[Tragik]Der Engel in der Waagschale [DÜ]

Tragödien, Tragisches

[Tragik]Der Engel in der Waagschale [DÜ]

Beitragvon brehb » 30.04.2014, 16:54

Autobahn Rath-Heumar, 10:34 Uhr
„Zur Seite, schnell. Wir müssen hier durch.“
Sie schaffen es, das junge Mädchen mit der Flex aus dem Autowrack zu schneiden. Dann ab im Rettungswagen nach Merheim, noch lebt sie. Dort: Notaufnahme, Notoperation. Tod.

Köln, Krankenhaus Merheim 13:12 Uhr, Unfallstation, Besucherzimmer
„Ja, ich bin damit einverstanden. Sie dürfen Miriam alles entnehmen, womit Sie anderen helfen können. Ich weiß, sie hat das so gewollt.“ Die Frau wirkt wie gelähmt. Sie hört sich an, wie die Zeitansage der Telekom. „Wo muss ich unterschreiben?“ Sie überlegt und schaudert zusammen. „Ober warten Sie: Nicht alles.“ Sie starrt ins Leere. Pause. „Nicht die Augen! Ich habe gehört, Sie nehmen auch die Augen. Das will ich nicht. Ich könnte nie... Augen sind doch das Fenster zur Seele.“

Uni-Klinik Frankfurt, Zimmer 218, nach 15:00 Uhr
Gerd Schott schimpft. Die Schmerzen in seiner Brust treiben ihm zum Heulen, deshalb klingt er nuschelig: „Mir doch egal, du Kuh. Dreh das Ding höher!“ Schwester Marion schüttelt den Kopf und ignoriert die Beleidigung. Sie erklärt ihm zum x-ten Male, dass sie die Morphindosis nur auf Anordnung erhöhen darf. Wenn sie ihn vor sich sieht, graues Zottelhaar, Zahnstummel im Unterkiefer, unrasiert, und moderig, dann rätselt sie, warum sich dieser Mann so zerstört hat. Sie weiß, dass Gerd Schott, 22, sterben wird, wenn er nicht kurzfristig ein neues Herz bekommt, ein anderes. Ob der mit einem anderen Herzen auch ein anderer Mensch werden würde? Ein fröhlicher, offener, zugänglicher Mensch?
Als sie zurück ins Schwesternzimmer kommt, klingelt das Telefon.
„Marion, wir haben eine Organzuteilung. Der Zweite auf der Liste ist Herr Schott. Kannst du den bitte vorbereiten für den Fall der Fälle?“
„Und wer steht ganz oben?“
„Die kleine Moritz aus 348“
„Der dreht mir den Hals um, wenn ich ihm erkläre, dass ich ihn vorbereiten muss, aber er nicht sicher sein kann, ob er dran kommt.“
„Mach es trotzdem. Der Teufel ist ein Eichhörnchen.“
Schwester Marion fragt auf der Kinderstation nach, wie ihre Kollegin die Chancen der Kleinen von 348 beurteilt. „Gut“, sagt die. "Die Kleine ist zäh.“

Uni-Klinik Frankfurt, Zimmer 348
Antoinette hatte kaum eine Chance zu leben. Mit einem Herzfehler geboren, verbrachte sie mehr Zeit im Krankenhaus als im Kindergarten und der Schule.
"Mama, rutsch ein bisschen näher." Inzwischen ist auch ihre Lunge angegriffen. Sie hängt an Schläuchen. Das Kind ist sieben Jahre alt und wartet auf den Tod. Auf ihren eigenen oder den eines Organspenders.
„Wenn ich sterbe, Mama, werde ich dann ein Engel?“
„Mein Kind, du bist ein Engel. Für uns bist du ein Engel, für deinen Papa und für mich. Hier, schau: Goldene Haare, dein Gesichtchen wie aus Porzellan, rosarote Lippen...“ Die Mutter drückt ihren Arm. Antoinette nimmt ihr die Puderdose aus der Hand und schaut in den Spiegel.
„Ein Posaunenengel“, meint sie und bläst die Backen auf. Dann saugt sie die Backen so nach innen, dass ihr Mund spitz und das Gesicht lang werden. „Was ist das Gegenteil von einem Posaunenengel?“, will sie wissen und legt das Utensil zur Seite. „Weiß schon, ein Hungerengel oder so etwas. Ach nein. Todesengel.“ Und als sie das betroffen Gesicht ihrer Mutter sieht, schlägt sie die Hand vor den Mund und entschuldigt sich. „Nicht traurig sein, Mama. Bestimmt stirbt ja noch jemand rechtzeitig“, und etwas später, ganz leise: „Aber nicht Onkel Bernhard, der hat mir noch Schokolade versprochen.“
Die Tür geht auf, Weißkittel, schnelle, routinierte Handgriffe. „Freu Dich Antoinette. Wir haben ein Herz und eine Lunge, der Hubschrauber ist unterwegs. Gut dass Sie hier sind Frau Moritz, dann müssen wir nicht anrufen.“

