[Tragik]Die alte Dame

Tragödien, Tragisches

[Tragik]Die alte Dame

Beitragvon Zyniker » 18.12.2014, 18:42

Hier mein erster eigener Beitrag in der Schreibwerkstatt. Ist eher eine Charakterstudie geworden, sehr kurz und auf den Punkt gebraucht. Freue mich über Feedback :)


Die Straßenbahn fährt mit einem hellen Klingeln in die Station ein. Es ist früh am Morgen und während die Einen auf dem Weg zur Arbeit sind, merkt man den Anderen an, dass sie heute noch nicht in den Genuss eines erholsamen Schlafes gekommen sind. Fad und ausdruckslos schauen sie dabei ohnehin alle. Die Türen öffnen sich und bringen eine kalten Luftzug mit, der es allerdings nur kurz schafft die bedrückende Atmosphäre zu beleben. Die Nacht hat Schneefall gebracht und die ganze Stadt mit weißer Pracht überzogen. Doch jetzt am Morgen hat selbst der Schnee, draußen auf dem Gehsteig, seine helle Farbe aufgegeben und sich in matschigem Grau dem Gemüt der Passagiere angeglichen. Eine ältere Dame in dickem Pelzmantel steigt ein und meckert stumm ins Innere der Straßenbahn. Das Gesicht ist eingefallen, die Bewegungen schwach, doch ihr Blick starr und erbarmungslos. Als wäre sie eigens dafür auserkoren, die allgemeine Stimmung dort zu halten wo sie ist, bahnt sie sich ihren Weg durch den engen Mittelgang und ist dabei um möglichst wenig Berührung bemüht. Ein hölzerner Gehstock stützt ihr Gewicht, der Pelz schleift ein stückweit hinter ihr auf dem Boden und hat den grauen Glanz des Matsches angenommen. Mit einem lauten Seufzen, dem man die Frustration der letzten Jahrzehnte in jeder Sekunde anmerkt, setzt sie sich und mustert kritisch ihre Umgebung. Hie und da bleiben die kleinen, fahlen Augen an einem Menschen hängen – meist aus ästhetischer Motivation. Mal sind die Haare zu kurz, dann wieder zu lang und nicht selten einfach zu bunt. Mal ist das Gewand der Gemusterten zu ausgefallen und wenn sich sonst nichts findet, dann passt ihr einfach ein anderes körperliches Merkmal nicht ins Konzept. Ist es nicht das Äußere, so sind es die Verhaltensweisen der Mitreisenden, die sie innerlich in Aufruhr versetzen. Manche reden zu laut, andere wieder zu leise – was das heimliche Lauschen zu einer großen Mühe macht, und wieder andere reden in fremden, exotischen Sprachen von denen sie kein Wort versteht.
Mit der größtmöglichen Verachtung schüttelt sie in so einem Fall langsam den Kopf und zieht sich tiefer in ihren Mantel zurück um ihren Unmut mit der größtmöglichen Passivität zu zeigen. Reaktionen ruft sie meist keine hervor, doch paradoxerweise kümmert sie das auch nicht. Der zum Reflex verkommene Ausdruck ist lediglich ein Hilfsmittel, mit dem Neues und Ungewohntes an den rechten Platz gerückt wird. Nachts träumt sie manchmal von den täglichen Straßenbahnfahrten und sieht sich selbst da sitzen, den Blick kritisch schweifend. Oft erwacht sie dann aus diesen Träumen und schüttelt wie in Trance langsam den Kopf.
Sie war nicht immer so. Früher, als junges Mädchen, hatte sie oft wild genickt, wollte leben und war offen für die Welt und das, was da draußen lag. Mit ihren Eltern lag sie oft im Streit, manchmal redeten sie tagelang nicht. Sie war stur, rebellisch und konnte mit den politischen Ansichten ihres Elternhauses wenig anfangen. Die größte Mühe bereitete ihr Opa, der meist nur von früher redete und wie gut damals alles gewesen sei. Sie konnte nicht verstehen, wie früher etwas besser gewesen sein konnte. Alles was in der Schule über früher gelehrt wurde, hatte meist mit Krieg zu tun. Da waren nur Gewalt, Zerstörung und Könige, die durch andere Könige abgelöst wurden – was meist durch noch mehr Krieg, Gewalt und Zerstörung passierte. Wie also konnte das besser gewesen sein? Heutzutage reden die Menschen nicht mehr miteinander, meinte ihr Opa dann immer grimmig. Moral und Sitten seien ohnehin beim Teufel und niemand wisse mehr, wie man sich seinen Älteren gegenüber anständig verhalte. Früher hätte es so etwas nicht gegeben! Meist war sie in Gedanken versunken, während sie ihm, so aufmerksam wie nötig und so desinteressiert wie möglich, lauschte. Sie redete ständig mit Freunden, meist mit mehreren gleichzeitig, was sollte also dieses Gerede von den früheren Zeiten? Was mit der Moral und den Sitten gemeint war, verstand sie nie so richtig, doch schon aus Prinzip lief ihr die Haltung ihres Opas zuwider. Sie spürte die Verbitterung und den Frust der dahinter lag und schwor sich nie so zu werden. Sie wollte das Leben in vollen Zügen genießen, es auskosten und interessiert sein an dem Neuen, das jeder Tag brachte.

