Der "Viewpoint" ist doch eindeutig festgelegt - oder?

Diskussion zum Schriftsteller-werden.de Blog

Der "Viewpoint" ist doch eindeutig festgelegt - oder?

Beitragvon Jacky » 09.09.2015, 09:07

Nutze dieses Thema um über folgenden Beitrag aus meinem Blog zu diskutieren:
Der "Viewpoint" ist doch eindeutig festgelegt - oder?

Wird deine Geschichte aus der Sichtweise deines Protagonisten erzählt?
Was würde passieren, wenn du die Sichtweise änderst?
Würde die Geschichte interessanter oder langweiliger?
Welchen Ansatz findest du spannender?
Welche Geschichten kennst du, die nicht aus der Sicht des Protagonisten erzählt werden?

Code: Alles auswählen
[b]Wird deine Geschichte aus der Sichtweise deines Protagonisten erzählt? [/b]


[b]Was würde passieren, wenn du die Sichtweise änderst? [/b]


[b]Würde die Geschichte interessanter oder langweiliger? [/b]


[b]Welchen Ansatz findest du spannender? [/b]


[b]Welche Geschichten kennst du, die nicht aus der Sicht des Protagonisten erzählt werden?[/b]

Du hast in jedem Augenblick die Freiheit zu entscheiden was wichtig ist und wie du darauf reagierst.

Die Schreibwerkstatt kommt wieder! Sag mir Bescheid!
Benutzeravatar
Jacky
 
Beiträge: 9353
Registriert: 28.02.2007, 13:20
Wohnort: jacky@schreibwerkstatt.de (PNs deaktiviert - noch einen Posteingang schaffe ich nicht ^^;)
Blog: Blog ansehen (50)

Re: Der "Viewpoint" ist doch eindeutig festgelegt - oder?

Beitragvon Ankh » 09.09.2015, 11:23

Wird deine Geschichte aus der Sichtweise deines Protagonisten erzählt?

Meine Geschichte ist abwechselnd (immer reihum) aus der Sichtweise von 5 Protagonisten erzählt. Ganz am Anfang gibt es auch noch Sichtweisen, die einige dieser 5 von außen beschreiben, damit man sich ihnen langsamer annährt.

Was würde passieren, wenn du die Sichtweise änderst?

Wenn ich mehr hineinnehme, würde es nur verwirrend. Die ganze Geschichte aus einer Perspektive würde nicht funktionieren, weil sonst zu vieles außerhalb der Wahrnehmung dieses POV Charakters stattfinden würde. Auktorial find ich aber doof.
Was beim Schreiben manchmal passierte, ist, dass ich eine Szene aus einer Perspektive geschrieben habe, aber durch Umstellung der Kapitel dann aus der Perspektive eines anderen Protagonisten umschreiben musste. Das ist nervig, aber nicht zu ändern, da ich die Reihenfolge der POV einhalten möchte.

Würde die Geschichte interessanter oder langweiliger?

Bei dem Umschreiben gehen natürlich oft schöne Formulierungen verloren, da die Protagonisten durch ihren verschiedenen Charakter natürlich ganz verschiedene Sichtweisen auf ein und dieselbe Sache haben. Das tut dann weh zu löschen, vor allem wenn mir kein ähnlich guter Ersatz einfällt.
Wenn ich einen ganz anderen POV wählen würde, dann würde die Geschichte vor allem furchtbar unübersichtlich. Ich wüsste keinen, von dem aus sie interessanter würde.

Welchen Ansatz findest du spannender?

Kommt auf die Geschichte an. Bei einem Krimi wie Poirot oder Sherlock Holmes finde ich es unglaublich wichtig, dass man nicht in ihre Köpfe gucken kann, weil sie ja oft sehr früh schon ahnen, was Sache ist, und nur weil sie nicht mit Hastings/Watson darüber reden, bleibt die Spannung bis zum Schluss erhalten. Also immer wenn der Protagonist ein bisschen geheimnisvoll sein soll, würde ich nicht aus seiner Perspektive schreiben.

Welche Geschichten kennst du, die nicht aus der Sicht des Protagonisten erzählt werden?

s.o., hauptsächlich Krimis.
Ein geniales Beispiel sind übriges die Fandoringeschichten von Boris Akunin. Fandorin ist auch so ein hyperintelligenter Detektiv, und wenn die Geschichte nicht aus seiner Perspektive geschrieben ist, dann wird er von allen immer bewundert, wie klug er ist und offenbar alles im Griff hat. Dann wechselt manchmal die Perspektive zu ihm, und man sieht, dass er auch nur mit Wasser kocht, oft improvisieren muss und aus Unachtsamkeit in dumme Situationen gerät. Das bekommt nur nie jemand mit. Dieses POV-Kapitel machen dieses glorifizierte Figur dann sofort wieder so menschlich, dass man ihn echt lieben muss.

