[Nachdenk]Die Aldi-Bemerkung [1/2]

Gesellschaft, Kritik, Philosophisches

[Nachdenk]Die Aldi-Bemerkung [1/2]

Beitragvon Bernd » 05.01.2015, 22:42

Vorbemerkung: Dieser Text ist heute entstanden, als Übung sozusagen. Vor lauter Ideen und Planerei bezüglich eines größeren Vorhabens habe ich schon lange nichts mehr geschrieben und wollte mich daher an etwas versuchen, das mir von der Idee her recht spontan kam und sich dann während des Schreibens entwickelte. Bezüglich der Einsortierung unter "Nachdenkliches" bin ich nicht ganz sicher, aber es wird schon irgendwie herpassen. Los gehts:

***

Die Aldi-Bemerkung

Immer noch kochte das Blut in ihm hoch, wenn er an die naserümpfende Äußerung dieses Kerls dachte. Verachtung. Das war alles, was der übrig hatte: Verachtung für seine Arbeit, seine Erzeugnisse, deren Preis, ihn selbst und vermutlich das Handwerk im Allgemeinen. Hohn war es, der aus seinen Augen sprach, Geringschätzung im Ton, mit dem er ihm die Worte entgegengespuckt hatte. Und das Schlimmste: Wahrscheinlich hatte nur ausgesprochen, was eh alle dachten.

Stunde um Stunde hatte Gerald Wallerstein in seiner Werkstatt gestanden und damit verbracht, im Schweiße seines Angesichts und mit der Mühsal seiner Hände ein Stück Eisen in ein Kunstwerk zu verwandeln. Mehr noch als Schweiß, war sein Herzblut in das Metall geflossen, das sich glühend Schritt für Schritt gemäß seines Willens verformte.

Ob wirklich alle Leute so dachten, wie dieser Typ, dieser arrogante Schnösel von einem Banausen?! Gerald Wallerstein beobachtete die Leute. Wie sie an seinem Stand vorbeigingen, wie sie auf seine Waren reagierten: Ihre Blicke schweiften flüchtig über die Auslage, mäßig interessiert, zum Teil bewundernd, einige begierig. Ja, manche blieben stehen und schauten genauer hin. Doch spätestens, wenn sie dann ein Preisschild entdeckten, schüttelten sie kaum merklich den Kopf, zuckte ihr Mundwinkel höhnisch, tuschelten sie ihren Begleitern Worte der Empörung ins Ohr und machten, dass sie weiterkamen. Ehrliche Handarbeit war den Leuten heutzutage nichts mehr wert.

Begonnen hatte es stets mit einem Stück Kohlenstoffstahl, das er mit kräftigen aber präzisen Hammerschlägen bearbeitete: Mit der Finne wurde das Material in die Breite getrieben, mit der Bahn geglättet. Bereits in diesem Stadium war es wichtig, die gewünschte Form sauber herauszuarbeiten, die Angel abzusetzen und das Metall im Bereich der künftigen Schneide auszudünnen. Was hier ordentlich vorbereitet wurde, brauchte man später nicht mühsam korrigieren. Nachdem das Metall in der sterbenden Glut weichgeglüht war, hatte er sich ans Schleifband gesetzt und das Werkstück weiter in Form geschliffen. Dabei trat erstmals der charakteristische Glanz des Metalls unter der schwarzen Zunderschicht zum Vorschein. Dann nochmal Erhitzen, Abschrecken, Anlassen. Allein bis hier hatte er mehrere Stunden verbracht und das Resultat war nur ein Rohling. Der kunstfertige Teil würde erst noch folgen und sollte mindestens nochmal so viel Zeit in Anspruch nehmen - Zeit, die er auch bezahlt haben wollte. War das so ein abwegiger Wunsch?

»Sagen Sie, was soll das hier denn kosten?«, fragte eine Frau mittleren Alters, die womöglich auf der Suche nach einem Weihnachtsgeschenk für ihren Mann sein mochte. Die meisten Interessenten waren Männer. Gerald nannte ihr den dreistelligen Betrag und drehte zugleich das Preisschild wieder nach vorne, das sich offenbar im Wind gewendet hatte. »Vielen Dank«, meinte die Frau, lächelte verbindlich und schlich sich davon. Das kannte Gerald. Die Leute staksten von dannen, als würde er sie verfolgen, wenn sie zu schnell gingen oder ihnen was aufschwatzen, wenn sie weiter stehen blieben.

