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In Gedanken verloren ging sie weiter, da kam ihr der Angeklagte mit seiner Anwältin entgegen. „Staatsanwältin Elaina Richard?“, fragte der Mann, als seine Anwältin eben einen Kollegen begrüßte und abgelenkt war.
„Gibt es irgendetwas, das Sie mir zu sagen haben?“, fragte Elaina eisig.
Der Mann senkte seine Stimme zu einem bedrohlichen Flüstern. „Du kannst mich vielleicht ins Gefängnis bringen, Kleine, aber nicht für immer! Und wenn ich wieder frei bin, dann bist du die erste die ich mir vorknöpfe, das sollte dir bewusst sein!“
Elaina bemühte sich, keine Gefühlsregung zu zeigen. „Ihnen ist hoffentlich klar, dass Sie sich damit Ihre letzte Chance auf ein mildes Urteil verspielt haben“, sagte sie.
Die Anwältin war nun aufmerksam geworden. „Gibt es Probleme?“, fragte sie.
„Vielleicht machen Sie Ihrem Mandanten klar, dass es seiner Sache nicht wirklich dienlich ist, wenn er Drohungen gegen die Anklage ausstößt“, sagte Elaina.
Der Ausgang der Verhandlung war eine klare Sache, wie Elaina erwartet hatte. Die Beweislage war erdrückend, und die Drohungen des Angeklagten leisteten ihren Beitrag dazu, dass er letztendlich die Höchststrafe erhielt.
Als Elaina den Gerichtssaal verließ, spürte sie plötzlich wie jemand ihren Arm berührte. Sie drehte sich um und stellte mit einiger Überraschung fest, dass die Zeugin Kathrin, das Opfer, wie man im Juristendeutsch so unpersönlich sagte, neben ihr stand.
„Ich wollte Ihnen eigentlich nur gratulieren“, sagte sie leise. „Sie waren wirklich sehr gut!“
„Oh, danke“, sagte Elaina.
„Wissen Sie, ich wüsste nicht, was ich machen sollte, wenn es nicht Leute wie Sie gäbe. Die meisten Leute sind gegen mich gewesen. Aber Sie sind auf meiner Seite. Dafür danke ich Ihnen!“
Elaina lächelte. „Ich bin auf der Seite von Recht und Ordnung. Das ist mein Beruf.“
„Ich wäre gern wie Sie“, sagte das Mädchen. „Sie sind eine starke Frau - Ihnen wäre so etwas nicht passiert…“
„Sei dir da bloß nicht so sicher“, sagte Elaina leise, als das Mädchen bereits außer Hörweite war.
Elaina war gerade in ihre Wohnung zurückgekehrt, als das Telefon klingelte. Es war die Polizei.
„Frau Richard? Haben Sie kurz Zeit?“
„Natürlich“, sagte Elaina. „Ich hoffe doch, Sie erzählen mir nicht, dass Sie meinen Wagen in einem Parkverbot gesehen haben?“
„Nein. Wir wären froh, wenn es sich nur um ein Auto im Parkverbot handeln würde. Aber es ist schlimmer. Eine Frau wurde tot aufgefunden…“
„Ich nehme an, sie wurde ermordet“, sagte Elaina. „Ich weiß zwar, dass man keine voreiligen Schlüsse ziehen soll, aber wegen einem gewöhnlichen Todesfall ruft niemand die Polizei!“
„Mir scheint, Sie wissen, wie so oft, wieder genau Bescheid. Aber Sie wurden doch noch nicht informiert…“
„Nein, ich weiß noch gar nichts von einem Mordfall. Man hat mich auch nicht beauftragt, zu ermitteln“, sagte Elaina.