Uni-Klinik Frankfurt, OP-1, 18:17 Uhr
Der Transplanteur lässt die Schultern fallen und legt sein Handwerkszeug auf den Rollwagen. Gegen alle Regeln wischt er sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn. Er blickt in die Runde und schüttelt den Kopf:
„Exitus. Die Spenderlunge arbeitet nicht.“ Er schaut an den hellen Lampen vorbei nach oben. „Ich frage mich, gegen wen du sie wohl gewogen hast?“ Dann, an sein Team gewandt: „Ich danke ihnen allen für Ihr Bemühen. Ach, und Herr Brombach, nehmen Sie das Herz, im OP-2 hofft ein anderer darauf. Und dann macht ihr sie bitte zu.“

Uni-Klinik Frankfurt, OP-2, 18:38 Uhr
...
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Re: Der Engel in der Waagschale [DÜ]

Beitragvon KleineLady1981 » 02.05.2014, 09:45

Hallo brehb,

habe mir deine Geschichte gerade durchgelesen und möchte dir - mit nüchternem Magen - mal meine Meinung kundtun.

brehb hat geschrieben:Autobahn Rath-Heumar, 10:34 Uhr
„Zur Seite, schnell. Wir müssen hier durch.“
Sie schaffen es, das junge Mädchen mit der Flex aus dem Autowrack zu schneiden. Dann ab mit ihr, im Sankra nach Merheim, noch lebt sie. Später: Notaufnahme, Notoperation. Tod.

Köln, Krankenhaus Merheim 13:12 Uhr, Unfallstation, Besucherzimmer


Nicht jeder kennt das Wort "Sankra", auch wenn es sich aus dem Zusammenhang ergibt. Ich bin drüber gestolpert. Vielleicht besser RTW oder einfach Rettungswagen. Das "mit ihr" kannst du streichen. Macht den Satz kürzer, hastiger, eiliger.
Der letzte Satz gefällt mir nicht, er ist zu klumpig, zu träge. Besser vielleicht:
Sofort in den OP/unters Messer. Herzstillstand/Kreislaufversagen. Tod.
Die Notaufnahme muss nicht erwähnt werden, die stoppt den Ablauf. Notoperation (zweimal Not, Wortwiederholung. *pfui* ;-) )klingt mir zu allgemein.

brehb hat geschrieben:„Ja, ich bin damit einverstanden. Sie dürfen Miriam alles entnehmen, womit Sie anderen helfen können. Ich weiß, sie hat das so gewollt.“ Die Frau wirkt wie gelähmt. Sie hört sich an, wie die Zeitansage der Telekom. „Wo muss ich unterschreiben?“ Sie überlegt und schaudert zusammen. „Ober warten Sie: Nicht alles.“ Sie starrt ins Leere. Pause. „Nicht die Augen! Ich habe gehört, Sie nehmen auch die Augen. Das will ich nicht. Ich könnte nie... Augen sind doch das Fenster zur Seele.“


