas erkannte gleich, dass die Frau wiederbelebt werden musste und begann sofort damit.


Erneut: Show don't tell. Er presst seine Hände auf ihren Brustkorb, pustet ihr Luft in die Lungen, erhorcht ihren Herzschlag blablabla



"Ich bringe dich um, wenn sie stirbt, das schwöre ich!"


Ey mal ganz ehrlich. Deine Frau liegt da bewusstlos am Boden. Jetzt bist du schon so ein Schlaffi und lässt den VERURSACHER dessen, deine Frau wiederbeleben, statt dass du ihn zur Seite stößt und selber dafür sorgst, dass sie auch ja wieder lebt. Und dann hast du nichts Besseres zu tun, als den, der ihr Leben gerade retten könnte noch abzulenken, indem du ihm drohst?!


Lange Minuten dauerte es, dann atmete die Frau und ihr Herz fing wieder an zu schlagen. Thomas schwitzte , das Wasser lief ihm am ganzen Körper herunter.
Der gerufene Notarzt übernahm jetzt die Versorgung, Ein Hubschrauber landete.


Auch dieses hier klingt mir zu wenig dramatisch.
Endlich reagierte sie auf seine Versuche. Er spürte einen Widerstand, als er seinen Mund auf den ihrigen presste. Um sich herum wurde die Szene in bläulich blinkendes Licht getaucht. Wie als Reaktion auf die Sirene des Notarztes, hob sich ihr Brustkorb und sog selbstständig Luft in ihre Lungen. Tränen der Erleichterung rannen über Thomas verschwitztes Gesicht.


Es wurde ihm schwindelig, der Schock setzte ein, er kollabierte.


Das ist mir jetzt auch zu berichtend, aber ich bin des Schreibens gerade müde :D
Eine medizinische Anmerkung am Rande: Ein Schock, so wie er gerne missbraucht wird als Reaktion auf irgendein dramatisches Setting, ist die falsche Bezeichnung. Tatsächlich ist ein Schock die Reaktion des Körpers auf hohen Blutverlust. Dabei zieht er all seine Blutreserven zusammen, um die lebenserhaltenden Funktionen aufrechtzuerhalten.


"Bitte, lieber Gott lass sie nicht sterben!", Chris fing verzweifelt an zu beten.


Wieder eine unnötige Beifügung, die nur das Tempo rausnimmt.

Sophie würde leben! Rosi, die seit zwei Wochen im Koma lag, schloss für immer die Augen.


Badam! Und du nimmst deine einzige Chance, eine echte Anteilnahme zu erzeugen, indem du wieder einmal tellst statt zu showen.

Thomas bekommt mit, dass sie lebt. Er umarmt Sophie in seiner Erleichterung. Die Familie ist ein wenig irritiert und verlegen zieht er sich zurück. Da fällt ihm wieder Rosi ein. Er ruft ein Taxi, der Fahrer hetzt sich ab. Die Leute sehen Thomas irritiert an, aber es ist ihm egal, wie er jetzt aussieht. Er hat ein verdammt gutes Gefühl, fühlt sich wie neugeboren. Da läuft er an der Station vorbei, wo sein Kind liegt. Tränen der Rührung. Er weiß irgendwie, dass Rosi wieder wach geworden ist. Alles scheint zu passen. Gleich wird er ihr helfen, denn sie wird zu schwach sein. Entweder sie gehen gemeinsam zum Kind, oder er holt es. Ein Arzt will ihn ansprechen und ihm etwas Wichtiges mitteilen. Sein Herz macht einen Hüpfer. Nein, er weiß schon Bescheid, sagt er ganz euphorisch, worauf der Arzt ihn nur irritiert ansieht. Er läuft unerlaubt hinein, man versucht ihn aufzuhalten. Er schnappt sich sein Kind, erklärt, es werde jetzt endlich seine Mami kennenlernen und dann führen sie nach Hause. Man hält ihn nicht mehr auf, lässt ihn tun. Er deutet das so, dass man sich für ihn freut. Ihre besorgten Blicke gelten natürlich seinen Wunden und er nimmt sich kaum die Zeit, ihnen das zu erklären, so aufgeregt ist er. Dafür hat er später noch Zeit. Jetzt muss er sich beeilen. Stolpert fast mit dem Kind, das daraufhin anfängt zu schreien. Er streicht ihm nur kurz über den Kopf. Sobald es an der Brust seiner Mutter liegt, wird es ihm wieder gut gehen. Da ist schon ihr Zimmer. Er hört kein Beatmungsgerät mehr, nur noch das sonore Piepen eines Apparats. Der Arzt ist ihm hinterhergeeilt. Er muss nun wirklich mit ihm sprechen. Er ignoriert ihn, geht in das Zimmer. Das Baby hört auf zu schreien, als spüre es die Wichtigkeit, die Erhabenheit dieses Moments. Ihre Augen sind geöffnet und blicken ihm entgegen. Er kniet sich neben sie hin, will das Baby an ihre Seite legen. Da bemerkt er, dass ihr Blick gebrochen ist. Sie ist tod. Und er wünscht sich, er wäre heute bei dem verdammten Unfall einfach draufgegangen.