Immerhin, die Frau hatte gefragt. Nur den wenigsten Leuten gelang es, ihm einmal in die Augen zu schauen - irgendwie schaute niemand mehr anderen in die Augen - geschweige denn, ihm einen guten Tag zu wünschen, oder ihn gar auf seine Waren anzusprechen. Er gab sich redlich Mühe, aufgeschlossen zu sein; lächelte verbindlich, nickte den Leuten freundlich zu, erwiderte die seltenen Höflichkeitsfloskeln. Doch gerade fiel es ihm schwer. Zu düster waren seine Gedanken, zu gering die Anerkennung für seiner Hände Werk.

Nach der Wärmebehandlung, dem Abschrecken in Öl und Anlassen im Ofen, sah der Rohling erschreckenderweise wieder so schwarz aus, wie vor dem Schleifen. Die schwarze Zunderschicht hatte sich erneut gebildet und die galt es, nun wieder zu entfernen. Ganz zu schweigen davon, dass die Schärfe noch fehlte. Das bedeutete, stundenlang am Schleifband zu sitzen oder mit einer Feile, Schleifpapier und -fließ Hand anzulegen. Eine mühsame aber dennoch seltsam befriedigende, beinahe meditative Prozedur mit zwei Ergebnissen: Zum Ersten einer wunderschönen scharfen Klinge und zum Zweiten schwarzen Rändern unter den Fingernägeln, die man auch nach mehrfachem Schrubben immer noch sah. Dreckige Fingernägel brandmarkten einen Messerschmied, dessen schämte er sich also nicht.

Doch all die Stunden der Herstellung, die Liebe, die er hineingesteckt hatte, die Erfahrung, die es bedurfte, all dies sahen die meisten Leute nicht. Sie erblickten nur das Endprodukt, ein kleines unscheinbares Messer, wie sie es zu einem Dutzend zu Hause in ihrer Küche wähnten.

Hinzu kam ihre Unkenntnis, wusste Gerald. Weder stellten die Leute zu Hause noch Dinge selber her, noch besaßen sie theoretische Kenntnisse über den Aufwand, der dazu vonnöten war. Sie kannten nicht den metallurgischen Unterschied zwischen handgeschmiedetem und maschinell gewalztem Metall, oft nicht mal den zwischen Guss- und Schmiedeeisen. Sie wussten nicht, welchen Unterschied im atomaren Gefüge es machte, die Form eines Messers auszuschmieden oder mit Lasern aus einem Block auszuschneiden oder zu fräsen. Sie glaubten an das Werbemärchen vom rostfreien Stahl und wussten nicht um die Bedeutung des Kohlenstoffanteils im Stahl, ja oft nicht einmal, dass es überhaupt verschiedene Sorten von Stählen gab! Konnte man ihnen da einen Vorwurf machen, dass sie seine Arbeit nicht wertschätzten?

Wo es maschinell ausgestanzte und in Osteuropa zu Billiglöhnen montierte Messer für wenige Euro im Supermarkt zu kaufen gab, bestand einfach keine Notwendigkeit mehr, sich über Herstellung oder Qualität eines Messers Gedanken zu machen. War ein Billigteil hin, kaufte man sich ein neues. Qualität war nichts mehr wert. Nichts! War überflüssig, altmodisch, nostralgisch. Also war natürlich niemand mehr bereit, für Qualität zu bezahlen. Das Gleiche galt für Arbeitszeit.

Als Gerald Wallerstein nach etwa zwölf Stunden Arbeit eine formschöne glänzende Klinge in Händen hielt, die auch ohne den allerletzten Schliff schon schärfer war, als jedes 0-8-15-Küchenmesser von der Stange, war die Arbeit etwa zur Hälfte getan. --> weiter
Bernd
 
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Re: Die Aldi-Bemerkung [1/2]

Beitragvon unkompliziert » 10.01.2015, 13:44

Hallo Bernd,

von 10 Punkten würde ich deinem Text 8 Punkte geben.
Ich finde, dass es sich um angenehme Unterhaltung handelt und dass er das gewisse Etwas hat, weil er mich als Leser etwas sehen und fühlen lässt, dass ich mit der Massenliteratur nicht erleben kann.
Einen Punkt Abzug gibt es, weil der Erzählstil sehr behäbig und gemütlich ist und ich mir einen Hauch mehr Action oder Emotion gewünscht hätte, und einen weiteren Punkt habe ich abgezogen, weil es mir etwas zu offensichtlich ins Gesicht geklascht wird, das Aldiprodukte schlecht sind.

