Dienstagübung: Masken

Surreales, Experimentelles und alles was sonst nirgends rein passt.

Dienstagübung: Masken

 
Stolze Erscheinung
Gespielte Überlegenheit
Überreste eines Traums

Der tägliche Kampf
Vor uns allen verborgen
Schwäche verboten

Der Preis für alles
Das eigene Leben
Schablone statt Identität

NIrgendwo verstanden
Vergöttert und gehasst
Heiße Herzen, kalter Blick

Leidenschaft trägt noch
Die letzte Stütze
Bis die Fassade bricht

von Concorde

Re: Dienstagübung: Masken

 
Hallo Concorde,

Dein Text berührt mich sehr! Das Gedicht ist für mich ein tiefer Blick hinter die Fassade eines - vielleicht gealterten - Schauspielers. Gut gemacht! Bei der Theorie - also Versmaße u.a. - kenne ich mich leider nicht aus.

Alles Gute

Peter :D

von PeterB

Re: Dienstagübung: Masken

 
Hallo, Concorde!

Ich bin auf dieses Gedicht gestoßen, da ich selbst schon über dieses Thema geschrieben habe! Ein Kritisches und Trauriges noch dazu! Deshalb finde ich, es wäre in anderen Foren bestimmt besser aufgehoben, und auch besser angenommen worden!
Eigentlich fand ich es schade, dass dieses Werk ohne Reimform ist, aber im nachhinein betrachtet, hätten Reime diesem Gedicht wahrscheinlich den tiefen Sinn geraubt!
Als erstes wollte ich anfangen, dein Werk durch Silbenzählen, Anwendung der Metrik und anderen literarischen Hilfsmittel zu betrachten, aber in diesen Dingen bin ich noch nicht besonders geeignet, und eine weitere Maske brauche ich nicht!

Also, nun mal meine Gedanken über dein Werk, und das sind nicht wenige!


Concorde hat geschrieben:Stolze Erscheinung
Gespielte Überlegenheit
Überreste eines Traums

Eine ausdrucksstarke, und emotionale Einleitung, die keiner vielen Worte bedarf.
Wer wäre denn heute nicht gerne ein richtiger Macho, die leider schon so gut wie ausgestorben sind! Daher deine Schlußzeile vortrefflich formuliert!

Concorde hat geschrieben:Der tägliche Kampf

Eine Zeile welche unendliche Gedankensprünge zulässt!

Concorde hat geschrieben:Der tägliche Kampf
mit dem eigenen Leben,dem Alltag
Concorde hat geschrieben:Der tägliche Kampf

Passt aber auch auf deine Einführung,. Der Kampf um die stolze Erscheinung aufrecht zu erhalten, um die gespielte Überlegenheit auch durchzuziehen, damit die Überreste eines Traumes nicht zerplatzen!




Concorde hat geschrieben:Vor uns allen verborgen
Schwäche verboten

Logische Zeilen, denn wer gibt denn gerne zu, dass er angibt, ein anderes ich zu sein!
Ausserdem wer braucht schon preisgegebene Masken?
Und zeigt man Schwäche, dann macht man fehler, und die Maske fällt wiederum!
Danach wirst du ausgelacht, zerstückelt und abgestempelt, und wer will das schon?

Concorde hat geschrieben:Der Preis für alles
Das eigene Leben

Ja, man gibt das Leben auf, um ein anderes zu leben! Nur vergißt man dabei das eigentliche eigene Leben, welches man auf dem Lebensweg irgendwo mal links liegen gelassen hat!

Concorde hat geschrieben:Schablone statt Identität

Wie wahr, wie wahr! Mir läuft ein kleiner Schauer, allein schon bei dieser kleinen Zeile über den Rücken, weil mir wieder mal bewußt wird, was ich eigentlich bin!
Ein Mann mit mindestens drei Masken, und ich weiß eigentlich schon lange nicht mehr, welche Maske mein eigenes Ich ist!

