[Nachdenk]Die Aldi-Bemerkung [2/2]

Gesellschaft, Kritik, Philosophisches

[Nachdenk]Die Aldi-Bemerkung [2/2]

Beitragvon Bernd » 05.01.2015, 22:43

zurück <-- Für den Griff wählte er einen Quader honigfarbenen Ahornholzes, sowie einige dünne Scheiben schwarzen Büffelhorns und bleichen Kamelknochens für das Parierelement. Das Bohren, Anpassen, Verleimen und Schleifen war Routine, aber Wallerstein-Messer wären nicht das wiedererkennbare Markenprodukt, zu dem er sie gemacht hatte, wenn er es dabei unterlassen würde, organische an Äderchen erinnernde Formen aus dem Holz herauszuarbeiten. Jedes Messer war ein Einzelstück und jedes, da war er nach wie vor überzeugt, war seinen zugegebenermaßen hohen Preis wert!

Andererseits: Wer kannte schon gute Messer? Dieser Schnösel von eben bestimmt nicht.
»Dafür krieg ich bessere bei Aldi im Dutzend!«
Ja, das hatte er ihm entgegengeschleudert. Dass er dann nicht noch auf den Boden gespuckt hatte, war auch alles. Wer einmal ein gutes Messer in Händen gehalten hatte, wollte kein anderes mehr. Ein gutes Messer verschmolz mit der Hand seines Besitzers zu einer Einheit, wurde eine Verlängerung des Geistes dessen, der es führte, wie ein von Geburt an angewachsener Körperteil des Menschen. Ok, das war jetzt schon ziemlich pathetisch formuliert, musste Gerald zugeben, aber letztlich war da was Wahres dran: wer mit einem guten Messer arbeitet, konnte sich ganz auf das konzentrieren, was er bearbeitete - sei es Holz, Suppengemüse oder ein frisch erlegtes Stück Wild - und musste keinen Gedanken daran verschwenden, das Werkzeug richtig zu halten. Und ganz nebenbei erfüllte ein gutes Messer auch noch Kriterien wie Stabilität, geringe Abstumpfung oder Langlebigkeit - wenigstens, wenn man es richtig pflegte. Und scharf war es obendrein auch! Richtig scharf, wenn man es wünschte!

Was für ein Messer er denn kaufen solle, wenn er ‚alles mögliche‘ damit machen wolle, hatte ein junger Kunde ihn einmal gefragt, der immerhin Interesse, aber nicht wirklich Ahnung gehabt zu haben schien. Aber so etwas wie ein Schweizer Universalmesser gab es nicht. Entweder man wollte sich damit rasieren, oder verirrte Pfeilspitzen aus Bäumen herauspoolen; manche wollten Fleisch von Knochen trennen, andere bloß Tomaten in Scheiben schneiden. Die Messer waren so unterschiedlich wie ihre Nutzer und deren Wünsche.

Gerald Wallerstein seufzte vernehmlich, als mindestens zum hundertsten Mal für heute jemand trotz des unübersehbaren Schilds mit der Aufschrift »Bitte nicht anfassen!« ein Messer an der Klinge angrapschte, wohl um zu prüfen, ob es auch wirklich aus Metall ist. Der Andere legte das Messer zwar sofort wieder hin, zeigte aber keine Regung der Einsicht in seiner Mimik. Im Gegenteil, schien er auch noch pikiert zu sei, ob der Zurechtweisung. Zum Spaß hatte Gerald einmal einen blutigen Finger aus der Halloween-Abteilung in die Auslage gelegt, aber das war bei einigen Kunden gar nicht gut angekommen. Jedoch war die Verletzungsgefahr nicht der Grund für das Verbot. Vielmehr, dass er jeden Fingertatscher mit Öl beseitigen musste, wollte er nicht angelaufenes Metall und Flugrost riskieren. Er nahm das befingerte Messer und begann es zu polieren.

Die monotonen geübten Bewegungen beruhigten ihn. Allmählich fuhr Gerald Wallersteins Kreislauf in den normalen Modus zurück. Genau wie in der Werkstatt. Egal, ob er sich zuvor mit seiner Frau gestritten, über das Finanzamt geärgert oder mit seiner Mutter telefoniert hatte, in der vertrauten Werkstatt beim Schleifen, Schärfen und Polieren überkam ihn eine innere Ruhe. Wenn er das Wasser auf den Schleifstein rieb, wenn er das Messer im immer gleichen Winkel darauf kreisen ließ, bis sich ein schmieriger Film bildete, wenn er die Polierpaste verteilte und mit einem Lappen langsam über die Klinge glitt, bis sie glänzte, oder diese mit duftendem Öl benetzte, dann war alles gut.