Im Nachhinein verstehe ich zwar, warum du deinen Text so genannt hast. Aber ich befürchte, dass du mit deinem Titel ein paar Kommentatoren verschreckst. Ich hatte ursprünglich befürchtet, dass es entweder ein sehr banaler oder sehr moralischer Text werden würde.
(Nur einmal möchte ich erwähnen, dass es nicht nur Menschen gibt, die aus reinem Geiz bei Aldi einkaufen, sondern eben auch welche, bei denen das Geld knapp ist und/oder solche die schon einmal unnötig viel Geld für Markenprodukte ausgegeben haben, die es dann nicht wert waren.)

Die fachsprachlichen Ausdrücke habe ich mit Vergnügen gelesen. Vor allem die, die du mit der einen oder anderen Anmerkung erklärt hast. Allerdings noch mehr davon hätte wirklich nicht in den Text gepasst. Hast du absichtlich versucht, sie wirklich ALLE unter zu bringen?

Das gewisse Etwas ist, dass man wirklich spüren kann, was für ein Abenteuer und eine Schönheit in der Messerschmiedekunst liegt und man so ein handgefertigtes Messer jetzt sicher mit anderen Augen sieht. Da hast du mich auch emotional gepackt.
Aber vielleicht hätten es die Hälfte der Fachausdrücke getan und die dafür noch verständlicher dargestellt.
zB Wie verändern sich die Eigenschaften des Stahls beim Anlassen?

Das einzige, was mir ein bisschen merkwürdig aufgestoßen ist: Für mehrere hundert Euro würde ich mir ein Messer wünschen, dass nicht gleich rostet, nur weil ich es mit der bloßen Hand berühre.
Das wäre im Alltag ein enormer Pflegeaufwand.
Irgendwo hat auch ein Normalbürger seine Zeit nicht gestohlen. Er muss auch Gebrauchsgegenstände benutzen können, die nicht an jedem Einsatz noch eine Viertelstunde gepflegt werden müssen. Ich lebe doch nicht für die Werkzeugpflege.

Im Detail:

Bernd hat geschrieben:***

Die Aldi-Bemerkung

Immer noch kochte das Blut in ihm hoch, wenn er an die naserümpfende Äußerung dieses Kerls dachte. Verachtung. Das war alles, was der übrig hatte: Verachtung für seine Arbeit, seine Erzeugnisse, deren Preis, ihn selbst und vermutlich das Handwerk im Allgemeinen. Hohn war es, der aus seinen Augen sprach, Geringschätzung im Ton, mit dem er ihm die Worte entgegengespuckt hatte.
Bis dahin merke ich, dass du dich sehr bemühst, den gewöhnlichen Satzbau zu vermeiden und betonte Wörter an den Satzanfang zu stellen. Das Schema ist auch sehr konsequent durchgezogen. Das ist für mich ok und ich sehe das Ziel und die Fähigkeit dahinter, aber es liest sich hölzern.
Ich würde mir deine Sprache etwas organisch, dynamischer Wünschen (unterschiedlich lange Sätze, unterschiedlicher Satzbau) oder etwas authentischer (wie dir der Schnabel gewachsen ist). Eine sympatische Erzählerpersönlichkeit die nicht nur sachlich ist, hat mich schon oft gefesselt.

Und das Schlimmste: Wahrscheinlich hatte nur ausgesprochen, was eh alle dachten.
Das klingt für mich natürlich und angenehm.

Stunde um Stunde hatte Gerald Wallerstein in seiner Werkstatt gestanden und damit verbracht, im Schweiße seines Angesichts und mit der Mühsal seiner Hände ein Stück Eisen in ein Kunstwerk zu verwandeln. Mehr noch als Schweiß, war sein Herzblut in das Metall geflossen, das sich glühend Schritt für Schritt gemäß seines Willens verformte.
Wortwahl ist interessant und aussagekräftig. Absatzlänge gut gewählt. Wunderschön.