43 Jahre sind seit diesen einst so hoffnungsvollen Tagen nun vergangen. Auch heute dringen noch Erinnerungen aus dieser verblassten Zeit in ihr Bewusstsein. Dann schüttelt sie noch bestimmter als sonst, fast trotzig, den Kopf – in den Augen meist schimmernde Tränen.
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Re: Die alte Dame

Beitragvon brehb » 19.12.2014, 15:23

Hallo Zyniker,

ich habe mich durch deinen Text gewagt. Meine Eindrücke:

Inhalt:
Eine (vermutlich) über 60-jährige Frustrierte im Pelz setzt sich morgens in eine Tram voll ausdruckslos Schauender, und sucht bei den Mitreisenden nach Verachtungswürdigem, das sie in Mengen findet. Haare, Kleidung, Sprachen. Das Übliche eben. Verächtlich zieht sie sich in ihren Pelz zurück. Davon träumt sie sogar gelegentlich.
Als junges Mädchen war sie anders, da wollte sie die Welt umarmen und konnte weder Eltern (politisch) noch Opa (rückwärtsgewandt, Moral und Sitten verbunden) verstehen. Nie wollte sie so wie die werden.

Ok, darüber kann man schreiben. Warum man das jedoch lesen soll, bleibt mir unklar.

Form:
Sehr angenehm! Kein Kampf gegen Grammatik, RS, Interpunktion, Satzbau und Ausdruck. Prima!

Struktur (grammatisch)
Du beginnst im Präsenz, das sorgt für Nähe. Dann kommt die Rückblende: "Früher... war sie nicht so..." Sehr geschickt umhgehst du dabei den (grammatischen) Zwang, die Rückblende einer Präsenzgeschichte im Perfekt erzählen zu müssen. Du findest den Weg zum eleganteren Imperfekt um dann wieder ins Präsenz zu wechseln. Das gefällt mir.
Was allerdings die Struktur der Erzählung angeht (gemeinhin als Spannungskurve bekannt): Fehlanzeige, meine ich. Daher auch mein Unverständnis für den Bedarf dieser Geschichte.

Ausführung:
Du startest
Die Straßenbahn fährt mit einem hellen Klingeln in die Station ein. Es ist früh am Morgen und während die Einen auf dem Weg zur Arbeit sind, merkt man den Anderen an, dass sie heute noch nicht in den Genuss eines erholsamen Schlafes gekommen sind.

Das klingt gut (wenn auch etwas gestelzt in meinen Ohren) (Nein, ich lese mit den Augen, nicht mit den Ohren!)
...und fährst fort:
Fad und ausdruckslos schauen sie dabei ohnehin alle.

