[Nachdenk]Der Weihnachtspiegel 1/1(Weihnachtswettbewerb)

Gesellschaft, Kritik, Philosophisches

[Nachdenk]Der Weihnachtspiegel 1/1(Weihnachtswettbewerb)

Beitragvon Tina Antosch » 08.12.2014, 20:16

Der Weihnachtsspiegel

Peter war so spät aus der Firma gekommen wie schon lange nicht mehr. Als er erschöpft den Haupteingang hinter sich zusperrte, empfing ihn die Straße mit wildem Gestöber aus Dunkelheit und Schneeflocken.
Es war nach Mitternacht und das bisschen Licht, das die heftig umkämpften Laternen zu Boden schicken konnten, war kaum mehr als eine Andeutung. Die Straße hatte sich, während er über seiner Arbeit saß, ihr weißes Winterkleid angezogen. Peter versank bis zu den Knöcheln in der ungewollten Gabe und ging den Weg missmutig entlang. Ein hell erleuchtetes Schaufenster eines Spielzeugladens ließ ihn aufmerken. Er konnte sich nicht erinnern, dieses Geschäft schon einmal bemerkt zu haben. Peter musste die Augen zusammenkneifen und sich anstrengen, um zu sehen, was es mit dem Laden auf sich hatte.
Er entdeckte etwas Erstaunliches. Auf dem kleinen Blechschild, das in der Tür hing, konnte er deutlich lesen, dass der Laden GEÖFFNET war. Peter vermutete, dass der Betreiber vergessen hatte, das Schild umzudrehen, bevor er den Laden verlassen und abgeschlossen hatte. Ihm kam der verwegene Gedanke, dass er die Klinke dieser Ladentüre drücken könnte, und er hoffte, dass sie sich öffnen ließ.
Was wollte er in einem Spielzeugladen? Er feierte nicht Weihnachten. Er hatte zu viele Zweifel an fast allem, was dieses Fest betraf, dass er es für konsequent hielt, es nicht zu feiern. Nein, er hatte ernsthafte Zweifel an seinem Wunsch, den Laden zu betreten. Seine Hand aber war schneller als seine Zweifel und hatte die Türklinke gedrückt, bevor er sich zwingen konnte, weiter zu gehen. Das Glück, das ihn durchflutete, weil die Tür auf leichten Druck nach innen auf ging, war unbeschreiblich. Auf jeden Fall unverständlich. Er wusste nicht, was er hier wollte.
Als er die Tür öffnete, berührte die obere Kante eine kleine Messingglocke, die ein kraftvolles Gebimmel anstimmte.
War das Schaufenster hell erleuchtet, konnte man den Laden nicht anders, als in gleißendes Licht getaucht, bezeichnen. Peter konnte nicht sagen, woher dieses unwahrscheinliche Strahlen kam. Es spiegelte sich in tausend metallenen Dingen wider und war so stark, dass er alles nur verschwommen sehen konnte.
Die Regale quollen über von Spielsachen für Kinder jeden Alters. Rechts in diesem Verkaufsraum stand vor gefüllten Holzregalen ein kleiner, runder Tisch, um den einladend zwei Stühle standen. Er versuchte weitere Einzelheiten im Raum auszumachen. Ihm und der Ladentür gegenüber war die Theke. Dahinter ein in die Wand gehauenen Torbogen, der mit einem bunten Vorhang verdeckt war. Mehr als alles andere in diesem Raum fesselte ihn der mannshohe, breite Spiegel, der rechts vom Torbogen an der Wand hing. Er war in weißes Holz gerahmt, in das allerlei Zeichen und Ornamente geschnitzt waren.
