[Nachdenk]Der Weihnachtspiegel 2/1(Weihnachtswettbewerb)

Gesellschaft, Kritik, Philosophisches

[Nachdenk]Der Weihnachtspiegel 2/1(Weihnachtswettbewerb)

Beitragvon Tina Antosch » 08.12.2014, 20:19

Sein Gegenüber lachte und fuhr sich mit seinen großen Händen durch das dichte Haar, das leichtgewellt sein Gesicht umrahmte und in demselben Weiß leuchtete wie sein Bart. „Aber warum sind Sie dann gekommen, wenn Sie meine Einladung nicht erhalten haben?“, entgegnete er fragend. Und weil Peter nicht erklären konnte, warum er hier saß und Grog trank, schwieg er.
Als er noch überlegte, ob er nicht besser bald gehen und dieses eigenartige Geschäft vergessen sollte, wurde die Ladentür mit Schwung geöffnet, was ein fröhliches Gebimmel zur Folge hatte. Der Ladenbesitzer erhob sich mit einem: „Sie entschuldigen mich?“, und wandte sich dem neuen Kunden zu.
Peter fragte sich, wie jemand so spät noch den Einfall haben konnte, Spielsachen zu kaufen. Der eingetretene Mann war auffallend klein und, Peter konnte sich des Gedankens nicht erwehren, der hässlichste Mann, den er seit langem gesehen hatte. Er hatte ein finsteres Gesicht, das furchtbar entstellt war, als leide er an einer schmerzhaften Krankheit. Was Peter wirklich entsetzte, war, dass auch dieser abstoßende Kerl ihm vertraut war wie ein lebenslanger Freund.
Nachdem er ihn nur verschwommen sehen konnte, stand er auf und wandte sich dem seltsamen Spiegel zu, um die Situation spiegelverkehrt, aber deutlich zu beobachten. Dass er sich dabei nicht im Weg stand, fand er hilfreich, wenn ihm auch immer noch unheimlich dabei zumute war.
Peter wunderte sich sehr, als er den kleinen Mann im Spiegel sah, denn jetzt erschien er nicht so sehr entstellt und abstoßend, als vielmehr ziemlich lächerlich. Er war eigentümlich klein und stand auf entsetzlich schwachen Beinen, und hatte ziemliche Mühe, aufrecht zu stehen, besonders, da er dauernd versuchte, sich durch Stehen auf seinen Zehenspitzen größer zu machen als er war.
Der Ladenbesitzer dagegen wirkte wie ein mächtiger Monarch.
„Kommerz, alles Kommerz!“, zischte der Zwerg böse. „Nur Geld wird gemacht mit diesem Fest! Abgeschafft gehört das, jawohl abgeschafft!“
„Natürlich!“, lachte der alte Herr, „abschaffen muss man ihn, den Kommerz. Das Kind mit dem Bade auszuschütten, wäre in diesem Fall von Nöten, weil das Wasser furchtbar verschmutzt ist. Danach sollte man es in Windeln gewickelt wieder in den schmutzigen Stall legen, um seine Schönheit zu sehen!“
„Sie wissen genau, dass ich das nicht gemeint habe!“, rief der Zwerg zornig und war irgendwie kleiner geworden, dass er kaum über die Theke schauen konnte. „Warum, um alles in der Welt, sollten wir die Geburt dieses einen Kindes derartig feiern? Unnatürlich ist das, jawohl unnatürlich!“, fuhr er fort.
„Da haben Sie recht! Es ist so gänzlich unnatürlich, so absolut übernatürlich, darum können wir nicht nur, wir müssen diese Geburt feiern!“, erwiderte der Ladenbesitzer und lachte laut, dass dem Zwerg Hören und Sehen verging. Auf alle Fälle fiel der nach hinten um, und konnte, wie ein kleiner Käfer, der auf dem Rücken lag, nicht mehr aufstehen.
„Ach, erzählen Sie mir nichts von den christlichen Festen!“, schrie der Winzling, es war nicht mehr als ein erbärmliches Quietschen. „Wer wollte die noch feiern, vielleicht noch die ungelehrten Armen und anderer Pöbel!“ Dabei krümmte er sich auf dem Boden und schrumpfte zur Größe des Käfers zusammen, dem er vorhin schon ähnlich gesehen hatte.
„Ja, unbegreiflich, nicht wahr? Die ungelehrten Armen hatten zu allen Zeiten schwere Herzen, aber ihre Köpfe waren nie so schwerfällig, dass sie Engel für bloßes Polarlicht hielten, und sie kamen und beteten an.“, antwortete der alte Herr und sah nicht auf den kleinen Schreihals am Boden, der sich krümmte und in einer Spalte des Holzfußbodens verschwand.
Während er sprach, sah er zu einer Krippe hin, die da im Regal stand und wie in all diesen Krippen lag im Mittelpunkt der Szene das Kind. Es schien der Mittelpunkt dieses Ladens, ja der ganzen Welt zu sein.
Als Peter seinen Blick ebenfalls der Krippe zuwandte, wusste er plötzlich, woher dieses Strahlen kam, das im ganzen Laden widerhallte. Es kam aus den winzigen Händen, aus den strahlenden Augen und aus dem lachenden Mund des Kindes. Peter drehte sich um und ging auf die Krippe zu. Immer noch konnte er nicht ganz deutlich sehen, aber es war bedeutend besser, wo er fest auf das Kind sah.
Als er vor dem Kind stand und es staunend betrachtete, wusste er mit Sicherheit, dass es sich lohnt Weihnachten zu feiern. Und zwar täglich! Täglich jemanden etwas schenken, weil Gott uns ein Kind geschenkt hat.
Peter würde Geschenke kaufen! Er hatte es eilig, er wollte das Passende finden und schnell nach Hause, um mit seiner Familie Weihnachten zu feiern!
Der alte Herr stand hinter der Theke und lächelte ihn an. „Ich habe alles schon eingepackt.“ Peter ging unsicher zur Theke und nahm die liebevoll verpackten Sachen entgegen. Als er seine Geldbörse aus der Jackentasche kramte, meinte der Alte: “Habe ich immer alles verschenkt, werde ich das heute bei Ihnen nicht anders halten.“
„Verzeihen Sie“, wagte Peter endlich zu fragen. „Sind Sie der Weihnachtsmann?“
Zuletzt geändert von Tina Antosch am 23.12.2014, 00:00, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Der Weihnachtspiegel 2/1(Weihnachtswettbewerb)