Ich muss gestehen, dass ich mir diesen Trick für meine eigenen Kapitel abgeschaut habe, wo die Außendarstellung der Protagonisten oft sehr davon abweicht, was sie wirklich denken und empfinden. Man bekommt also jeweils 4 Kapitel lang ihre Fassade zu sehen, um dann im fünften aus ihrer Sicht dahinter blicken zu können.
Benutzeravatar
Ankh
 
Beiträge: 461
Registriert: 05.07.2015, 12:27

Re: Der "Viewpoint" ist doch eindeutig festgelegt - oder?

Beitragvon magico » 09.09.2015, 11:37

Wird deine Geschichte aus der Sichtweise deines Protagonisten erzählt?

Ja.

Was würde passieren, wenn du die Sichtweise änderst?

Hm ... da es eine kriminalistische Geschichte ist, wäre das etwas schwierig, da man so nicht auf demselben Ermittlungs- bzw. Kenntnisstand wie der Protagonist wäre.

Würde die Geschichte interessanter oder langweiliger?

Komplizierter!

Welchen Ansatz findest du spannender?

Da gibt es kein Allgemeinrezept. Es ist einfach wichtig, dass es der Geschichte dient.

Welche Geschichten kennst du, die nicht aus der Sicht des Protagonisten erzählt werden?

Die Sherlock-Holmes-Romane sind wohl das bekannteste Beispiel, womit wir wieder beim Krimi wären, wo der personale Erzähler eindeutig mehr Sinn macht.


Jacky hat geschrieben:Ein großer Vorteil des personalen Erzähltyps ist, dass der Leser direkt in die Gedanken des erzählenden Charakters hineinsieht.


Nicht unbedingt. Der erzählende Charakter kann durch gewisse Umstände nicht ehrlich mit sich selbst oder einfach zu verschwiegen sein und somit die Perspektive und/oder den Kenntnisstand des Lesers verzerren.

Den Punkt "Protagonist und Sichtweise müssen nicht übereinstimmen" kann man somit auch noch einmal ganz anders auslegen. Die Sichtweise des Protagonisten muss nicht unbedingt die "reale" sein.
Neuester Artikel (30.11.): Das Gutmensch-Experiment: Ngana & Klaus

“Don’t go where the path may lead, go instead where there is no path … and leave a trail” - Ralph Waldo Emerson
Benutzeravatar
magico
 
Beiträge: 2094
Registriert: 01.05.2008, 22:23
Wohnort: habe ich

Re: Der "Viewpoint" ist doch eindeutig festgelegt - oder?

Beitragvon Alcatraz » 09.09.2015, 12:35

Gerade bei diesem Thema finde ich, kommt man weiter, wenn man weggeht von den klassischen Begriffen des auktorialen, personalen und des Ich-Erzählers und sich lieber der Mittel annimmt, in denen ich zurzeit im Rahmen meines Germanistik-Studiums mit Erzähltexten umgehe. Hier unterscheidet man nämlich zwischen dem Erzähler/der Erzählperspektive und der Fokalisierung:

– Perspektive: Wer erfasst? / Wer gibt wieder?
Fokalisierung: Wer sieht? / Wer spricht?

Fokalisierung:
– Nullfokalisierung (Übersicht; auktorial) – der Erzähler weiß mehr als jede der anderen
Figuren, keine Einschränkung der Möglichkeiten des Wissens, Erzähler weiß alles, was von
außen beobachtbar ist und was in den Köpfen der Figuren vorgeht = Innensicht in alle
Figuren
– interne Fokalisierung (Mitsicht, aktorial) – der Erzähler weiß nicht mehr als die Figur,
gewusst und erzählt wird genau das, was diese spezifische Figur weiß und fühlt
– externe Fokalisierung (Außensicht, neutral) – der Erzähler weiß weniger als die Figuren,
Erzähler weiß nur, was in der Welt beobachtbar ist, in die Köpfe der Figuren kann er nicht
hineinsehen
– gleitende Fokalisierung – Fokalisierung ist im Wechsel und kann nicht genau bestimmt
werden

