[Nachdenk]Der Fremde und das Konzert der Flöhe 2/2

Gesellschaft, Kritik, Philosophisches

[Nachdenk]Der Fremde und das Konzert der Flöhe 2/2

Beitragvon Heisenberg » 25.10.2014, 15:02

Teil 1: http://www.schreibwerkstatt.de/der-fremde-und-das-konzert-der-flohe-1-2-t51883.html

Der Fremde und das Konzert der Flöhe 2/2


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Wenn ich nicht endlich gehe, werde ich es niemals schaffen. Wie die Zeit vergeht. Gerade erst Mittag, schon ist es Abend geworden. Ich nehme allen Mut zusammen, stütze mich ab und will zum Ausgang laufen.
Da ist aber etwas, das meine Aufmerksamkeit augenblicklich in Anspruch nimmt: Die Flöhe greifen in ihre Manteltaschen und holen Instrumente hervor. Einer spielt auf einer kleinen Fidel, ein anderer trommelt, während ein sehr beleibter Floh in die Trompete bläst. Zwei weitere singen dazu Lieder, und der Tisch tanzt zur Musik.
Zuerst ertappe ich mich, wie meine Hände im Takt klopfen. Schon im nächsten Moment ist es eine Selbstverständlichkeit geworden. Der Fremde öffnet den Mund, als wolle er etwas sagen. Ich lausche nicht ihm, sondern dem Konzert der Flöhe.
Als sie ihr Spiel beenden, sind seine Lippen wieder versiegelt, und er nimmt jeden einzelnen Floh zwischen zwei Finger. Er setzt sie vorsichtig zurück auf seinen Kopf und schaut mich mit derselben Ruhe an wie zuvor.
Dann geht es mir auf. „Was haben Sie gesagt?“, frage ich.
Anstatt zu lauschen, steckt er in jedes Ohr einen Finger und streckt die Zunge heraus. Empört über die Ablenkung durch das Konzert will ich seine Handgelenke greifen. Sofort sinke ich zusammen, und mein Kinn fällt auf den Tisch, woran ich mich eben noch abgestützt habe.
Der Fremde lacht wie ein Esel. Dabei schüttelt sich sein Wanst, und die Knöpfe seines Hemdes lösen sich. Sie springen mit einer solchen Geschwindigkeit heraus, dass sie in alle Richtungen fliegen.

Habe ich vorher die Möglichkeit in Betracht gezogen, einfach entkommen zu können, so scheint sie mir nun fern. Nicht nur seine Ablenkungen halten mich auf. Er besitzt die Eigenschaft, durch einen Blick, eine Geste oder ein Geräusch mich ganz einzunehmen. Ich verfluche mich, ihm überhaupt einen Moment der Aufmerksamkeit geschenkt zu haben.
Einen einzigen Augenblick der Ruhe habe ich gesucht, und ich bin ein Gefangener geworden. Wie ein Zirkustier hinter Gitterstäben halte ich mich am Tisch fest, beginne schon, Brotkrumen und andere Reste zu suchen, die ich mit der Zunge in mein einfältiges Maul schieben kann. Bald werde ich wie er kaum noch einen Laut herausbringen können.
Aufgeregt fliegt mein Kopf hin und her. Ich suche den Ausgang, der schon längst verschwunden ist. Die anderen Gäste hat es an die Wände des Lokals gedrängt, als der Tisch immer größer geworden ist. Niemand kann mich sehen oder hören.

Wie die Tage vergehen, bemerke ich, dass er eine weitere Fähigkeit besitzt. Wann immer mein Gedanke an Flucht reift, pflückt er ihn wie eine alte Frucht, tunkt ihn in seinen Krug und verspeist ihn. Seine Macht wird grenzenlos, während ich alles verliere. Eben noch hat meine Empörung mich angetrieben, am nächsten Tag vergesse ich alle Gründe, die mich verärgert haben. Denke ich an meine Verlobte, an ihre armen Eltern, dann spielen die Flöhe ein angenehmes Lied, und ich versäume es, mich weiter zu sorgen. Wenn es mir wieder einfällt, spielen sie noch einmal. Später kommen mir die Gedanken flüchtig vor, und ich müsste schon ein Falke sein, sie überhaupt noch einholen zu können.
Gewaltig wie ein Baum ist der Fremde geworden, als er mich umarmt. Er grunzt, schon versinke ich tief in der riesigen Bauchfalte, die er wieder aufgespannt hat. Sie ist aber so weit, dass er das ganze Haus einfach davontragen könnte.