Beitragvon VernonDure » 16.12.2014, 17:57

Hallo, Tina. Eine gelungenen Fortsetzung Deiner Weihnachtsgeschichte! "Die Moral von der Geschicht ..." gefällt mir.

Noch einige Vorschläge für Dich:

Entschuldige, dass ich wieder damit komme: Für mich ist der Satz zu lang, stört den Lesefluss
Sein Gegenüber lachte und fuhr sich mit seinen großen Händen durch das dichte Haar, das leichtgewellt sein Gesicht umrahmte und in demselben Weiß leuchtete wie sein Bart.

sein Gegenüber lachte. Fuhr mit seinen großen Händen durch das dichte Haar, das leichtgewellt sein Gesicht umrahmte. Es leuchtete in demselben Weiß wie sein Bart.

Dito ...
als er noch überlegte, ob er nicht besser bald gehen und dieses eigenartige Geschäft vergessen sollte, wurde die Ladentür mit Schwung geöffnet, was ein fröhliches Gebimmel zur Folge hatte.

Er überlegte schon, ob er nicht besser gehen und dieses eigenartige Geschäft vergessen sollte. Da wurde die Ladentür mit Schwung geöffnet. Ein fröhliches Gebimmel war die Folge.

Die rasche Aufeinanderfolge von »Mann« vermeiden ...
Der eingetretene Mann war auffallend klein und, Peter konnte sich des Gedankens nicht erwehren, der hässlichste Mann, den er seit langem gesehen hatte.

Der Eintretende war auffallend klein und, Peter konnte sich des Gedankens nicht erwehren, der hässlichste Mann, den er seit langem gesehen hatte.

