[Tragik]Die Chroniken von Tao Jin - Bestrafung [3/6]

Tragödien, Tragisches

[Tragik]Die Chroniken von Tao Jin - Bestrafung [3/6]

Beitragvon Sam » 24.01.2014, 18:44

Dieser schüttelte nur knapp den Kopf und winkte beschwichtigend mit seiner linken Hand über die Schulter.
"Du wirst aus einem anderen Grund nach Chenlubhain reisen", fuhr er schließlich fort.
"Du wirst die Ochsen und die Juwelen deiner Mutter verkaufen."
Rhikios Augen weiteten sich. Das konnte Vater unmöglich ernst meinen. Die Juwelen waren alles, was sie noch von Mutter hatten, sie waren das letzte Andenken an sie. Und ohne den Ochsen würde Rhikio noch weniger auf dem Feld leisten können.
"Aber Vater, wir können doch nicht...", begann er, brach den Satz jedoch wieder ab und begann ihn von Neuem.
"Das ist alles, was wir noch von Mutter haben und... unser letztes Vermögen. Wir besitzen nichts von Wert, abgesehen vom Schmuck und den Ochsen! Und wie soll ich auf dem Feld..."
"Schweig!", unterbrach ihn sein Vater scharf. Er hatte sich noch immer nicht zu ihm umgedreht, aber Rhikio konnte sich sein vom Zorn gerötetes Gesicht gut vorstellen.
"Du wirst von einem Teil des Erlöses einen großen Karren kaufen, in das euer Hab- und Gut passt. Wenn du zurückkehrst, werdet ihr nach Longkhiao ziehen und mit dem restlichen Geld dort ein neues Leben anfangen. Ich werde hier bleiben, um zu sterben."
Rhikio öffnete seinen Mund und wollte etwas sagen, doch er war zu erschlagen über den Auftrag seines Vaters. Er fasste sich an die Stirn und rieb sie, schloss die Augen fest und öffnete sie wieder weit, in der Hoffnung er habe nur schlecht geträumt und würde gleich wieder aufwachen. Er wagte es nicht, seinem Jiaozhu zu widersprechen, aber konnte doch auch nicht einfach zulassen, dass er zurückgelassen wurde, um zu sterben! Er verzog sein Gesicht zu einer gequälten Grimasse, als er nach einer Antwort suchte.
"Vater, was ist mit unserem Lehnsherrn, Sabhurai Zikhade? Er wird sich fragen, weshalb wir ihm keine Abgaben mehr geben können! Dürfen... dürfen wir denn einfach so unseren Hof verlassen?"
"Wir konnten ihm doch schon vergangenes Jahr keine Abgaben mehr geben - er hat stattdessen all unser Geld genommen, hast du das vergessen, du törichter Junge?"
Sessetho hustete wieder, dieses Mal heftiger. Die Hustenanfälle waren immer stärker, wenn er verärgert war.
"Was sollen wir ihm geben, wenn er wieder kommt? Yazhyes Kinder? Oder die deiner Schwester? Wir haben nichts mehr, es gibt keine andere Möglichkeit. Versteckt euch unter den Großstädtern und legt euch... neue Namen an."
Rhikio bemerkte, wie die Hände seines Vaters sich zu Fäusten ballten, als er das aussprach.
"Zikhade dürfte euch nicht finden und belästigen können, er merkt sich selten die Gesichter Unseresgleichen. Und wenn er wieder an den Hof kommt, wird er ihn halb zerfallen und ausgeraubt vorfinden. Von mir wird er nur noch einen Leichnam finden und glauben, Plünderer hätten uns überfallen."
Rhikio atmete tief ein und viel langsamer wieder aus. Erneut wollte er am liebsten etwas erwidern, aber der kalte Blick Jôteis riet ihm davon ab, als wolle er ihm in Erinnerung rufen, wer der Herr des Hauses, wer der Jiaozhu war. Er wusste nicht, was er in Longkhiao tun sollte, wenn er erst einmal dort war. Ein paar wenige Male war er bereits in der großen Stadt an der Drachenbrücke gewesen, doch er hatte nicht einmal daran gedacht, einmal in solch einer Umgebung zu leben. Die gewaltigen Steingebäude waren höher als die Scheune, selbst wenn sie drei mal so hoch wäre, liefen zu spitzen Türmen zusammen und weder deren Dächer noch die Bäume, die