Verschwunden wie in einem Wal, kann ich nur ahnen, wohin die Reise mit uns gehen mag. Manchmal öffnet er sein Maul und verspeist Tintenfische, die mich umarmen und mir alte Legenden erzählen. Er tut es, damit ich mich nicht langweile. Wenn mir kalt ist, reibt er seinen Bauch, und die Wärme steigt in meine Glieder. Furcht ist mir fremd geworden. Bin ich durstig, trinkt er Meerwasser. Treibt mich der Hunger, bereiten die Flöhe mir eine Mahlzeit zu. So geht es jeden Tag, und ich kann das Ende des Abenteuers kaum noch erwarten, während ich mir ebenso wünsche, die Fahrt würde nie aufhören.
Während die Jahre vergehen, begreife ich, dass wir in Wahrheit Vertraute sind, die nur darum kein Wort miteinander reden, weil nach langer Zeit alles gesagt worden ist.
Mir ist ein Fell gewachsen. Ein langer Schwanz ziert meinen Rücken, und wenn ich versuche, den Namen meines Freundes zu rufen, stoße ich das Gurgeln eines Affen hervor.

Am Ziel unseres Weges faltet er den Bauch auf, und ich falle gemeinsam mit den Flöhen, die mir ebenso treue Freunde geworden sind, hinaus. Von meinem Begleiter ist nichts zu sehen.
Ich rufe ihn, aber auf mein Kreischen hören nur die Fremden, die im Kreis sitzen und auf die Manege schauen, weil sie auf meine Kunststücke warten.
Schon springen meine Freunde auf das Parkett. Aus ihren Mänteln holen sie die Instrumente hervor, singen und spielen, während ich dazu in einem Kronleuchter tanze.
Ich sehe ein Mädchen, wie es lacht. Dann wende ich mich ab, verbiege mich zu einem Kopfstand, um allen zu gefallen.
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Re: Der Fremde und das Konzert der Flöhe 2/2

Beitragvon Gotraskhalana » 04.11.2014, 17:11

Insgesamt liest es sich für mich gut und stimmig. Damit meine ich, dass der Stil zur Handlung passt, indem viel Unerklärliches weggelassen wird. Allerdings ist so ein völlig surreales Ende nicht ganz mein Geschmack (auch bei Kafka nicht :-) ), daher hoffe ich, dass auch noch jemand kommentiert, dem so etwas grundsätzlich gut gefällt.

Nun im Detail:
Heisenberg hat geschrieben:Wenn ich nicht endlich gehe, werde ich es niemals schaffen. Wie die Zeit vergeht. Gerade erst Mittag, schon ist es Abend geworden. Ich nehme allen Mut zusammen, stütze mich ab und will zum Ausgang laufen.


So ein letztes Aufbäumen ist hier gut beschrieben. Womit ich nicht soviel anfange, ist die Formulierung "stütze ich mich ab", das drückt nicht die Bewegung aus, die ja wahrscheinlich gemeint ist. "Abstützen" tut man meiner Meinung nach, wenn man sich schon erhoben hat und einen Sturz verhindern will. Vielleicht so:"stütze mich auf, um aufzustehen und zum Ausgang zu laufen".

Heisenberg hat geschrieben:Da ist aber etwas, das meine Aufmerksamkeit augenblicklich in Anspruch nimmt: Die Flöhe greifen in ihre Manteltaschen und holen Instrumente hervor. Einer spielt auf einer kleinen Fidel, ein anderer trommelt, während ein sehr beleibter Floh in die Trompete bläst. Zwei weitere singen dazu Lieder, und der Tisch tanzt zur Musik.
Zuerst ertappe ich mich, wie meine Hände im Takt klopfen. Schon im nächsten Moment ist es eine Selbstverständlichkeit geworden. Der Fremde öffnet den Mund, als wolle er etwas sagen. Ich lausche nicht ihm, sondern dem Konzert der Flöhe.


Diese Passage ist sehr gut gelungen, weil sie ausdrückt, wie der Erzähler nach und nach in den Bann der Flöhe gerät. Das "lauschen" gefällt mir nicht so, ist aber vielleicht Geschmackssache.

Heisenberg hat geschrieben:Als sie ihr Spiel beenden, sind seine Lippen wieder versiegelt, und er nimmt jeden einzelnen Floh zwischen zwei Finger. Er setzt sie vorsichtig zurück auf seinen Kopf und schaut mich mit derselben Ruhe an wie zuvor.
Dann geht es mir auf. „Was haben Sie gesagt?“, frage ich.
Anstatt zu lauschen, steckt er in jedes Ohr einen Finger und streckt die Zunge heraus.

"Dann geht es mir auf" erscheint mir übertrieben dafür, nachzufragen, was das Gegenüber gesagt hat, denn "aufgehen" impliziert irgendwie, dass der Erzähler weiß, dass es etwas Wichtiges war.

Hier stört mich nun nicht nur das Wort "lauschen" sondern auch der Sinn. Denn eigentlich steckt sich der Fremde die Finger ins Ohr, statt zu *antworten*.

Heisenberg hat geschrieben:Empört über die Ablenkung durch das Konzert will ich seine Handgelenke greifen. Sofort sinke ich zusammen, und mein Kinn fällt auf den Tisch, woran ich mich eben noch abgestützt habe.