Concorde hat geschrieben:NIrgendwo verstanden
Vergöttert und gehasst
Heiße Herzen, kalter Blick

Gefühle der Mitmenschen, je nachdem wie gut du deine Masken trägst!
In meinen Augen genau die richtige Strophe, um zum Abschluß des Gedichtes zu kommen!

Concorde hat geschrieben:Leidenschaft trägt noch
Die letzte Stütze
Bis die Fassade bricht

Und irgendwann wird sie brechen, aber was dann?

So, ich hoffe, ich habe mich bei meiner Outung nicht zu sehr blamiert, und ich hoffe natürlich dir ein bisschen gezeigt zu haben, dass du ein sehr gutes Werk geschrieben hast,
welches Gefühle weckt, und einem natürlich auch zum nachdenken bringt!

LG
PipsII

von PipsII

Re: Dienstagübung: Masken

 
Dein Beitrag ist wahrlich kein Werk der großen, umschweifenden Worte, die einen umgeben und Bilder ausmalen. Doch wäre das wohl für die Aussage oder vielmehr die Wirkung des Gedichtes kontraproduktiv. Klar skizzierst du die Realität, die Absurdität der modernen Gesellschaft. Hebst vor jeden Leser einen Spiegel, in welchem wir uns sehen. Je genauer wir in diesen Spiegel blicken und unser Gesicht betrachten, desto mehr können wir unsere eigene Maske ausmachen, die mal mehr mal weniger von uns getragen wird.

Ich mag dein Gedicht. Es zeigt eine unglaubliche Tiefe, wenn man beginnt über die Thematik nachzudenken. Die Strophe "Nirgendwo verstanden | Vergöttert und gehasst | Heiße Herzen, kalter Blick" finde ich besonders tiefgreifend. Wir flüchten uns in Scheinrealitäten, in denen wir vorgeben jemand anderes zu sein und vergessen dabei unsere wirklichen Bedürfnisse. Wir verlernen auf uns zu hören, spüren vielleicht, dass etwas nicht stimmt, finden jedoch auch keinen Weg dem entgegenzutreten. Es mag zwar sein, dass ein anderes Ich uns beliebter unter bestimmten Personen macht und den Lebensweg einfacher gestaltet, doch hasst man sich insgeheim dafür, nicht man selbst sein zu können. Andere sind Feuer und Flamme für uns, doch wir verlieren die Fähigkeit uns begeistern zu können, verkümmern innerlich. Das Resultat ist der kalte, diffuse Blick.

Ich könnte jetzt jede Zeile interpretieren und mit Inhalt füllen, welchen sie doch schon beinhalten. Von daher sei jedem wärmstens Empfohlen sich etwas Zeit zu nehmen und das Gedicht mit seinen schweren Gedanken zu genießen.

Schönes Ding :D

von Saeglopur

Re: Dienstagübung: Masken

 
Hallo ihr Lieben,

vielen Dank für eure tollen Kommentare - WOW, ich bin ganz hin und weg über soviel philosophische Gedanken.

Ich kann eure Empfindungen sehr gut nachvollziehen, denn ich habe ähnliches erlebt - wenn nicht hätte ich das Gedicht wohl kaum schreiben können.

Die "Schablone" war übrigens als Seitenhieb auf die Lufthansa gedacht. Als ich das Gedicht schrieb waren die Zeitungen voll von Berichten über den LH-Streik, da drängte sich das Bild auf, dass auch die Streikenden im Grunde genommen nur eine Fassade aufrecht erhalten... Und von einer Schablone in die ihre Mitarbeiter zu passen haben spricht diese Firma selbst bei ihren Bewerbungsverfahren...

Die Strophe "Nirgendwo verstanden | Vergöttert und gehasst | Heiße Herzen, kalter Blick" finde ich besonders tiefgreifend.

Ja, das ist auch meine Lieblingsstrophe; und du hast eine schöne allgemeine Interpretation dazu geliefert - ich selber hatte ein ganz bestimmtes Bild vor Augen als ich dies schrieb, aber deine weitere Auslegung gefällt mir auch sehr gut.

Es freut mich jedenfalls dass ich euch zum Nachdenken gebracht habe.

LG Concorde

von Concorde