Der "Viewpoint" ist doch eindeutig festgelegt - oder?

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Re: Der "Viewpoint" ist doch eindeutig festgelegt - oder?

Beitragvon Jacky » 25.09.2015, 20:52

Und wo würden diese Perspektiven dann auftauchen? Gebündelt? Alle im selben Kapitel?
Immer am Anfang von den ersten 3 Kapiteln?

Es kann dem Leser helfen, wenn du die, die bleiben soll/en in einen Prolog auslagerst.
Solche Vorab-Außreißer-Perspektiven habe ich schon öfter gesehen und weiß, dass das funktioniert (funktionieren kann, ... ich bin generell nicht der größte Fan von Prologen, insbesondere nicht von langen ^^; )

Und wie lang sind diese Texte?
Könntest du sie z.B. kursiv oder (zur Not) in einer anderen Schrift absetzen, um klarzumachen, dass sie etwas "besonderes" sind?

Oder fällt sowieso gar nicht auf, dass sie später nicht mehr auftauchen, weil sie so kurz/die Charaktere so unwichtig sind?

Eventuell könntest du sie auch aus der auktorialen Perspektive schreiben (vorausgesetzt die "wichtigen" Charaktere sind personal erzählt).

Ich rate hier natürlich nur im Blauen herum. Im Endeffekt muss man es für eine sinnvolle Antwort wohl gelesen haben ^^;

lg
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Re: Der "Viewpoint" ist doch eindeutig festgelegt - oder?

Beitragvon Ankh » 25.09.2015, 21:43

Mal als Überblick :

(alle in er-Perspektive)
1. Kapitel: 1. Protagonist 1 Szene auktorial, 1 personal aus Sicht seines Arztes
2. Kapitel: 2. Protagonist 1 Szene aus Sicht des Protagonisten
3. Kapitel: 3. Protagonist (gestrichen: 1 Szene aus Sicht eines Attentäters) 1 Szene aus Sicht des Protagonisten
4. Kapitel: 4. Protagonist 1 Szene aus Sicht des Protagonisten
5. Kapitel: 5. Protagonist 1 Szene aus Sicht eines Bediensteten, 1 Szene aus Sicht des Protagonisten
6. Kapitel: 1. Protagonist 2 Szenen aus Sicht des Protagonisten
7. Kapitel: 2. Protagonist 1 Szene aus Sicht des Protagonisten
8. Kapitel: 3. Protagonist 2 Szenen aus Sicht des Protagonisten
9. Kapitel: 4. Protagonist 1 Szene aus Sicht des Protagonisten
10. Kapitel: 5. Protagonist 1 Szene aus Sicht einer Klatschreporterin, 1 Szene aus Sicht des Protagonisten

Ab da geht es dann reihum nur noch aus Sicht der Protas, die Sich dann ab Kapitel 16 auch gemeinsam herumtreiben. Insofern sind eigentlich die ersten 15 Kapitel ein "Prolog", da sie die Lebenswege der einzelnen Protas beschreiben, bevor sie sich persönlich über den Weg laufen (auch wenn sie sich vorher teilweise schon ein bisschen beeinflussen). Da sich da jedoch schon einiges anbahnt, was in der späteren Handlung wichtig wird, würde ich den Teil jetzt nicht als Prolog bezeichnen. Vielleicht als 1. Akt?

Die Kapitel sind generell eher kurz, am Anfang 1-2 Szenen, 2-6 DinA 4 Seiten, bevor jetzt jemand einen Schreck bekommt, dass die Protas sich erst so spät treffen. Im Ganzen sind es 120 Kapitel, die später nur marginal länger werden (max 11 Seiten). Von kursiv will ich aber Abstand nehmen, alles was länger als eine Seite ist ist kursiv sehr anstrengend zu lesen und außerdem wirkt das für mich, als gehörte es nicht richtig zur Handlung (ich habe später eine Art Traumsequenz von einer halben Seite, da haben ich kursiv verwendet).

Jacky hat geschrieben:Oder fällt sowieso gar nicht auf, dass sie später nicht mehr auftauchen, weil sie so kurz/die Charaktere so unwichtig sind?