Peter trat an den Spiegel, um die Schnitzereien näher zu betrachten, und als er da stand und den Rahmen mit großer Bewunderung studierte, glitt sein Blick über das Glas des Spiegels und mit Freude bemerkte er, dass er den kleinen Laden, der sich beinahe ganz darin spiegelte, deutlich sehen konnte. Als er sich umdrehte, musste er aber feststellen, dass er den Laden immer noch ganz verschwommen sah. Er wandte sich wieder dem Spiegel zu – darin erschien dieselbe Szene klar und deutlich. Ob es eine die Reflektion des Lichtes betreffende Begründung gab, wusste Peter nicht, aber es zwang ihn, mit dem Rücken zur Ladentüre das Zimmer im Spiegel zu ergründen. Ob es an der eigenartigen Umgebung lag oder an seiner eigenartigen Stimmung, jedenfalls erkannte Peter viel später, als man es von einem scharfdenkenden Mann, wie er einer war, erwarten konnte, etwas Besonders im Spiegel.
Was er entdeckte, versetzte ihm einen solchen Schrecken, dass er aufschreien wollte. Aber gewohnt, Gefühle eher darzustellen, als zu empfinden, blieb er stumm.
Wie seltsam es auch war, dass er jedes Detail dieses Kinderparadieses nur im Spiegel deutlich sehen konnte, viel seltsamer war, dass er sich selbst in diesem Spiegel nicht sehen konnte.
Während er noch halb benommen in den Spiegel starrte, hörte er aus dem Teil des Geschäftes, der sich hinter dem bunten Vorhang verbarg, eine freundliche, aufgeregte Stimme.
„Einen Moment noch, ich komme gleich. Sehen sie sich einstweilen um. Ich muss noch ihre Lieblingssorte Rum holen, damit ich ihnen einen heißen Grog zubereiten kann! Zucker, wenn ich mich recht erinnere, kann, muss aber nicht sein, stimmt’s?“, hörte er die angenehme Stimme durch den Vorhang vorauseilen, der ein großer, breiter, nicht mehr junger Mann folgte. Er war Peter außerordentlich vertraut, wie er das noch nie bei einem Fremden empfunden hat, und das lag nicht nur daran, dass dieser tatsächlich eine Flasche seiner Lieblingssorte Rum hereinbrachte.
Peter wandte sich dem Mann zu und erlebte erneut, dass er ihn nur verschwommen sehen konnte. Er konnte aber immerhin erkennen, dass dieser Mann alt, wahrscheinlich sehr alt war. Aber seine Bewegungen und vor allem seine Stimme straften diesen Eindruck Lüge.
„Setzen Sie sich, bitte!“, forderte der Mann ihn auf, während er mit zwei hohen Grog Gläsern hantierte, die er zu zwei Drittel mit heißem Wasser füllte und dann vorsichtig den Rum dazu goss. Peter tat, wie man ihm gesagt hatte und brachte ein verwirrtes „Danke“ heraus.
„Ist Weihnachten nicht die herrlichste Zeit im Jahr?“, fuhr der alte Herr fort, setze sich ebenfalls und stellte Peter und sich ein herrlich dampfendes Glas Grog hin. „Ich freue mich unsagbar, dass Sie meiner Einladung gefolgt sind“, plauderte der Gastgeber dieses eigensinnigen, kleinen Festes munter drauf los.
„Es tut mir leid, ich kann mich nicht erinnern, irgendeine Einladung bekommen zu haben. Ich wusste bis vorhin nicht einmal, dass es dieses Geschäft überhaupt gibt.“, brachte Peter zu seiner Entschuldigung hervor, obwohl er eher eine Entschuldigung gebraucht hätte, wenn hier saß und trank, ohne eingeladen zu sein.
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Re: Der Weihnachtspiegel 1/1(Weihnachtswettbewerb)