Dieser Teil hat mich eher gestört. Du beschreibst hier insgesamt, vorher und nacher, wie der Ich-Erzähler mental in den Bann des Fremden gerät und seinen Willen verliert (eventuell als Konsequenz dessen, dass er seinen Willen schon im normalen Leben nie "ausübt"?). Und jetzt stellt sich heraus, dass der Fremde im wesentlichen den Körper des Erzählers kontrollieren kann. Dann ist es aber eh egal, was der will. Ich finde das schwächt den Eindruck des ganzen eher ab. Ich würde da eher den Erzähler beim Greifen der Handgelenke vom Schimmern der Knöpfe abgelenkt werden lassen oder sowas ähnliches, die kommen schließlich sowieso gleich vor.

Die Passage danach, die die Gefangenschaft besiegelt, finde ich wieder gut gelungen.

Heisenberg hat geschrieben:Wie die Tage vergehen, bemerke ich, dass er eine weitere Fähigkeit besitzt. Wann immer mein Gedanke an Flucht reift, pflückt er ihn wie eine alte Frucht, tunkt ihn in seinen Krug und verspeist ihn. Seine Macht wird grenzenlos, während ich alles verliere. Eben noch hat meine Empörung mich angetrieben, am nächsten Tag vergesse ich alle Gründe, die mich verärgert haben. Denke ich an meine Verlobte, an ihre armen Eltern, dann spielen die Flöhe ein angenehmes Lied, und ich versäume es, mich weiter zu sorgen. Wenn es mir wieder einfällt, spielen sie noch einmal. Später kommen mir die Gedanken flüchtig vor, und ich müsste schon ein Falke sein, sie überhaupt noch einholen zu können.

Das gefällt mir gut, wegen der passenden Bilder mit dem Pflücken und dem Falken.

Heisenberg hat geschrieben:Gewaltig wie ein Baum ist der Fremde geworden, als er mich umarmt. Er grunzt, schon versinke ich tief in der riesigen Bauchfalte, die er wieder aufgespannt hat. Sie ist aber so weit, dass er das ganze Haus einfach davontragen könnte.

Verschwunden wie in einem Wal, kann ich nur ahnen, wohin die Reise mit uns gehen mag. Manchmal öffnet er sein Maul und verspeist Tintenfische, die mich umarmen und mir alte Legenden erzählen. Er tut es, damit ich mich nicht langweile. Wenn mir kalt ist, reibt er seinen Bauch, und die Wärme steigt in meine Glieder. Furcht ist mir fremd geworden. Bin ich durstig, trinkt er Meerwasser. Treibt mich der Hunger, bereiten die Flöhe mir eine Mahlzeit zu. So geht es jeden Tag, und ich kann das Ende des Abenteuers kaum noch erwarten, während ich mir ebenso wünsche, die Fahrt würde nie aufhören.
Während die Jahre vergehen, begreife ich, dass wir in Wahrheit Vertraute sind, die nur darum kein Wort miteinander reden, weil nach langer Zeit alles gesagt worden ist.
Mir ist ein Fell gewachsen. Ein langer Schwanz ziert meinen Rücken, und wenn ich versuche, den Namen meines Freundes zu rufen, stoße ich das Gurgeln eines Affen hervor.

Am Ziel unseres Weges faltet er den Bauch auf, und ich falle gemeinsam mit den Flöhen, die mir ebenso treue Freunde geworden sind, hinaus. Von meinem Begleiter ist nichts zu sehen.
Ich rufe ihn, aber auf mein Kreischen hören nur die Fremden, die im Kreis sitzen und auf die Manege schauen, weil sie auf meine Kunststücke warten.
Schon springen meine Freunde auf das Parkett. Aus ihren Mänteln holen sie die Instrumente hervor, singen und spielen, während ich dazu in einem Kronleuchter tanze.
Ich sehe ein Mädchen, wie es lacht. Dann wende ich mich ab, verbiege mich zu einem Kopfstand, um allen zu gefallen.


Sprachlich habe ich am Ende nichts auszusetzen. Ansonsten lässt es mich wie gesagt grundsätzlich etwas ratlos zurück. Ok, wer versucht allen zu gefallen, der verliert die Identität und ist beziehungsunfähig mit Stockholmsyndrom oder so ähnlich. Vielleicht auch nicht. Für meinen Geschmack etwas zu unklar. Ich hoffe, du kannst trotzdem etwas mit meinem Kommentar anfangen.
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Re: Der Fremde und das Konzert der Flöhe 2/2

Beitragvon Heisenberg » 05.08.2015, 22:41

Entschuldige für die etwas verspätete Antwort, ich fasse mich dann auch kurz.^^
(Habe neben viel Arbeit auch viel geschrieben und durfte mich nicht ablenken...)

Deine Einwände kann ich nachvollziehen und werde sie auch berücksichtigen. Dein Deutungsansatz ist schon richtig.

Danke ;)
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