Ob wirklich alle Leute so dachten, wie dieser Typ, dieser arrogante Schnösel von einem Banausen?!
Würdest du das in dieser geballten Form wirklich so in den Mund nehmen? - Wenn ja, dann lass es so. Ich glaube, was mich daran ein bisschen irritiert ist, dass man beim Schimpfen doch sehr aus dem Bauch heraus formuliert und dann nicht so kunstvoll verschachteln würde. "Schnösel" und "Banause" wirkt etwas altbacken. Das mag aber von Region zu Region unterschiedlich sein. Aber wohler wäre mir, wenn wenigstens die Konstruktion ein bisschen entzerrt ist:
"Ob wirklich alle Leute so dachten wie dieser Typ? (Da steckt ja noch nicht soviel Wut drin. Eher Verunsicherung, vielleicht sogar Zweifel am bisheringen Weltbild. -- Aber dann kommt der Frust, Verachtung, der Schmerz:) Dieser arrogante Schnösel! Dieser Banause!"
Das ist aber alles noch recht hochsprachlich. Ist da kein bisschen Geringschätzung für jemanden, der sich ein Urteil über eine geliebte Sache erlaubt, obwohl er einen Scheißdreck davon versteht? - Sollte da nicht zumindest noch ein "armselig" oder "klein" mit rein? - ;) Ich bin aber vielleich boshafter als dieser Messerschmied.


Gerald Wallerstein beobachtete die Leute. Wie sie an seinem Stand vorbeigingen, wie sie auf seine Waren reagierten: Ihre Blicke schweiften flüchtig über die Auslage ("flüchtig" tun das aber nur die mäßig Interessierten, für die Neugierigen und Begierigen, die im selben Satz stehen, haut das nicht hin!) , die meistenmäßig interessiert, (zum Teil)manche bewundernd, einige begierig. Ja, manche blieben stehen und schauten genauer hin. Doch spätestens, wenn sie dann ein Preisschild entdeckten, schüttelten sie kaum merklich den Kopf, zuckte ihr Mundwinkel höhnisch, tuschelten sie ihren Begleitern Worte der Empörung ins Ohr und machten, dass sie weiterkamen. Ehrliche Handarbeit war den Leuten heutzutage nichts mehr wert.

Du hast in deiner Satzkonstruktion das Adverb "zum Teil" mit dem numerischen Adjektiv "einige" parallel gestellt. Das geht aber nicht.
Du wolltest sicher nicht sagen, dass die mäßig interessierten Leute Blicke schleifen ließen, die zum Teil bewundernd waren. Das würde sich widersprechen.
Ich bin davon ausgegangen, dass unter allen Leuten die schauen unterschiedlich starkes Interesse vertreten war.

"Ehrliche Handarbeit war den Leuten heutzutage nichts mehr wert."
Der Satz klingt sehr nach Binsenweisheit und moralinsauer. "Die Welt ist nicht mehr das, was sie einmal war."
Das darf jeder Autor natürlich so sehen wie er will. Aber ich würde gerne etwas lesen, was etwas außergewöhnlicher ist.
Ich bin Pessimist. Vieles wo "Bio" draufsteht ist nicht gleichzeitig umweltfreundlich/tierfreundlich (auch wenn man das unbewusst unterstellen würde). - Am Weihnachtsmarkt habe ich teure Ohrringe gekauft, die noch nicht einmal ganz Silber waren. Aber ich dachte, dass sei eine Hobbykünstlerin, und die Stücke hat etwas mit "Seele" drin. -- Aber sie hat nur Fabrikware weiterverkauft.

Die Gedanken der Menschen sind:
Hat er das selbst gefertigt, oder waren das unterbezahlte Arbeiter in Indien?
Ist das auch alles Handarbeit, oder hat er es nur zusammenmontiert?
Brauche ich wirklich so ein exklusives Messer, oder reichen für meine schlechten Kochkünste - ich koche noch nicht einmal gern! - nicht auch die günstigen aus dem Supermarkt? Und für das Geld für das Messer kaufe ich meiner Tochter die Gitarre zu Weihnachten, von der sie träumt?
Ist ein handgefertigtes Messer wirklich besser als ein industriel produziertes? Es ist ja nichts Neues, dass man mit Geräten manche Produktionsschritte präziser ausführen kann.
Und Fabrikware ist ja nicht automatisch unehrlich.

Ich stimme mit dir über ein: Ein handgefertigtes Produkt von einem Menschen der garantiert fair bezahlt wurde, ist etwas besonderes.
Aber im Hinblick auf die ganzen Überlegungen oben, ist mir dieser eine Satz eben zu platt.