Soooo....

Rechtschreibungstechnisch solltest du dir mal anschauen, wann man ß verwendet und wann ss - das nur am Rande ;)

Und wie meine Vorrednerin schon sagte, kann ich nur bestätigen, du berichtest zuviel. Derweil erkennst du wohl noch nicht die Momente, in denen du ruhig etwas mehr Butter bei die Fische geben könntest. Näher heranzoomen an das Szenario, wenn etwas Wichtiges, dramatisches passiert. Der Leser muss mitfühlen können, um mitzuleiden.

Da hilft nur ÜBEN!ÜBEN!ÜBEN! Ich kenne das Problem. Du hast die Geschichte schon in deinem Kopf visualisiert. Für dich ist das Drama schon lebendig und es braucht für dich nur einen Satz, weil du auch mitleidest, ohne das Leid der Charaktere richtig auszudrücken. Aber der Leser hat deine Story nicht im Kopf. Bevor du deine Charakter nicht zu Fleisch und Blut werden lässt, ihre Gefühle zu mehr als banalen Wörtern auf weißem Grund, werden sie nicht an der Geschichte teilhaben können und gefühlslos und kalt das Ganze ad acta legen.

Das wären dann meine 50 Cent, viel Erfolg beim Weiterschreiben. Die Idee ist gut, mach was draus.

LG

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Re: [Nachdenk]Der eine Moment

Beitragvon wolihops » 09.09.2015, 12:01

Hallo Bambi,
tausend Dank. Ja ueben, ueben. Ich kenne mein Problem! Für mich ist das besonders schwer, da ich 40 Jahre nur mit Pressetexten und Manuskripten zu tun hatte. Da kam kaum Handlung vor.
Übriges, bin ich eine Sie! wolihops ist mein nickname!
Herzliche Grüße
W..
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Re: [Nachdenk]Der eine Moment

Beitragvon Vanny2204 » 14.09.2015, 21:51

Hallöchen,

ich versuche mich jetzt das erste Mal an einem Kommentar zu einem Werk und lasse meinen Gedanken und Meinungen einfach mal freien Lauf :wink:


" Komm zu dir, wach auf Rosi !", brüllte er, um nicht einzuschlafen, während er auf der Landstraße fuhr.
" Oh Gott, bitte lasse sie aufwachen!", betete er.


Hier stimme ich FrozenBambi zu! Ich glaube nicht, dass man in solch einer Situation mit sich selber spricht. Du könntest ihn einfach gedankenverloren an seine Frau und seinen Sohn fahren lassen. Um sich wach zu halten, könnte er das Radio lauter drehen.

Einen Moment die Augen schließen, nur für ein paar Sekunden .


Hier hört es sich fast so an, als sei es seine Entscheidung, während der Fahrt kurz die Augen zu schließen. Meine Idee: Der Stress der letzten Wochen und die Müdigkeit übermannten ihn.