Erzählertypen:
– Heterodiegetischer Erzähler: steht außerhalb des erzählten Handlungszusammenhangs,
nicht Figur seiner Geschichte
– Homodiegetischer Erzähler: ist Erlebender, Figur in der Geschichte, die er erzählend
vermittelt, kann unbeteiligter Beobachter, Nebenfigur
– Autodiegetischer Erzähler: Hauptfigur der Geschichte – eine besondere Form des
homodiegetischen Erzählers


Hier wird also klarer deutlich, was es für unheimlich interessante Wege gibt, seine Geschichte zu erzählen! :)

Klassischerweise kennen wir:
a) Den Protagonisten als homodiegetischen/autodiegetischen (bedeutet Teil seiner erzählten Welt, der sog. Diegese) Erzähler, der intern fokalisiert ist (klassischer "Ich-Erzähler")

Genauso möglich wäre aber zum Beispiel:
b) Ein heterodiegetischer Erzähler (also ein Erzähler, der nicht Teil seiner Welt ist, so wie es bei klassischer Prosa der Fall ist - "Herr Friedemann ging über die Straße und dachte daran, wie schön dieser Tag doch war", hier hat der Erzähler eine gewisse Distanz zum erzählten, er ist keine Figur in der Welt, der Diegese), der aber extern fokalisiert ist, also nur beobachten kann, aber nicht die Gefühle und Gedanken der Charaktere erfühlen kann ("Er sah so aus, als sei er traurig")!

Oder stellt euch mal vor, dass es theoretisch möglich ist, einen autodiegetischen Erzähler zu schaffen, der aber extern fokalisiert ist! xD Also der Protagonist als Erzählfigur, als Stimme, die aber ausschließlich beobachten kann, was sie sieht und nichts über sich selber preisgibt/preisgeben darf... Wäre mal eine gute Übung! ;))

magico hat geschrieben:
Jacky hat geschrieben:Ein großer Vorteil des personalen Erzähltyps ist, dass der Leser direkt in die Gedanken des erzählenden Charakters hineinsieht.


Nicht unbedingt. Der erzählende Charakter kann durch gewisse Umstände nicht ehrlich mit sich selbst oder einfach zu verschwiegen sein und somit die Perspektive und/oder den Kenntnisstand des Lesers verzerren.


Das nennt man übrigens unzuverlässiges Erzählen und ist was sehr, sehr typisches, was man so auch oft in Filmen findet. Richtig, die Person aus deren Sicht geschrieben ist, verfälscht Fakten quasi "extra" oder weil sie emotional so auf einem anderen Dampfer ist, dass sie Dinge einfach anders bewertet. :)
Alcatraz
 
Beiträge: 1
Registriert: 05.01.2015, 02:43

Re: Der "Viewpoint" ist doch eindeutig festgelegt - oder?

Beitragvon SkyeFantasy » 09.09.2015, 14:21

Wird deine Geschichte aus der Sichtweise deines Protagonisten erzählt?

Ja.

Was würde passieren, wenn du die Sichtweise änderst?

Ich hatte die Geschichte ursprünglich von einer Nebenfigur erzählen lassen, weil meine Prota viele unsympathische Charakterzüge hat und ich Angst hatte, meine Leser würden sie nicht mögen. Ich dachte, sie würde durch die distanzierte Betrachtung nicht nur böse, sondern auch geheimnisvoll wirken, und das wäre ein guter Trick, um den Leser trotzdem einzufangen.
Aber: das hat überhaupt nicht funktioniert.
Ich habe lange gebraucht, um herauszufinden, wieso nicht. Das erste Problem war, dass ich die Nebenfigur, d.h. die Erzählerin, nicht mochte. Weil sie meine Prota nicht mochte. Also habe ich sie durch eine andere Erzählerin ersetzt (musste die gesamte Nebenhandlung dafür ändern). Das hat das Problem leicht verbessert, aber nicht gelöst.
Das zweite Problem war, dass ich die Nebenfigur ständig in die Nähe der Prota zwingen musste, damit sie berichtet, was die Prota macht. Das führte zu einigen Verrenkungen.
Das dritte, schwerwiegendste Problem jedoch: Ich habe nie etwas aus der Sicht der Prota geschrieben und deshalb gar nicht gemerkt, dass ihre Ziele nur sehr schwammig waren und die Haupthandlung an zahlreichen Logikfehlern krankte. Ausserdem kam keine richtige Spannung auf, weil der Leser nicht genug wusste, um mit irgendwem mitzufiebern.