Das ist ja eben die Frage. So ganz am Anfang weiß der Leser doch gar nicht, wer wichtig ist und wer nicht. Beim 1. Protagonisten stellt sich z.B. die Frage, dreht sich die Geschichte um den Arzt oder den Patienten? Das 1. Kapitel ist ja aus seiner Sicht erzählt, allerdings wird durch den auktorialen Anfang und dadurch, dass man so gut wie nichts über den Arzt erfährt, außer seine Gedanken über den Patienten, der Fokus schon auf den patienten gelegt. In Kapitel 6 wirds dann deutlicher, dass es um den Patienten geht, und in Kapitel 11 taucht der Arzt gar nicht mehr auf. Ist es dann trotzdem verwirrend, dass die erste Szene aus seiner Sicht geschrieben ist? Hängt man sich als Leser dadurch vielleicht zu sehr an ihn?
Beim 5. Protagonisten ist es dann ziemlich klar, dass es um ihn geht. Er ist allerdings ein etwas seltsamer Kerl, daher wollte ich unbedingt eine Sicht von außen auf ihn; einmal, von jemandem der ihn gut kennt und einmal von jemandem, der ihn zum ersten Mal sieht. Beim zweiten frage ich mich allerdings inzwischen, ob das nötig ist, denn die anderen lernen ihn ja auch irgendwann kennen.

Eigentlich finde ich, dass die Szenen so funktionieren, wie ich sie geschrieben habe. Letztlich sollen die ersten Kapitel die Protagonisten vorstellen, und manche lernt man eben indirekter/ distanzierter kennen als andere. Das passt auch ganz gut zu den Protagonisten selbst, die etwas schwieriger einzuschätzen sind, und auch die anderen Protas haben später Probleme, mit den beiden warm zu werden. Insofern spiegelt diese sperrige Form ganz gut ihren Charakter. Ändern würde ich sie nur, wenn die zusätzlichen Perspektiven arg störend wären, und das kann ich eben schlecht einschätzen.
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Re: Der "Viewpoint" ist doch eindeutig festgelegt - oder?

Beitragvon Jacky » 25.09.2015, 22:30

Bevor ich lese, was du geschrieben hast (nur nach Ansicht der Kapitelübersicht)

Also das erste Kapitel empfinde ich jetzt beim Draufschauen nicht als Problem. Vor allem, wenn irgendwie klar wird, dass der Protagonist der Protagonist ist (und nicht die anderen), was aber schon alleine dadurch passieren sollte, dass er aus zwei verschiedenen Perspektiven beleuchtet wird.

Die anderen beiden möchte ich jetzt (spontan) streichen, weil die so herausgerissen aussehen. Andererseits sind sie immer beim selben Charakter dabei.
Wäre es irgendwie möglich, sie aus derselben Fremdperspektive zu schreiben? :thinking:

Ankh hat geschrieben:Von kursiv will ich aber Abstand nehmen, alles was länger als eine Seite ist ist kursiv sehr anstrengend zu lesen und außerdem wirkt das für mich, als gehörte es nicht richtig zur Handlung

Dem schließe ich mich an. Aber die Sichtweisen hätten ja auch nur ein paar (Ab-)Sätze lang sein können ^^;

Ankh hat geschrieben:In Kapitel 6 wirds dann deutlicher, dass es um den Patienten geht, und in Kapitel 11 taucht der Arzt gar nicht mehr auf. Ist es dann trotzdem verwirrend, dass die erste Szene aus seiner Sicht geschrieben ist? Hängt man sich als Leser dadurch vielleicht zu sehr an ihn?

Um das abschließend zu beantworten müsste ich es lesen.
Oh moment ich hab den Anfang ja gelesen *head>>desk*

Warte, jetzt hab ich erst verstanden, dass es im ersten Kapitel gar nicht zwei Sichtweisen sind, durch das Komma hatte ich das vermutet.

Also, ich fand den Arzt sehr interessant und "sympathisch" ich glaube ich würde es schade finden, wenn der gar nicht mehr auftaucht ... *grübel* Und mir ist (in dem kurzen Stück) nicht klar geworden, dass es eigentlich um den Patienten ging. Dadurch, dass der eben "komatös" war, habe ich ihn für einen Statisten gehalten.