Begonnen hatte es stets mit einem Stück Kohlenstoffstahl ("Wie sieht der aus? Habe ich mich gefragt.", das er mit kräftigen aber präzisen Hammerschlägen bearbeitete: Mit der Finne wurde das Material in die Breite getrieben, mit der Bahn geglättet("Wie sieht eine Finne und eine bahn aus?") Ich wollte aber deine Geschichte lesen, und nicht diese Dinge in Wikipedia googeln). Bereits in diesem Stadium war es wichtig, die gewünschte Form sauber herauszuarbeiten, die Angel abzusetzen ("Wie sieht die Angel aus?") und das Metall im Bereich der künftigen Schneide auszudünnen. Was hier ordentlich vorbereitet wurde, brauchte man später nicht mühsam korrigieren. Nachdem das Metall in der sterbenden Glut weichgeglüht war, hatte er sich ans Schleifband gesetzt und das Werkstück weiter in Form geschliffen. Dabei trat erstmals der charakteristische Glanz des Metalls unter der schwarzen Zunderschicht zum Vorschein.("Zum Vorschein treten" ist etwas schwach. Ist da nicht mehr Action drin? Sprüht der schwarze Zunder nicht vom Messer weg? Wie riecht das? Ist das laut?) Dann nochmal Erhitzen, Abschrecken, Anlassen. Allein bis hier hatte er mehrere Stunden verbracht und das Resultat war nur ein Rohling. Der kunstfertige Teil würde erst noch folgen und sollte mindestens nochmal so viel Zeit in Anspruch nehmen - Zeit, die er auch bezahlt haben wollte. War das so ein abwegiger Wunsch?

Die Beschreibung wie der Rohling gefertig wird finde ich sehr interessant und angenehm zu lesen. Nur einige kleine Fragen haben den Lesegenuss gestört, wie ich oben schon angemerkt habe.

»Sagen Sie, was soll das hier denn kosten?«, fragte eine Frau mittleren Alters, die womöglich auf der Suche nach einem Weihnachtsgeschenk für ihren Mann sein mochte. Die meisten Interessenten waren Männer. Gerald nannte ihr den dreistelligen Betrag und drehte zugleich das Preisschild wieder nach vorne, das sich offenbar im Wind gewendet hatte. »Vielen Dank«, meinte die Frau, lächelte verbindlich und schlich sich davon. Das kannte Gerald. Die Leute staksten von dannen, als würde er sie verfolgen, wenn sie zu schnell gingen oder ihnen was aufschwatzen, wenn sie weiter stehen blieben.

"davon staksen" - Hat sie Beine wie ein Storch, absonderlich hohe Absätze oder ist etwas mit dem Boden nicht in Ordnung? Damit verbinde ich ungeschickt/umständlich/steif gehen.
Und warum sollte jemand denken, er würde verfolgt, wenn er zu schnell weggeht?


