[Spannung]Der Totenlauf

Krimi, Thriller, Horror, Geistergeschichten, Abenteuer und alles andere, was die Nackenhaare zu Berge stehen lässt.

[Spannung]Der Totenlauf

Beitragvon yggdrasil » 29.03.2013, 11:37

Der Totenlauf
© Marten Petersen

Es war ein schöner Augustabend, als ich mich von der Wohnung meines Freundes auf den Weg zum Ohlsdorfer Friedhof machte. Es sollte ein „langer Kanten“ werden. Zehn Kilometer plante ich auf dem Friedhof hin, jeweils sechs Kilometer Hin- und Rückweg, als insgesamt mehr als zwanzig Kilometer. Allerdings machte mir tagsüber die Hitze mit knapp 30 Grad zu schaffen, so dass ich erst um gut 19 Uhr startete. Und da ich mich nicht ganz so gut auskannte, verlief ich mich, machte Umwege und erreichte den Friedhof erst kurz vor 20 Uhr. Kein Problem, zwar wurde die Strecke noch etwas länger als geplant, aber der Weg über den Friedhof war lohnenswert. Ich lief erst so am Rand des riesigen Geländes, folgte ohne Plan und Ziel den Wegen. Wunderbare alte Bäume, imponierende Grabstätten, teilweise wahre „Totenhäuser“. Marmor- und Bronzeplastiken, aber auch einfache Kreuze und Steine wechselten sich ab. Ich verlor mich in Gedanken, als ich bekannte Namen im Vorbeilaufen erhaschte: Inge Meysel, Hans Albers, Gustav Gründgens, Henry Vahl, Heinz Ehrhardt, Carl Hagenbeck, Helmut Zacharias oder auch den Seeteufel Graf Luckner. Eine Wasserstelle am Wegesrand. Ich drehte den Hahn auf und ließ das Wasser in meine zum Becher geformten Hände laufen. Gerade setzte ich zum Trinken an, als ich bemerkt, dass die Flüssigkeit reichlich dickflüssig, fast schleimig war. Angewidert schüttete ich es in den trockenen Staub des Weges.
Die Amseln sangen ihr Abendlied, Grillen zirpten, Bienen brummten. Zusammen eine einlullende Geräuschkulisse. Von irgendwo ein paar Glockenschläge, dann ein geistlicher Gesang eines Kirchenchores aus einem der Gebäude. Irgendwo säuselte eine Geige ein Abendlied. Die mythisch-mystische Stimmung nahm mich gefangen. Kreuz und quer durchstreifte ich den Park, Kilometer reihte sich an Kilometer. Runner´s high stellte sich ein, ein unglaublich schönes Gefühl ergriff von mir Besitz. Ich nahm kaum mehr meine Umgebung wahr, bemerkte nicht, dass sich schleichend die Dunkelheit eingestellt hatte, bemerkte nicht die Abendfeuchtigkeit auf dem Gras. Ein Zwielicht aus letztem Abendlicht und eingeschalteten Laternen hüllte mich ein. Immer noch hörte ich das mondsüchtige Geigenspiel.
Weiter, weiter, weiter … immer im gleichen Rhythmus, ich hörte die Schritte in mir. Dumpf hallten sie auf dem Boden, der in 125 Jahren fast 1,5 Millionen Menschen in sich aufgenommen hatte.
Ein Geräusch ließ mich zusammen fahren, Stein auf Stein, ein schiebendes Geräusch. Ich blickte zur Seite und sah, dass sich eine steinerne Grabplatte zur Seite schob. Eine weiße Gliederhand streckte sich mir entgegen. „Hallo, bist du ein Arzt? Hast du ein Mittel gegen Würmer?“ „Nein“, antwortete ich, morgen bringe ich dir eins mit.“ Ich machte schnell auf dem Absatz kehrt und lief weiter. Und wieder lenkte mich etwas ab, ein Klappern, als ob kleine Steine leicht gegeneinander schlugen. Ich blickte zur Seite und sah ein sehr bleiches, altes Gesicht. Ich kannte sie vom Fernsehen, die Mutter der Nation. Sie bewegte die Kiefer, als ob sie etwas sagen wollte, aber ich vernahm nur das Klappern ihres Gebisses. „Mensch Frau Meysel, warum haben Sie sich nur so einen miesen Zahnarzt genommen. Das war doch ein Pfuscher!“ „Ja“, seufzte sie, im nächsten Leben …“ Kopfschüttelnd lief ich weiter. Nun hatte sie mit ihrer Schauspielerei doch sicher gutes Geld verdient, aber einen guten Zahnarzt hatte sie sich nicht geleistet. Ich vernahm noch das gackernde Lachen aus dem Nebengrab. Der alte Henry Vahl hatte alles mitgehört und sich köstlich amüsiert.
„Hey Mann, bleib`doch mal stehen“ wurde ich von der Seite angesprochen. Ich konnte mich nicht erinnern, wer der Mann war, aber irgendwie kam er mir bekannt vor. „Ich schlage dir ein gutes Geschäft vor“ drang er auf mich ein. „ Fünf Mille, wenn wir tauschen, Nur für eine Nacht, morgen bin ich zurück, dann kannst du gehen. Nur heute Nacht“ wiederholte er, „nur heute Nacht, ich habe auf dem Kiez noch eine Rechnung zu begleichen.“ Ha, nun wusste ich, wen ich vor mir hatte. Er war Pauly St. Pauli, eine Kiezgröße, der bei einem Bandenkrieg auf der Reeperbahn umgenietet worden war. Es ging um die Besitzrechte an den importierten Mädchen aus der Tschechei und Russland. „Du kannst mich mal…“, schrie ich und haute ab. Manchmal ist Abhauen eben keine Schande!
Das Geigenspiel hatte mich die ganze Zeit begleitet, wurde nun lauter. Auf dem Dach des Gebetshauses saß ein Geiger, in einem weißen Hemd gehüllt, mit einem breiten Grinsen auf dem Pfannkuchengesicht. Ich erkannte ihn, hatte oft in Fernsehshows vergangener Zeiten gesehen. Helmut Zacharias spielte unentwegt sein Abendlied.
„Haaallo!“ kam ein Ruf von der Seite. Eine tiefe, feste Stimme drang an mein Ohr. „Fahren sie noch? Fahren die Großsegler noch von Hamburg aus? Ich möchte so gerne nochmals um Kap Hoorn!“ Ein angenehmer Typ, stellte ich fest und schaute auf den Grabstein. Na klar, hier lag er der alte Seeteufel, Graf Luckner. „Aber klar, doch, alter Seebär, ich versuche für dich eine Heuer zu finden!“ versprach ich ihm und machte mich auf den Weg. Ich hörte noch ein schwaches „Danke“.
Plötzlich geriet ich in einen kalten Nebelschleier. Meinte ich! Bis ich merkte, dass der Schleier mich umfasste, mich geradezu einwob. Nur mit Anstrengung gelang es mir, mich zu befreien. Ich stürzte davon, kam ins Stolpern, fiel und rollte über den Weg. Und landete … in einem frisch ausgeworfenen Grab. Benommen schaute ich nach oben, nahm die fahle Helligkeit des Himmels wahr. Dann sah ich sie, die durchsichtigen, wabernden Gestalten, die sich um den Rand der Grube drängten. Sie lachten hämisch, zeigten mit Fingern auf mich, spuckte ins offene Grab. Dann zerflossen ihre Konturen, vereinigten sich zu einer schleimigen Masse, die sich auf mich ergoss. Verzweifelt versuchte ich, mich davon zu befreien, aber es wurde immer mehr. Der Schleim bedeckte mich, umschloss meinen Körper, mein Gesicht, verstopfte Augen, Nase und Ohren. Ich konnte nicht mehr …