Was du versuchen könntest: Innerhalb dieser allerersten Szene in den Sichtweisen zu springen, also auktorial aus den Köpfen mehrer Anwesenden zu erzählen, wobei sich die Gedanken (unter anderem) immer wieder um den eigentlichen Protagonisten drehen. Also, wo ich irgendetwas an die Hand kriege, wodurch ich merke, wer das eigentlich ist ...

[Detail siehe PN]

Ich mochte den Arzt *schnüff*

Und mir fällt gerade auf, wenn die Fünfte Szene zuerst aus Sicht eines Nebencharakters geschrieben wird, würde ich auch da wahrscheinlich annehmen, dass das der eigentliche Protagonist ist .... *schwierig, schwierig*

Dazu kommt, dass ich ja nur "einer" bin.
Andere könnten das ganz anders empfinden, aber ich fand, wie gesagt, den Arzt eigentlich sehr gut zum Einfühlen, ...

Tut mir leid, es ist schon spät, da sollte ich keine Beiträge mehr schreiben, ... hilft das irgendwie?

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Re: Der "Viewpoint" ist doch eindeutig festgelegt - oder?

Beitragvon Julestrel » 27.09.2015, 13:15

Auf mich wirken die drei "lilanen" Szenen wie eine Notlösung, wo du nicht genau wusstest, wie du die Infos sonst unterkriegen sollst. Ich persönlich würde die streichen und irgendeine andere Möglichkeit suchen. Statt der Klatschreporterin könnte einer der Protas z.B. die Zeitung lesen oder der Fernseher ist an. Den Arzt am Anfang könntest du - wenn die Szene derart wichtig ist - in den Prolog packen. Aber so wie es jetzt ist, finde ich es suboptimal. Das irrtiert und reißt den Leser im schlimmsten Fall aus der Geschichte.


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Re: Der "Viewpoint" ist doch eindeutig festgelegt - oder?

Beitragvon Ankh » 27.09.2015, 15:07

Julestrel hat geschrieben:Auf mich wirken die drei "lilanen" Szenen wie eine Notlösung, wo du nicht genau wusstest, wie du die Infos sonst unterkriegen sollst. Ich persönlich würde die streichen und irgendeine andere Möglichkeit suchen.


Da liegst du ziemlich richtig, nur ist es so, wie ich es geschrieben habe, meiner Meinung nach die eleganteste Möglichkeit, die Infos unterzukriegen. Zumnindest bei Prota Nummer eins hab ich keine Ahnung, wie ich das anders einflechten soll.

Bei Prota Nummer 5 muss ich mal schauen, ob ich die zusätzlichen Perspektiven nicht doch streichen kann. Die Infos sind nicht so problematisch zu verpacken. Dann ginge es nur noch um die ersten beiden Szenen.

Einen Prolog draus zu machen fände ich seltsam, warum sollte Prota Nummer 1 in einem Prolog vorgestellt werden und die anderen nicht? Wenn die andere Perspektive in einem Prolog nicht stört, stört es dann, wenn das allererste Kapitel ein bisschen anders ist? Mein Hauptproblem mit einem Prolog ist, dass ich die Geschichte mit dem 5. Prota beende; wenn ich dann mit dem 2. Prota erst richtig einsteige, dann fehlt mir doch ein Kapitel über den 1. Bzw der erste wird dann zum fünften, und das Buch endet mit dem vierten .... aaaargh! Für jemanden, dem die Struktur der restlichen Kapitel so verdammt wichtig ist, stelle ich mich echt blöd an mit diesem Anfangsperspektivgewurschtel :( In den späteren Kapiteln hab ich radikal Teile gestrichen bzw Perspektiven geändert, wenn sie nicht ins System gepasst haben. Nur hier sträube ich mich irgendwie. :roll:
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Re: Der "Viewpoint" ist doch eindeutig festgelegt - oder?

Beitragvon Kelpie » 28.09.2015, 10:44

Wird deine Geschichte aus der Sichtweise deines Protagonisten erzählt?
Bisher alle, ja. Wobei ich bei all den Ideen, die einem so im Kopf rumschwirren, ziemlich häufig mit der Idee liebäugele, aus Sicht eines Mauerblümchens zu schreiben, das die Entwicklung des Helden begleitet.