Gerald Wallerstein legte das polierte Messer zurück und atmete durch. Ein. Aus. Gerade hatte er seine aufgeschlossene professionelle Mine wieder aufgesetzt, gerade aufgehört, seinen trüben Gedanken nachzuhängen, da sah er ihn. Den Mann mit der Aldi-Bemerkung. Mit düsterer Mine und Forschen Schrittes steuerte er auf Geralds Stand zu, im Schlepptau einen zweiten Kerl. Rüde quetschte er sich zwischen den Passanten hindurch und fuchtelte in Geralds Richtung.

»He«, rief er, »Sie!«
Zweifellos meinte der ihn, Gerald. Das durfte nicht wahr sein! Was konnte dieser Unmensch jetzt noch von ihm wollen? Wollte er noch einen draufsetzen? Ihn erneut demoralisieren oder demütigen? Nein, das ließ Gerald nicht zu. Auch wenn dieser Billigmesserkäufer da anders denken mochte, seine Messer waren besser als die vom Supermarkt! Und da ließ er sich jetzt nicht runterziehen. Nicht nochmal!
»Meine Messer sind ihren Preis wert! Ich muss auch Geld verdienen!«, beschied Gerald dem Mann mit weniger selbstbewusster Stimme, als es ihm lieb gewesen wäre. Die anderen Leute schauten neugierig zwischen dem Fremden und Gerald hin und her.
»Ich weiß«, meinte der Mann, »eben drum: das hier gehört glaube ich Ihnen.«

Mit diesen Worten hielt er Gerald mit der Linken ein Wallerstein-Messer hin, während er mit der Rechten den jungen Mann hinter sich hervorzerrte, dem er die Arme auf den Rücken gedreht und den er irgendwie mit dieser einen Hand unter Kontrolle hatte.
»Hab den hier erwischt! Ich nehme an, ein Aldi-Messer hätte der nicht mitgehen lassen, was?«
Gerald blieb der Mund offen. Vor lauter Grübeln, Ärgern und Polieren musste er für ein paar Minuten die Aufmerksamkeit vernachlässigt haben. Das hier war eines seiner Messer! Eines der besseren, eines, in dem vier ganze Tage Arbeit steckten. Immer noch ohne Worte schaute er den Mann an, der ihm Messer und Dieb geliefert hatte. Erst langsam wurde ihm bewusst, dass in der Frage des Mannes ein versöhnlicher Unterton mitschwang. Wie man sich doch in den Leuten täuschen konnte. Zum ersten Mal schaute Gerald Wallerstein dem Fremden in die Augen.

***

Na, was meint Ihr?! Mich interessiert insbesondere, wie Ihr die Lesbarkeit des Textes (Sprachstil) in seiner Gesamtheit bewertet und ob ihr die Mischung aus Jetzt/Rückblenden bzw. Rahmenhandlung/technische Infos für gelungen haltet. Vielen Dank für Eurer Interesse. Bin gespannt!
Bernd
 
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Re: Die Aldi-Bemerkung [2/2]

Beitragvon unkompliziert » 11.01.2015, 00:10

Hallo Bernd,

meinen Gesamteindruck habe ich schon zum ersten Teil deiner Geschichte geschildert.
Ich möchte hinzufügen, dass ich es eine pfiffige Idee finde, diesen Plot-twist mit dem Schnösel einzubauen, der zum Ende hin sogar noch ein Kompliment macht.

Im Detail:

Bernd hat geschrieben:zurück <-- Für den Griff wählte er einen Quader honigfarbenen Ahornholzes,
Ich glaube, man muss im modernen Deutsch nicht immer den Genitiv durchziehen, komme was wolle. Wenn man es doch tut, dann wirkt das manchmal gestelzt oder altmodisch.
"einen Quader honigfarbenes Ahornholz"

sowie einige dünne Scheiben schwarzen Büffelhorns
einige dünne Scheiben von dem schwarzen Büffelhorn und dem bleichen Kamelknochen
und bleichen Kamelknochens für das Parierelement
Schreibt man das jetzt "Pariereelement"? Ich dachte erst "Barriereelement".... Das Bohren, Anpassen, Verleimen und Schleifen war Routine,
Ehrlichgesagt kann ich mir nicht vorstellen, wie diese drei Elemente kombiniert werden.
aber Wallerstein-Messer wären nicht das wiedererkennbare Markenprodukt, zu dem er sie gemacht hatte, wenn er es dabei unterlassen würde, organische an Äderchen erinnernde Formen aus dem Holz herauszuarbeiten.
Das ist ein wirklich mega, megal langer Satz ;)
Jedes Messer war ein Einzelstück und jedes, da war er nach wie vor überzeugt, war seinen zugegebenermaßen hohen Preis wert!