...und das klingt nicht mehr so gut, finde ich. Mich stören die bewertenden Adverbien "fad" und "ausdruckslos", und noch mehr das verächtliche "ohnehin" da sie vom Autor (von dir) stammen. Das wirkt, als würdest du deine Nebenrollendarsteller weniger lieben, als deine Protas. Und dass es sich um einen Allsatz handelt (...ohnehin alle) macht den Satz noch weniger bedacht. Ich würde das streichen oder irgendwann die Dame das denken lassen.

Die Türen öffnen sich und bringen eine kalten Luftzug mit, der es allerdings nur kurz schafft die bedrückende Atmosphäre zu beleben.

Erneut: Du (der Autor) erklärst, dass die Atmosphäre bedrückend sei. Ich verstehe nicht, woran sich das manifestiert? Lass das doch besser die Mitfahrer auf irgend eine Weise "erleben"

Die Nacht hat Schneefall gebracht und die ganze Stadt mit weißer Pracht überzogen.

Das liest sich scheinbar ganz süffig. Aber das hölzerne Perfekt und der Allsatz (die ganze Stadt) sowie die Floskel von der "weißen Pracht" zeigen die Konstruiertheit.

Nachts hat es geschneit.

Doch jetzt am Morgen hat selbst der Schnee, draußen auf dem Gehsteig, seine helle Farbe aufgegeben und sich in matschigem Grau dem Gemüt der Passagiere angeglichen.

Auch das wirkt auf mich konstruiert. Der Schnee kann nichts "aufgeben" oder "sich anpassen". Und "Das Gemüt" von Menschen (etwas Dauerhaftes) ist nicht das Gleiche wie die morgentliche (vorrübergehende) "Muffeligkeit"

Doch jetzt am Morgen ist der Schnee auf dem Gehsteig grau wie viele der Gesichter der Passagiere.

Eine ältere Dame in dickem Pelzmantel steigt ein und meckert stumm ins Innere der Straßenbahn

Das ist mein Lieblingssatz!

Als wäre sie eigens dafür auserkoren, die allgemeine Stimmung dort zu halten wo sie ist, bahnt sie sich ihren Weg durch den engen Mittelgang und ist dabei um möglichst wenig Berührung bemüht.

Der begründende Nebensatz (Als wäre sie...) steht für mich in keinem Zusammenhang zum Hauptsatz (sie bahnt sich ihren Weg...).

Ein hölzerner Gehstock stützt ihr Gewicht, der Pelz schleift ein stückweit hinter ihr auf dem Boden und hat...

Das mit dem schleifenden Pelz glaube ich nicht. Selbst lang geschnittene Pelzmäntel haben Bodenfreiheit.

Mit einem lauten Seufzen, dem man die Frustration der letzten Jahrzehnte in jeder Sekunde anmerkt, setzt sie sich und mustert kritisch ihre Umgebung.

Dass sie "laut seufzt", ok. Dass jemand "in den letzten Jahrzehnten in jeder Sekunde" Frustationen erleidet, halte ich für Jägerlatein. Oder mir wird das näher erklärt. Ansonsten glaube ich, dass mich der Autor (quantitativ) manipulieren will.

...und wenn sich sonst nichts findet, dann passt ihr einfach ein anderes körperliches Merkmal nicht ins Konzept.

Soll mir das suggerieren, die Frau folge einem Konzept? Das glaube ich nicht. Sie huldigt ihren Vorurteilen.

Manche reden zu laut, andere wieder zu leise – was das heimliche Lauschen zu einer großen Mühe macht...

Soll sagen: Neugierig ist sie dennoch, was die Menschen so erzählen? Oder soll sie nur schlecht gemacht werden?

Reaktionen ruft sie meist keine hervor, doch paradoxerweise kümmert sie das auch nicht.

Das verstehe ich nicht. Sollte sie die Leute zu Reaktionen animieren? Und was ist daran paradox? Oder müsste das evtl. "Reaktionen zeigt sie meist keine..." heißen?

Der zum Reflex verkommene Ausdruck ist lediglich ein Hilfsmittel, mit dem Neues und Ungewohntes an den rechten Platz gerückt wird.

Welcher "Ausdruck" ist zum Reflex verkommen? Ich verstehe nicht, was du sagen möchtest.

Oft erwacht sie dann aus diesen Träumen und schüttelt wie in Trance langsam den Kopf.

