Während Lukas an den Gittern zu rütteln begann, sah ich mir die Konstruktion genauer an.
Das Naheliegendste wäre eine Schutzvorrichtung gewesen, Metallstangen, die sich aus der Decke oder aus dem Boden ausfuhren und Eindringlinge aus- oder einzusperren. Doch die Stangen steckten in Betonfassungen, als hätte man sie beim Errichten des Hauses eingebaut.
Mich überzog eine Gänsehaut.
„Los. Wir müssen einen anderen Ausgang finden!“ Ich zerrte Lukas mit mir, aus dessen Mund Worte ohne Zusammenhang drangen. Ich lief in die Richtung des Wohnzimmers. Als ich einen Blick zurück, zu der Küche warf, wandte ich meinen Blick sofort wieder ab, um nicht wahrhaben zu müssen, dass die Gitterstäbe nun auch den Rahmen zu der Türe einnahmen.
Wir prüften jede Stange vor jedem Wohnzimmerfenster. Sie gaben um keinen Millimeter nach. Dafür sah hier nun auch Lukas, dass die Gitter die Zimmertüren versperrten, zu diesem Zeitpunkt auch die Türe, durch die wir das Wohnzimmer betreten hatten. Wir flohen durch den einzigen Ausgang, der uns blieb, verfolgt von Gittern, die Tür um Tür einnahmen.
Das sie uns in eine Richtung drängten, nahm ich erst wahr, als wir uns wieder in dem Keller befanden und die Metallstangen uns nicht mehr zurück in das Erdgeschoss ließen.
Das Treppenlicht war erloschen, als ich nach dem Lichtschalter tastete, glitten die Finger über eine glatte Wandfläche. Lukas riss an den Gittern und schrie, das er hier raus wolle. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie ich ihn überredete, doch er folgte mir in den Keller. Auf einen Lichtschein zu, der aus dem Computerraum heraus auf den Boden fiel.
Ich wollte ein Stück Schrott vom Boden aufheben, als Waffe, doch meine Hände griffen in das Leere. Erst da fiel mir auf, dass das Licht auf keinen Müll und keine ausrangierten Möbel, sondern den kahlen Fußboden fiel. Zu diesem Zeitpunkt hatte dies in meinen Gedanken jedoch nur den Rang einer Randnotiz.
Wir betraten den Computerraum. Auf dem Stuhl, vor dem Computer, saß eine Frau.
Sie war alt. Die Haut von grauer Farbe und mit braunen Flecken überzogen. Ihr Aussehen zeugte von dem Raubbau, den sie an ihren Körper betrieben hatte. Das Gesicht war aufgedunsen. Nicht einfach fett sondern wie... bei einer aufgeblähten Leiche. Die Finger umklammerten ein Glas, das eine klare Flüssigkeit und schmelzende Eiswürfel enthielt. Was auch ihre gelben Augen erklärte. Ihren Körper umhüllte ein Nachhemd, das zu viele Details durchließ.
Und sie stank nach dem Qualm von abgestandenen Zigaretten.
Ich hätte Patricia Zimmermann nicht wiedererkannt, hätten im Zuge der Geschichte um ihr Wunderlifting nicht eine Zeitung ein Foto abgedruckt, auf dem das Bildbearbeitungsprogramm eines Computer ihr wahres Aussehen simuliert hatte. Die Augen waren die gleichen.
Während Lukas und ich die Frau noch anstarrten hatten uns die Gitterstäbe in einer Ecke des Zimmers eingesperrt.
Wir rüttelten an den Stäben und riefen um Hilfe. Drohten der Frau. Verhandelten...
Was würden sie in dieser Situation tun.
Doch die Zimmermann reagierte nicht. Ich kann nicht mehr sagen, wie lange wir dies taten. Minuten oder Stunden. Bis wir begriffen, dass sich die Stäbe nicht aufbrechen ließen und dass uns niemand helfen würde.
Patricia Zimmermann sah zu uns und nippte an dem Glas. Dann legte sie ihren Zeigefinger auf den von Lippenstift entstellten Mund und zischte: „Shhht!“. Der Laut glich einem Vogelkrächzen.
Dann drehte sie sich von uns ab. Ihre Finger huschten über die Tastatur des Computers, tippten auf die Tasten, in einer Geschwindigkeit, die ich dieser verbrauchten Frau nicht zugetraut hätte.
„Was auch immer sie vorhaben, sie werden damit nicht durchkommen. Unsere Kollegen wissen, wo wir uns aufhalten!“ rief Lukas.
Ihr Lachen zerschnitt die Luft.
Ich kann nicht sagen, wann oder wie es begann. Wann ich die ersten Details sah. Irgendwann fehlten die Falten, die sich links und rechts der Augen der Frau in die Haut Wellen warfen.
Und ihr Körper wurde schlanker. Man konnte zusehen, wie sich die Haut straffte und eine Tallie unter dem Nachthemd abzeichnete. Wie die Flecken auf der Haut rosiger Farbe Platz bereiteten. Das Haar voll und blond wurde. Und...
Als sich Patricia Zimmermann wieder uns zuwandte, hatte sich alle Schönheit dieser Welt in dieser Frau vereint. Ich kann sie an dieser Stelle nicht beschreiben, denn Worte können nicht einfangen, was Lukas und ich sahen.
Und sie blickte mit strahlend blauen Augen zurück.
„Was geht hier vor?“ fragte einer von uns Beiden.
„Digitale Postproduktion.“ Ihre Stimme perlte wie die eines Mädchens.
Ich wollte den Blick von dieser Frau nicht abwenden, daher nahm ich die Veränderungen, die der Keller durchlaufen hatte, nur im Augenwinkel wahr. Das Haus war sauber. Altmodisch, jedoch mit Stil eingerichtet. Unsere Stiefel versanken in einem Teppich, der den Boden bedeckte.
Erst ihr Lachen riss uns von ihrem Anblick los. Ein perfektes Lachen. Doch auch die Perfektion vermochte nicht das Böse in der Stimme zu verbergen
Oder wollte sie es nicht?
Ihre Finger begannen wieder über die Computertastatur zu gleiten. Ich wartete eine Veränderung, doch alles, was ich sah, war Lukas von Angst verzerrtes Gesicht. Staub rieselte aus seiner Kleidung. Noch bevor ich mich fragen konnte, vorher der Staub stammte, bedeckte auch meinen Tarnanzug eine dünne Staubschicht. Als ich sie abklopfen wollte, zerbröselte das Gewebe unter meinen Fingern zu Fetzen, die von dem Körper abblätterten.
Es war nicht mehr die Angst, die Lukas Gesicht verzerrte – es war sein Alter. Über meinen Fingern breitete sich Flecken aus. Die Muskeln wurden schwer, der Blick trübe, die Haut gab nach und hing schlaff von den Armen herab.
Wir verwandelten innerhalb einer Minute zu alten Männern.