Was würde passieren, wenn du die Sichtweise änderst?
In meinem Roman mit vielen Perspektiven finde ich die Antwort schwierig, da ich dann mehrere Perspektiven ändern müsste und dadurch alles vermutlich sehr passiv wirken würde. Bei einem zweiten Projekt böte es sich eigentlich an, dann könnte der Charakter noch geheimnisvoller wirken. Aber gerade deswegen wollte ich eigentlich aus seiner Sicht schreiben, da ich unnahbare Figuren von außen mittlerweile etwas ausgelutscht finde.

Würde die Geschichte interessanter oder langweiliger?
Ich glaube, langweiliger. Aber das ist ohnehin immer von Fall zu Fall unterschiedlich.

Welchen Ansatz findest du spannender?
Prinzipiell eigentlich den, nicht den Protagonisten als Perspektivträger auszuwählen. Dann bleiben seine Handlungen geheimnisvoller und ich glaube, er wirkt automatisch vielschichtiger, da man bei seinen Perspektivträgern dazu neigt, alles genau zu begründen und sie damit flach zu machen.

Welche Geschichten kennst du, die nicht aus der Sicht des Protagonisten erzählt werden?
Mir ist gerade sofort "Eine wie Alaska" von John Green eingefallen. Eigentlich ist ja Alaska die Protagonistin, aber
Spoiler: Anzeigen
da sie ja in der Mitte des Romans stirbt, hätte sie unmöglich Perspektivträgerin sein können. Und eigentlich hätte das auch das Buch vollkommen zerstört.




Eine große Schwierigkeit sind in meinen Augen eigentlich weniger die Gedanken der unterschiedlichen Charaktere, als die sinnliche Wahrnehmung. Häufig passiert es mir, dass ich jemanden grinsen lasse, der meinem Prota gerade den Rücken zuwendet - aber sowas fällt leider erst sehr spät auf.



Eine Frage am Rande hätte ich aber noch. Mir ist inzwischen aufgefallen, dass ein großer Teil der Verbesserungsvorschläge beim Probelesen sich auf Perspektivfehler beziehen. Zum Teil durchaus berechtigt, zum Teil sehr überspitzt.
Findet ihr, dass solche Sätze wie "Er sah sie nachdenklich an" (sie = Perspektivträgerin) außerhalb ihrer Perspektive sind? (Sie kann nicht wissen, dass er nachdenkt.)
Ich meinte immer, dass solche Wörter wie scheinbar, offenbar, offensichtlich, vermutlich dem Ganzen helfen würde - immerhin vermutet der Charakter dann ja nur mehr und zieht keine Schlüsse, aber jemand sagte mal, bei seinem eigenen Text sei es ihm plötzlich komisch vorgekommen, als offensichtlich alles nur mehr vermutlich so sein könnte, wie es schien.

Viele Grüße,
Kelpie
Derweilen ist auf dem Feld schon alles gewachsen, bevor die wussten, warum und wie genau es gedeiht. (Franziska Alber)
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Re: Der "Viewpoint" ist doch eindeutig festgelegt - oder?

Beitragvon Ankh » 28.09.2015, 11:11

Kelpie hat geschrieben:Eine Frage am Rande hätte ich aber noch. Mir ist inzwischen aufgefallen, dass ein großer Teil der Verbesserungsvorschläge beim Probelesen sich auf Perspektivfehler beziehen. Zum Teil durchaus berechtigt, zum Teil sehr überspitzt.
Findet ihr, dass solche Sätze wie "Er sah sie nachdenklich an" (sie = Perspektivträgerin) außerhalb ihrer Perspektive sind? (Sie kann nicht wissen, dass er nachdenkt.)
Ich meinte immer, dass solche Wörter wie scheinbar, offenbar, offensichtlich, vermutlich dem Ganzen helfen würde - immerhin vermutet der Charakter dann ja nur mehr und zieht keine Schlüsse, aber jemand sagte mal, bei seinem eigenen Text sei es ihm plötzlich komisch vorgekommen, als offensichtlich alles nur mehr vermutlich so sein könnte, wie es schien.