Das wirkt konstruiert. Wenn du im Bett liegst, kann man nur sehr eingeschränkt "den Kopf schütteln". Probier das mal.

Oft erwacht sie dann aus diesen Träumen und schüttelt wie in Trance langsam den Kopf.
Sie war nicht immer so. Früher, als junges Mädchen, hatte sie oft wild genickt, wollte leben und war offen für die Welt und das, was da draußen lag. Mit ihren Eltern lag sie oft im Streit, manchmal redeten sie tagelang nicht...

Hier stehen drei "oft" kurz hintereinander.

Die Rückblende liest sich gut, aber...
Sie wollte das Leben in vollen Zügen genießen, es auskosten und interessiert sein an dem Neuen, das jeder Tag brachte.

...Ich nehme an, das hier ist der Schlüsselsatz der Geschichte. Und steht etwas quer zu dem, was in der (dadurch in ihrer Länge schwer begründbare) Rückblende herangezogen wird.

43 Jahre sind seit diesen einst so hoffnungsvollen Tagen nun vergangen...

Ich würde "über 40 Jahre..." schreiben, denn das Zusammenleben mit Opa und Eltern lässt sich kaum auf ein Jahr reduzieren, meine ich.

Fazit:
Das ist schreibtechnisch prima gelungen, mit ein paar Klischees zuviel, ein paar Längen. Eine Begründung, warum über diese Frau geschrieben werden muss, fällt mir nicht ein, dafür erfahre ich viel zu wenig über ihre Motive.

LG brehb
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Re: Die alte Dame

Beitragvon Zyniker » 26.12.2014, 21:53

Hier meine etwas verspätete Antwort auf deinen Kommentar.
Vielleicht etwas Hintergrund zu meinem Text: Habe zuletzt länger nicht geschrieben und wollte bei dieser Geschichte einfach versuchen wieder "reinzukommen". Dabei hatte ich aus unerfindlichen Gründen diese Frau im Kopf, die, wie du andeutest, jeder irgendwo gesehen hat, und hab versucht diesen Charakter einzufangen. Deshalb zu Beginn auch der (Warn)hinweis, dass das Ganze eher zu einer Charakterstudie geworden ist. ;)

Das verstehe ich nicht. Sollte sie die Leute zu Reaktionen animieren? Und was ist daran paradox? Oder müsste das evtl. "Reaktionen zeigt sie meist keine..." heißen?


Wollte damit zeigen, dass sie einerseits anderen zu verstehen geben will, wenn ihr etwas nicht passt. Es sie aber nicht kümmert damit auch Reaktionen hervorzurufen. Aber stimmt, paradox muss das nicht sein.

Welcher "Ausdruck" ist zum Reflex verkommen? Ich verstehe nicht, was du sagen möchtest.


Das Kopfschütteln. Soll heißen: Sie schüttelt den Kopf nicht mehr um Unverständnis auszudrücken, also ist es zum Reflex geworden. Aber muss das Kopfschütteln, das an dieser Stelle zentral ist noch besser herausarbeiten.

Danke jedenfalls für deine ausführliche Rückmeldung, konnte einiges davon für mich mitnehmen.

Lg
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Re: Die alte Dame

Beitragvon Aryla » 21.01.2015, 17:29

Hallo Zyniker,

Ich bin auch neu hier und wollte meine Gedanken zu deiner Geschichte mal dalassen. Auch oder auch gerade weil ich eine ganz andere Sichtweise habe als mein Vorredner. :wink:

Du schreibst fast entschuldigend, dass es mehr eine Charakterstudie geworden ist. Das finde ich persönlich in keinster Weise schlecht. Es ist vielleicht keine klassische Kurzgeschichte, es gibt wenig Handlung und dreht sich vor Allem um die Gedanken deiner Protagonistin. Aber sie kommt am Ende zu einer Erkenntnis, es gibt also eine Entwicklung.

Fad und ausdruckslos schauen sie dabei ohnehin alle.