Erstmal, der erste Satz der Mutter klingt total unrealistisch. Sie hatte gerade einen Unfall (ich nehme einfach mal an, dass sie mit im Wagen war), hat ihr kleine Tochter verloren. Entweder ist sie so dermaßen in Tränen aufgelöst, dass sie ein Beruhigungsmittel bräuchte, oder - wie in deinem Fall hier - sie steht unter Schock. Der Arzt würde ihr Fragen stellen, die sie vielleicht mit einem tauben Nicken beantworten würde, die Hände verkrampft in den Teddybären der kleinen, den Blick auf den vom Desinfektionsmittel ausgebleichten Linoleumfußboden gerichtet. Dann hält der Arzt ihr was zum Unterschreiben hin und sie erwacht kurz aus ihrer Starre und sagt das mit den Augen.

Dazu möchte ich erwähnen, Organe von Toten werden nicht transplantiert (es sei denn, Greys Anatomy, Emergency Room und all die andern Arztserien haben mich dreist belogen ;-) ). Das macht man bei Hirntoten. Der Körper muss am Leben bleiben. Da vielleicht nochmal genauer recherchieren (ja, auch für eine Fingerübung ;-) )

brehb hat geschrieben:Uni-Klinik Frankfurt, Zimmer 218, nach 15:00 Uhr
Gerd Schott schimpft. Die Schmerzen in seiner Brust treiben ihm zum Heulen, deshalb klingt er nuschelig: „Mir doch egal, du Kuh. Dreh das Ding höher!“ Schwester Marion schüttelt den Kopf und ignoriert die monströse Beleidigung. Sie erklärt ihm zum x-ten Male, dass sie die Morphindosis nur auf Anordnung erhöhen darf. Wenn sie ihn vor sich sieht, graues Zottelhaar, Zahnstummel im Unterkiefer, unrasiert, und moderig, dann rätselt sie, warum sich dieser Mann so zerstört hat. Sie weiß, dass Gerd Schott, 22, sterben wird, wenn er nicht kurzfristig ein neues Herz bekommt, ein anderes. Ob der mit einem anderen Herzen auch ein anderer Mensch werden würde? Ein fröhlicher, offener, zugänglicher Mensch?


Den ersten Satz würde ich weglassen, der erscheint mir überflüssig und zu sehr behauptet. Danach dann: "Die Schmerzen in Gerd Schotts Brust ...".
Treiben ihn zum Heulen ist mir auch ein wenig zu abgenutzt.
"...du Kuh." Klingt schwach und holprig. Vor allem bei der bezeichnung einen Satz weiter mit der monströsen Beleidigung. Monströs find ich sie nicht, auch nicht wenn statt "du" dann dämlich oder blöd gewählt wird.
Der restliche Absatz gefällt mir. Er ist bildlich, wirft kleine Fragen auf, und verleiht der Schwester etwas Persönlichkeit.

brehb hat geschrieben:Als sie zurück ins Schwesternzimmer kommt, klingelt das Telefon.
„Marion, wir haben eine Organzuteilung. Der Zweite auf der Liste ist dein Herr Schott. Kannst du den bitte vorbereiten für den Fall der Fälle?“
„Und wer steht ganz oben?“
„Die kleine Moritz aus 348“
„Der dreht mir den Hals um, wenn ich ihm erkläre, dass ich ihn vorbereiten muss, aber er nicht sicher sein kann, ob er dran kommt.“
„Mach es trotzdem. Der Teufel ist ein Eichhörnchen.“
Schwester Marion fragt auf der Kinderstation nach, wie ihre Kollegin die Chancen der Kleinen von 348 beurteilt. „Gut“, sagt die. Der kleine Engel ist zäh.“


Organzuteilung? Sagt man das so? Das "dein" im zweiten Satz kann weg. Vorbereiten für den Fall der Fälle? Ob das so läuft weiß ich auch nicht. Für eine OP muss man doch idR nüchtern sein, gell? Hier würd ich auch nochmal ein wenig Recherche betreiben.
Den Nachnamen Moritz finde ich verwirrend. Beim ersten Lesen habe ich nämlich "Der kleine Moritz" gelesen und kam damit später dann ins Stolpern.
Der Satz mit dem Eichhörnchen erscheint mir etwas zusammenhanglos. Ich persönlich kann damit nichts anfangen.
Die Anführungszeichen in den letzten zwei Sätzen können weg. (Gut, sagt die. Der kleine Engel sei zäh.)