Thomas kam blitzartig zu sich, er war auf die Gegenfahrbahn geraten.


Wird er erst wach und stellt dann fest, dass ihm ein Fahrzeug entgegenkommt. Warum wird er blitzartig wach? Blendet ihn das Licht der Scheinwerfer des entgegenkommenden Fahrzeugs? Kratzen seine Reifen vielleicht den Fahrbahnrand, so das er wach wird?

Thomas konnte ihn unter Kontrolle bringen. Seine Stirn blutete.


Hier gehe ich wieder Hand in Hand mit FrozenBambi (sorry, wenn ich das ein oder andere wiederhole). Es ist sehr auf Fakten aufgebaut. Lass ihn zum Beispiel beim Augen öffnen feststellen, dass eine Flüssigkeit in diese läuft und beim Test ob sein Kopf, der schmerzt eine Verletzung hat feststellen, dass er blutet.

Chris war kurz benommen, dann realisierte er, was geschehen war. Er fühlte, dass ihm nichts passiert war.
Dann sah er Sophie.


Ist ihm wirklich nichts passiert? Seine Freundin ist bewusstlos und atmet nicht mehr und sogar der Pickup-Fahrer hat eine Blessur. Es hört sich so an, als sei er putzmunter. Irgendwas muss er doch haben :shock:

Die Windschutzscheibe wurde eingeschlagen und ein blutverschmierter Mann beugte sich über Sophie.


Hört sich an, als hätte Thomas die Scheibe zerschlagen. Vorschlag: Die Windschutzscheibe war völlig zerstört. Splitter lagen überall im Wagen. Chris erkannte einen blutverschmierten Mann, der sich über Sophie beugte.

"Kommen sie alleine hinaus?", brüllte der Mann zu Chris in den Wagen.


Vielleicht sogar ganz streichen.
Er schluchzte trocken: "Einen Moment, der verdammte Sekundenschlaf!"
Die Polizei wartete draussen, um ihn zu vernehmen.


Irgendwie holpert der Satz. Ich weiß nicht ganz genau warum, aber es kommt mir so abstrus vor. Vielleicht ist Thomas geholfen, keinen ganzen Satz hervorzubringen, weil er noch sehr benommen ist. "Sekundenschlaf - der eine Moment" um den Titel hier ganz konkret nochmal zu benennen -was du im späteren Absatz noch einmal tust.

"Die verdammten Erdbeeren sind schuld!", murmelte er vor sich hin.


Gibt er seiner Frau die Schuld? Eigentlich ja den Erdbeeren, aber ich bin selber eine Frau und verstehe daraus: Sophie ist schuld! In solch einem Moment könnte er an sich zweifeln und was er hätte anders machen können, nicht sie. "Wären wir doch bloß früher losgefahren!" oder "Hätte ich doch bloß die Autobahn genommen!" oder einfach nur "Wäre ich doch bloß langsamer gefahren!"


"Die Patientin ist ausser Lebensgefahr, bleibende Schäden sind nicht zu erwarten. Danken sie dem, der beherzt die sofortige Wiederbelebung am Unfallort vorgenommen hat"


Ist ein Artz wirklich so emotional um zu werten, wie sie wiederbelebt wurde? Klar will man zum Ausdruck bringen, dass man Thomas dankbar sein kann, aber ein nüchternes "Danken sie dem Ersthelfer. Ohne ihn würde es nun wahrscheinlich anders aussehen." würde vielleicht auch reichen. Ich finde Ärtze haben aufgrund ihrer Routine und dem Arbeitsalltag immer eine sehr trockene Art. Ein Wertung habe ich seltenst in solchen Momenten erlebt.

Rosi, die seit zwei Wochen im Koma lag, schloss für immer die Augen.


"Nach den zwei Wochen Koma, schloss Rosi für immer die Augen!" wäre meine Idee. Es hört sich so wiederholt und sachlich an, wie eine zwischengeschobene Info.