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Re: Der Totenlauf

Beitragvon Thea » 01.04.2013, 20:23

Hallo Yggdrasil,

Hier ein kleiner Kommentar meinerseits zu deinem Text. An Rechtschreibfehlern sind mir nur zwei oder drei Kleinigkeiten aufgefallen, und das waren eher Tippfehler, deswegen will ich da kein großes Faß aufmachen.
Stattdessen ein paar Anmerkungen zu Stil und Ausdruck. Kann sein, dass da manchmal viel Subjektivität meinerseits mitschwingt, aber vielleicht hilft es dir ja weiter.

Zehn Kilometer plante ich auf dem Friedhof hin, jeweils sechs Kilometer Hin- und Rückweg, also insgesamt mehr als zwanzig Kilometer.


An der Konstruktion würde ich nochmal feilen. Der erste Satzteil passt zumindest mit dem eingeschobenen Nebensatz nicht zusammen. Das "hin" muss weg, vielleicht sowas wie "Zehn Kilometer plante ich für die Tour auf dem Friedhof, dazu ..."

Allerdings machte mir tagsüber die Hitze mit knapp 30 Grad zu schaffen, so dass ich erst um gut 19 Uhr startete.


Das sind mir zuviele unnötige Zahlen und Fakten zum Auftakt einer Gruselgeschichte. Du hattest gerade schon die Kilometerzahlen. Geh einfach abends joggen, dafür brauchst Du keine Rechtfertigung!

Gerade setzte ich zum Trinken an, als ich bemerkte, dass die Flüssigkeit reichlich dickflüssig, fast schleimig war


Für mich ist nicht ganz klar geworden, welche Bedeutung diese Stelle für den Rest der Geschichte hat. Falls sie im Zusammenhang mit dem Schleim am Schluss steht, wird das für mich dann nicht deutlich. So erscheint sie eher unsinnig und überflüssig.

Zusammen eine einlullende Geräuschkulisse.


Das klingt nach kurz vor dem Einschlafen, was bei einem Jogger eher unwahrscheinlich ist. Vielleicht findest du was besseres, laufe in eine Art Trance oder so.

Ein Zwielicht aus letztem Abendlicht und eingeschalteten Laternen hüllte mich ein.


"Ich tauchte ein in ein Zwielicht aus schwindendem Abendlicht und dem trüben Schein der Laternen."

Immer noch hörte ich das mondsüchtige Geigenspiel.


Das "mondsüchtig" finde ich hier unpassend. Vielleicht kannst du hier mehr Atmospäre schaffen? So was wie "In der Luft schwebte noch immer die schluchzende Melodie der Violine."

Dumpf hallten sie auf dem Boden, der in 125 Jahren fast 1,5 Millionen Menschen in sich aufgenommen hatte.


Für mich schon wieder Fakten an unpassender Stelle. Den Hinweis auf die Menschen unter der Erde find ich gut, aber die nackten Zahlen würde ich weg lassen.

Ein Geräusch ließ mich zusammen fahren, Stein auf Stein, ein schiebendes Geräusch. Ich blickte zur Seite und sah, dass sich eine steinerne Grabplatte zur Seite schob.


Zu steinreich.

Das Geigenspiel hatte mich die ganze Zeit begleitet, wurde nun lauter


"Das Geigenspiel, das mich die ganze Zeit begleitet hatte, wurde nun lauter."

Insgesamt eine nette Idee, hatte auch lustige Bilder im Kopf. Auch den Strukturaufbau über das Laufen fand ich gut, vielleicht kannst Du ihn noch ein wenig besser und konsequenter durchführen. Die "harten Fakten", d. h. Zahlen, fand ich in so einer Geschichte unpassend. Und der Schleim und seine Bedeutung sind für mich nicht genügend klar geworden.

P. S.: Deine illustre Versammlung an Verblichenen finde ich gut! :mrgreen:
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Re: Der Totenlauf

Beitragvon yggdrasil » 01.04.2013, 20:35

Hallo, danke für Deine Anmerkungen. Was Du nicht wissen kannst: Mittlerweile habe ich über PN einen Kommentar bekaommen, der in vielen Teilen genau Deine Anmerkungen genannt hat. Ich habe den Text daher umgeändert (die vielen Fakten und Zahlenangaben sind verschwunden). Morgen werde ich die Korrektur komplett eingearbeitet haben, auch Deine Abnmerkungen werde ich prüfen und ggf. umsetzen. Dann werde ich die "neue" Story hier einsetzen.

Danke für Deine Arbeit und Mühe - und die netten Worte dazu!
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Re: Der Totenlauf

Beitragvon yggdrasil » 02.04.2013, 07:45

Hallo, hier kommt die überarbeitete Story. Meinen Dank an inmutanta und Thea.

Die "harten Fakten" habe ich verschwinden lassen, etlichen Änderungswünschen bin ich gefolgt, manchen nicht. Für den Hintergrund: Der Ohlsorfer Friedhof ist der größte Parkfriedhof der Welt. Knapp 100 km Wege durchziehen ihn, und die namentlich genannten Toten liegen tatsächlich dort.