brehb hat geschrieben:Uni-Klinik Frankfurt, Zimmer 348
Antoinette hatte kaum eine Chance zu leben. Mit einem Herzfehler geboren, verbrachte sie mehr Zeit im Krankenhaus als im Kindergarten und der Schule.
"Mama, rutsch ein bisschen näher." Inzwischen ist auch ihre Lunge angegriffen. Sie hängt an Schläuchen. Das Kind ist sieben Jahre alt und wartet auf den Tod. Auf ihren eigenen oder den eines Organspenders.
„Wenn ich sterbe, Mama, werde ich dann ein Engel?“
„Mein Kind, du bist ein Engel. Für uns bist du ein Engel, für deinen Papa und für mich. Hier, schau: Goldene Haare, dein Gesichtchen wie aus Porzellan, rosarote Lippen...“ Die Mutter drückt ihren Arm. Antoinette nimmt ihr die Puderdose aus der Hand und schaut in den Spiegel.
„Ein Posaunenengel“, meint sie und bläst die Backen auf. Dann saugt sie die Backen so nach innen, dass ihr Mund spitz und das Gesicht lang werden. „Was ist das Gegenteil von einem Posaunenengel?“, will sie wissen und legt das Utensil zur Seite. „Weiß schon, ein Hungerengel oder so etwas. Ach nein. Todesengel.“ Und als sie das betroffen Gesicht ihrer Mutter sieht, schlägt sie die Hand vor den Mund und entschuldigt sich. „Nicht traurig sein, Mama. Bestimmt stirbt ja noch jemand rechtzeitig“, und etwas später, ganz leise: „Aber nicht Onkel Bernhard, der hat mir noch Schokolade versprochen.“
Die Tür geht auf, Weißkittel, schnelle, routinierte Handgriffe. „Freu Dich Tonia. Wir haben ein Herz und eine Lunge, der Hubschrauber ist unterwegs. Gut dass Sie hier sind Frau Moritz, dann müssen wir nicht anrufen.“


Die Sätze des Mädchens erscheinen mir nicht passend für eine 7jährige. Sie wirken zu abgeklärt, zu erwachsen.
Was heißt, sie hängt an Schläuchen? Das ist mir zu sehr behauptet, zu wenig gezeigt. Hat sie nur einen Zugang im Arm, auf dem Handrücken, oder gar in der Halsschlagader? Gibt es viele Schläuche, die zu dem Zugang gehen? Wofür sind die? Nur Flüssigkeit? Oder Schmerzmittel? Antibiotika? Gerinnungshemmer? Hat sie so einen Sauerstoffschlauch an der Nase? Ich würde es mehr gezeigt wünschen. Das kannst du schön einbauen, wenn sie nach dem Spiegel greift. Die Linien auf dem Monitor, die sich etwas verändern, als sie die Backen aufbläst.
Die Szene ist zwar ergreifend gemeint, aber mich packt sie nicht richtig. Sie ist mir zu oberflächlich.

brehb hat geschrieben:Uni-Klinik Frankfurt, OP-1, 18:17 Uhr
Der Transplanteur lässt die Schultern fallen und legt sein Handwerkszeug auf den Rollwagen. Gegen alle Regeln wischt er sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn. Er blickt in die Runde und schüttelt den Kopf:
„Exitus. Die Spenderlunge arbeitet nicht.“ Er schaut an den hellen Lampen vorbei nach oben. „Ich frage mich, gegen wen du sie wohl gewogen hast?“ Dann, an sein Team gewandt: „Ich danke ihnen allen für Ihr Bemühen. Ach, und Herr Brombach, nehmen Sie das Herz, im OP-2 hofft ein anderer darauf. Und dann macht ihr sie bitte zu.“

Uni-Klinik Frankfurt, OP-2, 18:38 Uhr
...