Immerhin, die Frau hatte gefragt. Nur den wenigsten Leuten gelang es, ihm einmal in die Augen zu schauen
Möchtest du ausdrücken, dass ihm der persönliche Kontakt zu Menschen fehlt? Dass die Kunden nur daran interessiert sind, ihre Einkaufsliste abzuarbeiten, anstatt etwas Smalltalk mit ihm zu betreiben? Dass sie sich nicht die Zeit nehmen, den Einkauf zu genießen?
Ich finde, das könnte man schon mal beschreiben. -- Aber der Blick in die Augen, ist etwas übertrieben. Er wird ja nicht behandelt wie ein Verbrecher oder jemand mit einer Narbe im Gesicht! -- Ich überlege gerade, wann ich Menschen bewusst in die Augen schaue: Während ich mit ihnen spreche oder wenn ich ihre Aufmerksamkeit erreichen will, damit ich ihnen einen Frage stellen will. - Oder wenn ich flirte. -- Wenn aber jemand an den Messern interessiert ist und ihn gar nicht ansprechen will, oder mit ihm fliten, warum sollten dann alle an seinen Blicken hängen?
- irgendwie schaute niemand mehr anderen in die Augen Niemand? Gar niemand? Och, das ist aber reichlich dich aufgetragen ;) - geschweige denn, ihm einen guten Tag zu wünschen, oder ihn gar auf seine Waren anzusprechen. Er gab sich redlich Mühe, aufgeschlossen zu sein; lächelte verbindlich, nickte den Leuten freundlich zu, erwiderte die seltenen Höflichkeitsfloskeln. Gut, das gehört zum Marketing und zum Verkaufsjob. Ich würde ihm ja einen jungen Assistenten empfehlen, der immer einen flotten Spruch auf den Lippen hat. Es gibt eben verschiedene Talente. Nicht jeder gute Physiker, ist auch ein guter Dozent. Nicht jeder gute Handwerker auch ein guter Verkäufer.Doch gerade fiel es ihm schwer. Zu düster waren seine Gedanken, zu gering die Anerkennung für seiner Hände Werk.
Was mit gut gefällt ist die sprachliche Darstellung seiner Gefühle, die ich sehr nachvollziehbar finde. Diese Bemerkung hat ihm den Rest gegeben und Gram und Mutlosigkeit und vielleicht einfach ein schlechter Tag ziehen ihn jetzt runter. Das hört man auch an den Worten.
Ein kleines Teufelchen auf meiner Schulter merkt aber an, dass er halt am Markt vorbeiproduziert. Oder dass er seine Zielgruppe nicht kennt. - Steht er in der Einkaufsmeile zwischen Großmärkten? Sollte er nicht vielleicht Hobbykünstlermärkte, Jagd/Sport/Kochmessen aufsuchen weil da Menschen sind, die ein besonderes Messer zu schätzen wissen und vor allem auch das nötige Kleingeld besitzen?


Nach der Wärmebehandlung, dem Abschrecken in Öl und Anlassen im Ofen Dass das Anlassen im Ofen stattfindet würde ich erwähnen wenn das Fachwort "Anlassen" das erste Mal auftaucht. Dann ist es für den Leser nicht einfach ein unbekanntes Wort., sah der Rohling erschreckenderweise wieder so schwarz aus, wie vor dem Schleifen. Die schwarze Zunderschicht hatte sich erneut gebildet und die galt es, nun wieder zu entfernen. Ganz zu schweigen davon, dass die Schärfe noch fehlte. Das bedeutete, stundenlang am Schleifband zu sitzen oder mit einer Feile, Schleifpapier und -fließ Hand anzulegen. Eine mühsame aber dennoch seltsam befriedigende, beinahe meditative Prozedur mit zwei Ergebnissen: Zum Ersten einer wunderschönen scharfen Klinge und zum Zweiten schwarzen Rändern unter den Fingernägeln, die man auch nach mehrfachem Schrubben immer noch sah. Dreckige Fingernägel brandmarkten einen Messerschmied, dessen schämte er sich also nicht.

Den Schluss von diesem Absatz finde ich oerfekt. Daher auch keine Anmerkungen.
"brandmarken" ist eigentlich ein negativ belegtes Wort. Aber es stört nicht sehr und die Doppeldeutigkeit mit dem "brand" bei einem Schmied finde ich cool -- ehm nein -- ich finde es *heiß*.


Doch all die Stunden der Herstellung, die Liebe, die er hineingesteckt hatte, die Erfahrung, die es bedurfte, all dies sahen die meisten Leute nicht. Sie erblickten nur das Endprodukt, ein kleines unscheinbares Messer, wie sie es zu einem Dutzend zu Hause in ihrer Küche wähnten.
AAaaaaaaaahh! Ich möchte schreien!! Soll er doch in seinem Schaufenster ein Video in der Wiederholungsschleife laufen lassen, in dem er beim handfertigen der Messer gezeigt wird. Das wäre ein echter Hingucker und würde mehr sagen, als tausend lächelnde Verkaufsgespräche!
Aber nichts zu mäkeln an deinem Text :D