Im Großen und Ganzen liebe ich die Story. Ich mag Dramen und fiebere immer mit bei solchen Texten. Da du ja selber sagst, dass du aus dem Journalismus kommst und 40 Jahre eine sehr lange Zeit sind, ist es natürlich sehr schwer, plötzlich Gewohnheiten abzulegen und das kreative und vor allem dramatische Schreiben sozusagen neu zu lernen.
Ich hoffe, ich war nicht zu kritisch und spreche hier einmal mein großes Lob aus! Sehr schön auch mit dem Nebendrama mit Thomas Frau. Daraus könnte man fast eine zweite Story basteln. Sowas mag ich sehr :roll:

Liebe Grüße
Solange ein Mensch ein Buch schreibt, kann er nicht unglücklich sein.

Jean Paul
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Re: [Nachdenk]Der eine Moment

Beitragvon wolihops » 15.09.2015, 19:53

Hallo Vanny,
danke fürs Lesen und Deine ausführlichen Kommentare. Bin gerade dabei, die 3. Version zu bearbeiten und werde Deine Vorschläge auch beachten. Finde, die Bearbeitungen der Texte sehr lehrreich.
Liebe Grüße
wolihops
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Re: [Nachdenk]Der eine Moment

Beitragvon jansenbusch » 16.09.2015, 10:52

Hallo,
anbei auf die Schnelle meine Einschätzung.

Was mir gefallen hat:
- Die Idee: Eine Situation, in der ein geliebter Mensch stirbt, und ein anderer gerettet wird
- Der Protagonist als "Kitt" zwischen den beiden Menschen, und seine Verantwortung dabei.

Was man besser machen könnte:
- Kürzen, weniger Doppelungen ("schrie hysterisch", "schluchzte trocken", "verzweifelt beten", "beherzt die sofortige Wiederbelebung").
- Chronologie nicht nur mit "dann" ("dann kam die Linkskurve", "dann geriet er Pickup ins Schleudern", "dann realisierte er..")
- Wenn schon Metaphern, dann bessere. "Chris lief hin und her, wie ein im Käfig gefangener Tiger" ist zu abgedroschen. Oder ganz ohne Metaphern, wie der Rest des Textes.

Was (meines Erachtens) komplett fehlt:
- Szenische Beschreibung, die Emotionen und Bilder erzeugt. Zuviel Behauptungen. Aus
"Chris war kurz benommen, dann realisierte er, was geschehen war. Er fühlte, dass ihm nichts passiert war."
"Der Mann löste den Gurt und zerrte sie aus dem Fahrzeug."
"Thomas erkannte gleich, dass die Frau wiederbelebt werden musste und begann sofort damit"
"Thomas war unendlich froh, dass die Frau lebte"
"Der gerufene Notarzt übernahm jetzt die Versorgung, Ein Hubschrauber landete."
"er wurde verrückt."
"schauten ihn angstvoll an"
"war unendlich froh"
entsteht nix. Kein Bild, kein Gefühl.
- Interessanter Protagonist. Thomas kommt verdächtig blass daher. Er scheint an Gott zu glauben (4 mal "Gott"), hat einen miesen Job, und ist ein Waschlappen. Das ist kein Charakter, von dem ich mehr lesen möchte.
- Spannungsbogen. Klar, es geht darum, ob die eine (seine) Frau mal bald die Augen öffnet, und die andere Frau überlebt. Aber diese eigentlich dramatische Situation wird gänzlich ohne Spannungsbogen erzählt.