Ich denke, man kann sehr gut einem Gesicht ablesen, ob das Gegenüber jetzt nachdenklich, wütend oder amüsiert ist, und dann kann man das meiner Meinung nach auch so hinschreiben. Manche sagen ja, dass man in so einem Fall dann lediglich die Mimik beschreiben soll, wie "er sah sie mit gerunzelter Stirn/ zusammengezogenen Brauen/ schräggelegtem Kopf/ usw. an.", aber das verfechte ich nicht. Die Perspektivträgerin kann das sehr wohl gleich deuten, sonst wäre sie ja kein menschlicher Charakter mit einem eigenen Empathievermögen, sondern ein ganz neutraler Beobachter wie ein Roboter.

Ich halte auch nichts davon, den Text mit scheinbar/offenbar/etc zu überfrachten. Das wirkt so, als ob du dem Leser ständig versichern müsstest, dass der Perspetivträger auch nur ein Mensch ist, der keine Gedanken lesen und sich auch mal irren kann. Aber davon gehe ich bei einem normalen Charakter sowieso aus. Wenn man eine Geschichte aus einer personalen Perspektive liest, dann muss man dieser Perspektive auch eine gewisse Fehlbarkeit zuzugestehen. Unfehlbar ist nur ein auktorialer Erzähler. Wenn sich der Perspektivcharakter dagegen nicht sicher ist, würde ich die Mimik beschreiben, so dass sich der Leser selbst Gedanken machen kann, wie sie zu deuten ist.
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Re: Der "Viewpoint" ist doch eindeutig festgelegt - oder?

Beitragvon Jacky » 28.09.2015, 11:18

Wenn ich dein Setting richtig im Kopf habe, ... könnte er dann nicht sein "Telefon" benutzt haben, und sich, wenn er wieder wach ist, eine Aufzeichnung anschauen?

Oder eben tatsächlich immer wieder die Perspektive wechseln, bzw. auktorial sein, bis er wieder bei bewusstsein ist?

Ansonsten gilt: Kill your darlings 8) (also in dem Fall die zusätzliche Sichtweise -- leichter gesagt, als getan ^^,)

Ankh hat geschrieben:
Julestrel hat geschrieben:Auf mich wirken die drei "lilanen" Szenen wie eine Notlösung, wo du nicht genau wusstest, wie du die Infos sonst unterkriegen sollst. Ich persönlich würde die streichen und irgendeine andere Möglichkeit suchen.


Da liegst du ziemlich richtig, nur ist es so, wie ich es geschrieben habe, meiner Meinung nach die eleganteste Möglichkeit, die Infos unterzukriegen. Zumnindest bei Prota Nummer eins hab ich keine Ahnung, wie ich das anders einflechten soll.

Bei Prota Nummer 5 muss ich mal schauen, ob ich die zusätzlichen Perspektiven nicht doch streichen kann. Die Infos sind nicht so problematisch zu verpacken. Dann ginge es nur noch um die ersten beiden Szenen.

Einen Prolog draus zu machen fände ich seltsam, warum sollte Prota Nummer 1 in einem Prolog vorgestellt werden und die anderen nicht? Wenn die andere Perspektive in einem Prolog nicht stört, stört es dann, wenn das allererste Kapitel ein bisschen anders ist? Mein Hauptproblem mit einem Prolog ist, dass ich die Geschichte mit dem 5. Prota beende; wenn ich dann mit dem 2. Prota erst richtig einsteige, dann fehlt mir doch ein Kapitel über den 1. Bzw der erste wird dann zum fünften, und das Buch endet mit dem vierten .... aaaargh! Für jemanden, dem die Struktur der restlichen Kapitel so verdammt wichtig ist, stelle ich mich echt blöd an mit diesem Anfangsperspektivgewurschtel :( In den späteren Kapiteln hab ich radikal Teile gestrichen bzw Perspektiven geändert, wenn sie nicht ins System gepasst haben. Nur hier sträube ich mich irgendwie. :roll:
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Re: Der "Viewpoint" ist doch eindeutig festgelegt - oder?

Beitragvon Ankh » 28.09.2015, 15:10

Ich wollte eigentlich den Thread gar nicht so sehr vom Thema abbringen, aber wenn wir schonmal dabei sind ...