Du hättest meiner Meinung nach früher klar machen können, dass du die Wahrnehmung der alten Dame schilderst.

eigens dafür auserkoren

die ganze Stadt mit weißer Pracht überzogen

offen für die Welt und das, was da draußen lag

das Leben in vollen Zügen genießen

Hier ist mir die Wortwahl etwas zu pathetisch.

konnte mit den politischen Ansichten ihres Elternhauses wenig anfangen

An dieser Stelle könntest du konkreter werden.

Das verstehe ich nicht. Sollte sie die Leute zu Reaktionen animieren? Und was ist daran paradox? Oder müsste das evtl. "Reaktionen zeigt sie meist keine..." heißen?
Wollte damit zeigen, dass sie einerseits anderen zu verstehen geben will, wenn ihr etwas nicht passt. Es sie aber nicht kümmert damit auch Reaktionen hervorzurufen. Aber stimmt, paradox muss das nicht sein.

Ich habe diese Stelle so verstanden, dass sie mit sich selbst beschäftigt ist, also wenig an den anderen Menschen und ihren Reaktionen, aber sehr wohl an ihrem Selbstbild interessiert ist. Und dazu gehört es, sich von "den jungen Leuten" abzugrenzen. Dass sie von den anderen nicht beachtet wird, könnte ihre Wahrnehmung der respektlosen Jugend evtl. noch verstärken. Hier würde ich versuchen, eine Formulierung zu finden, die klarer zeigt, was du hier ausdrücken möchtest.

Ich finde, dass du insgesamt ein farbenprächtiges Bild der alten Dame und ihres Erlebens in diesem Moment malst. Sie ist verbittert, schon aufgrund von Kleinigkeiten wendet sie sich von den Menschen in ihrer Umgebung ab. Sie erfüllen ihre Vorstellung nicht. Sie denkt wie ihr Opa, dem es "die jungen Leute" auch nicht recht machen konnten, ist genauso verbittert geworden - und will diese Erkenntnis abschütteln. Gefällt mir gut! :)

LG,
Aryla
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Re: Die alte Dame

Beitragvon Zyniker » 22.01.2015, 10:09

Vielen Dank für deine Kritik, freut mich dass dir die Geschichte gefallen hat. :)
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Re: Die alte Dame

Beitragvon DrJones » 03.02.2015, 21:55

Hallo Zyniker,

Ich hatte Deine Geschichte, oder Charakterstudie schon vor ein
paar Tagen gelesen. Der Charakter der alten Frau ist mir dabei
sehr gut im Gedächtnis geblieben, was sehr für Deinen Text spricht.
Du hast wirklich präzise beobachtet.

Zu den einzelnen Punkten:


Zyniker hat geschrieben:Hier mein erster eigener Beitrag in der Schreibwerkstatt. Ist eher eine Charakterstudie geworden, sehr kurz und auf den Punkt gebraucht. Freue mich über Feedback :)


Die Straßenbahn fährt mit einem hellen Klingeln in die Station ein. Es ist früh am Morgen und während die Einen auf dem Weg zur Arbeit sind, merkt man den Anderen an, dass sie heute noch nicht in den Genuss eines erholsamen Schlafes gekommen sind. Fad und ausdruckslos schauen sie dabei ohnehin alle. Die Türen öffnen sich und bringen eine kalten Luftzug mit, der es allerdings nur kurz schafft, die bedrückende Atmosphäre zu beleben.

Man fragt sich, wer hier eigentlich beobachtet und bewertet. Der allwissende, auktoriale Erzähler?
Ein Fahrgast?
Die Stimmung ist gut eingefangen! :)


Die Nacht hat Schneefall gebracht und die ganze Stadt mit weißer Pracht überzogen.

Zu platt die Worte "mit weißer Pracht". Tipp: Versuche eigene Worte zu finden und keine
abgegriffenen Phrasen. Falls es aber zur Redeweise eines Charakters gehört, besser
drinlassen.


Doch jetzt am Morgen hat selbst der Schnee, draußen auf dem Gehsteig, seine helle Farbe aufgegeben und sich in matschigem Grau dem Gemüt der Passagiere angeglichen.

Nettes Bild!