Es hat lange gebraucht, bis ich mich dazu durchringen konnte, alles umzukippen und die Prota selbst erzählen zu lassen, trotz und mit all ihren Schwächen. Erst seitdem ist das eine richtige Geschichte und erst seitdem verstehe ich auch selbst, worum es eigentlich geht! (Es geht nämlich gerade um ihre Charaktermängel!)
Fazit: Die Erzählweise ist das A und O, und wenn eine Geschichte nicht zündet, kann es am falschen Erzähler liegen!


Würde die Geschichte interessanter oder langweiliger?

Sie hat erst mit dem Wechsel des Erzählers funktioniert.


Welchen Ansatz findest du spannender?

Der Erzähler muss zu der Art der Geschichte passen.
In "Twilight" hat die Autorin ein ganzes Drittel der Story von dem Werwolffreund der Prota erzählen lassen, da die Prota selber in dieser gesamten Zeit nur leidend auf dem Sofa sass bzw halb tot auf dem OP-Tisch lag. Da war der Perspektivenwechsel wohl angebracht. Da der Typ dauernd um sie herumgesprungen ist, brachte er auch neue interessante Aktionen in die Geschichte.

Ich habe übrigens ganz früher nur auktorial geschrieben. Das gefällt mir heute nicht mehr. Danach habe ich mal mit einem Ich-Erzähler experimentiert und war begeistert von der enormen Nähe, die diese Perspektive schafft. Die meisten Geschichten sind aber zu vielschichtig, als dass man alles durch dieselbe Brille beleuchten könnte.
Ich finde es am spannendsten, wenn eine Geschichte von zwei oder drei Personen abwechselnd erzählt wird, die im Laufe der Handlung miteinander zu tun bekommen.

LG
SkyeFantasy
SkyeFantasy
 
Beiträge: 76
Registriert: 01.08.2014, 09:22
Wohnort: Schweden

Re: Der "Viewpoint" ist doch eindeutig festgelegt - oder?

Beitragvon IPatricia » 09.09.2015, 15:25

Wird deine Geschichte aus der Sichtweise deines Protagonisten erzählt?

Ja, das wird sie. Es liegt daran, dass es ihre Geschichte ist und weniger von der Art "epische Fantasyerzählung". Das versuchen zu viele und scheitern daran, deshalb fand ich es von Anfang an spannender, die Geschichte einer interessanten Figur und ihren Erlebnissen zu erzählen. Dadurch ist meine Geschichte natürlich recht linear, aber auch leicht zu verfolgen. Ich verstricke mich nicht so leicht und habe nicht das Problem, später alle Handlungsfäden zusammenführen zu müssen. Wie das nach hinten losgehen kann, zeigt George R. R. Martin. Seine Geschichte ist brilliant, aber mit diesen vielen Figuren und der neutralen Erzählweise verstrickt er sich immer weiter und hat irgendwann das Problem, dass jetzt am Ende alles zusammengeführt werden muss, es aber immer komplizierter geworden ist, eine gute Lösung dafür zu finden. Dadurch bleiben zu viele offene Fragen zurück und er braucht Ewigkeiten, seine Geschichte abzuschließen (fertig ist sie ja immer noch nicht, und das seit über 20 Jahren).

Was würde passieren, wenn du die Sichtweise änderst?

Einiges, das mir nicht gefallen würde. Zunächst einmal würde die Nähe zur Figur und der Geschichte selbst verloren gehen. Durch diese Sichtweise in Kombination mit der Zeitform entsteht eine unmittelbare Verbindung zur Protagonistin, die der Geschichte mehr Spannung verleiht. Man leidet mit dieser Figur mit, identifiziert sich vielleicht mit ihr und möchte wissen, wie es mit ihr weitergent. Durch eine neutrale Perspektive wäre die Distanz einfach zu groß. Man kann sich leichter in eine Figur hineinversetzen, wenn man die Welt durch ihre Augen sieht. Würde ihre Geschichte von einem neutralen Erzähler wiedergegeben werden, verliert sie schnell ihren Reiz. Warum soll ich die Geschichte dieser Figur lesen, wenn keine richtige Nähe zu ihr aufgebaut wird? Wenn ich nicht in ihren Kopf gucken kann?