Transplanteur? Stolperwort. Vielleicht besser der Chirurg, Torax-Chirurg, oder sowas. Bissel Recherche auch hier. Handwerkszeug ist zu lasch, zu allgemein. Da stellt sich bei mir automatisch das Bild von einer Zange und einem Hammer ein. Rollwagen weiß ich nicht, ob das so richtig ist. Reichen die ihren Krempel nicht immer eine Schwester, bzw. umgekehrt?

Für die Feststellung des Todes müssen die Vitalzeichen, bzw. die nichtvorhandenen einen bestimmten Zeitraum lang überwacht werden. Außerdem ist die Uhrzeit zu nennen, wenn jemand für tot erklärt wird (das weiß ich aus eigener Recherche und leider auch aus eigener Erfahrung).
Das "Ach, und Herr Brombach,..." klingt ein wenig zu "Ach, da war ja noch was." Ich würde auch hier mehr Recherche anstellen, ob das wirklich so gemacht wird, erst die Lunge, dann das Herz, ob beides gleichzeitig, bzw. so nacheinander überhaupt möglich ist. Genauso stellt sich mir die Frage, ob ein Herz, dass eine 7jährige bekommen sollte, tatsächlich dann für einen gestandenen Mann im Alter von 22 Jahren verwendet werden kann.

Alles in allem ist aus meiner Sicht das Hauptproblem die fehlende Recherche.
Die Idee der Geschichte gefällt mir, auch die Art, wie du sie ausgeführt hast. Mit diesen Teilberichten, die im Nachhinein alle logisch aufeinander aufbauen. Die kurzen Sätze, wenns eilig ist, längere um Eigenschaften aufzuzeigen finde ich eine gelungene Mischung.
Die Charaktere sind mir noch etwas zu flach, da geht mehr.

Vielleicht findest du was brauchbares in meinem Kommentar. Weißt ja, ist nur meine Sicht der Dinge. Jeder hat ein Recht auf meine Meinung :mrgreen: Nimm, was du für richtig hälst, den Rest lass liegen, räum ich dann später weg ;-)
Gern gelesen.
Federgruß
Nina
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Re: Der Engel in der Waagschale [DÜ]

Beitragvon FrozenBambi » 02.05.2014, 10:43

Na dann wagen wir uns mal drüber...


Dann ab mit ihr, im Sankra nach Merheim, noch lebt sie.


Dieses Sankra hat mich (auch) irritiert. Man kann sich's aus dem Kontext denken, aber man muss ja nicht unnötig Fachbegriffe, die kein Schwein kennt, einbauen. ;)


Später: Notaufnahme, Notoperation. Tod.


Das ist mir ein bisschen zu gefühlslos. Also erstmal wirkt das _noch_ sachlicher, als ein Zeitungsbericht und zum zweiten passt sowas stilistisch mMn nicht rein.


„Ja, ich bin damit einverstanden. Sie dürfen Miriam alles entnehmen, womit Sie anderen helfen können. Ich weiß, sie hat das so gewollt.“ Die Frau wirkt wie gelähmt. Sie hört sich an, wie die Zeitansage der Telekom. „Wo muss ich unterschreiben?“ Sie überlegt und schaudert zusammen. „Ober warten Sie: Nicht alles.“ Sie starrt ins Leere. Pause. „Nicht die Augen! Ich habe gehört, Sie nehmen auch die Augen. Das will ich nicht. Ich könnte nie... Augen sind doch das Fenster zur Seele.“


Hier gefällt mir die Gliederung nicht. Zwar ist es nur wörtliche Rede von einer Person, aber es wirkt unheimlich unübersichtlich.
Und ich finde es irgendwie seltsam - persönlicher Geschmack. Die Mutter sagt ganz sachlich, dass sie ihr alles entnehmen können, ist dann aber doch so 'abergläubig' (?), dass sie nicht die Augen entnommen haben will. Kann man die btw überhaupt entnehmen? Was soll man mit nem Auge anfangen? Wuuääh.