Der Totenlauf
Es war ein lauer Augustabend, als ich mich von der Wohnung meines Freundes auf den Weg zum Ohlsdorfer Friedhof machte. Es sollte ein „langer Kanten“ werden, ein Lauf also von mehr als zwanzig Kilometern. Wegen der Tageshitze hatte ich den Lauf auf den späten Abend verschoben.
Ich lief erst Hauptwege auf dem riesigen Gelände, folgte dann ohne Plan und Ziel den unzähligen Wegen, die das parkähnliche Friedhofsgelände durchzogen. Wunderbare alte Bäume, imponierende Grabstätten, teilweise wahre „Totenhäuser“. Marmor- und Bronzeplastiken, aber auch einfache Kreuze und Steine wechselten sich ab. Ich verlor mich in Gedanken, als ich bekannte Namen im Vorbeilaufen erhaschte: Inge Meysel, Hans Albers, Gustav Gründgens, Henry Vahl, Heinz Ehrhardt, Carl Hagenbeck, Helmut Zacharias oder auch den Seeteufel Graf Luckner. Ein alter Trinkbrunnen am Wegesrand. Ich drehte den Hahn auf und ließ das Wasser in meine zu einer flachen Schale geformten Hände laufen. Gerade setzte ich zum Trinken an, als ich bemerkte, dass die Flüssigkeit reichlich träge aus dem Hahn kam, sie war fast schleimig. Angewidert schüttete ich sie in den trockenen Staub des Weges.
Die Amseln sangen ihr Abendlied, Grillen zirpten, Bienen brummten. Von irgendwo ein paar Glockenschläge, dann ein geistlicher Gesang eines Kirchenchores aus einem der Gebäude. Eine Geige säuselte ein Abendlied, Trauer mit Musikbegleitung. Die mythisch-mystische Stimmung nahm mich gefangen. Kreuz und quer durchstreifte ich den Park, Kilometer reihte sich an Kilometer. Runner´s high stellte sich ein, ein unglaublich schönes Gefühl ergriff von mir Besitz. Ich nahm kaum mehr meine Umgebung wahr, bemerkte nicht, dass sich schleichend die Dunkelheit eingestellt hatte, bemerkte nicht die Abendfeuchtigkeit auf dem Gras. Ich tauchte ein in ein Zwielicht aus schwindendem Abendlicht und dem trüben Schein der Laternen. Immer noch hörte ich das mondsüchtige Geigenspiel.
Weiter, weiter, weiter … immer im gleichen Rhythmus, ich hörte die Schritte in mir. Dumpf hallten sie auf dem Boden, der Hunderttausende aufgenommen und in Erde umgewandelt hatte.
Ein Geräusch ließ mich zusammen zucken, Stein auf Stein, ein schiebendes Geräusch. Ich blickte zur Seite und sah, dass sich eine schwere Grabplatte zur Seite schob. Eine weiße Gliederhand streckte sich mir entgegen. „Hallo, bist du ein Arzt? Hast du ein Mittel gegen Würmer?“ „Nein“, antwortete ich, morgen bringe ich dir eins mit.“ Ich machte schnell auf dem Absatz kehrt und lief weiter. Und wieder lenkte mich etwas ab, ein Klappern, als ob kleine Steine leicht gegeneinander schlugen. Ich blickte zur Seite und sah ein sehr bleiches, altes Gesicht. Ich kannte sie vom Fernsehen, die Mutter der Nation. Sie bewegte die Kiefer, als ob sie etwas sagen wollte, aber ich vernahm nur das Klappern ihres Gebisses. „Mensch Frau Meysel, warum haben Sie sich nur so einen miesen Zahnarzt genommen. Das war doch ein Pfuscher!“ „Ja“, seufzte sie, im nächsten Leben …“ Kopfschüttelnd lief ich weiter. Nun hatte sie mit ihrer Schauspielerei doch sicher gutes Geld verdient, aber einen guten Zahnarzt hatte sie sich nicht geleistet. Ich vernahm noch das gackernde Lachen aus dem Nebengrab. Der alte Henry Vahl hatte alles mitgehört und sich köstlich amüsiert.
„Hey Mann, bleib`doch mal stehen“ wurde ich von der Seite angesprochen. Ich konnte mich nicht erinnern, wer der Mann war, aber irgendwie kam er mir bekannt vor. „Ich schlage dir ein gutes Geschäft vor“ drang er auf mich ein. „ Fünf Mille, wenn wir tauschen, Nur für eine Nacht, morgen bin ich zurück, dann kannst du gehen. Nur heute Nacht“ wiederholte er, „nur heute Nacht, ich habe auf dem Kiez noch eine Rechnung zu begleichen.“ Ha, nun wusste ich, wen ich vor mir hatte. Er war Pauly St. Pauli, eine Kiezgröße, der bei einem Bandenkrieg auf der Reeperbahn umgenietet worden war. Es ging um die Besitzrechte an den importierten Mädchen aus der Tschechei und Russland. „Du kannst mich mal…“, schrie ich und haute ab. Manchmal ist Abhauen eben keine Schande! Das Geigenspiel hatte mich die ganze Zeit begleitet, wurde nun lauter. Auf dem Dach des Gebetshauses saß ein Geiger, in einem weißen Hemd gehüllt, mit einem breiten Grinsen auf dem Pfannkuchengesicht. Ich erkannte ihn, hatte oft in Fernsehshows vergangener Zeiten gesehen. Helmut Zacharias spielte unentwegt sein Abendlied.
„Haaallo!“ kam ein Ruf von der Seite. Eine tiefe, feste Stimme drang an mein Ohr. „Fahren sie noch? Fahren die Großsegler noch von Hamburg aus? Ich möchte so gerne nochmals um Kap Hoorn!“ Ein angenehmer Typ, stellte ich fest und schaute auf den Grabstein. Na klar, hier lag er der alte Seeteufel, Graf Luckner. „Aber klar, doch, alter Seebär, ich versuche für dich eine Heuer zu finden!“ versprach ich ihm und machte mich auf den Weg. Ich hörte noch ein schwaches „Danke“.
Plötzlich geriet ich in einen kalten Nebelschleier. Meinte ich! Bis ich merkte, dass der Schleier mich umfasste, mich geradezu einwob. Nur mit Anstrengung gelang es mir, mich zu befreien. Ich stürzte davon, kam ins Stolpern, fiel und rollte über den Weg. Und landete … in einem frisch ausgeworfenen Grab. Benommen schaute ich nach oben, nahm die fahle Helligkeit des Himmels wahr. Dann sah ich sie, die durchsichtigen, wabernden Gestalten, die sich um den Rand der Grube drängten. Sie lachten hämisch, zeigten mit Fingern auf mich, spuckte ins offene Grab. Ihre Konturen zerflossen, vereinigten sich zu einer schleimigen Masse, die sich auf mich ergoss. Verzweifelt versuchte ich, mich davon zu befreien, aber es wurde immer mehr. Der Schleim bedeckte mich, umschloss meinen Körper, mein Gesicht, verstopfte Augen, Nase und Ohren. Ich konnte nicht mehr …
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Re: Der Totenlauf

Beitragvon SophieGirly » 02.04.2013, 12:08

Hallihalo :)
Deine Geschichte vor alles in allem sehr spannend. Ich hinterlasse dir mal einen Kommentar, nimm dir das mit was du brauchst.

als ich bekannte Namen im Vorbeilaufen erhaschte: Inge Meysel, Hans Albers, Gustav Gründgens, Henry Vahl, Heinz Ehrhardt, Carl Hagenbeck, Helmut Zacharias oder auch den Seeteufel Graf Luckner.