Andererseits: Wer kannte schon gute Messer? Dieser Schnösel von eben bestimmt nicht.
»Dafür krieg ich bessere bei Aldi im Dutzend!«
Ja, das hatte er ihm entgegengeschleudert. Dass er dann nicht noch auf den Boden gespuckt hatte, war auch alles. Wer einmal ein gutes Messer in Händen gehalten hatte, wollte kein anderes mehr. Ein gutes Messer verschmolz mit der Hand seines Besitzers zu einer Einheit, wurde eine Verlängerung des Geistes dessen, der es führte, wie ein von Geburt an angewachsener Körperteil des Menschen.
Au, Au! Zu arg, viel zu arg! Ein handgemachtes Messer würde seinen eigenen Besizter auch niiiiiiiemals schneiden ;)
Ok, das war jetzt schon ziemlich pathetisch formuliert, musste Gerald zugeben, aber letztlich war da was Wahres dran: wer mit einem guten Messer arbeitet, konnte sich ganz auf das konzentrieren, was er bearbeitete - sei es Holz, Suppengemüse oder ein frisch erlegtes Stück Wild - und musste keinen Gedanken daran verschwenden, das Werkzeug richtig zu halten.
"... oder ein Stück frisch erlegtes Wild. Er musste sich keine..." Ich würde also zwei Sätze daraus machen.
Mein Schwager ist Jäger. Du solltest es sicherheitshalber nocheinmal recherchieren, aber das Ausweiden ist nur ein Schnitt. Dann geht das Wild erst zum Tierarzt/Metzger zur Inspektion, dann hängt es ab und dann wird es erst zerlegt. Glaube ich.


Und ganz nebenbei erfüllte ein gutes Messer auch noch Kriterien wie Stabilität, geringe Abstumpfung oder Langlebigkeit - wenigstens, wenn man es richtig pflegte. Und scharf war es obendrein auch! Richtig scharf, wenn man es wünschte!

Was für ein Messer er denn kaufen solle, wenn er ‚alles mögliche‘ damit machen wolle, hatte ein junger Kunde ihn einmal gefragt, der immerhin Interesse, aber nicht wirklich Ahnung gehabt zu haben schien.
Auch da würde ich zwei Sätze daraus machen. Das Problem ist, dass der Leser bei sehr langen Sätzen sich die ganzen Zeit den Anfang merken muss. Besser man gibt ihm die Chance ein Infostückchen zu würdigen und abzuspeichern, sonst verpufft die Wirkung.
"...ihn einmal gefragt. Immerhin hatte der Interesse, wenn auch anscheinend nicht viel Ahnung..."

Aber so etwas wie ein Schweizer Universalmesser gab es nicht.
Entweder man wollte sich damit rasieren, oder verirrte Pfeilspitzen aus Bäumen herauspoolen;
""herauspulen". Ich glaube, dass das Wort mehr mit fummeln als mit einem Swimming-Pool zu tun hat."
manche wollten Fleisch von Knochen trennen, andere bloß Tomaten in Scheiben schneiden.
Das "bloß" würde ich weglassen. Tomaten schneiden ohne dass die mit ihrer zähen Haut und weichem Fleisch zermanschen ist eine klassische Schärfedemonstration für Messer, die sogar ich aus dem Fernsehen kenne."
Die Messer waren so unterschiedlich wie ihre Nutzer und deren Wünsche.

Gerald Wallerstein seufzte vernehmlich, als mindestens zum hundertsten Mal für heute
"für" würde ich rauslassen. Das macht den Satz flüssiger und besser verständlich.
jemand trotz des unübersehbaren Schilds mit der Aufschrift »Bitte nicht anfassen!« ein Messer an der Klinge angrapschte, wohl um zu prüfen, ob es auch wirklich aus Metall ist. Der Andere legte das Messer zwar sofort wieder hin, zeigte aber keine Regung der Einsicht in seiner Mimik. Im Gegenteil, schien er auch noch pikiert zu sei, ob der Zurechtweisung. Zum Spaß hatte Gerald einmal einen blutigen Finger aus der Halloween-Abteilung in die Auslage gelegt, aber das war bei einigen Kunden gar nicht gut angekommen. Jedoch war die Verletzungsgefahr nicht der Grund für das Verbot. Vielmehr, dass er jeden Fingertatscher mit Öl beseitigen musste, wollte er nicht angelaufenes Metall und Flugrost riskieren. Er nahm das befingerte Messer und begann es zu polieren.

