Viel Spaß:
In Mitten eines kleinen runden Tals, das von allen Seiten mit hohen Bergen umgeben war, gab es einen großen und tiefen schwarzen See. Er war so schwarz, dass er selbst das Licht, dass vom Himmel durch den ewig tobenden Wirbelsturm weit oberhalb der Berge schien, schluckte und dadurch noch bedrohlicher wirkte, als er es ohnehin schon tat.
Das Ufer selbst bestand aus einem breiten hellgrauen Sandstrand an dessen Grenzen ein dichter Wald anschloss, der bis zu den Bergen reichte und dort, genau an der Stelle, wo der Sand aufhörte und der Wald begann, hatte jemand eine kleine Fläche des Waldes abgeholzt und aus den gefällten Bäumen ein kleines, leicht schiefes, Haus gebaut. Das Wetter dort war ständig gleich, immer tobte der Wirbelsturm hoch oben und spuckte ständig Gedanken und Emotionen aus seinen wirbelnden Luftmassen heraus, die in das Tal hinabwehten und entweder in den Bäumen hängen blieben, am Strand herumlagen oder auf dem See trieben.
Die Tür des Hauses öffnete sich und heraus kam ein kleines Männchen, in seiner Hand ein geflochtener Holzkorb und auf dem Rücken einen Kescher, wie wir ihn normalerweise vom Fischfang kennen. Das Männchen hatte dunkelgraue Haut, eine riesige Nase, kleine schwarze Äuglein und sehr lange Arme, die es beim Laufen angewinkelt am Körper hielt.
Da seine Beine nicht besonders lang oder kräftig waren, erinnerte sein Gang an einen Pinguin, ein wenig wankend, aber dennoch, es kam vorwärts. Das kleine Männchen ging jeden Tag hinaus, um den Strand entlangzugehen und die Gedanken und Emotionen aufzusammeln, genauso ging es mit einer hölzernen Leiter in den Wald und zupfte die dort hängen gebliebenen Gedanken von den Bäumen. Am Ende eines jeden Tages ging das Männchen zurück zu seinem Haus, machte ein Feuerchen in seinem Ofen und brachte die eingesammelten Gedanken nach unten in seinen Keller, der sich direkt unter dem Haus befand und im Gegensatz dazu riesig war. Eine große Höhle erstreckte sich dort, mehrer Meter hoch und von der Fläche gut und gerne fünfmal so groß wie das Haus es war.
Dort standen überall Kisten, Schränke und Wannen, sowie Gefäße aller Art, Größe und Form. Jedes Behältnis war beschriftet – auf dem einen stand etwas wie Ideen – Technik, auf anderen stand Gedanken um den Tod und auf wieder anderen war zu lesen: Rezepte aus aller Welt. So gab es hier unten an die tausend Behältnisse und wohl auch genauso viele Beschriftungen und das kleine Männchen sortierte seine aufgesammelten Neuerwerbungen jeden Abend in die entsprechenden Behälter ein oder schrieb neue Zettel, wenn ein gefundener Gedanke noch keine Kategorie hatte. Natürlich hatte das Männchen auch selbst Gedanken, aber die lagen nirgends herum oder fielen vom Himmel. Stattdessen schrieb es sie in ein kleines Büchlein, das oben im Haus auf dem Küchentisch zu liegen pflegte.
So hatte das Männchen eigentlich keinen Namen, denn es gab niemanden, der ihm diesen hätte geben können. Also erfand es sich selbst einen Namen – falls denn mal Gäste kämen und es sich vorstellen müsste – auch wenn niemals Gäste kamen, denn es gab außer durch die Luft keinen Eingang in das Tal mit dem schwarzen See. Es nannte sich selbst „G“ – dieser Name war zwar nicht gerade originell, aber er tat seinen Zweck. So stand auf dem Büchlein nicht etwa Gedanken, sondern G’s Gedanken und damit hatte sich G eine eigene Existenz verschafft. Er liebte es, die Gedanken täglich aufzusammeln und einzuordnen, so sehr, dass er oft vergaß, etwas zu essen und erst kurz bevor er schlafen ging, durch seinen knurrenden Magen daran erinnert wurde. Wenn er denn mal zum essen kam, so gab der Wald genügend Früchte her, er musste also niemals Hunger leiden, es sei denn – er vergaß wieder einmal überhaupt zu essen. So bestand sein ganzes bisheriges Leben aus dem gleichen täglichen Ablauf: Er stand auf, wusch sich mit Quellwasser, dass er aus den Bergen holte, anschließend frühstückte er und schnappte sich schließlich sein Körbchen und den Kescher und ging auf Gedankenjagd. Am meisten freute sich, wenn G eine Emotion fand, den die verirrten sich selten hier hinunter zu ihm und sie waren für ihn etwas besonderes. So hatte er neben den vielen, mittlerweile unzähligen Gedanken auch schon eine stattliche Sammlung an Emotionen errungen, diese allerdings, bewahrte er separat auf, denn er hielt sie für sehr kostbar. In seiner Sammlung gab es Freude, Hass, Enttäuschung, Trauer und sogar Verblüffung und Stolz in unterschiedlichster Stärke, manche schwächer und einige Emotionen waren sehr stark und damit auch schwer und groß. Als er die Trauer fand, da musste er sogar zwischendurch Halt machen, da er völlig außer Atem war, da sie so schwer gewesen war, dass er sie nur mit Mühe tragen konnte und er war wirklich froh, als er zu Hause ankam und die Emotion sicher verstaut hatte. Er hatte über die gesammelten Gedanken sehr viel gelernt und wusste die unterschiedlichsten Dingen, oft zusammenhangloses, aber das war ihm egal. Zu seinen Lieblingsgedanken gehörten der Hundewelpe, auch wenn er keine Ahnung hatte, was ein Hund war und das käsebetriebene Perpetuum Mobile, von dessen Bedeutung oder Funktionsweise er gar nichts wusste, aber ihm gefiel das Wort und so kam es schon vor, dass er den ganzen Tag während seiner Arbeit immer wieder „Käsebetriebenes Perpetuum Mobile“ vor sich hinsagte, ein alberner Gedanke für uns, aber für ihn – Beschäftigung. Er sprach auch oft mit sich selbst, da niemand sonst da war, im Wald lebten keine Tiere und im See schwammen auch keine Fische und die Bäume waren keine besonders guten Gesprächspartner, ebenso wenig Steine, auch wenn man diese, wenn sie einen nervten und mit ihrem Schweigen verhöhnten, in den See werfen konnte. G hatte schon viele Emotionen in seinem Leben vorbeifliegen sehen und viele waren einfach im See gelandet, wo er nicht hinkam oder sind sogar über die Berge geweht worden, von denen er auch nicht wusste, ob es dahinter noch etwas gab, außer diesem Tal, doch eine Emotion hatte er nie versucht zu fangen oder aufzusammeln, denn diese hatte er zur Genüge selbst: Einsamkeit. Die brauchte er nicht, er hatte mehr als genug davon und das bescherte ihm noch eine weitere Emotion, die er nicht sammeln musste: Traurigkeit. Und so kam es, dass er an diesem Abend, wie schon einige Abende zuvor niedergeschlagen, wenn auch mit einem Korb voller neuer Gedanken in sein Haus zurückkam und nach getaner Arbeit lediglich die beiden Worte Einsamkeit und Traurigkeit in sein Büchlein schrieb und mit einer Träne, die seine Wange hinunterkullerte, ins Bett ging und weinend einschlief.
Teil 2