in der Stadt standen, ließen viel Sonnenlicht auf die Straßen Longkhiaos fallen. Während bereits die Menschen des Dorfes Chenlubhain sich sehr von den Bauern auf dem Land unterschieden, so schienen die von Longkhiao aus einer völlig anderen Welt zu stammen. Sie kleideten sich anders, sprachen anders, bewegten sich anders und rochen sogar anders. Alles stank dort und die Luft war erdrückend schwül und dick. Ja - wie sollte Rhikio dort überhaupt Arbeit finden und wenn, als was überhaupt? Ihm würden kaum Alternativen bleiben, als ein neues Handwerk zu erlernen, doch wer würde einen Lehrling aufnehmen, der schon fast dreißig war? Das Tagelöhnerdasein wäre sein letzter Ausweg. Er war groß und stark und die Männer, die nach Arbeitskräften suchten, hielten vor allem nach großen und starken Männern Ausschau. Aber was würde aus den Frauen werden? Um Masukhe brauchte er sich wohl weniger zu sorgen, denn sie war eine hervorragende Näherin. Alle Decken, Kissen und Bilder hatte sie genäht und mit etwas Glück würde sie eine Einstellung als Näherin bekommen. Nur was war mit Yazhye? Ihr Sohn Lhoa war ebenfalls groß und stark für sein Alter und würde in einigen Jahren ebenfalls als Tagelöhner arbeiten können, aber bis er alt genug war, gab es nichts, was Yazhye tun könnte, um ihn und sich selbst zu versorgen. Sie konnte kochen, aber das einzige Gericht, das sie beherrschte, war eine Möhrensuppe, die nicht einmal für Rhikios Geschmack sonderlich gut schmeckte und damit würde sie in der Stadt nicht weit kommen. Vielleicht hatte Vater einen neuen Gemahl für sie gefunden - es wäre nicht schwierig gewesen, denn obwohl sie bereits zwei Kinder zur Welt gebracht hatte, war Yazhye sehr hübsch und mit einundzwanzig Jahren immer noch jung. Dann würde sie vielleicht nicht einmal mit nach Longkhiao reisen müssen. Er warf einen Blick auf den Hinterkopf seines Vaters, dann sah er die steinerne Statuette an.
Jôtei wird meinen Vater mit gutem Rat versorgt haben, dachte Rhikio. Er wird wissen, was er tut. Ich hätte anders gehandelt, aber ich bin nicht mit so viel Weisheit gesegnet, wie Vater.
"Ich werde dann aufbrechen, wenn ihr es wünscht, Vater."
Sessetho antwortete nicht und Rhikio war sich nicht sicher, ob er überhaupt noch auf eine Antwort warten sollte. Langsam setzte einen Fuß hinter den anderen, ohne dabei seinen Vater und Jôtei aus den Augen zu lassen. Als er noch einen Schritt weiter ging, spürte Rhikio, dass er sich zu sehr nach rechts neigte und ruderte mit den Armen, um wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Stolpere jetzt bloß nicht! Wahre das letzte bisschen Ehre, das du in den Augen deines Vaters noch hast!
Etwas lauter und hastiger als beabsichtigt trat Rhikio wieder mit dem linken Fuß auf, fand dann aber wieder sicheren Halt. Er fragte sich, weshalb die Götter ihn nur mit so wenig Geschick ausgestattet haben, dass er nicht einmal ohne Probleme rückwärts gehen konnte, aber wie immer, wenn er sich solche Fragen stellte, schalt er sich wieder innerlich für die Anmaßung, den Willen der Götter in Frage zu stellen.
"Rhikio", sprach sein Vater plötzlich mit dünner und zittriger Stimme. Rhikio rührte sich nicht und sah auf den kleinen Kopf, der sich langsam zu ihm umdrehte. Er konnte nun die rechte Hälfte des Gesichts seines Vaters erkennen, rot, wie er befürchtet hatte, doch glänzten seine Wange und sein Auge feucht im Lichte der Kerzen.
"Wenn du zurückkehrst, wirst du Yazyhe zur Frau nehmen. Du wirst dich um sie und ihre Kinder kümmern."
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Re: Die Chroniken von Tao Jin - Bestrafung [3/6]