Soviel in aller Kürze (und hoffentlich verzeihlicher Deutlichkeit)
jansenbusch
 
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Re: [Nachdenk]Der eine Moment

Beitragvon wolihops » 16.09.2015, 21:10

hallo Jansenbusch,
danke fürs Lesen und Deine schnelle Einschätzung. Wenn ich ab und zu einen Vorschlag von Dir hätte, würde ich verstehen, was Du meinst. So hilft mir Deine Kritik nicht ganz so viel, wie die vorherigen.
LG
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Re: [Nachdenk]Der eine Moment

Beitragvon jansenbusch » 17.09.2015, 14:41

Hallo Wolihops,
dann will ich mal auf die Schnelle versuchen, ein Beispiel zu geben.
Zuerst meine Variante, der die Szene beschreibt, wie Thomas losfährt und auf die Rechtskurve zusteuert. Danach will ich für die einzelnen Sätze im Vergleich mit dem Original beschreiben, warum ich das so geschrieben habe.
Ich hoffe das hilft für das Verständnis:

"Thomas öffnete die knarzende Tür seines alten Pickup und setzte sich seufzend ans Steuer. Endlich Feierabend, aber nicht für ihn.
Seit zwei Wochen lag seine Frau Rosi im Krankenhaus. Im Koma. Die Geburt ihres Sohnes Niklas war, wie der Artz es ungerührt ausgedrückt hatte, "mit Komplikationen" verlaufen. Seitdem verbrachte er die Nächte am Bett seiner Frau, Rosis Mutter die Tage.
Der Pickup sprang rüttelnd an, Thomas verließ die Baustelle und fuhr auf die einsame Landstraße, zurück in die Stadt zum Krankenhaus. Das monotone Brummen des Motors wirkte einschläfernd, die Thermoskanne mit Kaffe auf dem Beifahrersitz war längst leer. "Wach bleiben", murmelte er sich zu. "Und du, Rosi, auch. Wach endlich auf!!", rief er und schlug gegen das Lenkrad. Wie gern hätte er Urlaub genommen und die Tage bei Rosi im Krankenhaus verbracht, aber er war noch in der Probezeit. Und die Zeiten waren schwer, er durfte diesen Job nicht verlieren.
Er kannte die Strecke im Schlaf, der Wagen schien den Weg auch schon allein zu fahren. Nur kurz die Augen schließen, nur für eine Sekunde. Bis zur langen Rechtskurve war noch ein Stück. "