„Sie müssen nicht ermitteln“, erwiderte der Polizeibeamte, „wir denken lediglich, dass Sie uns bei unseren Ermittlungen behilflich sein könnten.“
„Das klingt nicht gerade beruhigend“, sagte Elaina. „Wenn Sie jemanden verhaften wollen, beginnen Sie auch so ähnlich!“
„Nun, als Staatsanwältin sollten Sie doch wissen, dass wir nicht nur wahllos Leute verhaften“, sagte der Beamte. Er hatte es als Scherz gemeint, doch Elaina war nicht nach Scherzen zumute.
„Jawohl, das weiß ich“, sagte sie, lauter als notwendig, ins Telefon. „Und ich kenne auch meine Rechte, ich weiß was Sie tun dürfen und was nicht. Wie sie schon sagte, bin ich Staatsanwältin, und kein schwarzafrikanischer Drogendealer, den sie nach Belieben hin und her schubsen können, wie es Ihnen beliebt. Also halten Sie mich gefälligst nicht zum Narren, und informieren Sie mich korrekt, was Sache ist, ansonsten könnte es sein, dass ich einmal gegen Sie ermittle!“
Kaum ausgesprochen, bereute sie ihre Worte auch schon, und als der Beamte sich entschuldigte, sagte sie nur leise: „Tut mir Leid, ich hätte das nicht sagen sollen. Aber meine Nerven liegen blank. Was ist mit Ihrem Mordfall?“
„Können Sie zum Tatort kommen? Wir würden Sie abholen… Oder wollen Sie selbst fahren?“
Elaina griff nach dem Schlüssel ihres Mercedes, der neben dem Telefon lag, und wollte schon um eine Wegbeschreibung bitten, doch dann dachte sie an die Warnung auf ihrem Wagen heute Morgen und sagte „Holen Sie mich ab!“
Immerhin war sie zu einem Verbrechensschauplatz unterwegs, und in einem Polizeiwagen fühlte sie sich doch sicherer.
Der Tatort lag außerhalb der Stadt, Die Polizei hatte das Gebiet mit den unvermeidlichen rot-weißen Plastikbändern abgesperrt, der Leiter der Ermittlungen, der sich als Chefinspektor Berger vorstellte, erwartete sie bereits.
„Ich denke, es wäre besser, wenn Sie die Leiche erstmal nicht sehen“, sagte er, als Elaina sogleich wissen wollte, was passiert ist.
„Und wieso bitte? Hören Sie, ich habe bereits in schweren Fällen von Gewaltverbrechen ermittelt, ich habe bereits genug Leichen gesehen. Ihr Kollege sagte mir, die Frau wurde erschossen - sie ist doch nicht übel zugerichtet, nicht wahr?“
„Das nicht, nein. Sauberer Schuss ins Herz. Nicht allzu viel Blut.“
„Gut. Dann gibt es wohl keinen Grund, warum ich Sie mir nicht ansehen sollte.“
„Es wäre dennoch besser, wenn wir das zuerst in Ruhe besprechen würden.“
„Es ist noch kein Kriminalfall alleine durch Reden gelöst worden“, sagte Elaina, „und auch nicht dadurch dass man weggeschaut hätte. Also zeigen Sie mir jetzt die Leiche, und dann reden wir darüber!“
Berger gab auf. Er führte Elaina zur Pathologin, die gemeinsam mit ihrem Assistenten gerade dabei war, die tote Frau in ihren Wagen zu verladen. Die Pathologin musterte Elaina kritisch. „Sie wollen die Leiche sehen? Ich nehme mal an Sie sind diese Staatsanwältin, die Frank im letzten Moment noch zu Rate gezogen hat?“
„Ja, das bin ich“, sagte Elaina, „und ja, ich möchte die Leiche sehen!“
„Sind Sie sicher?“, fragte die Pathologin.
„Ja… Verdammt noch mal, was habt ihr denn alle? Sehe ich etwa so aus, als würde ich sofort in Ohnmacht fallen?“
Die Pathologin grinste, und zog das Leichentuch zurück. „Ja, das tun Sie“, sagte sie, und es war das letzte, was Elaina wahrnahm, bevor sie dann tatsächlich in Ohnmacht fiel.