Das ist jetzt nur meine Meinung, aber ich finde dass das zu viele Namen sind. Die wichtigsten die am Ende vorkommen, vielleicht noch ein zusätzlicher, würden da schon reichen.

Ein alter Trinkbrunnen am Wegesrand. Ich drehte den Hahn auf und ließ das Wasser in meine zu einer flachen Schale geformten Hände laufen. Gerade setzte ich zum Trinken an, als ich bemerkte, dass die Flüssigkeit reichlich träge aus dem Hahn kam, sie war fast schleimig. Angewidert schüttete ich sie in den trockenen Staub des Weges.


Diese Stelle finde ich persönlich irgendwie unnötig. Sie hat für den späteren Verlauf keinen richtigen Sinn.

Die Amseln sangen ihr Abendlied, Grillen zirpten, Bienen brummten.]


Ich bin kein Bienenexperte, aber um 20 Uhr das Bienensummen hören? Ich glaube eher nicht dass man das um die Zeit kann. :wink:

Eine weiße Gliederhand streckte sich mir entgegen. „Hallo, bist du ein Arzt? Hast du ein Mittel gegen Würmer?“ „Nein“, antwortete ich, morgen bringe ich dir eins mit.“ Ich machte schnell auf dem Absatz kehrt und lief weiter.


Wieso ist dein Prota überhaupt nicht erstaunt darüber mit einem toten zu reden? Also mindestens ein wenig wundern sollte er sich schon.
Oder ist es da ganz normal mit Toten zu reden? Wenn ja dann solltest du das am Anfang erwähnen.
Bei den restlichen Toten trifft genau das selbe zu.


Ist das schon die ganze geschichte? Wenn ja finde ich dass sie etwas schnell endet. Oder geht sie noch weiter?
Wenn nicht fände ich es besser wenn du noch schreiben wirdest wie der Prota sich in dem Grab fühlt und vielleicht noch sowas wie: Schließlich tat er verzweifelt seinen letzten Atenzug und schloss die Augen... für immer? Nein, nur bis die nächste Person kommen würde die ihn aus seinem Totenschlaf aufwecken würde.
Oder sowas eben. Das ist deine Sache ;) Ich finde nur das Ende ist so aprubt.

Sonst hast du nur einige Flüchtigkeitsfehler gemacht, die dir beim Verbessern sicher selber ins Auge springen. Ich konnte den Text sehr gut lesen und er hat mir gefallen. Weiter so :mrgreen:
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Re: Der Totenlauf

Beitragvon Olaf53 » 19.04.2013, 00:12

Diese Geschichte kommentiere ich auch deshalb, weil ich im Gegensatz zu anderen Kommentaren anderer Meinung bin. Dabei unterscheide ich zwischen Sprache und Logik. Sprachlich kann ich dir keine Fehler vorwerfen, wobei ich den Eindruck habe, dass du mögliche Fehler bereits korrigiert hast. Nun die Logik:

Allerdings machte mir tagsüber die Hitze mit knapp 30 Grad zu schaffen, so dass ich erst um gut 19 Uhr startete.

In einem früheren Kommentar wurde dir vorgeworfen, die Information sei überflüssig. Ganz im Gegenteil! Diese Information ist sehr aussagefähig. Ich kenne nämlich solche Kommentare - dies und jenes kannst du streichen. Wenn du das tatsächlich machst, dann kannst du alles streichen, und nachher bleibt von deinem Werk nichts mehr übrig.

Dann aber:

Ich verlor mich in Gedanken, als ich bekannte Namen im Vorbeilaufen erhaschte: Inge Meysel, Hans Albers, Gustav Gründgens, Henry Vahl, Heinz Ehrhardt, Carl Hagenbeck, Helmut Zacharias oder auch den Seeteufel Graf Luckner.

Da stelle ich die Frage, ob wirklich so viele Prominente auf einem Friedhof liegen? Und dann noch etwas: dein Protagonist rennt zehn Kilometer hin und zurück. (In einem früheren Kommentar wurde übrigens kritisiert, dass du hin und zurück erwähnst. Die Angaben von Kilometern finde ich richtig, denn daraus entsteht ein Langlauf von zwanzig Kilometern). Jetzt aber: wieso rennt der Protagonist diese Strecke, nur um einen Friedhof zu besichtigen? Und dann der Friedhof selber. Stimmt es wirklich, dass dort sämtliche Prominente begraben liegen? Also, wenn das wirklich so ist, dann musst du mich noch anders überzeugen.

Eine Wasserstelle am Wegesrand. Ich drehte den Hahn auf und ließ das Wasser in meine zum Becher geformten Hände laufen. Gerade setzte ich zum Trinken an, als ich bemerkt, dass die Flüssigkeit reichlich dickflüssig, fast schleimig war.

Das klingt unmotiviert und das stört mich. Dein Protagonist hat Durst und bedient sich am falschen Ort. Wenn es wirklich so ist, dann musst du das erklären, wobei Erklärungen den Lesefluss stören.

Nun aber positiv. Deine Geschichte liest sich flüssig und baut auch Spannung auf. Folglich beanstande ich nur das, was meinen Gedankengang so etwas stört. Einmal das Motiv eines Langläufers, wobei ich an Jogging denke. Dann aber die Motive von Personen, die ich aus dem Fernsehen kenne. Irgendwie bringe ich das noch nicht ganz auf die Reihe. Vielleicht machst du dir Gedanken?
Die Frage bleibt offen, ob mein Krimi wirklich so eine gute Idee ist. Vielleicht kann ich auch anders.
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Re: Der Totenlauf

Beitragvon yggdrasil » 19.04.2013, 07:09

Hallo, zuerst nochmals meinen Dank an alle Kritiker.

Anscheinend habe ich nicht rüberbringen können, was in einem Langläufer (nicht: Jogger!) vorgehen kann, wenn er den Punkt erreicht, den man "runners high" nennt. Vielleicht können Läufer das besser verstehen, Nichläufer aber nicht.