Hinzu kam ihre Unkenntnis, wusste Gerald. Weder stellten die Leute zu Hause noch Dinge selber her, noch besaßen sie theoretische Kenntnisse über den Aufwand, der dazu vonnöten war. Sie kannten nicht den metallurgischen Unterschied zwischen handgeschmiedetem und maschinell gewalztem Metall, oft nicht mal den zwischen Guss- und Schmiedeeisen. (Ich bin hin und hergerissen: Auf der einen Seite liest sich das gut und ist interessant. - Auf der anderen Seite sitzt ein kleines Teufelchen auf meiner Schulter, dass argumentiert, dass in der heutigen Zeit kein Mensch ein Semi-Profi in allen Dingen sein kann. Oder was weiß der Messerschmied über Apple Computer?Sie wussten nicht, welchen Unterschied im atomaren Gefüge es machte (Mmmh... ich bin so dreist zu behaupten 50% der Menschheit kennt noch nicht einmal den Unterschied zwischen Atom und Molekül, Element und Verbindung. Der Punkt ist: Auch die könntest du in das Abendteuer Handfertigung und Qualitätserschaffung entführen, aber du vergraulst sie, wenn du sie so vorführst, dass sie nicht einmal *das* wissen.), die Form eines Messers auszuschmieden oder mit Lasern aus einem Block auszuschneiden oder zu fräsen. Sie glaubten an das Werbemärchen vom rostfreien Stahl und wussten nicht um die Bedeutung des Kohlenstoffanteils im Stahl, ja oft nicht einmal, dass es überhaupt verschiedene Sorten von Stählen gab! Konnte man ihnen da einen Vorwurf machen, dass sie seine Arbeit nicht wertschätzten?

Ok... Ich muss einfach zugeben, ich habe einen Ohrwurm davon, dass man seine Messer nicht mit den Fingern angrabschen darf, meine in der Schublage aber nicht rosten, obwohl ich das täglich tue.

Wo es maschinell ausgestanzte und in Osteuropa zu Billiglöhnen montierte Messer für wenige Euro im Supermarkt zu kaufen gab, bestand einfach keine Notwendigkeit mehr, sich über Herstellung oder Qualität eines Messers Gedanken zu machen. War ein Billigteil hin, kaufte man sich ein neues. Qualität war nichts mehr wert. Nichts!Der Rest vom Absatz ist gut, wichtig und eindringlich. Nur diese beiden Sätze eben, sind mir für meinen persönlichen Geschmack zu viel Weltschmerz und Selbstmitleid. War überflüssig, altmodisch, nostralgisch. Also war natürlich niemand mehr bereit, für Qualität zu bezahlen. Das Gleiche galt für Arbeitszeit.

Als Gerald Wallerstein nach etwa zwölf Stunden Arbeit eine formschöne glänzende Klinge in Händen hielt, die auch ohne den allerletzten Schliff schon schärfer war, als jedes 0-8-15-Küchenmesser von der Stange, war die Arbeit etwa zur Hälfte getan. --> weiter


Viele Grüße und noch viel Spaß und Erfolg beim Schreiben!
Unki
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Re: Die Aldi-Bemerkung [1/2]

Beitragvon Bernd » 13.01.2015, 15:52

Hallo Unki,

vielen herzlichen Dank für Deine äußerst ausführliche Kritik. Nachdem erst einige Tage lang niemand was anmerken wollte, hatte ich schon befürchtet, der Text wäre so langweilig, dass keiner Lust darauf hat. Umso mehr freue ich mich über die im Ganzen positive aufmunternde Rezension. 8 von 10 Punkten, das ist schon was :D

Einer gewissen Behäbigkeit im Schreibstil bin ich mir bewusst. Das meiste findet im Kopf des Messermachers statt: er ärgert sich, beobachtet, denkt nach, führt beiläufig Smalltalk. Erst am Ende passiert was. Eine Geschichte ohne Handlung ist natürlich ein Problem. Mein Ziel war es aber auch nicht, eine spannende Geschichte zu schreiben. Es war eher eine kleine Übung, ein beinahe spontan in wenigen Stunden entstandener Text, in dem ich im Wesentlichen versuchen wollte, dem Leser ein paar Fakten über die Kunst des Messermachens in Form einer kleinen Erzählung nahe zu bringen. So was hatte ich schon früher versucht und mangels Handlung ist es auch oft schiefgegangen oder war schlicht langweilig. Daher habe ich hier versucht, die Fakten in die Rückblenden zu verfrachten und das Ganze mit einer kleinen Rahmenhandlung zu versehen, wobei Rückblenden und Rahmenhandlung sich abwechseln, sodass der Leser wenigstens ein bisschen Abwechslung hat.