Schwester Marion fragt auf der Kinderstation nach, wie ihre Kollegin die Chancen der Kleinen von 348 beurteilt. „Gut“, sagt die. Der kleine Engel ist zäh.“


Einerseits eine 'emotionale' Passage, andererseits - Achtung subjektiv - kann ich mir nicht vorstellen, dass die das Kind als 'Engel' bezeichnen würden. Das klingt für mich nach 'ich versuche jetzt krampfhaft meinen Titel in die Geschichte zu verwursten'.


Goldene Haare, dein Gesichtchen wie aus Porzellan, rosarote Lippen...“


Das erwarte ich nicht unbedingt, dass eine Mutter das sagt. Es klingt unheimlich gewollt für mich.


Die Mutter drückt ihren Arm. Antoinette nimmt ihr die Puderdose aus der Hand und schaut in den Spiegel.
„Ein Posaunenengel“, meint sie und bläst die Backen auf. Dann saugt sie die Backen so nach innen, dass ihr Mund spitz und das Gesicht lang werden. „Was ist das Gegenteil von einem Posaunenengel?“, will sie wissen und legt das Utensil zur Seite. „Weiß schon, ein Hungerengel oder so etwas. Ach nein. Todesengel.“ Und als sie das betroffen Gesicht ihrer Mutter sieht, schlägt sie die Hand vor den Mund und entschuldigt sich. „Nicht traurig sein, Mama. Bestimmt stirbt ja noch jemand rechtzeitig“,...


Da muss ich der Lady zustimmen. Das passt nicht zu einer 7-jährigen. Weder Wörter wie Posaunenengel, Todesengel etc. noch diese Art und Weise es rüberzubringen. Das ist aber allgemein sehr schwer solche Altersklassen in irgendeiner Form rüberzubringen. Meistens sind die denke ich allgemein eher schweigsam in so einer Situation. Die meisten werden das wohl gar nicht so checken. Da fehlt einfach Lebenserfahrung.


„Freu Dich Tonia. Wir haben ein Herz und eine Lunge, der Hubschrauber ist unterwegs. Gut dass Sie hier sind Frau Moritz, dann müssen wir nicht anrufen.“


Der Spitzname ist zwar prinzipiell passend, aber in einer KG würd ich ihn/sie den Namen aussprechen lassen. Ich bin zB - v.a. wegen des rasanten Erzähltempos - nicht sicher gewesen, ob das jetzt dieses Mädchen oder schon wieder wer anders ist.



Fazit:


Also den Grundgedanken finde ich ja ganz gut. Das liebe Mädchen verliert, der böse grantige Mann gewinnt. Die Ungerechtigkeit in der Welt blabla. Zwar ein bisschen stereotyp, aber kann Emotionen hervorrufen.

Da liegt in deiner Geschichte der Knackpunkt. Du rast über die Thematik mit 180 drüber, da bleibt beim Leser nix hängen.

a) Ich kann nicht mit dem Mädchen mitfühlen, weil es mir nicht echt genug vorkommt. Du hättest ihr mehr Dimension geben müssen.
b) Die vielen raschen Sprünge haben mich anfangs total verwirrt. Ich musste die Geschichte zweimal lesen, um zu verstehen, wer da gestorben ist, wer da am Ende wieder stirbt etc.
c) Die Geschichte ist, wie gesagt, sehr flott geschrieben und lässt gar keine Zeit, sich gefühlsmäßig drauf einzulassen. Das spiegelt sich auch in den fehlenden Absätzen wieder.

Also alles in allem berührt hat es mich leider nicht. Zum Weiterlesen leider auch nicht unbedingt animiert. Du hast prinzipiell ne ordentliche Schreibe, ich denke du könntest da mehr rausholen.

Lg

Bambi
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Re: Der Engel in der Waagschale [DÜ]

Beitragvon brehb » 11.05.2014, 15:21

Hallo KleineLady,
Hallo FrozenBambi,

herzlichen Dank, dass ihr meinen Text gelesen und kommentiert habt. Und danke für die hilfreichen Anregungen.
Diejenigen, von denen ich überzeugt bin, dass sie den Text verbessern, übernehme ich gerne.

LG brehb
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