Wenn ich dein Setting richtig im Kopf habe, ... könnte er dann nicht sein "Telefon" benutzt haben, und sich, wenn er wieder wach ist, eine Aufzeichnung anschauen?

Oder eben tatsächlich immer wieder die Perspektive wechseln, bzw. auktorial sein, bis er wieder bei bewusstsein ist?


Das erste Kapitel geht folgendermaßen: auktorial distanziert wird geschildert, wie ein Gefangener recht grob aufgeweckt und zum Knastarzt gebracht wird. Die nächste Szene ist dann personal aus der Sicht des Arztes geschrieben, der sich den Gefangenen ansieht und dessen Akte studiert, und daraufhin beschließt, dass er eine Verwendung für ihn hat. Dieser Beschluss resultiert größtenteils aus dem, was er in der Akte liest, und ist daher für das weitere Geschehen auch wichtig.

Die erste auktoriale Szene hab ich drin, damit man ahnt, dass es eben nicht um den Arzt, sondern um den Gefangenen geht, und auch um die Zustände zu beschreiben, denen er entkommt, wenn er auf den Deal mit dem Arzt eingeht. Ich kann/will die 1. Szene nicht aus seiner Sicht beginnen, da er zu Anfang mit Drogen zugedröhnt ist, was die Beschreibung der Szene aus seiner Sicht unnötig verwirrend machen würde (ich will ihn auch nicht einfach schlafen lassen, weil ich eine persönliche Abneigung gegen "der Prota wacht auf"-Anfänge habe ...). In der zweiten Szene ist er immer noch nicht ganz klar im Schädel, während der Arzt derjenige ist, der die Situation einschätzt und die Entscheidungen trifft. Das würde mMn auch nur verlieren, wenn ich das aus Sicht des Gefangenen schreibe. Zudem weiß ich dann nicht, wie ich dann die Infos in seiner Akte sinnvoll einflechten kann, denn der Gefangene denkt in diesem Moment sicher nicht über deren Inhalt nach. Aufzeichnungen von dem Gespräch hat er keine, und in den Kopf des Arztes könnte er so auch nicht gucken.

Ich habe das ganze so für mich begründet, dass er eben am Anfang nicht ganz er selbst ist, bzw nicht dem Bild entspricht, das er selbst von sich hat und das er üblicherweise präsentiert. Es ist aber nötig, dass der Leser auch diese Seite von ihm kennenlernt, um später seine Motivationen zu verstehen. Daher fand ich es ganz passend, dass es eben aus Sicht eines Fremden geschrieben ist, der ihn ohne seine übliche Fassade erlebt und ihn in dieser Situation ganz nüchtern und realistisch betrachtet, was dem Prota selbst eher schwerfallen würde.

Ansonsten gilt: Kill your darlings 8) (also in dem Fall die zusätzliche Sichtweise -- leichter gesagt, als getan ^^,)


Wie gesagt, normalerweise fällt es mir nicht schwer, meine darlings zu killen. In dem Fall bin ich aber einfach nicht überzeugt, dass das die Geschichte wirklich verbessern würde. Eine Änderung würde zwar die äußere Form perfektionieren, aber ist die strikte Einhaltung der fünf Perspektiven so wichtig, dass ich dafür einen ansonsten stimmigen Einstieg in die Tonne kloppen sollte?
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Re: Der "Viewpoint" ist doch eindeutig festgelegt - oder?

Beitragvon Jacky » 29.09.2015, 20:49

Vom Handy, sonst würde ich das zu deiner Geschichte einfach abtrennen ^^;

Wenn der Anfang wirklich passt, würde ich ihn nicht in die Tonne hauen, aber hatten wir nun leider nur die Perspektiveninfo ^^;

Wenn du das Gefühl hast, dass es durch den Einstieg eben doch aus Protasicht nicht klar wird, dass der Arzt kein Sichtweisencharakter ist, noch ein Vorschlag:
Kann der Arzt "Tagebuch schreiben"? Also dass du dem Leser "Dokumente" vorlegst, wodurch komplett offensichtlich ist, dass es sich eben nicht um eine Sichtweise handelt, sondern nur um eine äußere Betrachtung ...?