Bitte denke aber nicht, dass ich persönlich eine Abneigung gegen Aldiprodukte hätte. Bestenfalls kritisiere ich hier die globale Billig-Mentalität, die es uns erlaubt, ausländische Nahrungsmittel so billig anzubieten, dass sie billiger sind, als die im eigenen Land produzierten und die uns vergessen lässt, dass wir unseren Lebensstil auf Kosten von Menschen aus anderen Teilen der Welt führen. Eine moderne Form der Sklaverei, letztlich. Aber dennoch bekenne auch ich mich schuldig, beim Discounter einzukaufen. Wollte ich den Text veröffentlichen, müsste ich vermutlich erst mal prüfen, ob Aldi da nicht klagen könnte, aber im Rahmen dieser Schreibwerkstatt habe ich es mir herausgenommen, einfach einen Discounter-Namen als Synonym für »billig« zu missbrauchen, wobei ich betonen möchte, dass die Ansicht der Figur, welche diese Bemerkung macht, nicht meine Ansicht als Autor sein muss.

Die Fachausdrücke und die Beschreibung des Messermachens könnte ich tatsächlich reduzieren, da hast Du recht. Wenn es meine Intention ist, die Mühe zu beschreiben, die der Messermacher mit der Herstellung seiner Produkte hatte, dann brauche ich den Arbeitsprozess nicht komplett zu beschreiben und hätte mich besser auf bestimmte Schritte beschränkt und das Weichglühen, Anlassen und Abschrecken einfach als Wärmebehandlung abtun können. Tatsächlich habe ich hier aber versucht, alle Schritte einzubringen - nicht die beste Entscheidung, wie ich einsehe. Ich freue mich sehr, dass Du dennoch eine andere, wertschätzendere Sicht auf das Handwerk gewinnen konntest.

Ein handgefertigtes Messer ist leider tatsächlich ein pflegebedürftiges Produkt. Es wird nicht gleich rosten, wenn es mal nach dem Anfassen nicht sofort poliert wird. Wer sein Messer jedoch tagsüber im Einsatz hatte, sollte es abends tatsächlich säubern und ölen. Auf Messermachermessen ist das ungefragte Anfassen der Ware darum wirklich nicht gern gesehen. Die Verkäufer erlauben es natürlich jedem, der Interesse hat, aber sie haben meist auch ein Tüchlein da liegen, um das Messer danach wieder von Handschweiß zu befreien. Sicherlich erst mal, damit die Klingen in der Auslage schön glänzen, doch langfristig auch, um das Anlaufen oder rosten zu verhindern. Man muss ich aber auch klar machen, dass solch hochwertigen Produkte nicht vom »Normalbürger« gekauft werden. Wer so was kauft (und gute Messer erreichen nicht selten hohe dreistellige oder auch vierstellig Beträge) der weiß damit auch umzugehen und wird das Teil entsprechend pflegen.

Ich danke Dir auch für die vielen Detailanmerkungen, wenngleich ich diese nicht im Detail kommentieren werde. Sie sind durchweg brauchbar! Ich kann meinen Text durch Deine vielen Überlegungen jetzt kritisch hinterfragen und mir über Formulierungen, Satzbau, etc. Gedanken machen, die dann zu einer bewussteren Sprachwahl führen können. Mir gefallen vor allem die vielen kleinen Fragen, die Du mir aufschreibst, welche Dir beim Lesen durch den Kopf gegangen sind. Fragen, über die ich mir tatsächlich zu wenige Gedanken gemacht habe. Zum Beispiel fällt mir auf, dass ich längst nicht alle Sinne angesprochen habe. Ich habe Prozesse zwar technisch beschrieben, aber nicht emotional. (Wie siecht das? Ist das laut? Wie sieht das aus? Wie fühlt sich das an? ...) Diese scheinbar kleinen Fragen sind glaube ich tatsächlich große Fragen!

(Auch zu Teil 2:) Hast recht, den Genitiv braucht man nicht immer. In dem Fall war es mir nicht aufgefallen, ich wollte die Hochwertigkeit der Materialien mit edlen Beschreibungen aufwerten. Das "Parierelement" heißt wirklich so: Pa-rier-e-le-ment. Beim Schwert ist es die Parierstange. So was hat ein Messer nicht, da ist es meist nur eine kleine Scheibe aus Horn, Knochen, Holz oder Metall. Danke für Deine Hinweise mit den langen Sätzen. Ich fürchte, ich neige dazu. Andererseits bin ich kein Fan von ganz kurzen Sätzen. Da wirkt der Stil schnell, als schreibe man absichtlich für Bildzeitungsleser - und damit meine ich solche, die NUR das lesen (können).

Vielen Dank nochmal und viele Grüße
Bernd
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