Eine ältere Dame in dickem Pelzmantel steigt ein und meckert stumm ins Innere der Straßenbahn.

Aha, denke ich mir. Eine bestimmte Person rückt in den Fokus … bloß in wessen Fokus?


Das Gesicht ist eingefallen, die Bewegungen schwach, doch ihr Blick starr und erbarmungslos.

Diese Type kenne ich genau. Sehr präziser Blick auf die Person. Gut …

Als wäre sie eigens dafür auserkoren, die allgemeine Stimmung dort zu halten wo sie ist, bahnt sie sich ihren Weg durch den engen Mittelgang und ist dabei um möglichst wenig Berührung bemüht.

Der Satz ist zu lang. Besser in mehrer Häppchen aufteilen.

Ein hölzerner Gehstock stützt ihr Gewicht, der Pelz schleift ein stückweit hinter ihr auf dem Boden und hat den grauen Glanz des Matsches angenommen.

Füllwort "stückweit" und reibt sich unangenehm an "stützt". Glänzt Matsch?



Mit einem lauten Seufzen, dem man die Frustration der letzten Jahrzehnte in jeder Sekunde anmerkt,setzt sie sich und mustert kritisch ihre Umgebung.

Da ist mir zuviel "Tell".

Hie und da bleiben die kleinen, fahlen Augen an einem Menschen hängen – meist aus ästhetischer Motivation.

Woher weiß der Erzähler das? Ist er allwissend? Wer ist der Erzähler? Stellt er lediglich Vermutungen an?

Mal sind die Haare zu kurz, dann wieder zu lang und nicht selten einfach zu bunt. Mal ist das Gewand der Gemusterten zu ausgefallen und wenn sich sonst nichts findet, dann passt ihr einfach ein anderes körperliches Merkmal was anderes nicht ins Konzept.

Ich mag diese eindringlichen Wiederholungen.

Ist es nicht das Äußere, so sind es die Verhaltensweisen der Mitreisenden, die sie innerlich in Aufruhr versetzen.

Jetzt wechselt das in eine Innensicht? Die Erzählperspektive ist völlig unklar.


Manche reden zu laut, andere wieder zu leise – was das heimliche Lauschen zu einer großen Mühe macht, und wieder andere reden in fremden, exotischen seltsamen Sprachen von denen sie kein Wort versteht.

Exotisch ist zu positiv behaftet.


Mit der größtmöglichen Verachtung schüttelt sie in so einem Fall langsam den Kopf und zieht sich tiefer in ihren Mantel zurück, um ihren Unmut mit der größtmöglichen Passivität zu zeigen.

Sehr schön! :) Zweimal "Größtmöglich". :(

Reaktionen ruft sie meist keine hervor, doch paradoxerweise kümmert sie das auch nicht. Der zum Reflex verkommene Ausdruck ist lediglich ein Hilfsmittel, mit dem Neues und Ungewohntes an den rechten Platz gerückt wird. Nachts träumt sie manchmal von den täglichen Straßenbahnfahrten und sieht sich selbst da sitzen, den Blick kritisch schweifend. Oft erwacht sie dann aus diesen Träumen und schüttelt wie in Trance langsam den Kopf.

Gefällt mir sehr die Idee mit dem Traum. :) Die Perspektive wird leider immer verworrener... :(

Sie war nicht immer so. Früher, als junges Mädchen, hatte sie oft wild genickt, wollte leben und war offen für die Welt und das, was da draußen lag.

Wild genickt?! :|

Mit ihren Eltern lag sie oft im Streit, manchmal redeten sie tagelang nicht. Sie war stur, rebellisch und konnte mit den politischen Ansichten ihres Elternhauses wenig anfangen. Die größte Mühe bereitete ihr Opa, der meist nur von früher redete und wie gut damals alles gewesen sei.

Ich würde das in einer anderen Zeitform, noch mehr in der Vergangenheit schreiben: war stur gewesen, hatte
mit den politischen Ansichten ... wenig anfangen können.