Jetzt die Detailerläuterungen:
"Thomas öffnete die knarzende Tür seines alten Pickup und setzte sich seufzend ans Steuer"
>Erzeugen eines konkreten Bildes, und Sinne anreizen. "Knarzen" ist ein Geräusch und spricht die Sinne an.<
"Endlich Feierabend, aber nicht für ihn."
>Dramatischer als "er hatte Feierabend". Denn die Dramatik entsteht ja daraus, dass er nach einem harten Tag Arbeit sich eben nicht auf den Feierabend freuen kann, sondern noch ins Krankenhaus muss. <
"Seit zwei Wochen lag seine Frau Rosi im Krankenhaus. Im Koma. "
>Durch das Auftrennen in zwei Sätze gewinnt "im Koma" mehr an Dramatik, als wenn es im Satz "Seine Frau Rosi lag seit zwei Wochen im Koma.." versteckt ist. <
"Die Geburt ihres Sohnes Niklas war, wie der Artz es ungerührt ausgedrückt hatte, "mit Komplikationen" verlaufen. "
Auch warum sie im Koma liegt ist in einem eigenen Satz besser zu beschreiben. Mit der Erweiterung um den Arzt wird einmal eine, wenn auch dünne, Erklärung geliefert, und, wichtiger, ein Bild, eine Szene.<
"Seitdem verbrachte er die Nächte am Bett seiner Frau, Rosis Mutter die Tage."
>Das passt in einen Satz, und vermeidet die Wiederholung in "... viele schlaflose NÄCHTE. Rosis Mutter war tagsüber am Krankenbett, und er NACHTS". Abgesehen davon könnte man hier Rosis Mutter auch rauslassen, wenn sie keine weitere Bedeutung mehr hat <
"Der Pickup sprang rüttelnd an, er verließ die Baustelle und fuhr auf die einsame Landstraße, zurück in die Stadt zum Krankenhaus. "
>Statt "er hatte Feierabend und fuhr ins Krankenhaus der Kreisstadt" hier ein Bild, eine Szene. "Rüttelnd" spricht wieder Sinne an, "Baustelle" konkretisiert seinen Arbeitsplatz, und die "einsame Landstraße" ist im Vorgriff auf den Unfall. Auch von der Logik her muss sein Arbeitsplatz ja außerhalb der Stadt sein, daher "zurück in die Stadt"<
"Das monotone Brummen des Motors wirkte einschläfernd, die Thermoskanne mit Kaffee auf dem Beifahrersitz war längst leer."
>Das mit "Mit koffeinhaltigen Getränken hielt er sich wach" erzeugt kein Bild, eine leere Thermoskanne eher, und deutet auf den Konflikt hin: Er ist müde, würde gerne einen Kaffee trinken, aber keiner mehr da. Denn im Original mit "Mit koffeinhaltigen Getränken hielt er sich die ganze Zeit wach." wird ja eine LÖSUNG beschrieben, aber er muss ja MÜDE sein, und nicht WACH. Mit dem "monotonen Brummen" hab ich eine zusätzliche Schärfe für seine Müdigkeit eingebaut.<
" "Wach bleiben", murmelte er sich zu. "Und du, Rosi, auch. Wach endlich auf!!", rief er und schlug gegen das Lenkrad. "
>Die Reihenfolge einhalten. In "Komm zu dir, wach auf Rosi !", brüllte er, um nicht einzuschlafen," ist es ja gerade umgekehrt: Das Problem ist das müde werden, das brüllen die Lösung. Aber erst das Problem, dann die Lösung. Außerdem ist das "wach bleiben" und "wach auf" ja eine schöne Verbindung von seinem aktuellen Problem zu Rosis Problem.<
"Wie gern hätte er Urlaub genommen und die Tage bei Rosi im Krankenhaus verbracht, aber er war noch in der Probezeit. Und die Zeiten waren schwer, er durfte diesen Job nicht verlieren. "
>Im Original mit "Thomas konnte es sich nicht leisten, im Job zu fehlen, sie brauchten das Geld. Ausserdem könnte er seine Arbeit verlieren." fehlt jede Begründung. "Fehlen" im Job gibts ja nicht, man meldet sich entweder krank oder macht Urlaub, in beiden Fällen bekommt man weiterhin sein Gehalt. Daher "noch in der Probezeit". Und "er könnte seine Arbeit verlieren" ist zu schwammig. Warum könnte er das? Daher mit "und die Zeiten waren schwer" ein Hinweis auf die wirtschaftliche Situation. Und dass er den Job nicht verlieren durfte wegen dem Geld ist klar, dass muss nicht explizit mit "sie brauchten das Geld" beschrieben werden.
Weiter oben mit "Baustelle" und dem alten Pickup habe ich angedeutet, dass er ein einfacher Bauarbeiter ist<
"Er kannte die Strecke im Schlaf, der Wagen schien den Weg auch schon allein zu fahren. Nur kurz die Augen schließen, nur für eine Sekunde. Bis zur langen Rechtskurve war noch ein Stück. "
>Das mit dem "Gott" hab ich mal rausgelassen, es passt nicht zur Figur. Und wieder die Reihenfolge beachten: Das Original mit "Da vorne kam die lange Rechtskurve. Die Lider waren schwer." ist ja unlogisch: VOR einer Gefahr schließt man nicht einfach so die Augen. Eher auf einer langweiligen Gerade, und die Augen müssen ja bis zur Kurve zu sein<

Das ist jetzt mal meine (wirklich auf die Schnelle zusammengeschusterte) Szene und die Begründung für die einzelnen Sätze. Ich hoffe, das hilft dir meine im vorherigen Post genannten Einwände etwas besser zu verstehen.
jansenbusch
 
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Re: [Nachdenk]Der eine Moment

Beitragvon wolihops » 19.09.2015, 16:56

Hallo Jansenbusch,
und wie mir das hilft! Herzlichen Dank!
Bis dann,
Gruß
wolihops
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