»Nachdem« oder »da/ weil«?
quote]nachdem er ihn nur verschwommen sehen konnte, stand er auf und wandte sich dem seltsamen Spiegel zu, um die Situation spiegelverkehrt, aber deutlich zu beobachten.[/quote]
da er ihn nur verschwommen sah, wandte er sich dem seltsamen Spiegel zu, um die Szene nun zwar spiegelverkehrt, aber deutlich zu beobachten.

Ziemlich lang ...
er war eigentümlich klein und stand auf entsetzlich schwachen Beinen, und hatte ziemliche Mühe, aufrecht zu stehen, besonders, da er dauernd versuchte, sich durch Stehen auf seinen Zehenspitzen größer zu machen als er war.

er war eigentümlich klein und stand auf entsetzlich schwachen Beinen. Es bereitete ihm ziemliche Mühe, aufrecht zu stehen. Besonders, weil er versuchte, sich größer zu machen, indem er auf seinen Zehenspitzen balancierte.[/i

Nach meinem Gefühl müsste nach »so ..., so ...« der Satz mit », dass ...« fortgesetzt werden. Ohne »so« klingt das folgende »darum« in meinen Ohren o. k.
„Da haben Sie recht! Es ist so gänzlich unnatürlich, so absolut übernatürlich, darum können wir nicht nur, wir müssen diese Geburt feiern!“, erwiderte der Ladenbesitzer und lachte laut, dass dem Zwerg Hören und Sehen verging.

[i]„Da haben Sie recht! Es ist gänzlich unnatürlich, absolut übernatürlich. Darum können wir nicht nur, wir müssen diese Geburt feiern!“, erwiderte der Ladenbesitzer und lachte laut, dass dem Zwerg Hören und Sehen vergingen.


Kürzer ... / »Boden« ~ »Holzfußboden« (Doppelung vermeiden)
„Ja, unbegreiflich, nicht wahr? Die ungelehrten Armen hatten zu allen Zeiten schwere Herzen, aber ihre Köpfe waren nie so schwerfällig, dass sie Engel für bloßes Polarlicht hielten, und sie kamen und beteten an.“, antwortete der alte Herr und sah nicht auf den kleinen Schreihals am Boden, der sich krümmte und in einer Spalte des Holzfußbodens verschwand.

„Ja, unbegreiflich, nicht wahr? Die ungelehrten Armen hatten zu allen Zeiten schwere Herzen, aber ihre Köpfe waren nie so schwerfällig, dass sie Engel für bloßes Polarlicht hielten: Sie kamen und beteten an.“, antwortete der alte Herr. Er warf keinen Blick auf den kleinen Schreihals, der sich krümmte und in einer Spalte des Holzfußbodens verschwand.

Prägnanter, kürzer?
während er sprach, sah er zu einer Krippe hin, die da im Regal stand und wie in all diesen Krippen lag im Mittelpunkt der Szene das Kind.

er schaute sprechend eine Krippe im Regal an: Wie in allen Krippen lag das Kind im Mittelpunkt der Szene.

Klingt mir etwas holprig. Wenn das beabsichtigt ist, dann bleib dabei...
“Habe ich immer alles verschenkt, werde ich das heute bei Ihnen nicht anders halten.“

“Habe immer alles verschenkt. Bei Ihnen werde ich es heut nicht anders halten!“

Ich wünsche Dir geruhsame, besinnliche Festtage. Und weiter gute Ideen fürs Schreiben.
»Vernon Dures Fantastische Welten« berichten über eigene und andere interessante Bücher.
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Re: Der Weihnachtspiegel 2/1(Weihnachtswettbewerb)

Beitragvon Tina Antosch » 22.12.2014, 01:12

Hallo VernonDure!

Vielen Dank, dass du dich noch einmal mit meinem Text auseinandergesetzt hast! Und ich fürchte, ich muss dir wieder in den meisten Einwänden Recht geben. :)

Bin gespannt auf die Auswertung morgen und wünsche auch Dir eine wunderbare Weihnachtszeit!

Alles Liebe
Tina
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