Außerdem würde die beschränkte Sichtweise aufbrechen. Eigentlich ist das etwas Gutes, wenn man den Horizont erweitern kann, im Falle meiner Geschichte jedoch nicht. Ich möchte, dass man nur das Wissen dieser einen Figur hat, weil dadurch andere Charaktere enorm an Spannung gewinnen. Dadurch, dass man nicht in deren Kopf schauen kann, weiß man nicht, was ihre Motive sind. Man erlebt alles aus ihrer Sichtweise und bildet sich dadurch vielleicht Vorurteile, die später dann nicht bestätigt werden und man dadurch überrascht ist. Mir gefällt es, dass ich keine große Welt in all ihren Funktionen wiedergeben muss, sondern die kleine Welt meiner Hauptfigur. Dadurch verliere ich mich nicht in formschönen Beschreibungen oder imposantem Worldbuildung, sondern fokussiere mich auf die Handlung und das, was wirklich wichtig ist.

Würde die Geschichte interessanter oder langweiliger?

Eindeutig langweiliger. Sie würde so nämlich überhaupt nicht mehr funktionieren. Meine Protagonistin ist der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Alles, was ihr wiederfährt, ist nicht vorherbestimmt, sondern passiert einfach so. Natürlich habe ich die Handlung geplant, aber trotzdem könnte das alles genauso passieren. Vieles ist einfach Zufall oder unglücklich. Sie ist nicht die Auserwählte oder die typische Heldin, die mal eben so die Welt rettet, weil irgendwer es eben machen muss. Es gibt für alles, was sie tut, eine eigene Motivation. Ihre Sichtweise ist für die ganze Geschichte einfach essentiell. Wenn die Nähe zu ihr verloren geht, geht damit auch ein wesentlicher Teil der Spannung verloren. Wahrscheinlich ist das bei den meisten Geschichten so, schließlich ist der Protagonist die Hauptfigur und man möchte mehr über sein Schicksal erfahren. Wenn ich mehrere Protagonisten hätte, dann wäre das etwas anderes. Ich würde mich davor hüten, für jeden die Ich-Perspektive zu nutzen, weil ich es nicht hinbekommen würde, die Erzählweise an jede Figur einzeln anzupassen. Es würde sich zu ähnlich anhören. Außerdem würde es mir schwer fallen, keine Wertungen vorzunehmen. Eine neutrale Perspektive wäre nichts für mich und solche Geschichten lese ich auch selten, weil ich keinen Bezug zu den Figuren bekomme.

Welchen Ansatz findest du spannender?

Für meine Geschichte meinen eigenen. Es kommt aber ganz auf die Geschichte an. Man kann das schlecht verallgemeinern, es kommt eben darauf an, was man daraus macht. Meins wäre es aber nicht.

Welche Geschichten kennst du, die nicht aus der Sicht des Protagonisten erzählt werden?

Einige, aber mir fallen wesentlich mehr ein, bei denen alles aus der Sicht des Protagonisten erzählt wird - und das sagt denke ich alles aus. Mir gefällt es so einfach besser und das ist vermutlich auch der Grund, warum es in meiner eigenen Geschichte genauso ist. Wir schreiben, was wir gerne lesen wollen.
IPatricia
 
Beiträge: 240
Registriert: 16.03.2015, 14:15

Re: Der "Viewpoint" ist doch eindeutig festgelegt - oder?

Beitragvon schreiberling » 09.09.2015, 19:20

Tja, damit hadere ich gerade. Die Geschichte fängt so an, dass der wichtigste Nebencharakter der Meinung ist, dass der Hauptcharakter etwas zu verbergen hat und sie eine Obsession entwickelt, rauszufinden, was, obwohl Nebencharakter 2 sie am Anfang deswegen für ziemlich übergeschnappt hält.

Ich habe also von einer Perspektive wo ich in die Köpfe von sowohl Nebencharakter 1 und als auch Hauptcharakter gucken konnte umgestellt auf die reine Aussenansicht des Hauptcharakters, der sich aber später in der Tat entschliessen wird, über längere Passagen in der 1. Person seine Geschichte zu erzählen, die er in der Tat geheim hält und die sehr stark mit dem aktuellen Konfliktgeschehen zu tun hat.


Ich hoffe, das funktioniert, ich würde vom Gefühl her lieber aus dem Kopf des Hauptprotagonisten erzählen, da er mir als Mensch viel näher steht als Nebencharakter 1 (ich bin einfach kein 18jähriges Mädchen das gerade über beide Ohren verliebt ist). Aber da habe ich dann das Problem, wie kann ich aus seiner Innenansicht schreiben und dabei die ganze verheimlichte Geschichte weiterhin glaubhaft nicht nur vor dem Nebencharakter 1, sondern auch vor dem Leser geheimhalten, und damit eine Art Detektivgeschichte rund um sein Geheimnis kreieren, bis er damit endlich rausrückt.