Beitragvon VernonDure » 10.12.2014, 18:11

Hallo, Tina,

eine nette Weihnachtsgeschichte ... Ich möchte Dir gerne einige Änderungsvorschläge unterbreiten, die mir beim Lesen durch den Kopf gegangen sind:

Die Straße hatte sich, während er ...

Die Straße hatte, während er ...

Er konnte sich nicht erinnern, dieses Geschäft schon einmal bemerkt zu haben.

Aktiv liest es sich m. E. flüssiger:
Er erinnerte sich nicht, dieses Geschäft schon einmal bemerkt zu haben.

Dito:
Peter musste die Augen zusammenkneifen und sich anstrengen, um zu sehen, was es mit dem Laden auf sich hatte.

Peter kniff die Augen zusammen und strengte sich an, um zu sehen, was es mit dem Laden auf sich hatte.

Hier würde ich Zusammenschreibung empfehlen:
weil die Tür auf leichten Druck nach innen auf ging, war ...

weil die Tür auf leichten Druck nach innen aufging, war ...

In diesem Kontext finde ich 'unwahrscheinlich' etwas ungenau: Meinst Du damit eher das Ungewöhnliche, Seltsame dieses Strahlens? Oder soll es die besondere Stärke betonen?
... woher dieses unwahrscheinliche Strahlen kam.


Durch Umformulierung ließe sich die Doppelung von 'stand' vermeiden:
Rechts in diesem Verkaufsraum stand vor gefüllten Holzregalen ein kleiner, runder Tisch, um den einladend zwei Stühle standen.

Rechts im Verkaufsraum stand ein kleiner, runder Tisch mit zwei einladenden Stühlen vor gefüllten Holzregalen.

Komma vergessen?
Er versuchte weitere Einzelheiten im Raum auszumachen.

Er versuchte, weitere Einzelheiten im Raum auszumachen.

Typo:
Dahinter ein in die Wand gehauenen Torbogen

Dahinter ein in die Wand gehauener Torbogen

Sehr langer Satz ...
Peter trat an den Spiegel, um die Schnitzereien näher zu betrachten, und als er da stand und den Rahmen mit großer Bewunderung studierte, glitt sein Blick über das Glas des Spiegels und mit Freude bemerkte er, dass er den kleinen Laden, der sich beinahe ganz darin spiegelte, deutlich sehen konnte.

Peter trat an den Spiegel, um die Schnitzereien näher zu betrachten. Während er den Rahmen mit großer Bewunderung studierte, glitt sein Blick über das Glas des Spiegels. Erfreut bemerkte er, wie deutlich er den kleinen Laden sah, der sich beinahe ganz darin spiegelte.

Im nächsten Satz schlage ich die aktive Formulierung vor:
Als er sich umdrehte, musste er aber feststellen, dass er den Laden immer noch ganz verschwommen sah.

Als er sich umdrehte, stellte er aber (erstaunt/ irritiert?) fest, dass er den Laden immer noch ganz verschwommen sah.

'Ob es...' kommt unmittelbar zweimal vor. Lässt sich ggf. vermeiden ...
Ob es an der eigenartigen Umgebung lag oder an seiner eigenartigen Stimmung, jedenfalls erkannte Peter viel später, als man es von einem scharfdenkenden Mann, wie er einer war, erwarten konnte, etwas Besonders im Spiegel.

Lag es an der eigenartigen Umgebung oder an seiner eigenartigen Stimmung? Peter erkannte erst viel später etwas Besonders im Spiegel. Von einem scharfdenkenden Mann, wie er einer war, hätte man jedoch eine raschere Erkenntnis erwartet.

Auch hier ein langer Satz, der etwas holperig klingt ...
Er war Peter außerordentlich vertraut, wie er das noch nie bei einem Fremden empfunden hat, und das lag nicht nur daran, dass dieser tatsächlich eine Flasche seiner Lieblingssorte Rum hereinbrachte.

Er war Peter außerordentlich vertraut. Noch nie hatte er bei einem Fremden so empfunden. Und das lag nicht nur daran, dass dieser tatsächlich eine Flasche seiner Lieblingssorte Rum hereinbrachte.

Ein sehr spannender Anfang einer ungewöhnlichen Weihnachtsgeschichte. Herzlichen Glückwunsch dazu und eine schöne Weihnachtszeit.

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Re: Der Weihnachtspiegel 1/1(Weihnachtswettbewerb)

Beitragvon Tina Antosch » 10.12.2014, 19:55

Hallo Vernon Dure!

Ich danke dir für deine Vorschläge! Schachtelsätze sind tatsächlich eine... mh blöde Angewohnheit von mir. :?
Und ja, da habe ich ein Komma vergessen. Mich wundert, dass es nur eins ist! :)
Und du hast Recht, an der Stelle, an der Peter entdeckt, dass er sich im Spiegel nicht sieht, sollte ich ein Gefühl einbauen.

Ich freue mich, dass dir die Geschichte gefällt und wünsche Dir auch ein wunderbare Weihnachtszeit.

Alles Liebe
Tina
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