Man überschreitet einen Punkt, an dem man - im Kopf - die Wirklichkeit verlässt und den Raum der Fantastik betritt. Es ist eine Art Rausch, vielleicht kann man es so sagen, dass man durch den langen und intensiven Lauf körperliche Reaktionen in Gang setzen, dass kkörpereigene Drogen freigesetzt werden. Was ich dann beschrieben habe, ist also keine Realität mehr, sondern reine Fiktion aus der Fantastik. So etwas kan man tatsächlich erleben.

Und dann ist es falsch, zu hinterfragen ob man an einer falschen Wasserstelle ist. Denn das schleimige Wasser kommt mir nur als schleimig vor... Genau so verhält es sich, dass es mir in dem Zustand vollkommmen normal vorkommt, wenn Tote reden.

Und - nun wieder in der Realität - die von mir genannten Prominenten sind nur ein Teil der dort weilenden Toten, es ist schließlich der größte Parkfriedhof der Welt, und man findet viele, viele weitere Prominente aus etlichen Jahrhunderten in Ohlsdorf.

Obige Anmerkungen habe ich nicht nur an den letzten Kritiker Olaf gewandt, sondern pauschal an einige Kritikpunkte zuvor.

Und ein Hinweis: Auch ein/e Kritiker/in, der/ie Rechtschreibung kritisiert, sollte die eigene ebenfalls beachten und den Text nochmals überprüfen, bevor auf "Absenden" gedrückt wird. :shock:

Alsdann an alle: Nochmals meinen Dank für all eure Anmerkungen, das hilft mir weiter. So ist man gezwungen, sich intensiv mit den eigenenTexten eauseinander zu setzen.

Einen schönen Tag!

Yggdrasil

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Re: Der Totenlauf

Beitragvon Schattenbinder » 19.04.2013, 14:57

Hallo yggdrasil,

dies ist mein erster Kommentar zu einem Werk hier und ich hoffe, dass ich nichts falsch mache. Aber deine Kurzgeschichte hat mich als Hamburgerin angesprochen und daher möchte ich dir gern meine Meinung hinterlassen. :D

Was Rechtschreibfehler und Ausdruck betrifft, kann ich gar nicht großartig kritisieren, da du schon sehr viel richtig gemacht hast. An einigen Stellen hätte ich sicherlich einen anderen Aufbau verwendet, allerdings halte ich das für persönlichen Geschmack, wenn handwerklich alles stimmt.

Die Dinge, die mir aufgefallen sind und zu denen ich mich gern äußern möchte, sind folgende:

Der Ohlsdorfer Friedhof ist eine wundervolle Kulisse für deine Geschichte und jeder Hamburger wird verstehen, wieso man dort ohne Weiteres joggen kann. Die Größe und die Aufteilung ist einfach einzigartig und erinnert stellenweise wirklich mehr an einen Park als an einen Friedhof. Viele Menschen (und damit sicher auch viele deiner Leser) empfinden einen Friedhof allerdings eher als einen Ort der Ruhe und des Respekts den Toten gegenüber, so dass es hier vielleicht nicht schlecht wäre, ein oder zwei Sätze mehr zu dieser grandiosen Anlage zu verlieren. Natürlich erwähnst du die vielen Gräber, die imposanten Mausoleen, die weitläufigen Wege... Aber all das kann man auch auf "normalen" Friedhöfen finden und spiegelt meiner Ansicht nach Ohlsdorf nur unzureichend wider.

Runner´s high stellte sich ein, ein unglaublich schönes Gefühl ergriff von mir Besitz. Ich nahm kaum mehr meine Umgebung wahr, bemerkte nicht, dass sich schleichend die Dunkelheit eingestellt hatte, bemerkte nicht die Abendfeuchtigkeit auf dem Gras.


Ich bin total unsportlich. So richtig. Folglich kenne ich den "Runner's High" nur als einen Begriff, der im Zusammenhang mit dem Laufen mal irgendwo fallen kann. Was genau ich mir darunter vorzustellen habe, weiß ich nicht. Du hast in deinem letzten Beitrag so schön erklärt, dass man hier ein Stück weit die Wirklichkeit verlässt und beinahe wie in Trance weiterläuft. So einen Einschub würde ich mir auch für deine Geschichte wünschen, denn das "wunderschöne Gefühl" allein genügt mir nicht, um die Empfindung nachvollziehen zu können.

Nun folgt der für mich schwierigste Teil deiner Erzählung. Während der Anfang beinahe mystisch-melancholisch wirkt, folgt auf einmal ein krasser Bruch. Und zwar genau in dem Moment, in dem die Toten erwachen. Plötzlich wirkt die Situation nicht nur bizarr, sondern auch komisch. Mir als Leser fiel es schwer zu verstehen, wieso der Protagonist gar kein Problem damit hat, dass plötzlich lauter modrige Leichen um ihn herum auftauchen. Im Gegenteil: Er wirft ihnen auch noch flapsige Bemerkungen zu. Ich habe fast erwartet, hier zwischen den Zeilen noch einen Hinweis auf den Grund zu finden, wurde aber leider enttäuscht. Und als ich mich gerade damit abgefunden hatte, kippte die Stimmung wieder einmal vollkommen, denn der Protagonist gerät unvermittelt in ein Horrorszenario und wird von den Geistern, die er eben noch verspottet hatte, lebendig begraben. Das ist mir leider zu viel Springerei zwischen den Stimmungen und zerstört die Idee hinter der Geschichte. Denn die ist wirklich toll und etwas ungewöhnlich, was mich ja auch beim Lesen gefesselt hat. Ich hätte mich gefreut, wenn du durchgehend bei einer Grundstimmung geblieben wärst oder für einen Sprung eine plausible Erklärung abgeliefert hättest, die für den Leser nachvollziehbar ist. So wirkt der Text für mich leider wild zusammengeworfen.

Der Schleim bedeckte mich, umschloss meinen Körper, mein Gesicht, verstopfte Augen, Nase und Ohren. Ich konnte nicht mehr …


Schade ist auch, dass das Ende sehr schnell kommt und irgendwie kein Ende darstellt. Man kann natürlich interpretieren, ob der arme Kerl nun wirklich von Geistern umgebracht wird, ob er vielleicht nur geträumt hat oder gestürzt ist oder ob er vielleicht doch von dem schleimigen Wasser getrunken hat und nun auf einem unfreiwilligen Trip ist. Doch der letzte Satz wirkt, als wäre dir einfach keine gute Pointe eingefallen und setzt so keinen richtigen Punkt. Vielleicht wäre es besser, hier noch einen Satz anzufügen wie z. B. "Ich wollte atmen, wollte meine Lungen mit Sauerstoff füllen, doch da war nur Erde um mich herum und in meinem Mund. Und schließlich gab es nur noch Dunkelheit." Nicht in diesem Stil, sondern in deinem. Aber würde den Abschluss meiner Meinung nach etwas runder machen.