Würde hier wirklich gerne mal einen Profi um Rat fragen, wie ich da am geschicktesten vorgehen soll.... :roll:
schreiberling
 
Beiträge: 949
Registriert: 19.11.2007, 16:59

Re: Der "Viewpoint" ist doch eindeutig festgelegt - oder?

Beitragvon Ankh » 09.09.2015, 20:07

@schreiberling: Profi bin ich keiner, und wie oben schon geschrieben finde ich es sinnvoll, einen geheimnisvollen Charakter von außen zu beschreiben. Aber gehen kann das schon. Ich habe auch einen Charakter, der ein Geheimnis hat und mehrere POV Kapitel, bevor es gelüftet wird (allerdings geht es auch nicht vordergründig die ganze Zeit darum). Der "Trick" ist, er denkt einfach nicht darüber nach, wenn ich in seinem Kopf bin. Vermutlich hat dein Nebencharakter, der das Geheimnis enträtseln will, nichts anderes im Kopf. Dein Hauptcharakter, der das ganze verbergen will, wird es dagegen so gut es geht aus seinem Kopf verdrängen und sich mit anderen Dingen beschäftigen.

Also entweder schreibst du einfach abwechselnd aus beiden Perspektiven, und wenn es um das Geheimnis geht, dann sind wir eben "zufällig" gerade im anderen POV. Oder du schreibst aus der deines Hauptcharakters, aber er denkt eben nicht darüber nach, bzw. wenn es darum geht, dann beschreibst du nur seine äußere Reaktion nicht seine Gedanken dazu. Das wirkt dann vielleicht auch ein bisschen so auf den Leser, als ob er "zumacht" bei dem Thema.
Benutzeravatar
Ankh
 
Beiträge: 461
Registriert: 05.07.2015, 12:27

Re: Der "Viewpoint" ist doch eindeutig festgelegt - oder?

Beitragvon Helena » 11.09.2015, 10:14

Wird deine Geschichte aus der Sichtweise deines Protagonisten erzählt?
Ja.

Was würde passieren, wenn du die Sichtweise änderst?
Momentan wird die Geschichte von meiner Hauptfigur (nennen wir sie jetzt mal Marie) erzählt. Ich könnte sie zwar auch aus der Perspektive der zwei besten Freundinnen, dem Mörder oder Maries Freund schreiben, aber dann wäre die ganze Spannung futsch.
Alle anderen Erzählformen kommen für mich nicht in Frage, da ich sowas einfach nicht schreiben kann.

Würde die Geschichte interessanter oder langweiliger?
Langweiliger und komplizierter.

Welchen Ansatz findest du spannender?
Ich glaube, das kommt ganz auf das Genre / die Handlung der Story an. Manchmal passt das besser, manchmal das.

Welche Geschichten kennst du, die nicht aus der Sicht des Protagonisten erzählt werden?
Night School von C. J. Daughtery. Mehr fällt mir gerade nicht ein.
Ich stehe vor dem Abgrund, um mich herum alle Menschen, die mich angeblich lieben. Der Wind fährt mir durchs Haar und schiebt mich in den Abgrund. Ich schreie, doch niemand hört mich. Sie sehen nicht zu mir. Ich falle in den Abgrund und niemand hält mich.
Helena
 
Beiträge: 7
Registriert: 28.05.2015, 12:31
Wohnort: BW in Deutschland in Europa auf Erde im Universum.

Re: Der "Viewpoint" ist doch eindeutig festgelegt - oder?

Beitragvon szymzicke » 15.09.2015, 09:08

Hallo!

Im meiner Geschichte ist der Viewpoint zwar eindeutig festgelegt, er geht von meiner Protagonistin (Ich-Erzähler) aus. Allerdings gibt es bis jetzt genau zwei Stellen, an denen ich jeweils ca. eine Seite Einschub gemacht habe mit "Wichtiges, was Prota nicht mitbekommt, aber wenn ich es nicht schreibe sind die nächsten Szenen unverständlich".
Das Beispiel:
Aus der Ich-Perspektive ist meine Prota daheim und beschäftigt sich mit ihrem "Geheimnis". In der nächsten Szene wird sie plötzlich überfallen.
Warum?
Ganz einfach: Ein gegnerischer Charakter, den sie noch nicht kennt, hat zufällig von ihrem Geheimnis erfahren und will sie deswegen in seine Gewalt bringen.
Der Einschub schildert also kurz, wie das Geheimnis aufgedeckt wird und warum der Charakter sich nun auf die Suche nach der Prota macht. (Personaler-Erzähler)