Sie konnte nicht verstehen, wie früher etwas besser gewesen sein konnte. Alles was in der Schule über früher gelehrt wurde, hatte meist mit Krieg zu tun. Da waren nur Gewalt, Zerstörung und Könige, die durch andere Könige abgelöst wurden – was meist durch noch mehr Krieg, Gewalt und Zerstörung passierte.

Das mit den Königen passt nicht so ganz. Würde mich hier auf Krieg und Zerstörung beschränken.

Wie also konnte das besser gewesen sein? Heutzutage reden die Menschen nicht mehr miteinander, meinte ihr Opa dann immer grimmig. Moral und Sitten seien ohnehin beim Teufel und niemand wisse mehr, wie man sich seinen Älteren gegenüber anständig verhalte. Früher hätte es so etwas nicht gegeben! Meist war sie in Gedanken versunken, während sie ihm, so aufmerksam wie nötig und so desinteressiert wie möglich, lauschte.

Sie redete ständig mit Freunden, meist mit mehreren gleichzeitig, was sollte also dieses Gerede von den früheren Zeiten?

Das verstehe ich nicht…

Was mit der Moral und den Sitten gemeint war, verstand sie nie so richtig, doch schon aus Prinzip lief ihr die Haltung ihres Opas zuwider. Sie spürte die Verbitterung und den Frust der dahinter lag und schwor sich nie so zu werden. Sie wollte das Leben in vollen Zügen genießen, es auskosten und interessiert sein an dem Neuen, das jeder Tag brachte.

Mit der Zeitform bringst Du mich ins "jetzt". :(

43 Jahre sind seit diesen einst so hoffnungsvollen Tagen nun vergangen.

Seltsam, dass sie die Zeit so exakt beziffert. Gab es ein bestimmtes Ereignis? Sonst: Mehr als vierzig Jahre…

Auch heute dringen noch Erinnerungen aus dieser verblassten Zeit in ihr Bewusstsein.

Da sehe ich einen Widerspruch: Wäre die Zeit verblasst, wie könnte sie sich dann daran erinnern?

Dann schüttelt sie noch bestimmter als sonst, fast trotzig, den Kopf – in den Augen meist schimmernde Tränen.

Ist mir zu melodramatisch.



Der Charakter der alten Dame ist gut beschrieben. Die Innensicht half, diese Person einzuschätzen.

Es ist wirklich mehr ein "Charakterexposé" geworden. Nicht schlecht…


Viele Grüße,

DrJones



Zuletzt geändert von DrJones am 11.02.2015, 21:07, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Die alte Dame

Beitragvon Alwine » 04.02.2015, 11:00

Hallo Zyniker!

Mich hat Deine Geschichte interessiert, weil es in meinem eigenen Roman u.a. darum geht, wie Menschen im Alter auf ihre Zeit zurückblicken.

Am Anfang hat mich die Perspektive irritiert. Bei der klingelnd einfahrenden Straßenbahn hatte ich ein Bild im Kopf, bei dem ich von außen auf die Bahn schaue. Erst als die Türen sich öffnen und einen kalten Luftzug mitbringen (wieso bringen die Türen den mit? Die bleiben doch an ihrem Platz.) ist mir klar geworden, dass der Erzähler eigentlich IN der Straßenbahn sitzt. Das war irritierend. Und dann kam erst der Schnee hinzu, den ich in meinem ersten Bild noch nicht vor dem geistigen Auge hatte. Auch wieder irritierend.

Was ich gar nicht verstanden habe: Warum schleift der Pelz über den Boden? Es müsste ein Pelzmantel sein, der ursprünglich sehr lang geschnitten war und von einer viel zu kleinen Person getragen wird. Darauf gehst Du aber später überhaupt nicht mehr ein und es bleibt ein Fragezeichen in der Luft stehen.

Später, bei dem Opa, wird es historisch verwirrend. Der Opa hat also zu Kriegszeiten gelebt. Hier kann es sich nur um den 1. oder 2. Weltkrieg handeln. Und da sind "Könige" ein grober historischer Fehlgriff.

Ich finde schon, dass solche Charakterstudien durchaus lesenswert sind und Gedanken anregen. Ist doch eine gute Übung, um "wieder reinzukommen".

Viele Grüße
Claudia
Alwine
 
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