Ich hoffe, dass du mir meine Kritik nicht übel nimmst und weiter an so ungewöhnlichen Ideen arbeitest. Ich würde mich freuen, mehr in der Richtung von dir zu lesen.

Lieben Gruß
Schattenbinder
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Re: Der Totenlauf

Beitragvon yggdrasil » 19.04.2013, 16:06

Nein Schattenbinder, wie sollte ich böse über einen qualifizierten und konstruktiven Kommentar sein.
Ich danke auch Dir und werde mir Deine Anmerkungen zu Gemüte führen.
Als Hamburgerin kannst die die Umgebung des Friedhofes sicher nachvollziehen. Ich kann mir vorstellen, die Kulisse noch etwas auszufeilen.
Gleiches gilt für "runners high".
Der von Dir sog. "Bruch" ist genau der Punkt, wo "runners high" wirkt. Das habe ich versucht, in der letzten Replik zu verdeutlichen.
Ja und der Schluss. Gut, irgendwo muss Schluss sein. Was meinerseits fehlt, ist der Austritt aus der Fantaise, das Zurückkommen in die Realität, wenn man "nüchtern" wird. Also, wenn man den Lauf beendet, unterbricht oder stark an Intensität nachlässt. Dann sind auch alle fantastischen Gedankengänge weg.

Danke!

Yggdrsail
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Re: Der Totenlauf

Beitragvon vodo82 » 10.11.2013, 13:24

Ich kannte sie vom Fernsehen, die Mutter der Nation. Sie bewegte die Kiefer, als ob sie etwas sagen wollte, aber ich vernahm nur das Klappern ihres Gebisses. „Mensch Frau Meysel, warum haben Sie sich nur so einen miesen Zahnarzt genommen. Das war doch ein Pfuscher!“ „Ja“, seufzte sie, im nächsten Leben …“

Ich habe hier Probleme mwir die Szene vorzustellen. Erst klappert nur ihr Gebiss beim sprechen . Nach der Zahnarztaussage spricht sie plötzlich verständlich. Du könntest als Beispiel einbauen dass die Dame ihr Gebiss zurecht rückt.


h zu einer schleimigen Masse, die sich auf mich ergoss. Verzweifelt versuchte ich, mich davon zu befreien, aber es wurde immer mehr. Der Schleim bedeckte mich, umschloss meinen Körper, mein Gesicht, verstopfte Augen, Nase und Ohren. Ich konnte nicht mehr …

Auch hier habe ich Probleme mir die Szene vorzustellen. In meiner Vorstellung liegst du in dem Grab am Rücken und wartet darauf zu ersticken. Warum "wehrt" er sich nicht? Beschreibe es in irgend einer Form.

Vielleicht kannst du mehr ins Detail gejen: Warum kann er nicht schwimmen? Ich denke es waere moeglich sich an den Wänden abzustützen um nach oben zu klettern? Vielleicht auch nur über dem Schleimspiegel zu bleiben.



Und zum Schluss noch: Deine Geschichte ist witzing und die Idee ist gut. :)
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Re: Der Totenlauf

Beitragvon SkyeFantasy » 08.12.2014, 17:38

Hallo Yggdrasil,

als Ex-Marathonläuferin vom fanatischen Typ konnte ich an dieser Geschichte nicht vorbeigehen. Persönlich fand ich es schon immer sehr schwer bis unmöglich, die Faszination des Laufens zu beschreiben.
Du bleibst in deiner Geschichte vor allem bei den landschaftlichen Aspekten hängen, die ja auch sehr interessant sind, ich kann mir denken, dass so ein grosser Friedhof einen auf seltsame Gedanken bringen kann. Das "runner´s high" erscheint ganz plötzlich und ohne dass man es richtig nachvollziehen kann. Ich meine, du solltest da die läuferischen Aspekte noch mehr reinbringen, damit man nicht bloss mit dem Holzhammer gesagt kriegt, dass die phantastischen Ereignisse im Laufrausch passieren, sondern das solltest du versuchen so zu beschreiben, dass man es selbst fühlt und es be-greifen kann. Erst dann erzielst du die mitreissende Wirkung, die dieser Text erzeugen könnte.

Nach meiner Erfahrung erzeugt ein normales Training kein High. Du müsstest also deinem Leser klarmachen, was eigentlich das High erzeugt hat. Ich meine, dazu muss man sein gewöhnliches Training kräftig übertreiben. Ist ja auch möglich, dass das auf diesem Friedhof passiert ist, weil die EIndrücke so toll waren, dass er immer weitergelaufen ist. Schöne unbekannte Landschaften wirken beflügelnd.
Ich bin sieben Jahre gelaufen mit einem Pensum von 200-300 km pro Monat und habe einen echten Rausch nur einmal erlebt, als ich nach dem Vormittagstraining von 10 km am Nachmittag nochmal auf eine 10-km-Strecke gegangen bin und dann Leute getroffen habe und 20 km daraus geworden sind, davon die letzten 5 im Wettkampftempo, das war nur noch absurd. Ich erinnere mich, dass ich plötzlich angefangen habe laut zu singen, mitten vor allen Leuten, weil alles so toll und alles so geil war. Meine Frage: was muss man denn anstellen, damit man auch noch Halluzinationen kriegt? Das möchte ich wirklich wissen!
Deinem Text entnehme ich, dass dein Läufer ebenfalls eine längere Strecke als geplant genommen hat, und es scheint auch sehr heiss gewesen zu sein, das wäre eine Teilerklärung, aber du stellst diese Aspekte eher in den Hintergrund.

Noch zu dem Text im einzelnen:

Es sollte ein „langer Kanten“ werden. Zehn Kilometer plante ich auf dem Friedhof hin, jeweils sechs Kilometer Hin- und Rückweg, als insgesamt mehr als zwanzig Kilometer. Allerdings machte mir tagsüber die Hitze mit knapp 30 Grad zu schaffen, so dass ich erst um gut 19 Uhr startete.


Du könntest noch dazu schreiben, ob das sein normales Pensum ist oder eine besonders lange Strecke. Für deine läuferisch interessierten Leser wäre das interessant zu wissen.

Und da ich mich nicht ganz so gut auskannte, verlief ich mich, machte Umwege und erreichte den Friedhof erst kurz vor 20 Uhr.

Ich weiss nicht, wie schnell er läuft, aber das hört sich nach einem Umweg von 5-6 km an, also gar nicht so wenig. Also ich hätte schon etwas geflucht.