Meiner Meinung nach trägt das zum besseren Verständnis bei und ändert nichts am Viewpoint. Wenn man es genau nimmt, dann halt schon, denn ich wechsele ja nicht nur den Charakter, sondern gleich die Erzählform - wobei ich finde, dass das ein sehr gutes Mittel zur Unterscheidung ist und den Leser somit auch nicht "rausbringt".
Mich würde ja jetzt mal interessieren ob ihr Bücher kennt, in denen das auch so (oder so ähnlich) vorgekommen ist, bzw. was ihr davon haltet :)
Und: Habe ich jetzt einen Viewpoint, oder zwei? :)

Liebe Grüße!
Benutzeravatar
szymzicke
NaNoWriMo 2015
NaNoWriMo 2015
 
Beiträge: 21
Registriert: 06.04.2015, 10:02

Re: Der "Viewpoint" ist doch eindeutig festgelegt - oder?

Beitragvon Ankh » 15.09.2015, 10:19

@ szymzicke: Das sind, auch wenn es nur zwei kleine Stellen sind, dann zwei verschiedene Perspektiven/ viewpoints.

Was ich davon halte kann ich nicht sagen ohne es gelesen zu haben. An sich ist ein Perspektivwechsel nichts schlimmes. Wenn er aber z.B. erst im hinteren Drittel des Buches passiert und ohne jegliche Andeutung, dass hier ein Wechsel stattfindet (wie z.B. Kursivschrift statt normal), dann wäre ich vermutlich erst einmal verwirrt, weil ich bis dahin eben eine einzige Perspektive gewohnt bin und davon ausgehe, dass es so weitergeht. Das könnte so wirken, als brichst du plötzlich deine eigenen Regeln.
Da so etwas eine Stolperfalle sein kann, solltest du dir möglichst sicher sein, dass es wirklich die beste Lösung für deine Geschichte ist; dass z.B. deine Protagonistin nicht einfach hinterher erfahren kann, warum sie überfallen wurde, um die Perspektive durchgehend intakt zu lassen.
Benutzeravatar
Ankh
 
Beiträge: 461
Registriert: 05.07.2015, 12:27

Re: Der "Viewpoint" ist doch eindeutig festgelegt - oder?

Beitragvon Zwielicht » 15.09.2015, 23:50

szymzicke hat geschrieben: Aus der Ich-Perspektive ist meine Prota daheim und beschäftigt sich mit ihrem "Geheimnis". In der nächsten Szene wird sie plötzlich überfallen.
Warum?
Ganz einfach: Ein gegnerischer Charakter, den sie noch nicht kennt, hat zufällig von ihrem Geheimnis erfahren und will sie deswegen in seine Gewalt bringen.
Der Einschub schildert also kurz, wie das Geheimnis aufgedeckt wird und warum der Charakter sich nun auf die Suche nach der Prota macht. (Personaler-Erzähler)

Meiner Meinung nach trägt das zum besseren Verständnis bei und ändert nichts am Viewpoint.


Tu das nicht! :shock: Deine Prota weiß ja auch nicht, warum sie überfallen wird. Wenn du hier die Ich-Perspektive wählst, sollte der Leser genauso ahnungs- und fassungslos sein wie deine Prota. Das ist doch der Reiz des Ichs - das absolute Miterleben! Mit einer personalen Erklärung machst du das kaputt und bringst den Leser um den Spannungseffekt.

Lass deine Prota und den Leser lieber im Nachhinein selber (!) herausfinden, was da los war. Weil der Gegner sich verplappert. Oder sie entsprechende Hinweise findet. Oder jemand anderes die Zusammenhänge aufdeckt. Oder ... da gibt's ja viele Möglichkeiten.

Alternative: Du machst aus deiner gegnerischen Figur einen wiederholt auftauchenden Perspektivträger, der sich mit deiner Prota abwechselt. Dann hätte der Wechsel zur Er-Perspektive in meinen Augen mehr Berechtigung: Er liefert einen zweiten, völlig unterschiedlichen Blickwinkel auf die Geschichte.

Ich-Perspektive ist eben eingeschränkt. Das macht sie so spannend und gleichzeitig so kompliziert :2cents:
Zwielicht
 
Beiträge: 297
Registriert: 08.04.2013, 23:13

Re: Der "Viewpoint" ist doch eindeutig festgelegt - oder?