Beitragvon VernonDure » 10.12.2014, 01:35

Hallo Sam,

ich beginne mal mit Kleinigkeiten:
Aber Vater, wir können doch nicht ...", begann er
was wir noch von Mutter haben und ... unser letztes Vermögen
Und wie soll ich auf dem Feld ..., etc.

Er fasste sich an die Stirn und rieb sie, schloss die Augen fest und öffnete sie wieder weit, in der Hoffnung, (Komma eingefügt) er habe nur schlecht geträumt und würde gleich wieder aufwachen.

Der nächste Satz erscheint mir nicht logisch: Der Vater wird nicht zurückgelassen, sondern will von sich aus zurückbleiben ...
Er wagte es nicht, seinem Jiaozhu zu widersprechen, aber konnte doch auch nicht einfach zulassen, dass er zurückgelassen wurde, um zu sterben!
.
Er wagte es nicht, seinem Jiaozhu zu widersprechen, aber konnte doch auch nicht einfach zulassen, dass er zurückblieb, um zu sterben! .

weshalb wir ihm keine Abgaben mehr geben können

Weil "Abgaben" das "geben" bereits enthalten, würde ich ändern z. B. in
weshalb wir ihm keine Abgaben mehr leisten können

Ein paarmal ~ wenige Male (übertrieben?)
Ein paar wenige Male war er bereits in ...

Wenige Male war er bereits in ...

Die doppelte Verwendung von "einmal" in unterschiedlicher Bedeutung irritiert ...
doch er hatte nicht einmal daran gedacht, einmal in solch einer Umgebung zu leben

doch er hatte nie daran gedacht, jemals in solch einer Umgebung zu leben

Ein langer Satz, dem es für mich an Klarheit fehlt:
Die gewaltigen Steingebäude waren höher als die Scheune, selbst wenn sie drei mal so hoch wäre, liefen zu spitzen Türmen zusammen und weder deren Dächer noch die Bäume, die in der Stadt standen, ließen viel Sonnenlicht auf die Straßen Longkhiaos fallen.

Selbst wenn die Scheune dreimal so hoch gewesen wäre: Die gewaltigen Steingebäude waren noch höher und liefen zu spitzen Türmen zusammen. Weder die Gebäude noch die Bäume ließen viel Sonnenlicht auf die Straßen Longkhiaos fallen.

Hier beschreibst Du für mich einen Gegensatz, keine Gleichzeitigkeit ...
Während bereits die Menschen des Dorfes Chenlubhain sich sehr von den Bauern auf dem Land unterschieden, so schienen die von Longkhiao aus einer völlig anderen Welt zu stammen.

Obwohl die Menschen des Dorfes Chenlubhain sich bereits sehr von den Bauern auf dem Land unterschieden, so schienen die von Longkhiao aus einer völlig anderen Welt zu stammen.

Insgesamt erschweren Deine langen Sätze mir persönlich etwas das Lesen, was der Spannung abträglich ist.
Aber das kann auch an mir liegen;-) Trotzdem Glückwunsch für die detailreichen Schilderungen.

Vernon Dure
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