Kein Problem, zwar wurde die Strecke noch etwas länger als geplant, aber der Weg über den Friedhof war lohnenswert.

Eine tolle Strecke wirkt euphorisierend und kann auch Motivation geben, länger zu laufen als gewöhnlich, das stimmt.

Runner´s high stellte sich ein, ein unglaublich schönes Gefühl ergriff von mir Besitz.

Diese Stelle wirkt etwas herbeigezogen, weil du vorher vom Laufen gar nicht soviel geschrieben hast, eigentlich vor allem von der Landschaft. Wie hat sich das "unglaublich schöne Gefühl" denn angefühlt? Wie ein Alkoholrausch?

Ich bemerkte nicht, dass sich schleichend die Dunkelheit eingestellt hatte, bemerkte nicht die Abendfeuchtigkeit auf dem Gras.

Woher weisst du denn, dass das, was du nicht bemerkt hast, überhaupt dagewesen ist? :wink:
Hier stimmt die Perspektive nicht.

Die Grabszenen danach finde ich sehr interessant. Wie gesagt, wenn du nur diesen Zustand des "runner´s high" besser vorbereiten und nachvollziehbarer machen könntest.

Liebe Grüsse,
SkyeFantasy
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Re: Der Totenlauf

Beitragvon yggdrasil » 08.12.2014, 18:01

@skye Fantasy

Hej, fein, dass Du nach so langer Zeit den Text hervor gekramt hast. Danke!

Ex-Marathonläuferin? Was hält Dich ab...? Aber geht mich auch nichts an!

Zum Runner´s High kann ich nur sagen, dass es mit einem leichten Prickeln im Hinterkopf (im Hirn?) beginnt und dann Farben verlaufen, Klänge ertönen und merkwürdige Bilder erscheinen. Das wollte ich mit den Schilderungen darstellen, aber nicht als "Bericht". sondern in eine absurde Form bringen.

Die anderen Hinweise, vor allem den Perspektivwechsel, werde ich berücksichtigen.

Nochmals meinen Dank!

Yggdrasil
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Re: Der Totenlauf

Beitragvon rental » 11.12.2014, 18:12

Hallo yggdrasil,

deine Geschichte steht schon länger hier, trotzdem möchte ich auch jetzt noch meinen Kommentar dazu abgeben. Ich habe die zweite, korrigierte Version deines Textes gelesen (es gibt übrigens die Möglichkeit, deine erste Version mit dem Button "alteversion=" zu taggen, so das die neue Version auch im obersten Beitrag stehen kann, damit die User nicht erst durch den Thread scrollen müssen).

Es sollte ein „langer Kanten“ werden, ein Lauf also von mehr als zwanzig Kilometern. Wegen der Tageshitze hatte ich den Lauf auf den späten Abend verschoben.
Ich lief erst Hauptwege auf dem riesigen Gelände, folgte dann ohne Plan und Ziel den unzähligen Wegen, die das parkähnliche Friedhofsgelände durchzogen.

Dreimal das Wort "laufen", wenn auch in verschiedener Form. Finde diese Wiederholungen nicht so schön. Beim zweiten Satz könntest du z.B. schreiben "den Sport" anstatt "den Lauf". Beim dritten Satz fällt dir anstatt "laufen" sicherlich auch noch ein anderes Wort ein. Ausserdem fehlt dort ein Wort. Es müsste meiner Meinung nach heissen: "Ich lief erst DIE Hauptwege auf dem riesigen Gelände". Vielleicht sogar noch mit einem "entlang" am Schluss. Auch gibt es hier nochmal zwei Wiederholungen, diesmal sogar im selben Satz, nämlich "Weg" und "Gelände".

Wunderbare alte Bäume, imponierende Grabstätten, teilweise wahre „Totenhäuser“. Marmor- und Bronzeplastiken, aber auch einfache Kreuze und Steine wechselten sich ab.

Ich würde diese Stelle nicht mit einem Punkt trennen, das wirkt etwas abgehackt. Setze doch einfach ein Komma, liest sich flüssiger.

Ich verlor mich in Gedanken, als ich bekannte Namen im Vorbeilaufen erhaschte: Inge Meysel, Hans Albers, Gustav Gründgens, Henry Vahl, Heinz Ehrhardt, Carl Hagenbeck, Helmut Zacharias oder auch den Seeteufel Graf Luckner.

Das sind sehr viele Namen auf einmal. Ich würde ein paar rausnehmen und nur die wichtigsten nennen.

Ich drehte den Hahn auf und ließ das Wasser in meine zu einer flachen Schale geformten Hände laufen.

Das holpert ziemlich. Vielleicht so umstellen: Ich drehte den Hahn auf und liess das Wasser in meine Hände laufen, die ich zu einer flachen Schale geformt hatte.
Oder:
Ich drehte den Hahn auf und formte die Hände zu einer flachen Schale. Das reicht eigentlich schon als Information für den Leser.

Ich drehte den Hahn auf und ließ das Wasser in meine zu einer flachen Schale geformten Hände laufen. Gerade setzte ich zum Trinken an, als ich bemerkte, dass die Flüssigkeit reichlich träge aus dem Hahn kam, sie war fast schleimig.

Wortwiederholung.

Die Amseln sangen ihr Abendlied, Grillen zirpten, Bienen brummten.

Hört man um diese Zeit noch "Bienen brummen"?

Von irgendwo ein paar Glockenschläge, dann ein geistlicher Gesang eines Kirchenchores aus einem der Gebäude.

Da fehlt mir wieder ein Wort. Wieso nicht "Von irgendwo erklangen ein paar Glockenschläge"? Ich glaube nämlich, du lässt das Verb bewusst weg, ich weiss aber nicht wieso. Es liest sich für mich nicht rund.

Die mythisch-mystische Stimmung nahm mich gefangen. Kreuz und quer durchstreifte ich den Park, Kilometer reihte sich an Kilometer. Runner´s high stellte sich ein, ein unglaublich schönes Gefühl ergriff von mir Besitz.

Irgendwie kann ich da die "mythisch-mystische Stimmung" die den Prota gefangen nimmt, nicht richtig in diese Szene einordnen.

Ich nahm kaum mehr meine Umgebung wahr, bemerkte nicht, dass sich schleichend die Dunkelheit eingestellt hatte, bemerkte nicht die Abendfeuchtigkeit auf dem Gras.

Der Anfang des Satzes klingt wieder etwas holprig. Vielleicht so: Ich nahm meine Umgebung kaum mehr wahr, bemerkte nicht, [...] Hier finde ich die Wiederholung des Wortes "bemerken" nicht so schlimm, kann man so stehen lassen. Aber hier distanzierst du dich unnötig vom Prota, denn er bemerkt ja nicht das es dunkel wird, das die Abendfeuchtigkeit sich auf das Gras gelegt hat, trotzdem steht es da. Der Erzähler tritt zu stark in den Vordergrund.