Beitragvon Ankh » 25.09.2015, 12:22

Ich kaue auch grade noch an einem Perspektivproblem. Wie schon oben beschrieben, sind die allermeisten Szenen reihum aus der Sicht der 5 Protas beschrieben. Nur am Anfang weiche ich mehrmals von diesem System ab.

Und jetzt weiß ich nicht, ob ich das wirklich machen sollte. Immerhin habe ich das mit dem Perspektivwechsel reihum so festgelegt, um die Sache übersichtlicher zu machen. Und ausgerechnet am Anfang gibt es ein paar "Ausbrecher". Übersichtlich ist es trotzdem noch, denn die 5 sind am Anfang noch gar nicht zusammen, jeder kämpft mit seinen eigenen Problemchen. Dabei wird aber auf manche aus "fremden" Perspektiven draufgeguckt, weil ich beschreiben wollte, welchen Eindruck sie da machen. Später kann ich das nicht reinbringen, da sie da in einem anderen Umfeld sind und dort andere Seiten von sich zeigen.

Eigentlich finde ich es gar nicht so störend, aber da der Rest der Geschichte streng nach dem Perspektivsystem durchkonstruiert ist, frage ich mich, ob das nicht irgendwie komisch wirkt. Gerade am Anfang, wo der Leser eine Menge neue Figuren kennenlernt, bekommt er auch noch drei zusätzliche Perspektiven, die später überhaupt keine Rolle mehr spielen. Fragt man sich da dann nicht, was aus denen geworden ist? Und wenn ich im Exposé schreibe "5 Hauptperspektiven und ein paar zerquetschte", kommt das nicht unprofessionell rüber?
Benutzeravatar
Ankh
 
Beiträge: 461
Registriert: 05.07.2015, 12:27

Re: Der "Viewpoint" ist doch eindeutig festgelegt - oder?

Beitragvon Jacky » 25.09.2015, 17:51

Wenn es sich vermeiden lässt, würde ich es vermeiden ^^;

Wenn du es unbedingt behalten möchtest, würde ich mir überlegen einen festen Punkt für "die Ausreißer" zu finden. Also z.B. wenn du durch alle Hauptfiguren durch bist, dann eben "die ausreißer-Perspektive", ...

Könntest du sie denn weglassen?
Du hast in jedem Augenblick die Freiheit zu entscheiden was wichtig ist und wie du darauf reagierst.

Die Schreibwerkstatt kommt wieder! Sag mir Bescheid!
Benutzeravatar
Jacky
 
Beiträge: 9353
Registriert: 28.02.2007, 13:20
Wohnort: jacky@schreibwerkstatt.de (PNs deaktiviert - noch einen Posteingang schaffe ich nicht ^^;)
Blog: Blog ansehen (50)

Re: Der "Viewpoint" ist doch eindeutig festgelegt - oder?

Beitragvon Ankh » 25.09.2015, 19:17

Jacky hat geschrieben:Also z.B. wenn du durch alle Hauptfiguren durch bist, dann eben "die ausreißer-Perspektive", ...


Es ist eher umgekehrt: Die Charaktere werden erst "von außen" durch die Fremsperspektiven betrachtet, bevor man in sie gucken kann. Ich finde das an sich nicht schlecht, weil man sich dadurch langsamer an sie annährt, und viel darüber erfährt, wie sie sich präsentieren bzw wie sie von anderen wahrgenommen werden. Sobald man dann einmal in ihnen "drin" ist, will ich die geschichte aus ihrer Sicht erzählen.

Jacky hat geschrieben:Könntest du sie denn weglassen?


1-2. Perspektive (auf denselben Charakter) nicht, ohne viel umzuschreiben - die 1. Perspektive ist ziemlich distanziert gehalten, die zweite ist dann personal. Der Prota selbst ist nicht wirklich in einem Zustand, in dem er viel wahrnimmt, und es ergibt auch nicht viel Sinn, die Hintergrundinfpormationen über ihn aus seiner Sicht zu präsentieren.
3. Perspektive habe ich bereits gestrichen
4. Perspektive könnte ich vermutlich weglassen, dann muss ich aber auch hier ein paar Hintergrundinformationen anders verpacken.
5. Perspektive (auf denselben Prota wie 4.) könnte ich möglicherweise umschreiben. Mit dem Kapitel bin ich sowieso nicht so glücklich.

1,2 und 4 würde ich eigentlich gerne so lassen, wie es ist.
Benutzeravatar
Ankh
 
Beiträge: 461
Registriert: 05.07.2015, 12:27

Nächste

Zurück zu Schriftsteller-werden.de-Forum

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 0 Gäste