Die monotonen geübten Bewegungen beruhigten ihn.
Wie lang muss er denn hinrubbeln, bis der Fingerabdruch weg ist?
Allmählich fuhr Gerald Wallersteins Kreislauf in den normalen Modus zurück. Genau wie in der Werkstatt. Egal, ob er sich zuvor mit seiner Frau gestritten, über das Finanzamt geärgert oder mit seiner Mutter telefoniert hatte,
:roll: :lol: No woman, no cry.
in der vertrauten Werkstatt beim Schleifen, Schärfen und Polieren überkam ihn eine innere Ruhe. Wenn er das Wasser auf den Schleifstein rieb, wenn er das Messer im immer gleichen Winkel darauf kreisen ließ, bis sich ein schmieriger Film bildete, wenn er die Polierpaste verteilte und mit einem Lappen langsam über die Klinge glitt, bis sie glänzte, oder diese mit duftendem Öl benetzte, dann war alles gut.

Gerald Wallerstein legte das polierte Messer zurück und atmete durch. Ein. Aus. Gerade hatte er seine aufgeschlossene professionelle Mine
Mine = Bergwerk, Kugelschreiberpatrone oder Munition
Miene = Gesichtsausdruck

wieder aufgesetzt, gerade aufgehört, seinen trüben Gedanken nachzuhängen, da sah er ihn. Den Mann mit der Aldi-Bemerkung. Mit düsterer Mine
"Wieder: "Miene" außerdem "forschen Schrittes"
und Forschen Schrittes steuerte er auf Geralds Stand zu, im Schlepptau einen zweiten Kerl. Rüde quetschte er sich zwischen den Passanten hindurch und fuchtelte in Geralds Richtung.
Mit was fuchtelte er? Oder gestikulierte er?

»He«, rief er, »Sie!«
Zweifellos meinte der ihn, Gerald. Das durfte nicht wahr sein! Was konnte dieser Unmensch jetzt noch von ihm wollen? Wollte er noch einen draufsetzen? Ihn erneut demoralisieren oder demütigen? Nein, das ließ Gerald nicht zu. Auch wenn dieser Billigmesserkäufer da anders denken mochte, seine Messer waren besser als die vom Supermarkt! Und da ließ er sich jetzt nicht runterziehen. Nicht nochmal!
»Meine Messer sind ihren Preis wert! Ich muss auch Geld verdienen!«, beschied Gerald dem Mann mit weniger selbstbewusster Stimme, als es ihm lieb gewesen wäre.
Alternativvorschlag:
"mit einer weniger selbstbewussten Stimme"
"weniger selbstbewusst, als ihm lieb gewesen wäre"


Die anderen Leute schauten neugierig zwischen dem Fremden und Gerald hin und her.
»Ich weiß«, meinte der Mann, »eben drum: das hier gehört glaube ich Ihnen.«
"Ich weiß." "Eben drum. Das hier gehört, glaube ich, Ihnen."

Mit diesen Worten hielt er Gerald mit der Linken ein Wallerstein-Messer hin, während er mit der Rechten den jungen Mann hinter sich hervorzerrte, dem er die Arme auf den Rücken gedreht und den er irgendwie mit dieser einen Hand unter Kontrolle hatte.
Zum Einen ist das ein Bandwurmsatz.
Zum Anderen ist das schwer zu glauben und du klingst so, als ob du es dir selbst nicht ganz abnimmst. Wie wäre es, wenn der Teenie einfach völlig zerknirscht ist und nur noch an der Jacke gepackt werden muss? Kein Polizeibeamter kann einhändig einen Mann festhalten, der Widerstand leistet und mit der anderen ein Messer zurückgeben.

»Hab den hier erwischt! Ich nehme an, ein Aldi-Messer hätte der nicht mitgehen lassen, was?«
Gerald blieb der Mund offen. Vor lauter Grübeln, Ärgern und Polieren musste er für ein paar Minuten die Aufmerksamkeit vernachlässigt haben. Das hier war eines seiner Messer! Eines der besseren, eines, in dem vier ganze Tage Arbeit steckten.
Wie schnell hat er die übrigen fertig?
Immer noch ohne Worte schaute er den Mann an, der ihm Messer und Dieb geliefert hatte. Erst langsam wurde ihm bewusst, dass in der Frage des Mannes ein versöhnlicher Unterton mitschwang. Wie man sich doch in den Leuten täuschen konnte. Zum ersten Mal schaute Gerald Wallerstein dem Fremden in die Augen.
Auf der einen Seite finde ich es sehr schön, dass sich mit diesem Satz der Kreis schließt und dass es eben darum geht wem Wallerstein in die Augen schaut. Auf der anderen Seite, finde ich die Sache mit dem in die Augen schauen immernoch zu schmalzig.


Liebe Grüße und vielen Dank für deine interessante Geschichte!
Unki
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