[...]die Abendfeuchtigkeit auf dem Gras. Ich tauchte ein in ein Zwielicht aus schwindendem Abendlicht und dem trüben Schein der Laternen.

Die Wiederholungen halten Einzug. Diesmal sind es die Worte "Abend" und "Licht" die unnötig wiederholt werden und das Lesevergnügen drücken.

Immer noch hörte ich das mondsüchtige Geigenspiel.
Weiter, weiter, weiter … immer im gleichen Rhythmus, ich hörte die Schritte in mir.

Zweimal "immer".

Ein Geräusch ließ mich zusammen zucken, Stein auf Stein, ein schiebendes Geräusch.

Eine offensichtliche Wiederholung von "Geräusch".

Ich blickte zur Seite und sah, dass sich eine schwere Grabplatte zur Seite schob

Du solltest wirklich auf diese Wiederholungen achten. Diesmal zweimal "zur Seite".

„Hallo, bist du ein Arzt? Hast du ein Mittel gegen Würmer?“ „Nein“, antwortete ich, [. "]morgen bringe ich dir eins mit.“ Ich machte schnell auf dem Absatz kehrt und lief weiter.

Nach "antwortete ich" gehört ein Punkt. Und danach hast du die Anführungszeichen vergessen. Ich glaube auch, nach den Anführungszeichen schreibt man das erste Wort gross. Hier lässt du mich auch ziemlich verdutzt zurück. Der Prota reagiert, als wäre die Szene ganz normal. Für mich als Leser ist sie das aber ganz sicher nicht. Da fehlen Erklärungen, Gefühle.

Sie bewegte die Kiefer, als ob sie etwas sagen wollte, aber ich vernahm nur das Klappern ihres Gebisses.

"Die Kiefer" klingt etwas seltsam. Vielleicht: Sie bewegte Unter- und Oberkiefer [...]

„Ja“, seufzte sie, [. "]im nächsten Leben …“

Das Gleiche wie schon weiter oben: Punkt setzen und Anführungszeichen nicht vergessen. Nach den Anführungszeichen mit einem Grossbuchstaben beginnen. :wink:

Nun hatte sie mit ihrer Schauspielerei doch sicher gutes Geld verdient, aber einen guten Zahnarzt hatte sie sich nicht geleistet.

Das "nun" am Anfang des Satzes verwirrt mich. Schreibe doch einfach: Mit ihrer Schauspielerei hatte sie doch sicher gutes Geld verdient, [...]

„Hey Mann, bleib`doch mal stehen“ wurde ich von der Seite angesprochen. Ich konnte mich nicht erinnern, wer der Mann war, aber irgendwie kam er mir bekannt vor.

2x Mann

„ Fünf Mille, wenn wir tauschen, Nur für eine Nacht, morgen bin ich zurück, dann kannst du gehen.

"nur" schreibt man lediglich am Anfang eines Satzes gross, aber nicht mittendrin.

„ Fünf Mille, wenn wir tauschen, Nur für eine Nacht, morgen bin ich zurück, dann kannst du gehen. Nur heute Nacht“ wiederholte er, „nur heute Nacht, ich habe auf dem Kiez noch eine Rechnung zu begleichen.“

Etwas seltsam die Aufteilung dieses Monologs. Ich hätte es so gemacht:
„ Fünf Mille, wenn wir tauschen, nur für eine Nacht, morgen bin ich zurück, dann kannst du gehen.“
„Nur heute Nacht“ wiederholte er. „Nur heute Nacht, ich habe auf dem Kiez noch eine Rechnung zu begleichen.“

Du siehst, ich habe gleich noch andere Dinge korrigiert. Nach "wiederholte er" einen Punkt gesetzt, das Wort nach den Anführungszeichen gross geschrieben. Ich finde, "nur heute Nacht" dreimal zu wiederholen ist etwas zu viel des Guten.

„Du kannst mich mal…“, schrie ich und haute ab. Manchmal ist Abhauen eben keine Schande!

2x abhauen

Das Geigenspiel hatte mich die ganze Zeit begleitet, wurde nun lauter. Auf dem Dach des Gebetshauses saß ein Geiger, in einem weißen Hemd gehüllt, mit einem breiten Grinsen auf dem Pfannkuchengesicht.

2x Geige

Ich erkannte ihn, hatte oft in Fernsehshows vergangener Zeiten gesehen.

Da fehlt ein Wort. Ich erkannte ihn, hatte ihn oft in Fernsehshows vergangener Zeiten gesehen.

„Haaallo!“ kam ein Ruf von der Seite.

Das ist das vierte oder fünfte Mal, dass ich in deiner Geschichte den Ausdruck "zur Seite" lese. Auf so einen kurzen Text sollte dir was anderes einfallen, du solltest nicht immer diesen Ausdruck verwenden.

Sie lachten hämisch, zeigten mit Fingern auf mich, spuckten ins offene Grab.

Buchstabe vergessen.

Der Schleim bedeckte mich, umschloss meinen Körper, mein Gesicht, verstopfte Augen, Nase und Ohren. Ich konnte nicht mehr …

Den Schluss könnte man deutlich atmospärischer gestalten. Zum Beispiel könntest du schreiben, dass ihm der Schleim den Atem abschnürt, in seine Lunge fliesst. Seine Sicht vernebelt, die Augen umhüllt. Irgendwas in die Richtung, das ist jetzt nur ein ganz grober Ansatz. Aber du verstehst, was ich meine.

Fazit:
Die Geschichte hat eine spezielle Handlung. Viele Dinge kommen aber zu kurz. Vor allem die Reaktion des Protas, als er den ersten lebenden Toten trifft, ist nicht nachvollziehbar. Schreibstil ist soweit okay, wirkt aber teilweise auch in der überarbeiteten Fassung noch etwas schludderig und unausgereift. Habs gerne gelesen und hoffe, dir etwas mit auf den Weg gegeben haben zu können.

LG,
rental
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Re: Der Totenlauf

Beitragvon yggdrasil » 11.12.2014, 18:54

Hei, ich bin beeindruckt! Eine sehr gute Textüberarbeitung, äußerst hilfreich - und mit Arbeit für mich verbunden. Sicher werde ich den Gesamttext umarbeiten und hoffe, ihn hier dann nochmals einstellen zu können.
Bin fast etwas beschämt, dass ich den Text so hier "veröffentlicht" zu haben, auch wenn es ein ziemliches Frühwerk ist.
Nochmals danke!

Yggdrasil
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