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Re: Der "Viewpoint" ist doch eindeutig festgelegt - oder?

Beitragvon KatharinaMünz » 30.09.2015, 09:59

Kelpie hat geschrieben:Eine Frage am Rande hätte ich aber noch. Mir ist inzwischen aufgefallen, dass ein großer Teil der Verbesserungsvorschläge beim Probelesen sich auf Perspektivfehler beziehen. Zum Teil durchaus berechtigt, zum Teil sehr überspitzt.
Findet ihr, dass solche Sätze wie "Er sah sie nachdenklich an" (sie = Perspektivträgerin) außerhalb ihrer Perspektive sind? (Sie kann nicht wissen, dass er nachdenkt.)
Ich meinte immer, dass solche Wörter wie scheinbar, offenbar, offensichtlich, vermutlich dem Ganzen helfen würde - immerhin vermutet der Charakter dann ja nur mehr und zieht keine Schlüsse, aber jemand sagte mal, bei seinem eigenen Text sei es ihm plötzlich komisch vorgekommen, als offensichtlich alles nur mehr vermutlich so sein könnte, wie es schien.


Ich würde es davon abhängig machen
a) wie deutlich ist dieser "nachdenkliche" Gesichtsausdruck ausgeprägt?
b) wie gut kennt der Perspektivträger den Grimassenschneider.

Außerdem hängt es davon ab, wie tief man in der Figur des Perspektivträgers drin ist.
Je tiefer, umso mehr Subjektivität seiner Empfindungen kann man ihm zugestehen.
Je entfernter, desto mehr sollte man es beim Beschreiben belassen.
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Re: Der "Viewpoint" ist doch eindeutig festgelegt - oder?

Beitragvon Dingelchen » 18.10.2015, 15:05

Wird deine Geschichte aus der Sichtweise deines Protagonisten erzählt?

Nicht nur - ich schreib multiperspektivisch. Aber hauptsächlich, ja.
Was würde passieren, wenn du die Sichtweise änderst?

Der Leser würde ganz einfach verschiedene Einstellungen zu anderen Zeitpunkten erfahren und dadurch würde sich der Spannungsbogen wahrscheinlich ändern.
Würde die Geschichte interessanter oder langweiliger?

Gute Frage. Im Moment reizt mich die neutrale Perspektive bzw. externe Fokalisierung (die fehlt hier btw.) besonders. Und evtl. würde die Geschichte dadurch ganz anders erfahrbar werden. Aber ich glaube, für mein Vorhaben ist die (hauptsächlich) personale Perspektive sinnvoller, nämlich, in die Ursachen der Charakterentwicklung Einblick zu erlangen.
Welchen Ansatz findest du spannender?

Das kann ich generell nicht sagen, es kommt immer auf die Geschichte an sich an. Momentan zieht es mich aber irgendwie zum "Nüchternen" hin.
Welche Geschichten kennst du, die nicht aus der Sicht des Protagonisten erzählt werden?

GANZE Geschichten? -- Puh. Da bin ich jetzt überfragt. Aber was Perspektivwechsel angeht, fällt mir grad spontan das Tractat vom Steppenwolf ein.

Edit:
Nicht unbedingt. Der erzählende Charakter kann durch gewisse Umstände nicht ehrlich mit sich selbst oder einfach zu verschwiegen sein und somit die Perspektive und/oder den Kenntnisstand des Lesers verzerren.

Wie wahr ... hehehe. :twisted:

@ Ankh

Ich glaube nicht, dass du dir um deinen Anfang Sorgen machen musst ;) . Zumal das Wechseln der Erzählvariante auch nichts Ungewöhnliches ist.
Ich finde da halt nur einen guten Übergang wichtig, oder eine klare Abgrenzung - jedenfalls eine Lösung, die nicht im Lesefluss stört.
"Im Mondlicht drehten sich die Paare. Die Feigheit mit der Tugend, die Lüge mit der Gerechtigkeit, die Erbärmlichkeit mit der Kraft, die Tücke mit dem Mut.
Nur die Vernunft tanzte nicht mit."

(Horváth - Jugend ohne Gott)
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